Bericht

Hörmedien als Brücke zum Buch

30.10.2009

Lese-Hör-Kisten für Hamburger Vorschulklassen



Erfolgreiche Hamburger Maßnahmen zur Leseförderung, wie die Lesekisten für die Klassen 1 und 2, der Bücherhallenpass für die Klassen 3 (und 4) und die Bücherkisten für die Jahrgangsstufen 5 und 6, werden jetzt im Vorschulbereich ergänzt durch Lese-Hör-Kisten, die speziell für diese Altersgruppe von der Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Prof. Petra Hüttis-Graff konzipiert wurden. Während einer einjährigen Pilotphase erprobten 10 Vorschullehrkräfte das neue Angebot. Frau Prof. Hüttis-Graff und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Daniela Merklinger begleiteten die Erprobungsphase und werteten die Ergebnisse aus.

Wie die Lesekisten sind auch die Lese-Hör-Kisten Module eines vertraglich vereinbarten Kooperationsprojektes der Bücherhallen Hamburg mit der Hamburger Schulbehörde, das gemeinsam finanziert wird. Die Zustellung der Lesekisten an 1000 erste und zweite Grundschulklassen sowie der Lese-Hör-Kisten an 45 Vorschulklassen wird von der Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle der Bücherhallen jeweils zum Schuljahresbeginn organisiert. Im nächsten Schuljahr werden für weitere 50 Vorschullehrkräfte Lese-Hör-Kisten bereitgestellt. Frau Merklinger hat eine zweiteilige Fortbildung zum Thema "Die Lese-Hör-Kiste. Arbeit mit Hörmedien in der Vorschule" entwickelt und bietet sie im Rahmen des Fortbildungsprogramms des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung an. Für die am Programm beteiligten Lehrkräfte ist die Teilnahme verpflichtend.

Die Lese-Hör-Kiste
In jeder Lese-Hör-Kiste befinden sich zehn Hörmedien mit den dazu gehörenden Bilderbüchern, zwei speziell entwickelte Memories mit Schrift und eine Handreichung für Lehrkräfte. Die Handreichung enthält eine Checkliste mit wichtigen Hinweisen zur Organisation des Unterrichts, Anregungen zur Auseinandersetzung mit Hör-Geschichten und Vorschläge für Schreibanlässe, die die Aufmerksamkeit der Kinder in spielerischer Weise auf den Zusammenhang zwischen Schrift und Sprache lenken sollen. Wir veröffentlichen nachfolgend das erste Kapitel "Hörmedien als Brücke zum Buch" aus der Handreichung "Die Lese-Hör-Kiste in der Vorschulklasse". Die vollständige Broschüre steht auf der Internetseite des Fachbereiches Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg zum Download zur Verfügung.
 
Hörmedien und vorschulische Bildung
Zahlreiche aktuelle Untersuchungen zum Lesen belegen, dass zu viele Schüler in Deutschland die Schule ohne ausreichende Lesekompetenzen verlassen, vor allem Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien. Es ist belegt, dass der Anschluss an die außerschulische Mediennutzung von Hauptschülern, deren Lesesozialisation zwar nicht schriftfern, wohl aber buchfern ist, oft nicht gelingt. Erfahrungen mit Geschichten machen wir heute nicht mehr allein mit Büchern, sondern auch in Fernsehfilmen, in Adventure-Games auf CD-Rom und mit Hörmedien. Obgleich die Lebenswelt der Kinder insofern voll von Geschichten ist, wird die Kluft zum Deutschunterricht und seiner Buchorientierung oft nicht überwunden. Es gilt also Kinder schon früh zu einer breiten Mediennutzung zu führen und eine Brücke zum Buch zu bauen. Im Vorschulalter haben Hörmedien hier gewaltige Potenziale. In der Lese-Hör-Kiste werden darum zehn unterschiedliche Hörspiele angeboten, die im dazu gehörenden Buch liegen, damit für die Kinder der Griff zum Buch und auch der Blick ins Buch von Anfang an zur Rezeption von Geschichten gehört.

Hörmedien als literale Praxis
Hörspielkassetten sind für Kinder insbesondere vor der Schulzeit wichtig: 92,4% aller Vorschulkinder nutzen Hörspiele, 31,4% sogar fast jeden Tag. In der Ravensburger Studie zu Mediennutzung im Kindergartenalter liegen bei der Frage nach dem Lieblingsmedium Hörmedien (Jungen 20 %, Mädchen 31,6 %) gleich nach dem Fernsehen (Jungen 42,5 %, Mädchen 47,4 %) und noch vor dem Buch (Jungen 22,5 %, Mädchen 13,6 %). Vor allem die 3- bis 4-Jährigen hören Musik- und Hörspiel-Kassetten, zum Teil bis zu hundertmal. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass Hörmedien das erste Medium sind, über das Kinder relativ frei verfügen: durchschnittlich mit 2,1 Jahren erhalten Kinder ihren ersten Kassettenrekorder und unter den Medien im Kinderzimmer von Klein- und Vorschulkindern sind die für Tonträger am häufigsten. Manche konsumieren Kassetten über einige Jahre intensiver und zeitaufwändiger als Bücher und lesen Bücher häufig erst nach dem Anhören der Kassette (oder dem Ansehen des Films). Zu vermuten ist, dass auch der aktuelle Hörbuchboom den kindlichen Konsum von Hörmedien anregt: Der Umgang mit Hörmedien, das zeigte auch die Leipziger Buchmesse 2007, ist eine wichtige literale Praxis für Kinder und Erwachsene geworden.

Lesenlernen durch Zuhören
Lesenlernen beginnt weit vor Schuleintritt und nicht erst mit dem Erlernen der Buchstaben und ihrer lautlichen Entsprechung oder mit der Entwicklung phonologischer Bewusstheit. Lesenlernen beginnt vielmehr mit dem Zuhören: wenn Kinder Gespräche verfolgen, wenn sie der Erzählung eines anderen lauschen, wenn sie Geschichten vorgelesen bekommen. Wenn Kinder zuhören und andere beim Gebrauch von Schrift beobachten, sammeln sie Erfahrungen, die ihren selbständigen Zugang zu Schrift, zum Lesen und Schreiben vorbereiten.

Kinderstimmen aus Vorschulklassen:
Mina: „Am liebsten höre ich mit anderen zusammen!“
Sonja beim Ansehen des Bilderbuches: „Der Löwe, der nicht schreiben konnte. Das kann ich lesen.“ (Erwachsener: „Ja?“) „Ja, weil ich das als Geschichte doch höre in der Vorschule."

Kinderstimmen aus Klasse 3:
Lena: „Wenn man da was hört, dann kann man gucken, wie man es findet, und dann kann man das Buch dazu lesen.“
Tim: „Wenn man dann den Ansporn hat, dann hat man Lust, richtig das Buch zu lesen, wenn man davor die Geschichte gehört hat.“
Marek: „Beim kleinen Vampir habe ich zuerst gehört, ja, jetzt fang ich an zu lesen.“
Saskia: „Am Anfang hab’ ich mehr gehört. Und dann hab’ ich mir die Bücher dazu geholt.“

Verschiedene Untersuchungen mit Kindern am Übergang vom Elementar- in den Primarbereich zeigen, dass das Hören von Hörkassetten und CDs förderlich für die Sprach- und Leseentwicklung ist:
  • Förderung der Sprachentwicklung: gerade das mehrfache Hören wohlgeformter gesprochener Schriftsprache fördert den Wortschatz, das unbewusste Erfassen von Grammatik, die Vertrautheit mit verschiedenen Texttypen und Geschichtenmustern sowie die Loslösung der Sprache vom unmittelbaren Handlungszusammenhang, wie es beim alltäglichen Sprechen der Fall ist.
  • Lust an Klang und Rhythmus der Sprache: das Hören von Reimen und Versen in Hörspielen lenkt die Aufmerksamkeit auf die Sprache als Gegenstand (phonologische Bewusstheit). Gute Vorleser sind zudem Vorbild für die eigene Sprechgestaltung und Betonung beim Lesen.
  • Förderung der Lesemotivation: Freude am Kassettenhören führt zur Neugier auf Geschichten und somit auch zur Lesemotivation. Selbst Drittklässler nutzen Hörmedien als Übergang zum selbständigen Lesen des Buches und verbleiben nicht beim Hören.
  • Förderung des Textverstehens: Die emotionale Anteilnahme am Schicksal der Figuren fördert die Genussfähigkeit auch beim Lesen. Das Verstehen von Zusammenhängen, Figurenkonstellationen (Freund und Feind, arm und reich, der Dumme und der Schlaue, …), Handlungsmomenten (Erwartung und Enttäuschung, Kampf und Versöhnung, Aufgabe und Suche, …) und Bedeutungsmustern (Sieg des Guten, Bewältigung von Schuld, Verlust des Geliebten, …) wird vom Zuhören auf das Lesen (und Schreiben) übertragen.

Diese förderlichen Wirkungen sind umso größer, je mehr das Hören in kommunikative Zusammenhänge eingebunden ist.

Kommunikative Hör-Kontexte
Wie beim gemeinsamen Bilderbuchlesen ist auch beim Kassettenhören die Erfahrung einer anregenden Gesprächskultur wichtig: Wenn Kinder dem Vorlesenden nicht nur still zuhören oder auf Fragen zum Text antworten (sollen), sondern eine aktive Rolle beim Verstehen des Textes erhalten, erwerben sie langfristig wichtige Verhaltensweisen im Umgang mit Geschichten.

Was eine anregende Gesprächskultur beim Hören kennzeichnet
  • Austausch von Wissen, Erfahrungen und Gedanken zum Gehörten in der Lerngruppe
  • Anregung von inneren Vorstellungsbildern, die das Verstehen des Textes im Ganzen stützen
  • Herstellung von Bezügen zwischen der fiktiven Geschichte und dem realen Alltagswissen

Gemeinsames Hören in der Lerngruppe
Dieser kommunikative Kontext ist gerade zur Einführung in ein neues Hörmedium wichtig, damit jedes Kind durch die Impulse der Pädagogin erleben kann, dass seine eigenen Gedanken und sein alltägliches Weltwissen bedeutsam für das Verstehen einer Hörgeschichte sind. Gezielt können dabei Stopps an gesprächsanregenden Stellen des Hörspiels gesetzt oder beispielsweise Abbildungen aus dem Buch zur Veranschaulichung oder szenische Verfahren zur Hineinfühlung in die Figuren und Situationen genutzt werden.

Hören in kleinen Gruppen
Im Gruppenraum oder auf dem Flur können Hörspiele auch selbständig von einigen Kindern gemeinsam gehört werden, so dass sie im freien Austausch ihre Höreindrücke vertiefen, selbständig Passagen auswählen oder wiederholen, dabei das Buch ansehen und beispielsweise zur Geschichte malen können. Solche Hörgruppen regen Kinder an, sich über ihre Vorlieben und ihre Medienerfahrungen auszutauschen und sich auch neuen Hörspielen zuzuwenden, die sie von zu Hause mitgebracht haben.

Einzeln hören
Damit das Kind entsprechend der eigenen Vorlieben Kassetten zum Hören auswählen kann, sind zudem Situationen zum selbständigen Hören mit Kopfhörern zu schaffen. Gerade wenn diese Möglichkeit täglich z.B. in der Freispielzeit angeboten wird und in die Handhabung eines Discman und der Kopfhörer (große Lautstärke ist schädlich! Eine Weiche ist für mehrere Hörer hilfreich!) eingeführt wurde, entfalten Kassetten ihre Wirkung durch die beliebige Wiederholbarkeit und die Vertiefung in die Geschichte – auch mit dem Buch.

Gespräche über das Hören und über Hörmedien
Damit das Angebot der Lese-Hör-Kiste genutzt wird, sind immer wieder Gespräche über das Hören im Kreis wichtig: Berichte über besondere Hörerlebnisse, Präsentationen von Kinderarbeiten zu den Hörgeschichten, Anspielen besonderer Passagen, Planung oder Reflexion von Hörsituationen in Kleingruppen, Vorstellen der von zu Hause mitgebrachten Hörmedien tragen dazu bei, dass Kinder Interesse am Hören entfalten und sich auch neuen Hörmedien zuwenden.
Grundlage für die unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten zur Vertiefung von Hör-Erlebnissen und vielfältigen Erfahrungen mit Geschichten sind die vielfältigen Medien: die unterschiedlichen Hörmedien mit dem jeweiligen Bilderbuch und dazu passende Memories mit Schrift, die als Spielmaterialien die Kiste ergänzen, sowie ein von den Kindern zu gestaltendes Geschichtenheft.

Autorin:
Prof. Dr. Petra Hüttis-Graff
Universität Hamburg
Fachbereich Erziehungswissenschaft
Tel: (040) 42838-7061
E-Mail: petra.huettis-graff@uni-hamburg.de
Internet: www.epb.uni-hamburg.de/de/personen/hüttis-graff

Daniela Merklinger
Universität Hamburg
Fachbereich Erziehungswissenschaft
Tel: (040) 42838-6508
E-Mail: daniela.merklinger@uni-hamburg.de
Internet: www.epb.uni-hamburg.de/de/personen/merklinger

Literatur:
Hüttis-Graff, Petra/Claudia Osburg (2006): Mit Hörkassetten das Textschreiben unterstützen
In: Grundschule 7/8, S. 28 - 30.

Hüttis-Graff, Petra (2008): Vom Hören zum Lesen - Literarisches Lernen mit Lese-Hör-Kisten
In: Wieler, Petra (Hg.): Medien als Erzählanlass. Wie lernen Kinder im Umgang mit alten und neuen Medien
Fillibach, S. 105 - 124

Hüttis-Graff, Petra (2009): Texte gemeinsam hören und individuelle Zugänge zu Schrift eröffnen. Soziale Lernsituationen zur Geschichte vom Löwen, der
nicht schreiben konnte

Beitrag und Material in: Grundschulunterricht Deutsch Heft 1/2009, S. 11-16; Material S. 17-24

Hüttis-Graff, Petra (2009): Zuhören - schreiben - verstehen. Mit einem Hörbuch literarisches Verstehen üben
In: Grundschule Deutsch, Heft Juli 2009, S. 31-36 und Material auf CD-Rom

Merklinger, Daniela (2008): Das Nilpferd sieht die Frau lesen
In: Die Grundschulzeitschrift, H. 215.216, S.34-35

Hüttis-Graff/Merklinger (2009.): Ohne Buchstaben Texte schreiben. Ein Hörspiel als Zugang zu Schriftlichkeit
erscheint in: Grenz, Dagmar (Hg.): Kinder- und Jugendliteratur - Geschichte, Theorie, Didaktik
Fillibach Verlag

Merklinger, Daniela (2009): Schreiben ohne Stift: Zur Bedeutung von Medium und Skriptor für die Anfänge des Schreibens
In: Bernhard Hofmann/Renate Valtin (Hrsg.): Projekte. Positionen. Perspektiven. 40 Jahre DGLS
Berlin: DGLS, S. 177-204

Merklinger, Daniela (2009): "Und dann sagte der Löwe..." Fünfjährige schreiben eigene Texe zu Hörmedien
In: Grundschulunterricht Deutsch, 1/2009, S. 6-10

Merklinger, Daniela (in Vorbereitung): 'Lernendes Schreiben' am Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit
Erscheint in einem Sammelband zur Sektion 'Textformen als Lernformen' auf dem Symposion Deutschdidaktik 2008 in Köln
Herausgeber: Thorsten Pohl und Torsten Steinhoff

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