Schülertext

Wer ist ein Vorbild?

06.01.2009

Kinder und Jugendliche antworteten mit Texten, Videos, Fotos und Songs


Mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche beteiligten sich am Kreativ-Wettbewerb von step21, der bundesweiten Initiative für Toleranz und Verantwortung. In über 300 Beiträgen, darunter zahlreiche Einsendungen von Schulklassen und aus europäischen Nachbarländern, präsentierten sie ihre Vorbilder. Am 25. November 2008 wurden die Sieger in den Kategorien "Kinder" (8 bis 13 Jahre) und "Jugendliche" (14 bis 21 Jahre) in Essen prämiert. Mit dem folgenden Text gewann die 17-jährige Tanja Freeseman aus Schortens den 1. Preis in der Kategorie „Jugendliche“.

Ist ein Vorbild besser als das andere?
Ein Schulhof in Niedersachsen. Gespannt hören alle Laura zu, denn sie erzählt gerade von ihrem neuen, großen Vorbild. Man muss dazu sagen, bei Laura wechseln die Vorbilder monatlich, manchmal noch schneller. Ihr neustes Vorbild ist eine berühmte Sängerin, gerade mal 18 ist sie und schon ganz oben in den Charts. Laura möchte auch so sein. Mit Singen ihr Geld verdienen und am besten sehr viel davon.
Da schaltet sich auch David in das Gespräch ein, auch er möchte einmal so sein wie sein großes Vorbild. Aber singen? Nein, Fußball spielen, natürlich in der Nationalmannschaft und in den höchsten Ligen der Welt, so wie sein Vorbild.
Nach und nach fangen auch die anderen an zu erzählen. Nadines Vorbild ist eine große Politikerin, Marcel ist da offener, sein Vorbild ist ein Milliardär. Welcher? Das ist Marcel egal. Hauptsache, er wird einmal so reich wie er. Patrick dagegen möchte ein großartiger Chirurg werden und Menschen helfen. Annika möchte auch helfen, aber als Entwicklungshelferin im Ausland. So wie die, die sie erst kürzlich in einer Fernsehreportage gesehen hat.
Alle erzählen von ihren Vorbildern, nur Martina bleibt stumm. Sie traut sich nicht von ihrem Vorbild zu erzählen, zu gewöhnlich kommt es ihr vor. Ihr großer Bruder Chris ist es. Er hat viele Freunde, ist beim roten Kreuz und hat erst kürzlich das Abitur mit einer zwei vor dem Komma bestanden. Großartig findet Martina das, sie möchte auch so sein wie ihr großer Bruder. Aber wie soll sie das den anderen, mit ihren großen Vorbildern erzählen, die alle so Wunderbares leisten, für sich selbst oder andere? Sie sind reich, schön, erfolgreich oder sozial engagiert, sie tun etwas Großes für die Mitmenschen oder einfach nur für sich selbst, aber eines sind sie alle nicht, gewöhnlich! Martinas Bruder dagegen ist nur einer von vielen, niemand, der groß heraussticht, niemand über den alle Welt redet und auch niemand, der als Vorbild mit den Vorbildern ihrer Freunde mithalten kann, oder?

Martina beschließt sich ihrem Großvater anzuvertrauen, ihn zu fragen, was er von der ganze Sache hält. Ist Martina etwa nicht normal? Warum ist sie die Einzige, die sich ein so unbedeutendes Vorbild gesucht hat?

„Opa, warum kann ich nicht auch so ein tolles Vorbild haben?“
„Aber das kannst du doch Martina, du kannst dir jederzeit ein Vorbild suchen, das schöner, erfolgreicher oder was auch immer mehr ist als dein Bruder, die Frage ist nur ob du das auch willst?“
„Ich weiß nicht, eigentlich bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt weiß was das überhaupt ist, ein Vorbild. Ich meine, ich finde Chris toll und möchte so sein wie er, aber ist er dann auch gleich ein Vorbild?“
„Wenn ich dich richtig verstehe, möchtest du von mir wissen, was genau man als Vorbild bezeichnet?“
„Ja.“
„Hm, das ist eine gute Frage und ich glaube, eine richtige Antwort darauf kann dir niemand geben.“
„Na toll.“
„Nicht so schnell, das heißt ja nicht, dass es keine Definition für das Wort an sich gibt.“
„Das verstehe ich nun wirklich nicht.“
„Weißt du, mit den Vorbildern ist das gar nicht so einfach, aber lass es mich dir an einem Beispiel erklären. Du hast doch Kunstunterricht, oder?“
„Natürlich.“
„Okay, dann kennst du ja auch die Vorgaben der Kunstlehrer, sie zeigen dir ein Muster oder ein Modell und du sollst anhand dieses Modells dein eigenes Kunstwerk gestalten.“
„Und was hat das jetzt mit meinem Vorbild zu tun?“
„Sei doch nicht so ungeduldig, ich wollte es dir gerade erklären. Also, ein Vorbild ist eben genau das, ein Bild, das als Vorlage dient. Stell dir vor, dein Leben ist dein Kunstwerk, aber du hast noch keine Vorstellung davon, wie du es gestalten möchtest. Um es herauszufinden suchst du dir Inspirationen. Unter ihnen gibt es dann eine, die der Vorstellung von deinem Kunstwerk sehr nahe kommt. Diese Inspiration ist deine Vorlage, dein Modell, dein Vorbild.“
„Aber manchmal gibt uns der Lehrer auch mehrere Modelle, wie passt das zu deiner Erklärung?“
„Wenn du mehrere Modelle zur Auswahl hast, kannst du dein Bild zu einer Art Kollage von mehreren Modellen machen. Genau dasselbe kannst du auch mit Vorbildern machen. Du kannst dir mehrere suchen und von jedem von ihnen nimmst du dir Eigenschaften, die deinen zukünftigen Lebensweg begleiten sollen. Ein Vorbild bestimmt nicht, wie dein Leben verläuft, sondern du bestimmst, inwieweit ein Vorbild dein Leben beeinflusst und wenn du es so möchtest, kannst du dich auch von mehreren Vorbildern beeinflussen lassen.“
„Also kann ich meinen Bruder als Vorbild nehmen und gleichzeitig meine Lieblingssängerin?“
„Selbstverständlich, du kannst Chris als Vorbild nehmen, weil du ihn dafür bewunderst, dass er seine Jugend erfolgreich gemeistert hat und all das geschafft hat, was du dir für deine Jugend wünschst und gleichzeitig kannst du deine Lieblingssängerin als Vorbild betrachten und dir vornehmen in der Zukunft wie sie ein großes Publikum mit deiner Stimme zu begeistern.“
„Aber was ist, wenn ich meinen Vorbildern nicht gerecht werde? Wenn ich mir vornehme so zu werden wie sie und es nicht schaffe?“
„Ob du es schaffst, deinen vorgezeichneten Weg zu Ende zu gehen oder nicht, kann natürlich niemand wissen, aber sei dir sicher, niemand wird dir einen Vorwurf machen, wenn du stolperst oder hinfällst, einzig wichtig ist, dass du nur deinen eigenen Wünschen folgst und dich nicht von anderer Leute Geschwätz abhalten lässt, deinen Weg zu gehen.
Denke immer an zwei Dinge Martina. Erstens, du musst gar nicht wie deine Vorbilder werden oder eine ihrer Eigenschaften genau kopieren, denn du bist ein Individuum mit eigenen Fähigkeiten und Stärken. Du kannst ruhig von deinen Idealen abweichen, denn nichts im Leben kommt so wie man es plant. Und zweitens, lass dich niemals verunsichern und dir deine Vorbilder schlecht machen, nur weil die Vorbilder von anderen reicher oder schöner oder was weiß ich was sind. Du hast deine Vorbilder gewählt und das sicherlich aus guten Gründen. Es waren deine Entscheidungen und sie sind richtig für dich. Was die anderen darüber denken, soll dich nicht kümmern, solange du weißt, dass es der Weg ist, den du gehen willst!“

Meine Vorbilder
Die kleine Geschichte vorweg sollte zeigen, wie ich über Vorbilder denke und was sie für mich ausmachen. Ich habe auch mehrere Vorbilder und jedes einzelne von ihnen hat sich diesen Namen auf eine andere Art und Weise verdient. Da wären zuerst natürlich meine Eltern, weil sie es geschafft haben, mich und meine Geschwister aufzuziehen, ohne dass einer von uns jemals auf die schiefe Bahn geraten ist, und ganz nebenbei führten sie eine harmonische Ehe. Zum anderen sind da meine Geschwister, die mir immer wieder zeigen, dass sie die besten Feinde, aber vor allem auch die besten Freunde sein können.
Dann gibt es noch meine Freunde, die jeder auf ihre eigene Art für mich da sind und mich einladen, sie bei ihrer eigenen Selbstfindung ein Stück zu begleiten.

Da gibt es auch noch die Lehrer, die aus dem großen Berg an Lehrern herausstechen. Sie schaffen es, die Schüler für ihren Unterricht zu begeistern und sie mit strenger Hand zu führen, aber gleichzeitig auch immer ein offenes Ohr für sie zu haben und ihnen auf dem holprigen Pfad zum Abitur eine helfende Hand zu reichen.

Dann sind da noch all die Namenlosen auf den Straßen, die nicht wegschauen, wenn Unschuldige Opfer sinnloser Gewalt werden und auch dann helfen, wenn ihr eigenes Leben in Gefahr ist!

Weiterhin haben die Stars und Sternchen für mich eine Vorbildfunktion, die ihren Erfolg nicht von Alkohol- und Drogenexzessen begleiten lassen, sondern ihren Einfluss auf ihr Publikum nutzen, um sich für soziale Zwecke zu engagieren und besonders uns Jugendlichen zeigen, dass man auch verantwortungsvoll mit seiner Berühmtheit umgehen kann!

Diese Liste wäre sicher noch lange weiterzuführen mit vielen großartigen Menschen, die mein Kunstwerk „Lebensweg“ beeinflussen. Aber um die Augen meiner Leser nicht unnötig zu ermüden, möchte ich mit einem letzten Vorbild abschließen. Mit einem Vorbild, das unter allen anderen hervorsticht, weil es mich und meine Kindheit am meisten geprägt hat.
Ich spreche von meinem Großvater, einem gütigen Mann, der weder Mensch noch Tier etwas zuleide tun konnte und der jedem Tag mit einem Lächeln begegnet ist, denn schließlich, so sagte er mir, wüsste man nie, ob man am nächsten Tag noch lebe.
Er hat seine Familie geliebt und hätte alles für sie hergegeben. Er hat überall schnell Anschluss gefunden und es war schwer, sich seinem Charme zu entziehen. Er konnte kochen wie ein Gott, zumindest habe ich ihm das als Kind attestiert, und er war einfach mein bester Freund, als ich noch klein war.

Ihm ist diese Arbeit gewidmet. Und egal ob ich hiermit erfolgreich bin oder nicht, allein schon die Tatsache, dass andere Menschen davon erfahren, dass es so einen Menschen wie ihn gab, war es wert, diesen Text zu schreiben!

Tanja Freeseman, 17 Jahre

Wer ist für Jugendliche ein Vorbild?
Die Vorbilder der heutigen Jugend sind nicht nur Medien- oder Popstars. Dies dokumentierte die multimediale Ausstellung der Wettbewerbsbeiträge. Es sind vielmehr Eltern und Freunde, 1 Euro-Jobber oder Altenpfleger - Menschen des Alltags. So individuell die Wettbewerbsteilnehmer ihre Vorbilder auch wählten, ihre "vorbildlichen" Eigenschaften ähnelten sich sehr: Vorbilder sind offen, tolerant und für andere da. Und: Jeder kann durch eigenes Handeln zum Vorbild werden. "In Zeiten, wo viele Vorbilder von ihrem Sockel fallen, weckt dieses Spiegelbild jugendlicher Einstellungen Hoffnung!", freute sich step21-Gründerin Sonja Lahnstein.

Über step21
Die ausländerfeindlichen Übergriffe der neunziger Jahre waren 1998 Gründungsanlass für die gemeinnützige Initiative step21. Mit einem innovativen medienpädagogischen Programm bestärkt step21 seit zehn Jahren Kinder und Jugendliche darin, Selbstbewusstsein und Rückgrat zu entwickeln, um gegen Unrecht, Diskriminierung und Gewalt aufzustehen und als Vorbild in unserer Gesellschaft zu wirken. step21 erreichte bisher über 700.000 Jugendliche und 13.000 Schulen und Jugendeinrichtungen. Unterstützt wird die Initiative von Stiftungen, ehrenamtlichen Helfern, prominenten Paten und Unternehmen sowie von BILD hilft e.V. "Ein Herz für Kinder". Schirmherr von step21 ist Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler.

Kontakt:
Melitta Töller
step21 - Initiative für Toleranz und Verantwortung
Jugend fordert! gGmbH
Steinhöft 7, Haus am Fleet
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Tel.: (040) 37 85 96 11
E-Mail: toeller.melitta@step21.de


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