Bericht

Kinder beim Sprachenlernen

27.09.2007

Ein neues Sprachlernkonzept bietet optimale Förderung


 

Wie Kinder Deutsch lernen, das veranschaulicht besser als Worte ein kürzlich erschienener Film mit dem Titel: "Lernszenarien. Die neue Philosophie des Sprachenlernens" (DVD mit Begleitbuch).
Der im Jahre 2002 erschienene innovative Lehrplan für Deutsch als Zweitsprache bildet die Grundlage für das Sprachlernen der Kinder. Dieser Lehrplan - das Ergebnis eines zweijährigen Forschungs- und Entwicklungsprojektes am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München - ist zunächst in Bayern in Kraft getreten und wurde inzwischen von vielen Bundesländern übernommen.
Nach dem neuesten Stand der Spracherwerbsforschung stehen bei diesem Sprachlernen im Mittelpunkt:

  • der Wortschatzerwerb als treibende Kraft des Sprachwachstums
  • Sprachanwendung als wesentliches Element des Spracherwerbs
  • interkulturelle Aspekte der Kommunikation und des Sprachlernens
  • schüleraktives, individuelles und handlungsorientiertes Lernen
  • Ausrichtung auf die jeweiligen Bedürfnisse und Interessen der Kinder unter Berücksichtigung verschiedener Lernertypen und Lernstrategien.

Umsetzung des Sprachlernkonzeptes im Unterricht
Der Film zeigt die konkrete Umsetzung der Leitgedanken dieses modernen Sprachlernkonzeptes im Unterricht in einer Grundschule.
Das Arbeiten in einem Lernszenario erlaubt den Kindern, ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend eine Aufgabe zur Erarbeitung eines gemeinsamen Themas auszuwählen und zu erarbeiten. Die Addition der unterschiedlichen Teilaspekte führt zu einem Gesamtergebnis mit vielen Facetten. Die freie Wahl der Aufgaben und Sozialform nach individuellen Neigungen begründet das interessierte und engagierte Arbeiten der Kinder.
Dass sich dabei Kinder mit unterschiedlichen Deutschkenntnissen – solche mit Deutsch als Muttersprache und solche, die das Deutsche als Zweitsprache erwerben – in Arbeitsgruppen zusammenfinden, schafft eine besondere Lernsituation. Alle Kinder bringen ihre Vorerfahrungen und fachlichen Vorkenntnisse zum Thema ein. In der gemeinsamen Beschäftigung mit dem Thema – im Film am Beispiel „Leben im Mittelalter“ aufgezeigt – werden einerseits die Inhalte mündlich versprachlicht, andererseits findet notwendigerweise rege Kommunikation rund um die Bearbeitung der gewählten Aufgaben statt.

Lernszenarien ermöglichen vielfältige Aufgabenstellungen
Bei der Bearbeitung der Aufgabenstellungen lernen die Kinder, selbstständig nach Informationen zu suchen, lernen Quellen kennen und nutzen sowie ihre Ergebnisse zu ordnen und zu strukturieren und diese auch zu präsentieren. Im Lernszenario „Leben im Mittelalter“ (siehe unten) werden durch die Verschiedenheit der Aufgaben vielfältige Zugänge zur Sprache eröffnet und von den Kindern erarbeitet. So wird im Interview mit einem Gespenst die dialogische Textform mit den Besonderheiten bearbeitet. Die Aufgabe „Tagebuch eines Burgfräuleins“ lässt die Mädchen narrative Techniken anwenden.

Ganz andere Formulierungen braucht das Team, das ein Brettspiel zum Thema entwirft und sich Aufgaben zu einzelnen Stationen ausdenken muss. Die Speisekarte der Ritter erfordert zunächst eine Sammlung von Fachwortschatz zum Thema Essen. In der Auseinandersetzung mit diesem erfolgt ein für die Begriffsbildung enorm wichtiger Prozess des Einordnens in Ober- und Unterbegriffe. Die Strukturierung und Kategorisierung der Informationen erfolgt (ohne explizite Anweisung!) aus der Aufgabe und der Kreativität der Kinder heraus.

Die Vielfalt der hier erarbeiteten Textarten und Herangehensweisen an Texte bringt ein umfangreiches Repertoire an (Fach-)Wortschatz und sprachlichen Strukturen hervor. Die Kinder erarbeiten außerdem Texte zu ganz unterschiedlichen Zwecken sprachlicher Kommunikation wie Befragung, Erzählung, Aufforderung,
Auflistung usf. und erwerben dabei implizit die jeweils typischen Merkmale und Besonderheiten der Textarten. Für die Präsentation, die ein wesentliches Element in der Szenariendidaktik darstellt, werden die in den Gruppen erarbeiteten Ergebnisse in eine besondere Fassung gebracht, es entstehen Poster, Texte, Tonaufzeichnungen, grafische Darstellungen etc. In dieser Phase wird intensiv an der Sprache gearbeitet. In redaktioneller Überarbeitung werden die Beiträge optimiert. Jedes Kind, ob deutschsprachig oder Deutsch lernend, erweitert hierbei individuell seine Ausdrucksfähigkeit. Neben den fachlichen Kenntnissen
und sprachlichen Fertigkeiten erwerben die Kinder Präsentationstechniken und im Umgang mit unterschiedlichen Materialien auch gestaltendes Geschick.

Die so häufig als erschwerend empfundene Heterogenität in den Klassen wird in einem auf diese Weise handlungsorientierten Unterricht zum positiven Faktor für das gemeinsame Lernen. Durch entsprechend konzipierte Lernmaterialien werden die natürlichen Erwerbsprozesse gefördert. Die Materialien bieten Anreize zum Wortschatztraining, Modelle für die eigene Sprachproduktion und motivierende Sprechanlässe für unterschiedliche Niveaustufen. Sie ermöglichen jedem Kind Sprachwachstum auf der Basis seiner individuellen Sprachkompetenz. So können sogar deutschsprachige und Deutsch lernende Kinder gemeinsam an einem Thema arbeiten. Im Kontext der Bearbeitung der Aufgaben und Planung der Arbeitsschritte erweitert jedes Kind seinen Wortschatz und seine Ausdrucksfähigkeiten. Dabei profitieren die „Team“-Mitglieder von der Heterogenität, den unterschiedlichen Vorerfahrungen und Kompetenzen, sowohl in sprachlicher als auch in fachlicher Hinsicht. Die Konstellation, dass ein Sprachanfänger bereits über Sachwissen zu einem Thema verfügt, dass er bei einer solchen Arbeitsweise
einbringen kann, ist nicht selten. Der ihm sprachlich überlegene, aber fachlich vielleicht nicht so versierte Partner profitiert vom Fachwissen und bringt es für beide in sprachliche Formen. Neben dem fachlichen und sprachlichen Können lernen sie ihr Lernen und ihre Zusammenarbeit selbst zu organisieren, im Team zu verhandeln und ohne Streit den gesetzten Spielregeln zu folgen.

Darüber hinaus profitieren die Kinder von dem natürlichen Vorhandensein anderer Sprachen und nehmen Einblicke in verschiedene Kulturen. In der Auseinandersetzung mit der Verschiedenheit werden interkulturelle Lernprozesse initiiert.
Der obengenannte Film dokumentiert, wie ein solches Lernen aussieht, wie erfolgreich es ist und wie viel Freude es macht. Wir hoffen, dass die Bilder des Films Anstoß geben für eine Veränderung von schulischem Sprachlernen.

Fort- und Weiterbildungsmöglichkeit
Das Goethe-Institut  hat in Kooperation mit dem ISB (Petra Hölscher) und der Universität München (Prof. Jörg Roche) auf der Basis dieses Konzeptes einen Fernstudiengang entwickelt. 

Materialien zur Umsetzung von Lernszenarien
Die qualifizierte Förderung von Sprachwachstum im Vorschulalter und in der ersten Jahrgangsstufe ist das Anliegen der Spielesammlung „Unser kleiner Wörterladen“ (Finken Verlag 2007).
Der wichtigste Antrieb zum Spracherwerb ist das Bedürfnis des Kindes, sich so auszudrücken, dass es mit seinen Mitteilungen und Wünschen verstanden wird. Das angebotene Material schafft mit zahlreichen Spielideen auf Karteikarten Situationen, die solche Bedürfnisse authentisch entstehen lassen und somit zu einer echten Kommunikation führen. Dabei kann sich jedes Kind – ob deutschsprachig oder Deutsch lernend – entsprechend seiner Fähigkeiten äußern und so individuellen Sprachzuwachs erzielen. Die erworbenen Sprachkenntnisse werden dann ebenfalls spielerisch mit einem Brettspiel und einem Angelspiel mit
verschiedenen Spielvorschlägen angewandt. Dabei werden ein umfangreicher Basiswortschatz und zahlreiche Strukturen und Redemittel erworben und nachhaltig gefestigt.
Für die Schule sind im Finken Verlag  viele Materialien zur Umsetzung von Szenarien erschienen, u. a. die kostenlose DVD "Lernszenarien. Die neue Philosophie des Sprachenlernens" mit Begleitbuch von Petra Hölscher, Jörg Roche u. a.

Ein Brettspiel zum Thema „Leben im Mittelalter“ herstellen
Wenn man mit Kindern eigene Spiele herstellen möchte, gilt es zunächst zu berücksichtigen, dass nicht alle Kinder über Erfahrung mit Gesellschaftsspielen und das Wissen über Abläufe und die wichtigsten und gängigsten Regeln solcher verfügen. Allzu leicht wird dieser Umstand übersehen, da man in der Regel von einem sehr hohen Bekanntheitsgrad von Brettspielen ausgeht. In vielen Familien wird aber leider nicht gemeinsam gespielt. Die Abläufe rund um die Spielorganisation und Spieldurchführung haben daher nicht alle Kinder verinnerlicht. Will man adäquate Hilfestellung bieten und den Kindern zu einem Erfolgserlebnis verhelfen, müssen diese Punkte unbedingt berücksichtigt werden.
Nichtsdestotrotz bringt jedes Kind Talente und Neigungen mit, die für das gemeinsame Arbeiten genutzt werden können. Ideal ist natürlich, wenn die Kinder schon Fragen zur Planung selbst stellen (ggf. aufschreiben). Je nach Vorwissen der Kinder findet die erste Planungsphase im Plenum unter Anleitung oder aber schon in kleineren Teams statt.
Im Folgenden werden die Planungsschritte für ein Brettspiel zum Thema „Leben im Mittelalter“ aufgeführt:

  1. Das Oberthema ist „Leben im Mittelalter“.
  2. Vorschläge zur Gestaltung sammeln zu Spielziel und Spielverlauf, Anzahl der Spieler etc. (z. B. 2 bis 5 Spieler, Gewinner ist, wer die meisten Fragekarten richtig beantworten konnte).
  3. Spielziel formulieren, Spielregeln aushandeln, welches Material wird benötigt, welches muss hergestellt werden? Daraus ergeben sich die Aufgaben für die Teams.
  4. Teams bilden und Aufgaben übernehmen
    • Wer gestaltet den Spielplan? (Anzahl der Felder insgesamt z. B. ca. 60–65 Felder gesamt, davon ca. 15–18 Felder auf Fragekarten-Ziehen und Ereigniskarten-Ziehen aufgeteilt werden
    • Wer schreibt die Fragen und Antworten? Wo soll die Antwort stehen? (Die Fragen behandeln natürlich das Leben im Mittelalter, Bekleidung, Bräuche, Werkzeug etc.; welche Hilfsmittel werden benötigt? z. B. Lexika ...)
    • Wer schreibt die Aufträge und Anweisungen für die Ereigniskarten? (Auch hier bietet sich die Einbindung von mittelalterlichem Leben an.)
    • Spielanleitung schreiben (ggf. als Muster oder Vorlage eine „fertige“ Spielanleitung verwenden)
  5. Gemeinsame Sichtung der Entwürfe, gemeinsame Redaktion und Optimierung der Darstellung, Abstimmung der Teams aufeinander.
  6. Einarbeiten der redaktionellen Anmerkungen und Umsetzung der optimierten Entwürfe, Fertigstellung des Spiels. Das Team „Spielanleitung“ stimmt die Spielregeln mit den Entwürfen der anderen Teams ab und schreibt (und gestaltet) eine schöne Spielanleitung (möglichst am PC).
  7. Und jetzt … SPIELEN!

Das Spiele-Herstellen ist eine für die Sprachförderung außerordentlich gut geeignete Aktivität, die gut in einem Lernszenario durchführbar ist. Im Prozess der Planung, Teambildung, Aufgabenverteilung, beim Umsetzen von Vorschlägen und Präsentieren der Entwürfe findet intensive Sprachanwendung statt. Dabei wird beschrieben, ausgehandelt und diskutiert, wie das geplante Spiel am besten hergestellt werden kann. Das übergeordnete Thema befördert in diesem Beispiel gleichzeitig fachliches Lernen und Memorierungshilfen (Kontextualisierung) für die erarbeiteten Inhalte …

Das ISB
Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) macht die Erkenntnisse der Forschung und die Erfahrungen der Praxis für die Schule nutzbar und unterstützt und berät das Staatsministerium für Unterricht und Kultus bei der Weiterentwicklung des bayrischen Schulwesens. Unter anderem fördert das Staatsinstitut die pädagogische, didaktische und methodische Arbeit der Schulen, entwickelt die Lehrpläne für alle Schularten und macht Erkenntnisse und Inhalte der Medienpädagogik sowie der Informations- und Kommunikationstechnik für die Schulen nutzbar. Es arbeitet eng mit Vertretern der Schulpraxis und mit Wissenschaftlern
verschiedener Fachgebiete zusammen.

Die Autorinnen
Petra Hölscher und Mirjana Simic arbeiten zusammen im Bereich Unterricht mit Migranten und ethnischen Minderheiten/Interkulturelles Lernen. Arbeitsschwerpunkte sind die Entwicklung von Lehrplänen und Materialien
für den Unterricht in Deutsch als Zweit -und Fremdsprache und für interkulturelles Lernen und Lehrplanentwicklung, Lehrerfortbildung und Beratung von Institutionen in vielen Ländern. Petra Hölscher ist außerdem Projektleiterin des LIFE -Projektes zur weltweiten Förderung von interkulturellem Lernen der BMW Group. Bereits 1988 erschien von ihr die erste Veröffentlichung zum Thema „Lernen an Stationen“ (ISB München). Es folgten zahlreiche weitere Publikationen zu den Themen Spracherwerb und interkulturelles Lernen als Autorin und Herausgeberin. Zurzeit engagiert sie sich zusammen mit Mirjana Simic besonders für die Umsetzung von Lernszenarien in Schule und Kindergarten.

Kontakt:
Petra Hölscher
Mirjana Simic
Staatsinstitut für Schulqualitaet
und Bildungsforschung
Schellingstr. 155
80797 Muenchen


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de