interview

„Ich kann den Willen zur langfristigen Literacy-Erziehung nicht erkennen“

20.04.2005

Dr. Michaela Ulich zur Bedeutung der frühkindlichen Literacy-Erziehung


Deutsche Jugendliche haben eine unterdurchschnittliche Lesekompetenz. Die Online-Redaktion von „Lesen in Deutschland“ sprach mit Dr. Michaela Ulich vom Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik in München über die Bedeutung der Leseförderung im Elementarbereich.

 

Lesen in Deutschland: Viele Kinder und Jugendliche können heute nicht mehr richtig lesen. Wie wichtig ist es, sie schon in ihren ersten Lebensjahren intensiv zu fördern?

 

Ulich: Es ist eindeutig erwiesen, dass Leseförderung in den ersten Lebensjahren für den Spracherwerb und die Lesekompetenz sehr wichtig sind. Schon Drei- bis Sechsjährige entwickeln ihre Sprache ganz anders, wenn sie eine entsprechende Leseförderung erhalten. Für die Lese- und schriftsprachliche Kompetenz ist diese Förderung langfristig wichtig. Leseförderung sollte man allerdings im weiteren Sinne verstehen. Ich benutze dafür den Begriff der Literacy-Erziehung. Im Deutschen gibt es dafür kein entsprechendes Begriffsbild. Wörtlich übersetzt heißt es zwar Lese- und Schreibkompetenz, aber es ist viel mehr damit gemeint: Erzählkompetenz, Textverständnis, Abstraktionsvermögen. Schon in der frühen Kindheit gibt es lernende Literacy, kindliche Erfahrungen rund um das Buch, um Erzähl-, Reim- und Schriftkultur. Das wird in Deutschland leider viel zu wenig gesehen.

 

Lesen in Deutschland: Wie sieht Leseförderung für die Allerkleinsten aus?

 

Ulich: Es gibt die vielfältigsten Aktivitäten. In erster Linie natürlich Geschichten, vor allem die tägliche Gutenachtgeschichte. Man sollte sie aber nicht als Frage-Antwort-Spiel vortragen, sondern vielmehr einen Dialog zwischen dem Kind und dem Vorleser bzw. der Vorleserin entstehen lassen. In den USA gibt es Studien, die ganz eindeutig zeigen, dass die dialogorientierte Bilderbuchbetrachtung zu den wichtigsten Fördermitteln von Sprache gehört. Man lernt Sprache ja nicht nur über das Zuhören, sondern auch über das Sprechen, über die Sprachproduktion.

Andere Möglichkeiten sind beispielsweise Rollenspiele. In der Spielecke, im „Büro“ können Kinder einen Brief schreiben oder im „Restaurant“ eine Bestellung aufgeben bzw. aufnehmen. Oder man hängt zum Kennenlernen von Sprache und Schrift im Kindergarten Schriftstücke in verschiedenen Sprachen und in verschiedenen Schriften an die Wand. Literacy-Erziehung, wie ich sie definiert habe, beginnt schon lange, bevor Kinder lesen und schreiben können, etwa mit ein bis zwei Jahren.

 

Lesen in Deutschland: Welche Rolle spielen die Eltern?

 

Ulich: Leider eine sehr große. Das Elternhaus ist gerade im Bereich der Sprache, im Sprachniveau und in der Lesekompetenz, sehr wesentlich. Aber natürlich gibt es in der Krippe oder in der Schule Möglichkeiten, Akzente in Richtung kreativer, motivierender und intensiver Leseförderung zu setzen, nur man muss sich auch dafür entscheiden.

 

Lesen in Deutschland: Heißt das, dass Leseförderung in den Kindergärten intensiver betrieben werden sollte?

 

Ulich: Ja, durchaus. Dies betrifft vor allem die Diskussion um Sprachkompetenz bei Migrantenkindern. Propagiert werden immer wieder so genannte Sprachkurse für Migrantenkinder und die spielerische, frühe Leseförderung läuft dann eher nebenher. Dabei ist sie eigentlich ein integrierter Bestandteil von Sprachförderung. Im angloamerikanischen Bereich oder auch in Frankreich heißt es meist Entwicklung von Sprache und literacy (development of language and literacy in the early years). Diesen Titel können wir im deutschen Elementarbereich suchen. Leseförderung hat mit schnellen Ergebnissen und eng umschriebenen Programmen wenig zu tun. Es geht darum, Kinder in eine ganze Kultur einzuführen mit Bilderbüchern, Schreibspielen, Handpuppenspiel, mit Theater, mit Lesungen von Autoren usw.

 

Lesen in Deutschland: Was müsste in Deutschland besser werden?

 

Ulich: In Deutschland wird die Aufgabe der Leseförderung noch zu sehr auf die Eltern abgewälzt und zu wenig im Rahmen der Chancengleichheit diskutiert. Australien beispielsweise hat eine Bildungsinitiative im Elementar- und Primarbereich für sozial schwache und bildungsbenachteiligte Familien gestartet. Dort ist Literacy-Erziehung in der Bildungseinrichtung ein Beitrag zur Chancengleichheit. Dies wird nun hierzulande in einigen neuen Bildungsplänen für den Elementarbereich formuliert. Das gibt Hoffnung.

 

Lesen in Deutschland: Die Lesefreude entscheidet wesentlich über die Lesekompetenz mit. Wie kann bei Kindern, die aus so genannten bildungsfernen Elternhäusern kommen, die Lust am Lesen geweckt werden?

 

Ulich: Durch Leseförderungsprojekte, die spielerisch eingeführt werden. Man sollte sich zum Beispiel eine Geschichte überlegen, die den Kindern gefällt und sie in ein Theaterstück umwandeln, in dem manche Kinder Musik machen dürfen und andere für die Kostüme zuständig sind. Allein bei der Umwandlung eines Erzähltextes in ein Theaterstück lernen die Kinder eine ganze Menge. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Zusammenarbeit mit Eltern.

 

Lesen in Deutschland: Man hört immer wieder von Zeitfenstern, in denen sich Kinder besonders gut entwickeln. Ist der Lesezug irgendwann abgefahren?

 

Ulich: Die Zeitfensterdiskussion ist zurzeit sehr beliebt. Ich halte wenig davon, ein so komplexes Phänomen wie Lesen und Lesefreude mit biologischen Vorgängen zu koppeln, dafür ist Lesen viel zu sehr kulturell bedingt. Tendenziell ist das richtig: Lesefreude und die Einstellung zum Lesen werden früh gelernt. Aber es gibt immer wieder Ausnahmen: Es gibt immer wieder Beispiele von Schriftstellern, die in einem ganz schriftfernen Elternhaus aufgewachsen sind; auch spätere Begegnungen können Lesefreude wecken.

 

Lesen in Deutschland: Wie sinnvoll ist Literacy-Erziehung für Migrantenkinder?

 

Ulich: Sehr sinnvoll. Leider läuft die politische Diskussion teilweise in eine andere Richtung. Man hört im Zusammenhang mit Migrantenkindern wenig über Literacy-Förderung, obwohl wir einen hohen Anteil von Migrantenkindern haben, die aus sozial schwachen und bildungsbenachteiligten Familien kommen und diese Art Förderung bei den Kindern ganz besonders wichtig wäre. Denn nur durch die entsprechende Förderung erwerben sie vielfältige schriftsprachliche Kompetenzen – eine Voraussetzung für Lesen und Schreiben in der Schule. Es gibt hier sehr viele kreative Möglichkeiten, mit spielerischen Lese- und Schreibszenarien. Man geht heute davon aus, dass es sehr wesentlich ist, Kinder in möglichst authentische Gespräche zu verwickeln und mit authentischen Situationen zu konfrontieren. Stattdessen spricht man in der Politik häufig von Sprachkursen – in der Tradition einer zum Teil überholten Fremdsprachendidaktik.

 

Lesen in Deutschland: Gehen die Bemühungen der Politik in die falsche Richtung?

 

Ulich: Zumindest sind sie zu einseitig. Es werden Deutschkurse vor der Einschulung angeboten. Als ob man eine Zweitsprache in ein paar Monaten lernt. Sprachkurse greifen zu kurz. Es geht um eine langfristige Sprachförderung, bei der die Kinder motiviert sind, bei der sie aktiv mitwirken. Es geht um ein Sprachenlernen, bei dem das Interesse des Kindes und die Offenheit gegenüber der Sprache geweckt werden.

 

Ich kann den Willen zur langfristigen Literacy-Erziehung hier nicht erkennen. Denn das bedeutet natürlich auch entsprechende Gelder und Personal einzubringen. In Finnland wird im Elementar- und Primarbereich das meiste Geld ausgegeben, hier im Sekundarbereich. So ist die Gewichtung.

 

 

Dr. Michaela Ulich, Jahrgang 1943, ist mehrsprachig aufgewachsen. Sie ist wissenschaftliche Referentin am Staatsinstitut für Frühpädagogik, Arbeitsschwerpunkte: Sprachentwicklung, Mehrsprachigkeit, Sprachförderung von Migrantenkindern, interkulturelle Erziehung, systematische Beobachtung von Entwicklung in Kindertageseinrichtungen, Kinderliteratur. Sie ist 2. Vorsitzende des Vereins zur Förderung von Kinder- und Jugendliteratur.

 

Autorin: Petra Schraml

Internet: Bayerisches Staatsinstitut für Frühpädagogik


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