Bericht

Mats Wahl: Kill

08.03.2007

Die klassische Frage „Wer war’s?“ spielt eher eine untergeordnete Rolle


Er wird oft mit seinem berühmten Kollegen aus der Feder von Henning Mankell verglichen: Harald Fors, Kommissar in einer schwedischen Kleinstadt, gilt als „Wallander im Jugendbuch“. In seinem aktuellen Fall wird er von unbekannten Tätern angegriffen. Dabei wird ihm nicht nur die Brieftasche, sondern auch die Dienstwaffe entwendet. Wenige Tage später kommt es zu einer Schießerei an der örtlichen Schule. Fors fühlt sich schuldig: Ist die Tat mit seiner eigenen Waffe begangen worden?

Die Ermittlungen gehen in verschiedene Richtungen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Angriff auf Fors und den tödlichen Schüssen? Ist es Zufall, dass am selben Tag eine Bank überfallen wird? Und wer steckt hinter den Graffiti, die unmittelbar nach der Tat auftauchen  und immer wieder den Schriftzug „Kill“ verwenden?
Der Leser schaut dem Ermittlungsteam über die Schulter, nimmt teil an Verhören, Krisensitzungen und Pressekonferenzen. Und doch wäre es ein Fehler, Wahls Roman auf die Krimihandlung zu reduzieren.  Die klassische Frage „Wer war’s?“ spielt eher eine untergeordnete Rolle.

Mats Wahl hat viele Jahre lang als Lehrer für schwer erziehbare Jugendliche gearbeitet. Und sein eigentliches Thema ist Gewalt an Schulen – von scheinbar harmlosen Beleidigungen, kleinen Quälereien bis hin zu  jenem Amoklauf, der die Polizei auf den Plan ruft.
Wie kann es zu einer solchen Tat kommen? Wie verändert sie das Leben von Kindern und Eltern?
Eindringlich schildert Wahl Fassungslosigkeit und Leid der Betroffenen – aber auch hilflosen Zorn und blinden Aktionismus seitens der ermittelnden Beamten.
„Jetzt finden wir den Scheißkerl, der geschossen hat“ – auf diese Formel bringt es Fors’ Kollege von der Schutzpolizei. Doch was, wenn es sich nicht um den erwarteten Unmensch handelt? Der Täter kein geübter Schütze ist, sondern vorher noch nie eine Waffe in der Hand hatte? Eine Journalistin bringt die Frage auf den Punkt: „Könnte ein Kind geschossen haben? Und wenn es ein Kind ist – was macht ihr dann?“
Tatsächlich stößt die Polizei am Schluss auf einen zutiefst verstörten 15-jährigen. Und Wahl gelingt die schwierige Gratwanderung, die Qual dieses Jungen zu schildern, ohne die Tat zu verharmlosen. Das ist es auch, was seinen Roman auszeichnet: Die differenzierte Personenzeichnung, das tiefe Mitgefühl mit den einzelnen Figuren. Und der Mut zu ungewohnten Perspektiven. So kommt z.B. auch die Frau zu Wort, die als „Mutter des Täters“ in die Schlagzeilen gerät: Wie geht sie mit dem Hass um, der dem Sohn entgegenschlägt? Wie mit den eigenen Schuldgefühlen?

„Kill“ ist ein Roman, bei dem die Grenzen zwischen Jugendbuch und „Erwachsenenliteratur“ verschwimmen. 13- bis 14-jährige mögen ihn eher unter dem Aspekt der Spannung lesen – junge Erwachsene als psychologische Studie oder Gesellschaftskritik. Mats Wahl lässt mehrere „Lesarten“ zu – ein weiterer Grund, ihn zu empfehlen.  


Zum Autor: Mats Wahl, geboren 1945 auf der Insel Gotland, lebt in Stockholm und ist Dozent für Pädagogik und Psychologie an der dortigen Universität. Seine Romane wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. In der Reihe um Kommissar Fors sind bereits erschienen: „Der Unsichtbare“ (erschienen 2000) und „Kaltes Schweigen“ (erschienen 2004).

Zum Buch:Wahl, Mats: Kill. Ein neuer Fall für Kommissar Fors.
München: Dt. Taschenbuch-Verl., 2006
318 S., 7,50 EUR

Autorin: Gretel Unterstenhöfer, DIPF


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