Bericht

Die Kunst des Zuhörens

03.05.2006

Das Projekt Ohrenspitzer will Zuhören als Basiskompetenz neben Lesen, Schreiben und Rechnen etablieren



Das Projekt Ohrenspitzer hat sich der Förderung und Entwicklung der Hörkompetenz verschrieben. Die Hörfähigkeit ist eine zentrale Vorläuferkompetenz der Lesefähigkeit. Die korrekte phonologische Verarbeitung des Gehörten spielt eine wichtige Rolle beim Erlernen des Lesens und der Rechtschreibung – hier liegen oftmals auch die Ursachen von Lese- und Rechtschreibschwächen. Die weitreichenden Konsequenzen des mangelhaften Hörens und Gehörtwerdens skizziert Prof. Dr. Joachim Kahlert in seinem Vortrag „Hören und Zuhören in der Schule - Handlungsmodell für die Hör- und Zuhörförderung“ am Beispiel eines Hauptschülers der fünften Klasse.

„Manchmal liest die Lehrerin ein Diktat, und ich kann nicht gut hören, was sie gesagt hat. Dann lasse ich viele Lücken und komme nicht mit und werde wütend“, zitiert der Inhaber des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik und -didaktik der Ludwig-Maximilians-Universität München bei seinem Vortrag im Rahmen des ersten baden-württembergischen Ohrenspitzertages am 13.10.2005 in Karlsruhe. Wer nicht hören kann, muss fühlen. Ebenso wie der namenlose Hauptschüler haben auch viele Schülerinnen und Schüler Entwicklungsbedarf im auditiven Bereich. Das richtige Zuhören kann jedoch gelernt werden. Wie das funktionieren kann, zeigt das Projekt „Ohrenspitzer“.

Ohrenspitzen für den Lernerfolg
Das medienpädagogische Projekt Ohrenspitzer wurde im Januar 2003 von den Landesmedienzentren aus Baden-Württemberg und Rheinlandpfalz gemeinsam mit der Stiftung MedienKompetenz Forum Südwest aus der Taufe gehoben und wird von der Stiftung Zuhören und dem Südwestrundfunk unterstützt. Das erklärte Ziel der Ohrenspitzer ist es, Hören und Zuhören als gleichwertige Basiskompetenz neben Lesen, Schreiben und Rechnen zu etablieren und die Kinder darin zu stärken.

In Form eines roten Koffers hält die Kunst des richtigen Zuhörens Einzug in die Schulen und Kindertagesstätten von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. In dem handlichen Hörkoffer finden sich ausgewählte Hörspiele, Erzählungen und vertonte Geschichten ebenso wie Meditationsmusik und Geräusche-CDs. Das Angebot des Koffers umfasst ernste Themen wie Liebe, Religion, Trauer und Tod, greift gesellschaftliche Probleme auf und thematisiert die Beziehungen innerhalb der Familie und dem Freundeskreis. Es gibt Beiträge über Außenseiter und Freundschaft, aber auch Philosophisches und fantastische Reisen durch die Zeit oder in andere Welten. Auch klassische und moderne Märchen haben ihren Platz im Hörkoffer.

Die beteiligten Schulen richten Ohrenspitzer-Gruppen ein, die unter Betreuung einer Lehrkraft regelmäßig Hörabenteuer erleben. Vorzugsweise in geräuscharmer Umgebung mit gut funktionierender Technik. Feste Zeiten und Abläufe sowie Beständigkeit beim „Ohrenspitzen“ haben sich bewährt, die Hörspiele finden aber auch spontane Verwendung im Unterricht. Die Ohrenspitzer lernen das Hören in kleinen Gruppen von fünf bis zehn Kindern oder im Klassenverband mit über 20 Schülern.

Störungen zwischen Sender und Empfänger
Wichtig ist den Initiatoren, dass das Ohrenspitzen bewertungsfrei und „ohne erhobenen Zeigefinger“ geschieht. Klassenarbeiten sind hier nicht erwünscht. Die Verzahnung mit dem regulären Unterricht hingegen wird begrüßt, denn in den Klassenräumen besteht Handlungsbedarf, wenn es um das aufmerksame Zuhören geht. „Aus den verschiedensten Gründen gelingt es nicht an den Schulen ein Hörklima zu schaffen, in dem das Lernen und Unterrichten leicht fallen“, kritisiert Professor Kahlert. “Es ist nachweisbar, dass Lärmbeeinträchtigung und Unruhe die Leistungsmotivation und die Konzentration stören. Unruhe und Lärm belasten das soziale Klima der Schule.“

Kahlert hat im Rahmen seiner Forschungen gemessen, dass der Lärmpegel in Klassenräumen oft über dem Grenzwert liegt, der für die geistige Arbeit akzeptabel ist. „Zuhören wird einem da nicht immer leicht gemacht und darunter leidet der Lernerfolg“, erklärt der ehemalige Grund- und Hauptschullehrer. Zwischen Sender und Empfänger, so Kahlert, käme es zu allerlei sprachlichen Verlusten, die zum Teil gar nicht bemerkt würden. Seine Studien belegen, dass besonders jüngere Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund Schwierigkeiten haben, solche „Informationslücken“ zu überbrücken. „Wenn man einmal den Faden verliert, einmal nicht richtig hinhört, dann tut sich die erste Verständigungslücke auf. Und wenn man dem noch lange nachsinnt, wird sie immer größer und größer und wir wundern uns im Unterricht, dass manchmal nicht das heraus kommt, was wir uns wünschen“. Die Schulung des richtigen Zuhörens tut also Not.

Hörabenteuer mit Detektiv Dagobert Dünkelstein
Ein wichtiges Element bei der pädagogischen Arbeit mit dem Hörkoffer ist die aktive Audioarbeit der Kinder, das beleget auch die positive Resonanz aus den Ohrenspitzerschulen. Die Ohrenspitzer der Pestalozzischule Eisenberg begeistern sich beispielsweise besonders für die Abenteuer von Detektiv Dagobert Dünkelstein. Die Grundschüler verfolgen mit größter Aufmerksamkeit den Weg ihres Helden bis zur Aufklärung seiner Fälle und der abenteuerlustige Detektiv inspirierte sie dazu, selbst auf Spurensuche zu gehen.

Bewaffnet mit dem Aufnahmegerät haben sich die Ohrenspitzer in kleinen Gruppen auf die Jagd nach Geräuschen gemacht, um dann ihre Mitschüler mit eigenen Klang-Rätseln auf die Probe zu stellen. Fleißig und engagiert seien alle Schüler der ersten Klassen an diese Aufgaben gegangen, erklären die Betreuer. Auch an anderen Schulen hat man positive Erfahrungen mit Dagobert Dünkelstein gemacht. „Die Kinder sind von Anfang an begeistert“, heißt es in den Rückmeldungen der Ohrenspitzer-Schulen. „Die vorgeschlagenen Arbeitsaufträge fördern die Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe.“ Auch Professor Kahlert hat in seinen Untersuchungen beobachtet, wie sehr die Schülerinnen und Schüler in der eigenen Audio-Arbeit aufgehen. “Sie glauben ja gar nicht, zu welcher Kreativität die Kinder bei der Produktion von Hörspielen in der Lage sind.“

Ohrenspitzer nehmen mehr Rücksicht
An den teilnehmenden Schulen werden Ohrenspitzer-Gruppen für Schülerinnen und Schüler eingerichtet, die von einer Lehrkraft betreut werden. Über die Arbeit in den Gruppen und im Unterricht wird das Projekt in der Schule zunehmend populärer: Auch nicht am Projekt beteiligte Lehrkräfte können auf die Inhalte des Hörkoffers zurückgreifen. Die Ohrenspitzer begünstigen auch die Vernetzung der Schulen mit außerschulischen Partnern wie dem benachbarten Kindergarten oder dem nachmittäglichen Leseclub. In den Kindergärten arbeiten junge Ohrenspitzer in kleinen Gruppen mit dem roten Hörkoffer. Interesse und Unterstützung kommt auch aus dem Elternhaus vieler Schüler. Die Erwachsenen nehmen das Projekt gut auf und kaufen sogar teilweise ergänzende Hörabenteuer für ihre Kinder.

Erfreulich sind auch die Ergebnisse, die in der Arbeit mit den Kindern erzielt werden. Die Hörabenteuer aus dem roten Koffer regen die Phantasie der Ohrenspitzer an. Die Kinder greifen das Gehörte auf und führen es weiter in eigenen Erzählungen und Geschichten, in Bildern oder szenischen Aufführungen. Sie wollen Lieder mitsingen, Rätsel erfinden oder versuchen sich in Pantomime. Manche basteln Figuren, andere lassen sich zum Schreiben von Tagebüchern anregen oder veranstalten ein Quiz mit der Geräusche-CD.

„Das Hören wird ihnen bewusster“, heißt es in einer Rückmeldung an die Initiatoren. „Es wird vermehrt auf Lautstärke geachtet. Der Lärm wird als störend empfunden.“ Das Projekt Ohrenspitzer fördert jedoch nicht nur die Zuhörfähigkeit der Schülerinnen und Schüler, die Kinder finden auch Gefallen am Experimentieren mit der Sprache und sie lesen bereitwilliger. Auch positive Verhaltensänderungen sind bei den Ohrenspitzern keine Seltenheit: Sie verständigen sich in ihrer Gruppe auf bestimmte Regeln und Rituale bilden sich heraus. Die Kinder sind dann eher bereit zu warten, bis sie an der Reihe sind, erst dann teilen sie sich mit und ermuntern sich gegenseitig zum aufmerksamen Zuhören. Das Klassenklima wird positiv beeinflusst, die Kinder reagieren sensibler und rücksichtsvoller. Auch eher unruhige Kinder nehmen die Hörangebote an und gehen im „Wir-Gefühl der Ohrenspitzergruppe“ auf.

„Mit der Hörförderung verbessert man unmittelbar das Schulklima.“, bestätigt auch Professor Kahlert. Eine Ganztagsgruppe berichtet sogar von einer gemütlichen, „fast familiären Atmosphäre“ bei Hörspielen, Plätzchen und Tee. In den Ohrenspitzer-Gruppen ist das aufmerksame Hören und Zuhören zur Selbstverständlichkeit geworden, die auch Kahlert fordert. „Da profitieren wir alle von“, erklärt er.

Schulen, die am Projekt interessiert sind und selbst gerne teilnehmen möchten, können sich direkt an das Landesmedienzentrum Rheinland-Pfalz oder an die regionalen Ohrenspitzer-Stützpunkte in Baden-Württemberg wenden.

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