Bericht

Sprachmöglichkeiten schaffen

11.01.2006

Literacy als grundlegende Form der Sprachförderung


Migrantenkinder sind benachteiligt im deutschen Bildungssystem und haben weniger Chancen auf einen guten Schulabschluss. Während sie überwiegend die Haupt- und Sonder- bzw. Förderschulen besuchen, sind sie auf dem Gymnasium deutlich unterrepräsentiert. Seitdem die PISA-Studie diesen Missstand benannte, wird er in Deutschland öffentlich diskutiert. Sprachförderung von Migrantenkindern in Kindergarten und Schule, Sprachtests vor der Einschulung und Deutschunterricht im Vorschulalter sind viel besprochene Gegenmaßnahmen. „Der Glaube, dass wir mit Sprachtests „wissen, wo die Kinder stehen“, und die Vorstellung, dass ein „Crash-Kurs“ vor der Einschulung bei den Kindern substanzielle und langfristige Effekte auf die Sprachkompetenz in der Zweitsprache „Deutsch“ haben wird“, beides hält Dr. Michaela Ulich vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München für problematisch. Sie empfiehlt stattdessen die Erfassung und Förderung des Sprachvermögens von Migrantenkindern vor dem Hintergrund einer umfassenden Literacy-Erziehung aller Kinder.

Literacy-Erziehung
Literacy-Forschung geht davon aus, dass Kinder bereits in der frühen Kindheit und lange bevor sie lesen und schreiben können, Erfahrungen mit verschiedenen Erscheinungsformen der Literacy-Kultur, also der Lese-, Erzähl- und Schriftkultur, machen, und dass sich diese Erfahrungen umfassend auf ihren Spracherwerb, ihre Sprachkompetenz und ihr Wissen über Sprache auswirken. Kinder mit vielen Literacy-Erfahrungen haben demnach Vorteile gegenüber Kindern mit wenig Literacy-Erfahrung. Sie entwickeln sich besser in ihrer Sprachkompetenz, im Lesen und im Schreiben.

Der Begriff Literacy ist dabei sehr komplex. Gemeint ist nicht nur die Lese- und Schreibkompetenz, sondern auch das Text- und Sinnverständnis, die sprachliche Abstraktionsfähigkeit, die Lesefreude, die Vertrautheit mit Büchern und der Schriftsprache oder die Fähigkeit, sich schriftlich auszudrücken. Erfahrungen, die zu solchen Kompetenzen führen, können Kinder von Geburt an im Rahmen ihrer Familie sammeln, behauptet Michaela Ulich. Durch die tägliche Gute-Nacht-Geschichte, durch das Ansehen von Kinderbüchern, durch den Austausch der Eltern über Bücher und das Erzählen von Geschichten am Abendbrottisch, durch das Entziffern von Buchstaben auf Plakaten, am Bildschirm oder auf der Cornflakes-Packung und den Zettel an der Haustür.

Die Bilderbuchbetrachtung
Für Migrantenkinder, die in ihren Familien sehr wenige Literacy-Erfahrungen in der deutschen Sprache sammeln, spielt der Besuch des Kindergartens eine große Rolle. Hier können sie je nach Einrichtung viele Erfahrungen machen. Dabei gehören Bilderbücher und Bilderbuchbetrachtung erwiesenermaßen zu den wirksamsten Formen der Sprachförderung, bemerkt die Wissenschaftlerin Ulich. „Wird diese Betrachtung als Dialog gestaltet, eröffnet sie Kindern besonders vielfältige Lernchancen“. In einer gemütlichen, ungestörten und körperlich nahen Situation, kann man das Tempo von sprachlicher Anregung und Kommunikation auf das Kind abstimmen. Michaela Ulich verweist darauf, dass allein schon das mehrmalige Vorlesen eines Bilderbuches den sprachlichen Lerneffekt bei sprachlich weniger kompetenten Kindern deutlich steigert. Das Bilderbuch bietet darüber hinaus viele Möglichkeiten, über seinen Inhalt zu sprechen: durch einfaches Benennen, Definieren oder Umschreiben der Dinge, durch die Herstellung von Beziehungen und Bedeutungen zwischen den Bildern, durch Bezüge zum Leben des Kindes oder durch Vorausdeutungen, was als nächstes passieren könnte. Wichtig ist, dass das Kind selbst zum Erzähler wird und Freude daran entwickelt. Nebenbei lernt es dabei noch viel über Schrift- und Buchkultur, und es lernt ein anderes Sprachniveau kennen als im normalen Gespräch, ergänzt Ulich. Weitere Mittel der Sprachförderung sieht sie im „Kinderdiktat“: Kinder diktieren der Erzieherin eine Geschichte, die diese mitschreibt. Die Kinder erfahren so, wie sich mündliche Sprache in Schriftsprache umwandelt, wie eine Geschichte aufgebaut ist usw. Auch Gedichte und Reime, szenisches Spiel und Theater mit Finger- oder Handpuppen, Masken etc. gehören zur Literacy-Erziehung. Erweitern kann man diese Erziehung, wenn man in den Gruppenräumen beschriftete Plakate oder Hinweisschilder aufhängt, um das Interesse an Schrift und Schreiben zu wecken. Und auch in der Gestaltung des Raumes und seinen Ritualen kann Literacy-Erziehung im Kindergarten zum Ausdruck kommen, beispielsweise durch die Einrichtung von Lese- und Schreibecken oder Regeln, die an der Wand festgehalten werden.

Für eine solch umfassende Literacy-Erziehung empfiehlt Ulich die Einbindung von Eltern und „Vorlesepaten“, die die Arbeit der Erzieherinnen und Erziehern ergänzen könnten.

Der Beobachtungsbogen SISMIK
Vor dem Hintergrund dieser Erziehung haben Michaela Ulich und Toni Mayr vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München einen Beobachtungsbogen zur systematischen Erfassung der Sprachentwicklung bei Migrantenkindern entworfen. Der Bogen SISMIK – Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei Migrantenkindern im Kindergarten – bewertet nicht nur den Sprachstand, sondern auch die Sprachlernmotivation und den Lernprozess. Anstelle von Sprachtests, die punktuell und oft nicht genügend aussagekräftig sind, kann mit Hilfe dieses Bogens in der Altersspanne von ca. dreieinhalb bis sechs Jahren, die Sprachentwicklung von Migrantenkindern gezielt beobachtet und dokumentiert und bis zum Übergang in die Schule entsprechend gefördert werden. „Auch in unserem Bogen ist das Deutschlernen zentral, aber es ist eingebettet in ein mehrdimensionales Konzept von Sprachentwicklung“, erläutert Ulich. Der Bogen ist so angelegt, dass in einem ersten Teil Beobachtungen in sprachrelevanten Situationen im Kindergartenalltag stattfinden, beispielsweise am Frühstückstisch, in Gesprächsrunden, im Rollenspiel, bei der Bilderbuchbetrachtung oder beim Vorlesen. Hier können Engagement und Begeisterung der Kinder gezielt beobachtet werden. Vorstrukturierte Items wie „Kind schweigt, spricht leise, hört aufmerksam zu“ usw. erleichtern den Erzieherinnen und Erziehern ihre Beobachtungen.

In einem zweiten Teil geht es um die Einschätzung des Sprachvermögens. Hier gibt es Fragen zum Sprachverständnis, zur Artikulation, zum Wortschatz und zum Satzbau bzw. zur Grammatik. Und ein dritter Teil erfasst Angaben zur Gruppensituation und zum familiären Hintergrund des Kindes.

Durch gezielte Beobachtung zur Reflexion und Intervention
In einer bundesweiten repräsentativen Anwendung des Bogens zeigte sich, dass Migrantenkinder bedeutend weniger engagiert als deutsche Kinder im Rollenspiel, in Gruppengesprächen, beim Vorlesen, Erzählen und in der Bilderbuchbetrachtung sind. Tätigkeiten, die durch eine umfassende Literacy-Erziehung verbessert werden könnten. Mit Hilfe des gut gegliederten Beobachtungsbogens SISMIK kann die Erzieherin dabei nicht nur die Fähigkeiten des Kindes überprüfen, sondern auch ihr eigenes Angebot und das der Einrichtung reflektieren, und beurteilen, ob sie das Kind ausreichend fördert und dies gegebenenfalls ändern: in kleineren Gruppen, durch gezieltes Anbieten oder durch das Sprechen über Formulierungen.

Je nachdem, wie das Kind es braucht, und wie es seiner Sprachbildung zu Gute kommt.

 

Autorin: Petra Schraml


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