interview

„Das Bilderbuch ist das wichtigste frühkindliche Lehrbuch“

18.12.2020

Interview mit Dr. med. Ulrich Fegeler


Der Grundstein für eine erfolgreiche Bildungsbiografie wird früh gelegt. Vor allem für die Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten sind die ersten Lebensjahre maßgeblich. Um hier früh Unterstützung zu bieten, gibt es im Rahmen des BMBF-Programms Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung schon Angebote für Kinder ab drei Jahren, oft in Zusammenarbeit mit Kitas. Die Projekte verbinden darstellende Künste, Musik und Zirkusarbeit mit Spracherwerb. Bücher und digitale Lesestifte kommen dabei genauso zum Einsatz wie Instrumente oder Theaterrequisiten. Worin die Ursachen von Störungen in der Sprachentwicklung liegen und wie Angebote der kulturellen Bildung hier unterstützen können, dazu befragte das Redaktionsbüro des Programms den erfahrenen Kinder- und Jugendarzt Dr. Ulrich Fegeler.
Wir übernehmen das Interview mit freundlicher Genehmigung aus dem Newsletter 4/2020 des Programms „Kultur macht stark“.

Herr Dr. Fegeler, Sie sagen: Störungen in der Entfaltung wichtiger Grundfähigkeiten – wie eben auch der Sprachentwicklung – zeigen einen starken Bezug zum sozioökonomischen Status. Woran erkennt man das?

Gerade bei der Schuleingangsuntersuchung merken wir Kinder- und Jugendärzte diese Entwicklung: Etwa 20 Prozent der Kinder zeigen in allen Belangen eine unzureichende Entfaltung ihrer Fähigkeiten. Das zeigt sich allen voran in ihrer kognitiven Entwicklung, der Sprachentwicklung und in ihrem Sozialverhalten. Hinterlegen wir diese messbaren Parameter mit dem Bildungshintergrund der Familien, dann zeigt sich ein direkter Zusammenhang zum sozioökonomischen Status der Eltern. Das ist ein Alarmzeichen, denn diese Zahlen haben sich in den letzten 15 Jahren nicht geändert. Diese Kinder sind schon sehr früh auffällig in ihrem sozialen Verhalten: Sie sind oft unruhig, reagieren aggressiv, haben Konzentrationsstörungen und können sich häufig schlechter verbal artikulieren, schreien deswegen oft und versuchen, sich durch Aggressivität durchzusetzen.

Woran merkt man eine solche Störung der Sprachentwicklung?

Die deutsche Sprache ist hochkomplex. Wenn nun Kinder sehr spracharm aufwachsen, weniger mit ihnen gesprochen wird, ihnen nicht vorgelesen wird und sie weniger erleben, zeigt sich bei ihnen ein verminderter Wortschatz und sie machen viele grammatische Fehler. Sie haben außerdem eine verringerte Abstraktionsfähigkeit. Das zeigt sich im Schuleingangstest oft, wenn die Kinder etwas malen sollen, eine hochkomplexe Form wie einen Menschen, einen Baum oder ein Haus. Das entspricht dann einfach nicht den Fähigkeiten, die ein Kind dieses Alters haben sollte. Die Kitas merken diese Entwicklung schon früh und fordern vom Kinder- und Jugendarzt eine Überweisung zum Logopäden. Ich halte das für den falschen Weg. Einer generellen Spracharmut kann ich nicht entgegenwirken mit zwei mal 45 Minuten Therapie in der Woche, wenn das Kind die restlichen über 10.000 Minuten in seiner wenig sprachanregenden Umgebung verbringt. Diese Kinder wachsen generell in einer stimulationsarmen Umgebung auf, sie brauchen einfach viel mehr Anregung.

Welche Konsequenzen hat eine solche Entwicklung für die Kinder – auch am Übergang von der Kita zur Schule?

Eine dramatische! Unser Gehirn macht in den ersten drei Lebensjahren eine beachtliche Entwicklung durch: Es kommt zu einer überschießenden Vernetzung der Hirnzellen, der Neuronen. Dieser Prozess des „Synapsen-Overshootings“ ist mit Ende des dritten Lebensjahres zu 80 Prozent abgeschlossen. Je mehr Input (Anregung) das Gehirn erfährt, umso mehr festigen sich die Verbindungswege zwischen den Synapsen, die oft gebraucht werden. Etwa ab Beginn der Pubertät kommt es dann zu einer Rückbildung der neuronalen Verbindungswege und ihrer Synapsen, die wenig in Anspruch genommen wurden. Das Hirn passt sich dadurch optimal an die Verarbeitungserfordernisse an. Das heißt aber auch im Umkehrschluss, dass bis dato nur wenig beanspruchte zerebrale Areale auch kaum mehr neu aufgebaut werden können bzw. nur mit einem sehr großen Aufwand. Kurz: Solche Kinder werden nie das volle Potenzial entfalten, welches ursprünglich angelegt worden war. Dieses Phänomen ist tatsächlich in volumetrischen Messungen bestimmter Hirnzentren darstellbar. Es gibt hier einige aussagekräftige Studien, auch solche, die die Gehirnentwicklung in Beziehung zum sozio-ökonomischen Hintergrund der untersuchten Kinder setzen. Die Ergebnisse einer dieser Studien waren so eklatant, dass Kimberly Noble von der Columbia University, die an der Studie mitarbeitete, sich zu der Bemerkung hat hinreißen lassen: ,Zeigen Sie mir einen Scan eines Gehirns, geben Sie mir Alter und Geschlecht des Kindes, und ich kann Ihnen anhand der Volumina bestimmter Zentren sagen, was die Eltern verdienen und wie der Bildungshintergrund der Familie aussieht.‘ Und diese frühkindliche Entwicklung hat Auswirkungen auf den weiteren Lebensweg. Kinder, die zu wenig Anregung erfahren haben, sind oft verhaltensauffällig, brechen später öfter die Schule ab und haben auch in ihrem weiteren Bildungsweg mehr Schwierigkeiten.

Wie können außerschulische Angebote kultureller Bildung dieser Entwicklung entgegenwirken und das Erlernen der Sprache fördern?

Ich bin dankbar für jedes Angebot, dass dieser Zielgruppe mehr Anregungen bietet. Es geht hier weniger darum, eine zweite Fremdsprache zu lernen, sondern es geht um die frühe Stimulation der uns angeborenen Fähigkeiten, die so gut wie jedes Kind hat. Es geht ums liebevolle Eingehen auf die Bedürfnisse der Kinder, bewusstes miteinander Sprechen, um das Vorlesen von Büchern, Spazierengehen und die Welt entdecken, um kleine Abenteuer des Alltags, sich neue Welten erschließen – egal ob Bibliothek, Museum oder Theater. Ich sage immer: Das Bilderbuch ist das wichtigste frühkindliche Lehrbuch! Wir müssen diese Kinder früh erkennen. Dafür gibt es schon sehr gute Möglichkeiten durch die U-Untersuchungen und Kitas. Doch viele Maßnahmen stellen zu sehr die Eltern in den Mittelpunkt und weniger die Kinder. Gerade außerschulische Angebote – auch schon im Kita-Alter – können hier einiges, wenn auch nicht alles kompensieren, was in den Familien nicht geleistet werden kann.

Was können Sie pädagogischen Fachkräften und Ehrenamtlichen, die in ihrem Theater-, Musik- oder Medienprojekt die Sprachentwicklung von Kindern unterstützen wollen, konkret mit auf den Weg geben?

Alles, was die kindliche Fantasie anregt, was Kinder zum Sprechen, zum Spiel, zum Austausch und zur Kommunikation bringt, findet seinen Niederschlag in einer besseren Entfaltung der angeborenen Entwicklungspotenziale. Mit anderen Worten: Jede/r, der/die sich mit Kindern beschäftigt, hilft ihnen, sich besser intellektuell, sprachlich und vom Verhalten her zu entwickeln und damit die Grundlagen für die Ausbildung ihrer Lebenskompetenzen zu schaffen.

Dr. Ulrich Fegeler ist seit 1982 Kinder- und Jugendarzt (zuvor seit 1975 Intensivmediziner) und Gründer des „Deutschen Kinderbulletins“. Derzeit ist er Themenverantwortlicher für den Bereich „Lebenskompetenzen“ in der Landesgesundheitskonferenz Berlin: www.deutsches-kinderbulletin.de

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