Bericht

Schreibwettbewerb „sola scriptura 2017“

23.11.2016

Mehr als 300 Einsendungen von Schreibenden zwischen acht und 87 Jahren


Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Reformation hatte der evangelische Kirchenkreis Wittenberg zum Schreibwettbewerb „sola scriptura 2017“ aufgerufen. „sola“ heißt auf lateinisch „nur“, „scriptura“ ist die Schrift. Teilnehmen konnten Jugendliche und Erwachsene aller Konfessionen sowie kirchlich nicht Gebundene mit unveröffentlichten Kurztexten aller literarischen Genres zum Thema „Luthers Leistung als Provokation für die Leistungsgesellschaft“.
Bis zum 10. November 2016 sind 316 Wettbewerbsbeiträge von Schreibenden zwischen acht und 87 Jahren aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz eingegangen. Nun sichtet die Jury die Texte, um die jeweils drei ersten Plätze für Jugendliche und Erwachsene zu ermitteln. Die feierliche Preisverleihung findet am 1. April 2017 im Lutherhaus in Wittenberg statt.

Von verschollenen Fragen und unglaubwürdigen Antworten
Leistung ist „das Verhältnis verrichteter Arbeit zu der dafür benötigten Zeit“ – mit dieser physikalischen Definition beginnt einer der eingereichten Beiträge. In ihren Texten fragen die Wettbewerbsteilnehmerinnen und -teilnehmer: Was hat die Leistung mit dem Wert eines Menschen zu tun? Und wie verhält man sich dazu, dass der Wert, der einer Leistung zugeschrieben wird, alle anderen Werte zu überschatten und so den Blick zu verstellen droht für das, was darüber hinaus wichtig ist? Auf vielfältige Weise haben Jugendliche und Erwachsene ihre Gedanken zu Papier gebracht. Die Textformen reichen von Lyrik über Kurzgeschichte, Essay, Dialog, Rap, Kirchenlied, SMS, Brief, bis hin zu Theaterszene, Postkarte und Monolog.

Luther als „erster Propagandist des bedingungslosen Grundeinkommens“?
Luthers Ansatz, dass jeder Mensch unbedingt von Gott angenommen sei, ist Anlass, schreibend aus dem Hamsterrad der Leistungsgesellschaft auszusteigen. Wollte Luther „die Obergrenze für die Ewigkeit abschaffen“, wie einer mutmaßt? War der Reformator daher gar der erste „Propagandist des bedingungslosen Grundeinkommens“?

Die Texte beschäftigen sich mit Wiederauferstehung und Weltuntergang, erzählen von Reisen in die Zukunft und in die Vergangenheit. Sie appellieren, sprechen Mut zu, stellen die ganz großen Fragen und geben mitunter ganz leise Antworten. Beeindruckend ist der Mut, sich einzulassen, auf das, was sein müsste, was es zu ändern gilt, ohne schon zu wissen, wie und was genau.

„Sie sagen, ich sei zu langsam“, heißt es niedergeschlagen in einem Text, der von der Schwierigkeit erzählt, im so genannten ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. „Unsere Leistungen dienen als Daseinsberechtigung“, stellt ein Essay fest, (aber) „was bleibt, wenn das Kriterium der Leistung wegfällt?“

Angenommen? Einfach so? „Sei ehrlich, Jesus, das klingt schon ein bisschen unglaubwürdig.“
Da fragt ein 13-Jähriger ganz direkt: „Hallo Leistungsdruck! Warum muss du jedem Menschen den Spaß verderben?“ Und eine Zwölfjährige analysiert: „Wir alle suchen das Glück. Und wenn man uns sagt, du hast doch schon Glück, schütteln wir bloß den Kopf.“ Da träumt eine 16-Jährige „von verschollenen Fragen“ und verweigert dem Überangebot an Antworten den Gehorsam. Eine andere quält sich mit den Leistungsanforderungen der Oberstufe: „Da ist immer die Angst, etwas falsch zu machen.“

Die Geschichten spielen im Kloster, im Himmel, im Krankenhaus oder in Thailand. Es treten Sterbende und Tote auf, Hunde und Prinzessinnen, Teufel und Engel, eine Glühbirne, ein Ohrwurm, Jesus im Gespräch mit Luther, und Gott, der seine E-Mails checkt und im Chatroom liest. Es gibt Familienzwist, Schuldgefühle, Seitenhiebe, Redaktionskonferenzen, Nonnen, Fußballstars und Gnadengesuche. Einmal ruft Martin Luther persönlich in der Geschäftsstelle von Luther 2017 an, um etwas richtigzustellen, wird aber so unpersönlich von einer Maschine abgefertigt, dass er mit seinem Anliegen nicht durchkommt.

Die Texte stellen sich und das eigene Weltbild mit Hilfe jenes 500-jährigen Denk-Mals in Frage: „Alle wollen gleich sein in ihrem Individualismus.“ Doch vielfach bleibt es nicht bei der Anklage oder der Feststellung von Burnout und Überforderung, sondern der Blickwinkel weitet sich: „Je nach Perspektive bist du jemand ganz Großes oder ganz Kleines. Aber das entscheidest nur du allein. Was du aus dir und dieser einzigartigen großen oder kleinen Welt, wie auch immer man es sehen mag, machen willst.“

Kontakt:
Katharina Körting
Reformationsbeauftragte des Ev. Kirchenkreises Wittenberg
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