Bericht

Bildungspartner in jeder Lebensphase

23.02.2016

Kooperationen zwischen Bibliotheken und Schulen in Biberach/Riß


Bibliotheken und Schulen arbeiten in Baden-Württemberg an vielen Orten schon lange zusammen. Seit aber PISA auf die schlechten Lesekompetenzen aufmerksam gemacht hat, seit die Lernformen sich verändern und die Schulen sich für außerschulische Kooperationen stärker geöffnet haben, sind viele Kooperationen zusätzlich entstanden oder ausgebaut worden. Leider geschieht dies nicht flächendeckend, sondern ist lokal abhängig von der Bereitschaft der Akteure, den jeweiligen Ressourcen und der politischen Unterstützung vor Ort.

Unterstützung auf Landesebene leistet das im Oktober 2012 verabschiedete gemeinsame Positionspapier der Kommunalen Landesverbände Baden-Württemberg mit dem Landesverband des Deutschen Bibliotheksverbandes: „Öffentliche Bibliotheken sind, als meistgenutzte außerschulische Bildungs- und Kultureinrichtungen, ein wesentlicher Baustein kommunaler Bildungslandschaften.“ Sie schaffen ein frei zugängliches, plurales, zielgruppenorientiertes Bildungs- und Kulturangebot und helfen, die Ziele des Landes und der Kommunen ergebnis- und ressourcenorientiert zu erreichen:
  • in der frühkindlichen Bildung,
  • in der Vernetzung mit örtlichen Schulen und Schulbibliotheken,
  • indem sie aktiv und unabhängig von Herkunft und Einkommen gesellschaftliche Schlüsselkompetenzen fördern,
  • indem sie mit Medien- und Serviceangeboten das lebensbegleitende, individuelle, informelle Lernen unterstützen,
  • indem sie im Verhältnis zu anderen Bildungs- und Kultureinrichtungen bereits jetzt einen überdurchschnittlichen Anteil an Migranten erreichen,
  • indem sie als reale öffentliche Orte ein Knotenpunkt für Information und Kultur sind.
Für Bibliotheken und Schulen liegt die Schnittmenge gemeinsamer Aufgaben und Ziele in
  1. der Leseförderung,
  2. der Versorgung mit Informationen sowie
  3. der Förderung der Medien- und Informationskompetenz.
Das Beispiel der Stadtbücherei Biberach will Möglichkeiten der Zusammenarbeit beschreiben und Anregungen zur Nachahmung geben. Mit Blick auf die individuelle Bildungsbiografie und die bereits praktizierten Übergänge sollen die „Vorarbeiten“ in den Kindertageseinrichtungen an dieser Stelle zumindest kurz gestreift werden.

1. Leseförderung

Lesekompetenz ist und bleibt eine Schlüsselqualifikation für den Bildungsweg unserer Kinder. Frühes Vorlesen und lesende Eltern als Vorbild stärken die Lesemotivation und helfen, den schwierigen Leselernprozess in der Grundschule erfolgreich zu bewältigen. Die Vorlesestudie 2015 „Vorlesen – Investition in Mitgefühl und solidarisches Handeln“ hat dies eindrucksvoll belegt. Deshalb will die Stadtbücherei mit folgenden Angeboten Lust auf Lesen und Bücher machen und die Eltern sensibilisieren.

Bausteine der Lesefrühförderung (0,5 – 6 Jahre)
Die Reihe „Bücher machen Kinder schlau!“ wendet sich an Eltern und Großeltern von Kleinkindern bis zum Alter von 4 Jahren. Während eine Erzieherin Vorlesetipps gibt und neue Bilderbücher vorstellt, entdecken die Kinder betreut die faszinierende Welt der Bücher.
Auf das große Angebot an Bilderbüchern, Vorlesebüchern, Leselernspielen und Erstlesebüchern weisen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtbücherei auch bei Vorträgen in Kindergärten hin oder bei Eltern-Kind-Führungen, die in der Stadtbücherei stattfinden. In diesem Rahmen wird zum Vorlesen angeregt, werden Bücher vorgestellt und Tipps zur Mediennutzung im Vorschulalter gegeben.
Erlebnisführungen für ältere Kindergartenkinder werden ergänzt durch Aufführungen mit dem japanischen Papiertheater Kamishibai oder einem Bilderbuchkino.
Literatur wird für Kindergartengruppen während der Kinder- und Jugendbuchwochen „Durchblick“ im Frühjahr und während des landesweiten Lesefestivals im Herbst, dem „Frederick-Tag“, vor allem durch Kindertheater lebendig und altersgerecht vermittelt.
Ausgerichtet am Orientierungsplan Baden-Württemberg unterstützt die Stadtbücherei Kinderkrippen und Kindergärten auch bei der Bereitstellung von Büchern. Deshalb können „Windelflitzer“ und Kindergartenkinder in den 28 Kooperationseinrichtungen Bücher in vielen „Lesenestern“ und in den Kindergartenbüchereien in Ringschnait und Reute haptisch erleben und ausprobieren.
Die spannenden Inhalte vermitteln die Erzieherinnen und Erzieher oder die ehrenamtlichen Lesepatinnen und -paten unseres Freundeskreises, welcher auch schon mehrfach Buchspenden an die Einrichtungen verteilt hat.
In der Stadtbücherei leihen sich Erzieherinnen zusätzlich Medienboxen, Ergänzungsbestände, Montessori-Materialien, Kamishibai-Bildkartensets, Mitmachkisten und den Bücherwurm Leselotta aus.

Bausteine der Leseförderung für Grundschulen
Ist es gelungen, bei Kindern das Interesse an Büchern und ihren faszinierenden Geschichten zu wecken und damit die Motivation für den Leselernprozess zu stärken, muss parallel ein nach Themen und Schwierigkeitsgrad differenziertes breites Angebot zur Verfügung gestellt werden, denn: Lesen lernt man nur durch Lesen!
Da Kinder eine geringe Mobilität besitzen, eignen sich dafür
  • häufige Besuche der Stadtbücherei mit den Eltern,
  • regelmäßige Besuche mit der Schule zu Erlebnisführungen oder Veranstaltungen,
  • Medienboxen, die von den Lehrkräften ausgeliehen und ins Klassenzimmer gestellt werden (kunterbunte Geschichtenkisten, Themenboxen oder Klassensätze),
  • eine Schulbücherei, die entweder von der Schule oder in Kooperation betrieben wird.
Bei der Bereitstellung von Medien sollten geschlechtsspezifische Vorlieben berücksichtigt werden. Jungs sind besser über spezielle Erstlesereihen, Sachbücher, Zeitschriften oder auch Comics anzusprechen. Gut eignen sich auch unsere Experimentierkoffer mit begleitender Literatur, die Lehrer für den Unterricht ausleihen können.

Um die wunderbare Welt der Bücher(ei) kennenzulernen, werden fünf unterschiedliche Themenführungen für Grundschulklassen angeboten: von der Piratenreise bis zur Krimiführung „Top Secret!“.
Für Sonderschulen gibt es unter dem Titel „Miteinander mit Fritzle“ ein spezielles Angebot an Medienboxen.
Höhepunkt des (Lese-)Schuljahres ist für viele Grundschülerinnen und –schüler die Teilnahme an einer Begegnung mit einer Autorin oder einem Autor, einem Kindertheater oder einem Workshop während der Kinder- und Jugendbuchwochen DURCHBLICK und der Frederick-Wochen in der Stadtbücherei.

Bausteine der Leseförderung für weiterführende Schulen
Mit Abschluss der Grundschule ist der Erwerb einer umfassenden Lesekompetenz längst nicht abgeschlossen. Um flüssiges, sinnentnehmendes Erfassen sowie eine effiziente Bewertung von verschiedenen Textarten einzuüben, unterstützt die Stadtbücherei Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Schülerinnen und Schüler mit zahlreichen Angeboten.

Für die Sekundarstufen I und II präsentiert sich die Bücherei als außerschulischer Lernort mit einem modular aufgebauten Angebot an Führungen. Darin geht es um die Datenrecherche und die Fragestellung „Wie finde ich Informationen in analogen und digitalen Quellen und wie beurteile ich diese?“. Teilaspekte werden je nach Wissensstand der Klasse in Theorie und Praxis aufbereitet und können von den Lehrkräften passend gebucht werden.
Für die Klassen 5 bis 10 werden zudem zwei unterschiedliche Buchvorstellungen angeboten: Bei der „Pressekonferenz“ setzen sich Schülerinnen und Schüler der Klassen 6 bis 7 intensiver mit Jugendromanen bzw. mit Jugendsachbüchern in der Stadtbücherei auseinander und stellen die Ergebnisse ihren Mitschülerinnen und Mitschülern vor. Für Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 10 macht eine Bibliothekarin im Rahmen eines „Buchcasting“ Appetit auf aktuelle und spannende Jugendromane. Die besprochenen Bücher können in einer vorbereiteten Medienbox von der Lehrkraft ausgeliehen und von den Schülerinnen und Schülern in Ruhe zu Hause gelesen werden.
Um dem bekannten Leseknick in der Altersgruppe 13 bis 15 Jahre entgegenzuwirken, werden mit Hilfe von Sondermitteln aus dem Kommunalen Bildungsplan Lesungen speziell für Jugendliche an Biberacher Schulen angeboten.

2. Versorgung mit Informationen

Über 75.000 Medien hält die Stadtbücherei in ihrem zentral gelegenen Medienzentrum auf dem Viehmarktplatz bereit. Alle Medienarten vom Buch über die CD, CD-ROM, DVD, Blu-Ray, Zeitung, Zeitschrift, den Hörstift, das E-Book und die Datenbank bis hin zu Brett- und Konsolenspielen sowie Kunstwerke sind vertreten. Der Anteil der Non-Books liegt bei ca.
24 %, mehr als ein Drittel des Bestandes ist für Kinder- und Jugendliche gedacht. Während 40 Öffnungsstunden pro Woche kann dieses Angebot ganzjährig kostenfrei genutzt werden. Die Ausleihe ist für Schülerinnen und Schüler kostenfrei, Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher bekommen für dienstliche Zwecke einen kostenfreien Institutionsausweis. Eine Beratung wird während der gesamten Öffnungszeit, aber auch per E-Mail angeboten.

Kurze Beine – kurze Wege: Schulbüchereien
Je jünger die Schülerinnen und Schüler, desto stärker sind sie beim Besuch der Stadtbücherei von den Eltern abhängig. Kinder aus buchfernen Haushalten tun sich mit dem Bibliotheksbesuch schwer, weshalb die Stadtbücherei Kindergärten und Schulen bei der Einrichtung von „Lesenestern“ und Büchereien unterstützt. Im Rahmen des Ganztagsunterrichts und des selbstgesteuerten Lernens ist der schnelle, unterrichtsnahe Zugriff auf Informationen in analoger und digitaler Form entscheidend.

Schulbüchereien gab es in der Vergangenheit vielfach in Eigenregie der Schulen. Leider waren viele bzgl. Personal, Räumlichkeiten, Medienetat und Technik völlig unzureichend ausgestattet. Sie lebten vom Engagement einer Lehrkraft und verstaubten, wenn diese die Schule verließ oder frustriert aufgab, weil die Ressourcen versiegten oder das Interesse der Schülerinnen und Schüler und der Kolleginnen und Kollegen zu gering war.

Größere Nachhaltigkeit kann die Kooperation mit der kommunalen Bücherei erzielen. Dabei können die bibliothekarischen Partner punktuell bei der Planung, Einrichtung und beim Bestandsaufbau helfen, als schulbibliothekarische Arbeitsstelle kontinuierliche Unterstützung leisten oder die Schulbücherei als Zweigstelle der Bücherei unter ihre fachlichen Fittiche nehmen.

Zweigstellen können nichtöffentlich nur für Schulzwecke oder in Kombination mit öffentlichem Zugang betrieben werden. Das gemeinsame Konzept entscheidet, ob sie eine reine Schülerbücherei oder auch mit Literatur für Lehrer und evtl. Eltern ausgestattet ist und womöglich auch Lehr- und Lernmittel verwaltet.

In Biberach betreiben wir die Mediothek der Gymnasien seit Mai 2008 als nichtöffentliche Zweigstelle für derzeit rund 1.800 Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer der beiden Gymnasien auf 300 qm.
Im September 2014 konnten wir eine weitere Zweigstelle für rund 1.400 Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer der Gemeinschaftsschule und der Realschule mit 315 qm eröffnen.
Darüber hinaus unterstützen wir sechs von Lehrkräften und Ehrenamtlichen geführte Büchereien an Grundschulen der Stadt.
Zunehmend veranstalten wir Lesungen mit Autorinnen und Autoren nicht nur in der Stadtbücherei, sondern für unsere Kooperationspartner auch direkt an der Schule.

Im „Netzwerk Lesen“ wird die Nachhaltigkeit der gemeinsamen Leseförderung durch Kooperationsverträge nachhaltig gesichert: Mehr als 50 Vereinbarungen mit Kindergärten und Schulen über Ziele und Aufgaben konnten in den vergangenen Jahren abgeschlossen werden.

Im Landkreis Biberach gibt es nur sieben Orte mit hauptamtlicher Bibliotheksversorgung.
60 % der Bevölkerung wohnen in Orten ohne eine Bibliothek. Deshalb versucht der Landkreis über das Landesprojekt Bildungsregion, die Einrichtung von Schulbüchereien an Grundschulen mit einer 50-prozentigen Bezuschussung zu forcieren. In einem zweiten Projekt wird die Kooperation dieser Schulbüchereien mit den umliegenden Kindergärten durch zusätzliche Medienpakete gefördert.

Die Stadtbücherei versucht, über ihre Mitarbeit in der Bildungsregion die Vernetzung unter den Schulbüchereien zu verbessern. Dazu tragen sicherlich auch die Biberacher Schulbibliothekstage bei, die seit November 2012 im zweijährigen Rhythmus stattfinden. Ergänzend zum Standardwerk „Handbuch Schulbibliothek“ wurde für die Kooperationspartner ein ergänzendes „Handbuch Plus“ herausgegeben.

3. Förderung der Medien- und Informationskompetenz

Die mediale Informationskompetenz beinhaltet sowohl die technische Fähigkeit, moderne Kommunikationsgeräte bedienen zu können, als auch die für Kinder weit schwierigere Fähigkeit, die Inhalte und Tragweite der damit transportierten Daten zu verstehen, einzuordnen, zu bewerten und effizient nutzen zu können.
Viele Eltern sind durch den Wissensvorsprung ihrer Kinder im technischen Bereich, durch ein intensives Marketing der Unterhaltungsindustrie und fehlendes Wissen um die Herkunft und Entstehung von Informationen verunsichert.
Deshalb bieten die Medienspezialisten der Stadtbücherei entsprechende Workshops für Schulklassen an. Für Erwachsene finden in der Reihe „E-Life“ Vorträge zu neuen digitalen Medien statt mit der Möglichkeit, diese zu testen. Außerdem gibt es regelmäßige Sprechstunden, in denen ein Medienexperte der Stadtbücherei im Einzelgespräch Fragen rund um das elektronische Angebot der Stadtbücherei beantwortet und praktische Hilfe bei konkreten Anwendungsproblemen bietet.
Bei den zehn Medienkompetenzbausteinen, die die Stadtbücherei in der Mediothek der Gymnasien anbietet, wurde vor allem auf die passgenaue Anbindung an den Unterricht geachtet: durch die Verknüpfung von Wissensaneignung mit der (Recherche-) Kompetenzförderung sollen Synergieeffekte erzeugt und der Sinn der Übungen verdeutlicht werden. Selbstverständlich werden dabei sowohl analoge als auch digitale Quellen genutzt und miteinander verglichen.

Der neue Bildungsplan 2016 erfordert mit seiner dreifachen Differenzierung der Leistungsstufen eine erneute Anpassung und Gliederung der Inhalte. Diese Aufgabe bietet zahlreiche Chancen, erfordert aber auch eine intensivere Beschäftigung mit bibliothekspädagogischen und –didaktischen Grundlagen.

Autor:
Frank Raumel
Bibliotheksleiter
Medien- und Informationszentrum Stadtbücherei
Viehmarktstr. 8
88400 Biberach
E-Mail: frank.raumel@biberach-riss.de
Internet: www.medienzentrum-biberach.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de