Bericht

Ein Schmuggelfund aus dem KZ – Erinnerung, Kunst und Menschenwürde

30.01.2013

Annalise-Wagner-Preis 2012 für eine Projektmappe


Unter Lebensgefahr schmuggelten polnische Frauen und Mädchen 1943 Briefe und Gedichte aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. 1975 im Wald bei Neubrandenburg wiederentdeckt, war dieser Fund der Ausgangspunkt für die Entwicklung von Projektmaterialien für den fächerübergreifenden Unterricht. Gefördert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ erstellten die Autoren Dr. Constanze Jaiser und Jacob David Pampuch eine Projektmappe, die eine Verbindung zwischen historischem Lernen und Menschrechtsbildung im Unterricht ermöglicht. Schülerinnen und Schüler können mit authentischen Quellen historisches Wissen zur NS-Geschichte erschließen und dieses in Bezug zu Fragen nach Menschenrechten stellen.

Für ihre Projektmappe „Ein Schmuggelfund aus dem KZ – Erinnerung, Kunst und Menschen“ zeichnete die Annalise-Wagner-Stiftung die Autoren Dr. Constanze Jaiser und Jacob David Pampuch mit dem Annalise-Wagner-Preis 2012 aus. In ihrer Begründung hob die Jury des Preises die innovative Methode der Projektmaterialien hervor: „Die Autoren eröffnen damit ausgehend von einem konkreten, außergewöhnlichen Zeugnis regionaler Geschichte den weiten Horizont einer Werte-Debatte in ideenreichen, sinnlich fassbaren Angeboten: Junge Leute werden ermuntert, sprachliche, mediale, emotionale, künstlerische Zugänge zum Thema zu erkunden.“

Die Projektmaterialien ermöglichen es, die spannende Geschichte des Schmuggelfundes nachzuvollziehen. Der in den 1970er-Jahren in einem Waldstück bei Neubrandenburg ausgegrabene Glasbehälter enthielt Dokumente, die polnische Häftlinge als zukünftige Beweismittel von Menschenrechtsverletzungen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück geschmuggelt hatten: Briefe, Gedichte, künstlerische Dokumente, Erschießungslisten und Listen zu medizinischen Experimenten. Die daraus entwickelten Unterrichtseinheiten schlagen Brücken zwischen historischem Lernen und Menschenrechtsbildung. Dr. Constanze Jaiser und Jacob David Pampuch nehmen den Schmuggelfund als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Projekts zum Thema Menschenwürde. Sie schlagen verschiedene Bausteine vor, die sich für den fächerübergreifenden Unterricht, für Projekttage oder eine Projektwoche, aber auch für kleinere Unterrichtseinheiten von einer oder zwei Doppelstunden eignen.

Baustein 1: (Über-)Leben im Konzentrationslager – die Botschaft des Schmuggelfundes
Über Arbeitsblätter und Hörbeispiele sollen Zugänge zum Schmuggelfund aus Geschichte und Gegenwart gefunden werden. Zunächst soll eine Definition von Menschenwürde erarbeitet werden, um danach die entwürdigende und rechtlose Lage von KZ-Häftlingen zu analysieren und die Möglichkeiten von Selbstbehauptung in aussichtsloser Lage auszuloten.

Baustein 2: Konzentrationslager und Menschenwürde – einem Überlebenden zuhören
Im Mittelpunkt steht ein Interview mit dem Überlebenden Peter Havaš, der als Kind im Männerlager des KZ Ravensbrück inhaftiert war. Die Verletzungen der Menschenwürde und das Recht auf personale Identität wahrnehmen zu lernen, ist Ziel dieses Bausteins.

Baustein 3: Entwürdigung und grausame Behandlung – Gedichte genau lesen
Am Beispiel zweier Gedichte, die im KZ Ravensbrück entstanden und Teil des Schmuggelfundes sind, werden Chancen und Grenzen von Sprache angesichts von Grausamkeit und Erniedrigung deutlich. Ziel ist es, die Verbindung von Menschenwürde, Menschenrechten und poetischer, musikalischer Sprache zu erkennen. Wie sich Entwürdigung und grausame Behandlung auf die Sprachfähigkeit auswirken, ist ein weiteres, auch auf das Heute bezogenes Ziel.

Baustein 4: Nach Gott fragen – eine Ausstellung zum Gedichtzyklus „Letzte Augenblicke“
Gedichte aus dem Schmuggelfund sollen in einer Ausstellung präsentiert werden. Über Collagen können Menschenrechtsverletzungen im KZ, aber auch Möglichkeiten von Selbstbehauptung verarbeitet werden. Neben der kognitiven und emotionalen Auseinandersetzung mit dem Thema Tod soll ein kreativer Umgang mit historischen Dokumenten und poetischen Zeugnissen gefunden werden.

Baustein 5: Kunst als Strategie der Erinnerung – ein filmisches Denkmal gestalten
Hier wird der Blick auf die biografischen Spuren der polnischen Frauen gerichtet, die Opfer von Erschießungen und medizinischen Experimenten wurden. Vorgestellt wird hier, welche Möglichkeiten das Erstellen eines Videoclips aus Fotos, Dokumenten, eigenen Worten und Musik für eine menschenwürdige Erinnerung und eine Auseinandersetzung mit eigenen Gefühlen und Gedanken zum Thema bietet.

Baustein 6: Polinnen – Arbeit an Vorurteilen
Historische und aktuelle Dokumente werden wie polenfeindliche Sprüche aus der NS-Zeit und NPD-Plakate nebeneinandergestellt. Die Annäherung an das Menschenbild im Nationalsozialismus erfolgt über Stereotype und Vorurteile gegenüber anderen Nationalitäten. Erörtert werden Erniedrigung und Ausgrenzung damals und heute.

Baustein 7: Die Sehnsucht nach Rache – eine Radiosendung
Im Zentrum steht ein Rachegedicht, das in Ravensbrück unter vielen Polinnen den Status einer Hymne hatte. Mit diesem historischen Zeugnis sowie mit Aussagen Überlebender wird gezeigt, dass Hass und Rachebedürfnis überlebenswichtig sein konnten, auf Dauer jedoch nicht lebensfähig machen. Auch im Heute begegnet man Rachegefühlen; es wird diskutiert, welchen Umgang man damit finden könnte.

Baustein 8: Zur Verantwortung gezogen – ein Gerichtsprozess gegen die Lagerärzte
Die im Schmuggelfund dokumentierten Zwangsoperationen von polnischen Frauen werden in die Nachkriegsperspektive einer juristischen Ahndung gestellt. Die Beschreibung dieser Verbrechen soll mit einer Analyse und Beurteilung verschiedener Sichtweisen verbunden werden. Aus Unterlagen über den Nürnberger Ärzteprozess von 1946/47 soll ein Gerichtsverfahren nachgestellt werden. Dies erfordert das (arbeitsteilige) Studium der Täter- und Opferperspektive und einen quellenkritischen Umgang mit den Dokumenten.

Constanze Jaiser, Jacob David Pampuch
Ein Schmuggelfund aus dem KZ – Erinnerung, Kunst und Menschenwürde
Projektmappe für den fächerübergreifenden Unterricht
168 Seiten, 53 Arbeitsblätter, 36 Paarkarten, 2 CDs
Metropol Verlag 2012
ISBN: 978-3-86331-073-8
19,– Euro

Über den Annalise-Wagner-Preis
Der Annalise-Wagner-Preis ist ein regionaler Literaturpreis, benannt nach der verdienstvollen Heimatforscherin, Sammlerin und Autorin Annalise Wagner (1903 - 1986), deren Vermächtnis die Annalise-Wagner-Stiftung bewahrt und verwirklicht. Der Preis soll auf inhaltlich und literaturästhetisch hervorragende Texte aus der oder über die Region Mecklenburg-Strelitz/Stargarder Land aufmerksam machen, die nachhaltig zum „Gedächtnis der Region“ beitragen und von besonderem Wert für die Erinnerungskultur und das kollektive Gedächtnis sind. Der mit mit 2500.- Euro dotierte Preis wird für einen wissenschaftlichen, populärwissenschaftlichen oder belletristischen Text aller Gattungen und Genres vergeben, der inhaltlich auf die Region Mecklenburg-Strelitz bzw. auf das Gebiet des historischen Stargarder Landes Bezug nimmt oder der von Autorinnen oder Autoren verfasst wurde, welche in dieser Region leben. Auf Vorschlag der Jury kann zusätzlich zum Annalise-Wagner-Preis jährlich eine „Lobende Anerkennung für junge Autoren“ an Autoren bis 27 Jahre vergeben werden. Diese ist mit 200 Euro dotiert und wird durch Spenden an die Annalise-Wagner-Stiftung finanziert.

Kontakt:
Heike Birkenkampf
Annalise-Wagner-Stiftung
c/o Regionalbibliothek Neubrandenburg
Friedrich-Engels-Ring 53
17033 Neubrandenburg
Tel.: (0395) 5551333
E-Mail: stiftung.bibl@neubrandenburg.de
Internet: www.annalise-wagner-stiftung.de
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