Schülertext

Grüner Lorbeer® für zehn Schreibtalente aus der Schweiz

17.09.2012

Nachwuchspreis der Eckenroth-Stiftung


Die Preisträgerinnen und Preisträger des Schreibwettbewerbs „Nachwuchspreis Grüner Lorbeer® 2012“ kommen in diesem Jahr aus der Schweiz. Sie haben den Preis der Eckenroth Stiftung am 01. September im rheinland-pfälzischen Weindorf Eckenroth entgegengenommen. Die Stiftung entdeckt mit dem jährlichen Schreibwettbewerb Talente im Alter zwischen 10 und 14 Jahren und bietet ihnen ein Vollstipendium für zunächst zwei Jahre. Im 15. Jahr seines Bestehens wurde der Wettbewerb erstmals in der Schweiz ausgeschrieben. Neun Kinder absolvierten am Wochenende der Preisverleihung ihr Einstiegstraining in die dauerhafte Förderung. „Schreibe eine selbst erlebte Geschichte auf maximal zwei Seiten“, lautete die Aufgabe des Wettbewerbs. 218 Kinder haben eine Geschichte eingesandt. Die Teenager erzählen von ihren Gedanken und Gefühlen in ganz alltäglichen Situationen und von eindrucksvollen Begegnungen. Egon Ammann, Verleger und Schirmherr des diesjährigen Schreibwettbewerbs, hat zusammen mit fünf weiteren Juroren zehn Preisträgerinnen und Preisträger ausgewählt. Am 10. Oktober stellen die jungen Schreibtalente ihre Texte auf der Frankfurter Buchmesse vor. Wir veröffentlichen nachfolgend die prämierten Geschichten von Runa Wehrli und Alina Zumbrunn.


New York Brooklyn
von Runa Wehrli, 13 Jahre

„Da isch etzt aber gar kä schöne Witz gsi... Nei... New York Brooklyn... Da isch etz aber gar kä schöne Witz gsi...“
Der Mann ist nicht besonders groß, hat spärliches graues Haar und ist seinem Alter entsprechend angezogen. So wie sich ältere Menschen nun mal zu kleiden pflegen, wenn sie von ihrer allwöchentlichen Tageswanderung zurückkommen:
Wanderschuhe, Wollsocken, kurze Hosen, Hemd, Rucksack und in diesem Fall eine Baseball-Cap.
Wahrscheinlich läuft er das ganze Jahr so herum, obwohl es Anfangs Februar ist und nicht gerade die wärmsten Temperaturen herrschen. Nach achteinhalb Minuten in der Dämmerung bei Schneeregen auf dem Bahnsteig stehen und dem Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr zusehen, ist man auf jeden Fall ziemlich durchgefroren.
Ich bin also froh gewesen, dass der Zug endlich ankam. Der Geruch der Bremsklötze ist mir ausnahmsweise mal sehr willkommen gewesen.
Kaum anders als um halb sieben zu erwarten, füllt sich der Zug rasch und mein durch Reindrängen ergattertes Abteil ist bald um zwei freie Sitzplätze ärmer und dafür um einen „Blick am Abend“ reicher geworden. Was kann man sich anders wünschen.
Freitagabend. Halb sieben. Normal. Alltag.
Die nächsten fünf Minuten verlaufen auch genau so, wie es schon für ewig in einem Buch festgeschrieben zu stehen scheint. So wie immer. Wie jede Zugfahrt. Schicksal. Alltag. Wie man es auch immer nennen mag. Das normale Verhalten, durchschnittlich verdienender, arbeits- oder schultätiger Menschen an einem Freitagabend.
Der Mann gegenüber schreibt irgendetwas in sein IPhone und hört genau so laut Musik, dass gerade noch der Bass zu hören ist, die Frau schräg über den Gang liest in einem Buch. Mein Sitznachbar starrt Löcher in die Knie seines nicht vorhandenen Gegenübers.
Ich versuche mit meinen eingefrorenen Fingern die richtige Stelle in meinem Buch zu finden. Nach dreimal den gleichen Satz lesen, ohne dass sich sein Sinn erschließt, gebe ich es auf und schaue zum Fenster hinaus. Was jedoch nur zur Folge hat, dass meine rechte Wange so kalt wird wie meine Finger, denn sehen kann ich unterdessen gar nichts mehr, außer ein paar einsame rote Lichter am Ende des Bahnhofs.
Ein einfahrender Zug, eine unverständliche Ansage, vorbei eilende Leute und er tritt ein. Der alte Mann mit den kurzen Hosen im Februar und der grünen Baseball-Cap, die nicht zu seinem Outfit passen will.
Er tritt ein und murmelt vor sich hin, dass das aber kein schöner Witz gewesen sei. New York Brooklyn. Diese Worte wiederholt er die ganze Zeit, wie um sie einem unsichtbaren Gesprächspartner verständlich zu machen, dass er die jetzt endlich begreife.
Der Mann läuft in einem leicht hinkenden Gang an uns vorbei, zum Durchgang in den nächsten Wagen. Als er zwei Abteile weiter ist, hängt da dieser Gedanke spürbar in der Luft. Zwischen uns, im Gang, zwischen den beiden Abteilen. Für einen Moment teilen fünf unterschiedliche Menschen diesen Gedanken. New York Brooklyn? Was für ein Witz?
Wir schauen uns an, Blicke kreuzen sich kurz, ein Lächeln und jeder geht wieder seinen Weg. Es ist ein und derselbe Gedanke gewesen, doch ich bin wohl die
Einzige, die ihn eingepackt und mitgenommen hat.
Ich habe ihn nicht verloren. Es war vielleicht ein unbedeutendes Erlebnis, doch auch vier Monate später kann ich mich noch immer daran erinnern. Haargenau. Ins kleinste Detail.
Ich starre zurück in die Dunkelheit nach draußen. Die Frage lässt mich nicht los. Der Mann erscheint mir plötzlich beinahe unheimlich. Wer ist er? Was hat er erlebt? Andererseits... wieso interessiere ich mich für die Vergangenheit eines wildfremden Mannes, der Selbstgespräche führt? Ich hasse es, nicht zu wissen. Unbeantwortete Fragen. Ich will das ganze Buch lesen. Nicht nur den Anfang. Oder war es das Ende? Ich will wissen warum. Schon immer. In Büchern wird diese Frage immer beantwortet. Aber im echten Leben? Nein, da passiert es einfach. Ohne Erklärung. Der Zug fährt trotzdem unbekümmert weiter. Er hält sich strikt an seinen Fahrplan. Fährt von einem Ort zum nächsten. Nur darauf bedacht pünktlich anzukommen. Die Dunkelheit rast immer schneller an uns vorbei. Ab und zu brennt ein Licht in einem einzelnen Haus. Immer wieder überholen wir ein Auto. Ein anderer Zug fährt an uns vorbei. Normal. Alltag.
Es hat wieder zu regnen begonnen. Der Wind wird heftiger, rüttelt an der Glasscheibe. Ich denke daran, in diesem Sturm heimgehen zu müssen und vermisse meine Regenjacke sehnlichst. Im Wagen drin beachtet niemand das Unwetter. Es denkt auch niemand an einen alten Mann, der etwas vor sich hinmurmelt. Niemand
überlegt sich, wer er ist.
Die Zeitung, die beste Freundin und das anstehende Wochenende sind wichtiger. Alltag. Normal.
„Ziegelbrücke, Endbahnhof. Wir bitten alle Reisenden auszusteigen und verabschieden uns von Ihnen.“
Ich klappe mein Buch zu und stehe auf. Ziegelbrücke. Endbahnhof. New York Brooklyn.


Kleine, heile Welt
von Alina Zumbrunn, 14 Jahre

Ich sitze im Bus, leicht frierend, kein Wunder, es ist Winter. Draußen zieht Berlin an mir vorbei. Ich kann es immer noch nicht glauben: Berlin! Ich bin tatsächlich hier. Wie lange habe ich mir das gewünscht? Und jetzt ist mein Traum in Erfüllung gegangen. Die leichten Schneeflocken, welche draußen im Licht der Straßenlaternen ihren wilden Tanz aufführen, die hereinbrechende Nacht, es ist einfach Magie. Diese Stadt hat eine unsichtbare Anziehung. Selbst die kühle Stimmung zwischen meiner Familie und mir schafft es nicht, meine gute Laune zu zerstören.

Meine Eltern sitzen vor mir, mein Bruder neben mir, am Fenster. Ich selbst sitze am Gang, es geht nicht anders, sobald ich eingeschlossen bin zwischen Sitzen, dem Fenster und einer anderen Person, bekomme ich Platzangst. Oder bilde ich mir das nur ein? Ist das bloß die Pubertät? Hoffentlich... Ich will nicht mein Leben lang dieses mulmige Gefühl im Magen spüren, wenn ich in einer Menschenmenge bin oder in einem kleinen Raum.

Wie weit wir bereits gefahren sind oder noch fahren werden, weiß ich nicht. Wir suchen nach einem Restaurant, einer Pizzeria. Alles andere interessiert mich nicht, eigentlich interessiert mich nicht einmal die Pizza wirklich, solange ich in Berlin und glücklich bin. Die Vorfreude ist also gerechtfertigt gewesen und die Stadt hat mich nicht enttäuscht. Der Bus schlängelt sich durch den Abendverkehr, hält an den Stationen an, ganz ohne Stress. Der Fahrer scheint erfahren zu sein, er weiß, dass es keinen Sinn hat zu hupen oder zu drängeln. Geduld ist das Zauberwort.

Wieder halten wir an, Leute steigen aus, andere steigen ein. Ich mustere sie unauffällig, ohne wirkliches Interesse, mehr aus Langeweile. Doch zwei junge Männer, die einsteigen, fallen mir sofort auf. Der eine mit den braunen Haaren, einem Pferdeschwanz und einer Brille. Kein Typ, der große Chancen auf den Titel Mr. Germany hätte. Doch seine Augen, seine dunkelbraunen Augen... Diese Wärme und Offenheit, welche sie ausstrahlen, diese Blicke, die er seinem Begleiter zuwirft. Ich muss einfach lächeln.

Der andere junge Mann hat ebenfalls braune Haare, einen verträumten, abwesenden Blick, die Körperhaltung ist leicht verdreht, die Gangart ziemlich steif. Er ist offensichtlich geistig behindert. Sein Freund hilft ihm einzusteigen und setzt ihn vorsichtig auf die Bank direkt hinter mir. Ich werfe einen schnellen Blick zurück, wie die Leute es häufig tun, diese eine Sekunde, in der man so viel über die Personen erfährt, wenn auch nur Äußerliches.

Wir fahren weiter, unter den Linden hindurch. Wunderschön, wie alle Bäume mit Leuchtketten dekoriert sind, beinahe ein wenig unwirklich. Die Personen draußen eilen vorbei, die meisten kommen wohl von der Arbeit nach Hause, zu ihrer Familie, ihrem Partner oder ihren Freunden. Sie sehen alle nicht besonders glücklich aus, kaum einer hat ein Lächeln auf dem Gesicht. Ob sie wirklich nicht glücklich sind oder einfach nur zu müde, um zu lächeln? Vielleicht wissen sie gar nicht, was für ein schönes Leben sie hier haben. Und dass andere so ziemlich alles tun würden, um mit ihnen zu tauschen. „Ist dir heiß?“ Erstaunt zucke ich zusammen, mit laut gesprochenen Worten habe ich nicht gerechnet. Ehrlich gesagt habe ich mit überhaupt keinem Wort gerechnet. Unauffällig drehe ich mich nach rechts und blicke aus dem Fenster, als würde ich die Leute draußen beobachten. In Wirklichkeit versuche ich, durch die Spiegelung einen Blick auf die beiden hinter mir werfen zu können. Der Langhaarige hat die Frage offensichtlich an seinen Freund gerichtet. Dieser nickt leicht.

In welchem Verhältnis die beiden wohl zueinander stehen? Geschwister? Hm, nein, sie gleichen sich nicht wirklich. Vielleicht einfach nur Freunde. All zu viele weitere Optionen gibt es ja auch gar nicht. Ob ich wohl auch mal so jemanden finden werde? Der mir solch liebevolle Blicke zuwirft, ohne irgendeine Gegenleistung zu verlangen. Einfach nett sein will zu mir, weil er mich mag. Gibt es überhaupt noch Menschen, die geben wollen und nicht nehmen? Die zuhören wollen und nicht reden? Wahrscheinlich nicht mehr viele... Der Langhaarige hat mittlerweile die Jacke seines Freundes geöffnet und seinen Schal etwas gelockert. „Na, ist es besser so?“ Diese Wärme in seiner Stimme... Ich lächle und senke beschämt meinen Blick. So etwas wollte ich eigentlich gar nicht sehen, diese Welt, in der die beiden leben, diese kleine, heile Welt, ich sollte sie gar nicht sehen. Ich bin ein Fremdling, ein Eindringling, der alles zerstört.

Die Neugier ist stärker als der Anstand, ich beobachte wieder in der Spiegelung des Fensterglases die beiden jungen Männer. Der Behinderte nickt etwas steif und murmelt „besser“. Zumindest verstehe ich das. Ich verspüre ein merkwürdiges Bedürfnis, ihn in die Arme zu schließen. Doch das wäre falsch, wir kennen uns ja gar nicht. Merkwürdig, er ist doch nur ein Fremder. Vor fünf Minuten habe ich noch gar nichts von seiner Existenz gewusst. Und doch geht mir das alles nahe, es berührt mich. Die Bestätigung seines Freundes hat dem Langhaarigen einen noch liebevolleren Gesichtsausdruck gezaubert. „Wusste ich es doch, kleines Vögelchen.“ Wieder lächle ich. 'Kleines Vögelchen' hat er ihn genannt. Warum wohl? Vielleicht, weil er in ihrer kleinen, heilen Welt frei sein kann. Frei herumfliegen, glücklich sein. Oder weil er zerbrechlich ist... Ich wünsche mir, nur ein einziges Mal in meinem Leben so genannt zu werden. Mit derselben warmen, glücklichen Stimme.

Meine Mutter hat sich nach hinten umgedreht und erklärt nun: „Bei der nächsten Station steigen wir aus.“ Ich nicke nur abwesend, im Geist versuche ich, die Szene und die Worte eben zu speichern, in meinem Herzen zu behalten, sie nie wieder zu verlieren. Man kann Menschen Geschenke machen, teure Diamanten, Ringe, Uhren, doch diese beiden jungen Männer haben mir etwas ganz anderes geschenkt.

Sie haben mir gezeigt, dass es noch wahre Freundschaft gibt. Sie haben mir einen kurzen Einblick in ihre heile Welt gegönnt. Die beiden Worte „kleines Vögelchen“ haben sie mir geschenkt. Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann. Kein Wunder, ein solches Erlebnis ist schließlich auch unbezahlbar. Während wir aus dem Bus steigen und sich die zufällig aufeinander getroffenen Wege wieder trennen, beschließe ich, dies alles als Geschenk Berlins an mich in meinem Herzen zu bewahren.


Preisträgerinnen und Preisträger „Grüner Lorbeer®“ 2012
Benjamin Bieri, 15 Jahre, „Regentropfen wie Trommelstecken“
Lisa Bühlmann, 13 Jahre, „Ein nächtlicher Besucher“
Matthias Holm, 15 Jahre, „Zehn Minuten in Edmonton“
Alexandra Köbelin, 12 Jahre, „Der Brotdieb in Venedig“
Robert Mokry, 11 Jahre, „Allein!?“
Mara Yagmur Richter, 12 Jahre, „Die Bank“
Gian Russi, 12 Jahre, „Klettertour“
Anna Milena Sutter, 13 Jahre, „Girl in Black“
Runa Wehrli, 13 Jahre, „New York Brooklyn“
Alina Zumbrunn, 15 Jahre, „Kleine, heile Welt“

Alle preisgekrönten Texte sind auf der Internetseite der Eckenroth Stiftung abrufbar unter:
www.eckenroth-stiftung.de/index.php?id=107

Kurzinformation Eckenroth Stiftung
1993 wurde die gemeinnützige Eckenroth Stiftung gegründet. Schon damals ist Eckenroth ein Ort für Autoren. Der Grimmepreisträger und Intendant Klaus Wagner bietet jungen Theaterautoren Raum und Zeit, an ihren Stoffen weiterzuarbeiten und sie unter fachlicher Begleitung zur Bühnenreife zu bringen.
Madeleine Lienhard, die Theatermacherin mit Nase für Begabungen, will die Förderung in Eckenroth institutionalisieren. Die Idee, den Autorennachwuchs bereits im Kindesalter zu entdecken und auszubilden führt dazu, ein methodisch einzigartiges, mehrstufiges Förderprogramm zu entwickeln.
1998 wird Nachwuchspreis Grüner Lorbeer® erstmals angeboten und ausgeschrieben. Schreib-Training, Unterbringung, Verpflegung und Betreuung für den Autorennachwuchs trägt die Stiftung. Das gesamte Förderprogramm finanziert sich aus Spenden.

Kurzinformation Nachwuchspreis Grüner Lorbeer®
Eckenroth fördert den Autorennachwuchs bis zur Berufsreife und bietet ihm kulturelle Bildung und Ausbildung. Die Stiftung nimmt Talente bereits in einem Alter von zehn Jahren auf. 26 junge Autoren aus verschiedenen Jahrgängen arbeiten zurzeit in dem mehrstufigen Förderprogramm; sieben von ihnen studieren inzwischen fachbezogen.
Zehn- bis 14-jährige Kinder, die den Nachwuchspreis erlangen wollen, können sich mit einer selbsterlebten Geschichte dem Votum einer Jury stellen. Der Schreib-Wettbewerb wird jährlich zwischen Januar und Mai ausgeschrieben.
Das umfangreiche Preispaket beinhaltet die Chance, über das Einstiegstraining in das langjährige Programm aufgenommen zu werden. Wer den Wettbewerb verpasst, kann sich über einen Quereinsteiger-Test qualifizieren. 2012 wandert der Nachwuchspreis erstmals in die Schweiz.


Kontakt:
Philip W. Berghoff
Eckenroth Stiftung für Medienkultur
Soonwaldstrasse 4 - 5A
55444 Eckenroth
Tel.: (06724) 8400
E-Mail: berghoff@eckenrothstiftung.de
Internet: www.eckenroth-stiftung.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de