Bericht

Leseförderung in Bogotá

31.05.2012

Angebote in öffentlichen Bibliotheken 12 Stunden täglich


Einen bedeutenden Beitrag zur Förderung der Lesekultur in Kolumbien leistet seit 1988 die „Feria Internacional Libro Bogotá“. Jedes Jahr im April ist die Internationale Buchmesse wichtigster Treffpunkt für Autorinnen und Autoren, Grafikerinnen und Grafiker, Verlegerinnen und Verleger, Leserinnen und Leser aus dem In- und Ausland und speziell aus den Andenländern, aus Mittelamerika, der Karibik und den Vereinigten Staaten. In diesem Jahr fand im Rahmen der Buchmesse eine Konferenz zum Thema „Verbindung von öffentlicher Bibliothek und Schulbibliothek“ statt, an der Günter Schlamp von der Arbeitsgemeinschaft der Schulbibliotheken in Berlin und Brandenburg, auf Einladung der Direktorin des Stadtbibliotheksnetzes von Bogotá teilnahm. Im folgenden Beitrag schildert Herr Schlamp seine Eindrücke von der Buchmesse und berichtet vom Engagement des Bibliotheksnetzes BibloRed bei der Förderung des Lesens und Schreibens sowie von Besuchen in der Zentrale der Stiftung „Fundalectura“ und in den Schulbibliotheken des „Centro Educativo Scalas“ und des „Collegio Andino“.

Eine Messehalle für Leseförderaktivitäten
Brasilien war das Gastland der 25. Internationalen Buchmesse Bogotá vom 18. April bis 1. Mai 2012. Das Land stellte sich in einer großen Halle beeindruckend dar: Viel helles, warmes Holz, exzellente Fotografien, die in Würfeln im Raum hingen, ein überwältigendes Bücherangebot, mit brasilianischer Gastronomie, einem durch Handbewegungen steuerbaren Videofilm auf Großbildleinwand, der die Sehenswürdigkeiten dieses Riesenlandes zeigte. Das Selbstbewusstsein einer nicht mehr nur regionalen Großmacht war spürbar.

Die Messe war an einigen Tagen nur für das Fachpublikum geöffnet, ansonsten für das allgemeine Publikum. Ähnlich wie in Leipzig fielen die Heerscharen von Schulklassen auf. Sie waren gut sichtbar, weil sie in Kolonnen, gekleidet in bunte Schuluniformen, an denen Kenner die Schulform ablesen können, durch die Hallen liefen. Sogar Vorschulkinder, die sich gegenseitig an den Pullis festhielten, wurden herumgeführt. Auf die Kinder und Jugendlichen warteten Leseförderaktivitäten, für die es eine eigene Halle gab. Der Messebesuch von Schulklassen wird von der Regierung gefördert.

Das Bibliotheksnetz BibloRed der (offiziell) Siebeneinhalb-Millionen-Einwohner-Stadt Bogotá war zwei Wochen lang täglich mit drei bis fünf Veranstaltungen auf der Buchmesse vertreten: akademische und literarische Veanstaltungen, Workshops für Familien sowie für Kinder und Jugendliche.

Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken
Mitten im Messetrubel stand das Veranstaltungszelt, in dem die Vorträge und Seminare zur Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken stattfanden. Zwei Vorträge behandelten das Thema Vermittlung von  Informationskompetenz, Maria José Vitorino stellte den beachtlichen Stand des portugiesischen Schulbibliothekswesens vor und Günter Schlamp berichtete über Schulbibliotheken aus der Sicht des Lehrers.
Am zweiten Tag wurden verschiedene Projekte aus Bogotá vorgestellt. Ein Schulbibliothekar schilderte z.B., wie es gelingen kann, über die Kinder auch die Eltern zum Lesen zu verlocken. Ein anderer Beitrag demonstrierte Bemühungen, tauben Schülerinnen und Schülern die selbstständige Nutzung von Schulbibliotheken zu ermöglichen und sie beim Spanischlernen zu unterstützen. Auf der Bühne schilderten taube Schülerinnen in Gebärdensprache ihre Erfahrungen mit der Schulbibliothek, während die Gebärdendolmetscherin im Publikum saß und und übersetzte.
Bogotás öffentliche Bibliotheken engagieren sich in erstaunlichem Umfang für die Förderung des Lesens und Schreibens. Stadtteilbibliotheken bieten z.B. Kurse für kreatives Schreiben an, in denen sich jüngere und ältere Bürgerinnen und Bürger miteinander austauschen und ihre Geschichten aufschreiben können. Es gibt Leseclubs für Jugendliche und Senioren. Vorschulkinder beobachten Pflanzen beim Wachsen. Bibliothekarinnen bringen die passenden Bücher mit und lesen daraus vor. Mitarbeiter des Botanischen Gartens steuern ihr Fachwissen bei.

BibloRed fördert das Lesen und Schreiben
Das Bibliotheksnetz BibloRed untersteht dem regionalen Erziehungsministerium. Zu ihm gehören vier große Bibliotheken, 16 Stadtteilbibliotheken und ein Bücherbus. Es entstand Ende der 90er Jahre im Rahmen eines Programms zur Erhöhung der Lebensqualität in Bogotá. Auftrag der Bibliotheken ist es, zur Förderung des Lesens und des Schreibens und zur Alphabetisierung beizutragen. Das Programmangebot ist reichhaltig, am dichtesten samstags und sonntags. Ein fünfseitiger Flyer ist nötig, um alle Aktivitäten zu erfassen. Der Umgang mit dem Computer heißt übrigens „alfabetización informacional“. Gefängnisse und Krankenhäuser werden mit Büchern versorgt, für Väter von Kleinkindern gibt es Zirkel, in denen diese mit Lesetipps für den Nachwuchs versorgt werden. Das Bibliotheksnetz erfüllt Aufgaben, die in Deutschland, neben den öffentlichen Bibliotheken, von Literaturhäusern und Volkshochschulen wahrgenommen werden. Für seine Leistungen bekam BibloRed im Jahr 2002 den Preis der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Japanische Firmen, die auf den kolumbianischen Markt drängen, sponsern den Bücherbus.

Die Bibliotheken von BibloRed sind werktags 12 Stunden geöffnet, sonntags etwas weniger. Sie sind voll, auffallend viele junge Leute sind unter den Besuchern. Der etwa 30-jährige Direktor der „Julio Mario Santo Domingo-Bibliothek“ bedauert, dass die Jugendabteilung so klein ist. Dabei hat sie die Größe einer normalen Kleinstadtbibliothek und daneben gibt es noch einen Leseraum für Kinder.

Die Zentralbibliothek „Virgilio Barcos“ liegt in einem Park, einer weitläufigen Anlage mit Caféteria und Lesegarten mit Blick auf die umgebenden Berge, mehreren Teichen und einer Tiefgarage. Auf dem Dach befindet sich ein Open-Air-Theater, es gibt verschiedene Veranstaltungssäle und eine großzügige Kinderbibliothek.

Es gibt noch ein weiteres, wohl älteres Bibliotheksnetz: das Netz von „Colsubsidio“, einer gemeinnützigen Organisation, die sozialpolitisch aktiv ist. Sie vergibt Kredite, unterhält Drogerien und Supermärkte, Berufsschulen, Ferienhotels und eben auch Bibliotheken. In Bogotá gehören dazu auch drei Schulbibliotheken, die gleichzeitig Stadtteilbibliotheken sind und daher auch am Wochenende und in den Ferien geöffnet sind. Daneben gibt es 65 „normale“ lokale Bibliotheken. „Colsubsidio“ besorgt für BibloRed u. a. die Gebäudeunterhaltung und die Verwaltung.

Schulbibliotheken in Bogotá
Von den ca. 100 Schulbibliotheken in Bogotá, meist sind es wohl Leseräume, haben nicht alle eine Schulbibliothekarin bzw. einen Schulbibliothekar. Die Einrichtungen gehören nicht zu BibloRed, nehmen aber an Projekten teil. Sie unterstehen einer anderen Abteilung des Erziehungsministeriums, die nicht mit BibloRed kooperiert, sondern will, dass das Bibliotheksnetz nur technische Hilfe leistet (Medienversorgung, Bestandsaufbau). Die wenigen Schulbibliothekare sind Bibliothekare ohne entsprechende Ausbildung für ihre Tätigkeit. Auf der Konferenz wurde jedoch (s. o.) deutlich, dass einige sehr engagiert an ihre Aufgabe herangehen.

Das Goethe-Institut Bogotá vermittelte Besuche in der Zentrale der Stiftung „Fundalectura“ sowie im „Centro Educativo Scalas“ und im „Collegio Andino“.

Die Stiftung „Fundalectura – Fundación para el Fomento de la lectura“
Carmen Barvo, die Geschäftsführerin der Stiftung in Bogotá, berichtete von ihren Kontakten in Berlin und Europa. Sie interessierte sich besonders für Erfahrungen mit der Leseförderung durch Gleichaltrige, z.B. wenn Schulklassen einander Lesetipps geben.

„Fundalectura“ ist eine private gemeinnützige Stiftung, die maßgeblich das ehrgeizige Regierungsprogramm von 1993 unterstützt, den „Plan Nacional de Lectura y Bibliotecas – PNLB“ - den Nationalplan für das Lesen und das Bibliothekswesen in Kolumbien. „Fundalectura“ bietet Dienstleistungen rund um Bücher, Leseförderung, Schulbibliotheken und öffentliche Bibliotheken (Beide stehen gleichberechtigt nebeneinander): Buchempfehlungen, Bücherkisten, Beratung von Kommunen und Bibliotheken, Konzepte für die Einrichtung und den Betrieb von öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken, Durchführung von Leseförderaktionen. Für Lehrerinnen und Lehrer, Bibliothekarinnen und Bibliothekare und Eltern werden Kurse zur Förderung des Lesens und Schreibens angeboten. „Fundalectura“ fördert auch die wissenschaftliche Begleitforschung.

Die Bibliotheken des „Centro Educativo Scalas“ und des „Collegio Andino“
Im „Centro Educativo Scalas“ werden Deutsch und Englisch als Fremdsprachen bereits in der Grundschule unterrichtet. Die Schule nimmt am Partnerschaftsprojekt PASCH des Auswärtigen Amtes teil. Die Schulbibliothek wird vor allem in den Pausen und für die Hausaufgaben genutzt.
Jeden Mittwoch in der ersten Stunde heißt es: Alles stehen und liegen lassen! Jetzt wird gelesen! Alle lesen zum selben Zeitpunkt, egal wo sie sind und was sie gerade machen, egal ob Hausmeister oder Schulleiterin. Wow!
Originell ausgestattet ist der Deutschraum: mit Tischplatten in den Farben schwarz, rot und gold.

Die traditionsreiche, hoch angesehene Schule „Collegio Andino“, die vor einigen Jahren aus der Stadtmitte auf einen Campus vor den Toren der Stadt gezogen ist, ist eine Eliteschule. 1900 Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten (300) über die Grundschule (700) bis Klasse 12 (900 Schüler/-innen) werden hier unterrichtet. Zweistöckige, verklinkerte Pavillons, Schwimmbad, 40 Schulbusse mit eigener Werkstatt, Stadion und mehrere Rasenflächen, ein Auditorium mit 800 Sitzplätzen, Krankenstation, Schulpsychologe, eine angeschlossene Musikschule, Mensa mit ausgezeichnetem Essen, Grundschulbibliothek, Oberschulbibliothek, Kindergartenbibliothek im Aufbau. In den Schulbussen fahren Hilfskräfte mit, die während des Unterrichts u. a. in den Bibliotheken mitarbeiten. Die Schulleitung konzentriert sich auf die pädagogische Arbeit, es gibt eine Verwaltungsleiterin. Eine Bürokraft ist nur für die Betreuung der Ex-Alumni da.

Die Bibliothek für die Oberschule ist eine architektonische Meisterleistung. Rings um den Hauptlesesaal führt eine Empore, auf der Klassensätze der Lektüren stehen. Ein paar Stufen nach unten führen zu einem Leseraum, in dem eine ganze Klasse bequem arbeiten kann. Hinter Glaswänden reihen sich vier Gruppenarbeitsräume mit jeweils einem Computer. Eine Wendeltreppe führt zum Untergeschoss, dort stehen vier Tische mit jeweils vier Rechnern und einer Präsentationsfläche. Zwei Bibliothekarinnen arbeiten hier, eine weitere in der Grundschule.

In sechs der sieben Jahrgangsklassen lernen kolumbianische Kinder und Jugendliche. Alle lernen Deutsch als erste Fremdsprache. Die deutsche Sprache nehmen die Eltern eher in Kauf. Attraktiv ist die Schule vor allem als Schule, so ist zu hören. Aber von Nachteil für die deutsche Sprache ist es sicher nicht, wenn mehr als 1500 junge Kolumbianer/-innen sie lernen.

Autor: Güter Schlamp
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de