Schülertext

Mit jüngster Literatur den Ton angeben

05.09.2011

15 Jahre Schreibende Schüler e.V.


Am 3. September 2011 feierte der Verein „Schreibende Schüler“ in der Konzerthalle St. Georg im Gründungsort Bad Freienwalde sein fünfzehnjähriges Bestehen. Bis ins Jahr 1974 reicht die Tradition des Vereins, zweimal im Jahr literarisch schreibende Kinder und Jugendliche aus Brandenburg und Berlin zu „Literaturwochen“ einzuladen. Schreibzirkel in vielen brandenburgischen Städten, literarische Wochenendwerkstätten und der „THEO – Berlin-Brandenburgischer Preis für Junge Literatur“ werden vom Verein organisiert. Zur Jubiläumsfeier wurde die neue Anthologie „Freihändig“ mit Texten junger Autorinnen und Autoren, die im Rahmen der Literaturwochen in den Jahren 2005 bis 2010 entstanden sind, präsentiert. „Gib den Ton an!“ war das Motto der diesjährigen Sommer-Literaturwoche im August. Die Geschichten von Christine Louise Rey Rolle, Anna Franziska Sturm und Margarita Iov wurden mit einem „Preis der Literaturwoche“ ausgezeichnet.

Sommer-Literaturwoche in Bad Freienwalde
Vom 6. bis 13. August 2011 hatte der Verein Schreibende Schüler e.V. junge Schreibtalente in die Ausbildungsstätte Bad Freienwalde des Berufsbildungsvereins Eberswalde e. V. geladen, um ihnen Gelegenheit zu geben, an ihren Texten zu arbeiten. Gefördert wurde die Woche von Arbeit und Leben e. V., dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg und dem Landesjugendamt Brandenburg. 32 Schülerinnen und Schüler aus ganz Berlin und Brandenburg hatten sich über den diesjährigen Wettbewerb „THEO – Berlin-Brandenburgischer Preis für Junge Literatur“ für die Woche qualifiziert. Der inzwischen etablierte Preis weist die Kinder und Jugendlichen als beste junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller des Landes aus.

Während der Seminarwoche befassten sich die jungen Autorinnen und Autoren mit drei Themen: dem politisch angehauchten „Gib den Ton an!“, dem poetischen „Wildnis“ und dem eher komischen „Den Harry hat’s erwischt“. In fünf altersgerechten Gruppen erarbeiteten sie Texte zu den jeweiligen Themen und präsentierten ihre Ergebnisse der Gruppe. Die Gruppen wurden geleitet und moderiert von erfahrenen Betreuern, die früher selbst einmal Teilnehmer der Literaturwoche waren und heute z. T. als Schriftsteller arbeiten. Zu Gast war Siegfried Schumacher, Kinderbuchautor, Ehrenbürger der Stadt Bad Freienwalde und Begründer der „Schreibenden Schüler“. Die Schriftstellerin Carmen Winter und der Percussionist Hermann Naehring boten den jungen Autorinnen und Autoren einen klangvollen Einblick in die Kunst, Musik und Literatur miteinander zu verschränken. Die Wahl Bad Freienwaldes als Veranstaltungsort zum 15. Jubiläum des Vereinsbestehens kommt nicht von ungefähr: Bereits 1974 begann hier mit der ersten Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche die lange Geschichte der „Schreibenden Schüler“.

Viel Applaus bei der Abschlusslesung
Mit der traditionellen Abschlusslesung ging am 12. August die Sommer-Literaturwoche der Schreibenden Schüler in der Bad Freienwalder Konzerthalle St. Georg zu Ende. Die 32 teilnehmenden Mädchen und Jungen präsentierten dort Eltern, Freunden und Literaturinteressierten die Ergebnisse ihrer Arbeit. Es gab viel Applaus für die Texte, die davon erzählen, wie die Zehn- bis Neunzehnjährigen ihre Welt erleben und in ihr leben. Drei Geschichten wurden aufgrund ihrer formalen und inhaltlichen Qualität mit einem „Preis der Literaturwoche“ ausgezeichnet: Die 12-jährige Berlinerin Christine Louise Rey Rolle erhielt einen der Preise für ihr witziges, geistreiches Gedicht „Gegensätze“; die 13-jährige Anna Franziska Sturm aus Boitzenburger Land wurde für ihre Geschichte „Schatten“ ausgezeichnet, die eine unheimliche Vater-Kind-Beziehung zum Thema hat; den dritten Preis mit nach Hause nehmen durfte Margarita Iov, 18 Jahre aus Berlin, für ihre dichte Beschreibung einer zerstörerischen Beziehung. Es folgen die Texte der Preisträgerinnen.

Gegensätze
Dunkelheit ist immer hell
Stille immer laut
Langsamkeit geht immer schnell
Ehrlich ist wer klaut
Friedvoll ist wer Kriege führt
Sanft ist der der haut
Kalt ist der der warm berührt
Feige der sich traut
Fröhlich ist wer häufig weint
Traurig wer viel lacht
Nichts ist wie es wirklich scheint
Und nun Gute Nacht

Autorin: Christine Louise Rey Rolle, 12 Jahre, Berlin


Schatten
Es war kurz nach vier. Pauline saß kerzengerade in ihrem Bett und starrte angestrengt in die Dunkelheit. Sie hatte das ungute Gefühl gegen eine schwarze Wand zu sehen. Eine schwarze Wand, die ihren Blick zurückwarf und ihn gleichzeitig verschluckte. Ihre Augen begannen zu brennen und sie hörte ihren Herzschlag in den Ohren. Sie ließ sich sinken und starrte an die Decke. Irgendetwas hatte sie aufgeweckt, und sie wollte wissen was. Doch sie traute sich nicht einmal auch nur einen Zeh unter der Bettdecke hervorzustecken. Mann, bist du ein Angsthase, sagte sie sich. Hast mit zwölf Jahren noch Angst vor Einbrechern und Kidnappern.
Obwohl sie wusste, dass es kindisch war, wünschte sie sich, dass ihre Mutter gleich durch die Tür kommen würde, um noch einmal nach ihr zu sehen. Doch natürlich kam niemand, denn es war mitten in der Nacht und Paulines Mutter schlummerte drei Zimmer weiter selig vor sich hin. Pauline schlief schließlich mit scheußlichem Nackenkribbeln ein und ihr nächtlicher Besucher konnte getrost ausatmen.

Pauline wachte wieder nicht von allein auf. Sie wurde von ihrem Hund Pünktchen geweckt, was sicher die beste Art war, Pauline aus dem Bett zu bekommen.
„Huch, wo kommst du denn her?“, fragte Pauline. Er lief aufgeregt hin und her, blieb hechelnd stehen und sah sie aus großen, schwarzen Augen aufmerksam an. Dann raste er weiter durchs Zimmer. Pauline beobachtete ihn eine Weile lächelnd und wollte gerade aufstehen, als Pünktchen abrupt stehen blieb. Paulines Lächeln erstarb. Ihr Hund lief mit der Nase auf dem Boden durchs Zimmer und benahm sich äußerst merkwürdig. Ihr wurde schlagartig kalt. Also hatte sie sich das alles doch nicht eingebildet. Als Pünktchen in die Nähe der Gardinen kam, blieb er abermals stehen, sah erwartungsvoll zu ihnen auf und wedelte freudig mit dem Schwanz. Pauline blieb fast das Herz stehen. Langsam stand sie auf und lief mit trockenem Hals zu ihrem Hund. Sie beobachtete ihn genau. Doch die Tatsache, dass sein Leckerli-Frauchen neben ihm stand, lenkte ihn ab. Pauline beachtete seinen bittenden Blick nicht und ging weiter. Ihre Hände hoben sich wie von selbst und zogen die Gardinen mit einem Ruck beiseite. Nichts. Hinter den Gardinen war absolut nichts. Als Pauline schweigend auf den leeren Boden sah, traf sie etwas Schweres im Rücken. Sie konnte noch nicht einmal „Hilfe“ schreien, als sie auch schon vornüber kippte. Ihre Gedanken rasten und viele verschiedene Stimmen schrien in ihrem Kopf durcheinander. Jetzt ist es da, schrie die Lauteste. Nein, ist es nicht, sonst würde mein Nacken kribbeln, widersprach eine andere, Leisere.
Pauline lag da wie erstarrt. Sie wartete. Der Staub kitzelte sie in der Nase. Sie wartete. Darauf, dass eine Stimme etwas sagte. Dass ein weiterer Schlag sie treffen würde. Auf irgendetwas. Doch wieder nichts. Sie öffnete die Augen und richtete sich auf. Neben ihr saß bloß Pünktchen, der sie erwartungsvoll anstarrte. Plötzlich musste Pauline lachen. „Warst du das?“, fragte sie mit einem leichten Zittern in der Stimme. Pünktchen wandte uninteressiert den Kopf ab und lief wieder auf und ab als wolle er sagen: „Worauf wartest du noch? Unten gibt es schon Frühstück.“
Wieder musste Pauline grinsen. Was hatte ich denn jetzt, wurde ich wahnsinnig, fragte sich Pauline erschreckt. Warum musste ich lachen, wenn mich jemand niederschlug? Woher bin ich mir sicher, dass es Pünktchen gewesen war? Doch Pauline hatte keine Antworten auf diese Fragen. Ein Gefühl sagte ihr, dass es Pünktchen gewesen war, der sie umgeworfen hat.

Als Pauline zwanzig Minuten später die Treppe herunterwuselte, gefolgt von einem aufgeregten Pünktchen, wartete ihre Mutter schon auf sie.
„Na, Langschläferin? Gut geschlafen?“, fragte sie gut gelaunt.
Nein, dachte Pauline, das kann man wirklich nicht behaupten.
Sie nickte abwesend, setzte sich an den Tisch und begann sich Müsli in ihre Schüssel zu schaufeln. Dann ließ sie ihren Löffel sinken und sah sich um. Ihr Nacken kribbelte leicht und sie bekam Gänsehaut. Doch sie konnte absolut nichts merkwürdiges entdecken. Ihre Mutter rührte, tief in Gedanken, in ihrem Kaffee. Pauline fragte leise: „Du, ähm, Mama?“
Sie sah erschrocken auf und ein wenig Kaffee spritze auf ihre Hose. Fahrig wischte sie darüber.
„Ach, Pauline, du warst das.“, sagte sie erleichtert.
Pauline sah sie verwundert an. „Wer sonst?“
Plötzlich sah ihre Mutter nur noch müde aus. Sie fuhr sich durchs Haar und sah Pauline erwartungsvoll an.
„Ähm, hast du diese Nacht irgendetwas ungewöhnliches bemerkt?“, fragte Pauline. Ihr Ton sollte beiläufig klingen, was ihr aber nicht sehr gut gelang. Ihre Mutter schüttelte den Kopf und sah sie forschend an. Pauline starrte angestrengt auf ihren Schüsselrand.
„Warum? Hast du etwas merkwürdiges gehört oder gesehen?“, fragte ihre Mutter. Bei ihren letzten Worten wurde ihre Stimme scharf. Auch Pauline schüttelte den Kopf. Ihre Mutter musterte sie mit dem eigenartigen Blick, mit dem sie Pauline immer ansah, wenn diese schlecht geschlafen hatte oder eigenartige Geräusche erwähnte. Immer wenn ihre Mutter dachte, Pauline würde es nicht bemerken, schlich sich dieser Blick bei ihr ein. Pauline mochte diesen Blick nicht. Er enthielt alles, was sie nicht sehen wollte: Sorge, Sorge und Sorge. Und manchmal, manchmal dachte sie, sie hätte auch Panik aufblitzen sehen. Aber davon wollte Pauline nun wirklich nichts wissen. Was bitte hatte ein erwachsener Mensch für einen Grund Panik zu haben, wenn er seine Tochter ansah.

Pauline starrte in die Dunkelheit. Nein, jetzt konnte ihr niemand erzählen, dass dort kein Geräusch gewesen war. Sie war sich sicher ein Knacken gehört zu haben. Pauline lauschte angestrengt, doch das erhoffte Winseln blieb aus. Nein, ihr Hund war es sicher nicht. Sie lag stocksteif da und rührte sich nicht. Ein weiteres Knacken. Ihr lief es merkwürdig heiß und kalt über den Rücken und ihre Zunge fühlte sich unglaublich schwer an. Wieder knackte es und Pauline glaubte Schritte zu hören. Abermals wünschte sie sich, die Tür würde aufgehen und das Licht hereinlassen. Ihr Herz raste und würde sie gewiß bald verraten. Jetzt kribbelte nicht nur ihr Nacken, sondern ihr ganzer Körper. Sie fühlte sich wie unter Hochspannung. Es war kein weiteres Geräusch zu hören, doch Pauline versuchte zitternd flach zu atmen. Irgendwann übermannte sie die Müdigkeit und sie fiel in einen unruhigen Schlaf.

Ich wusste, dass sie wach war. Ich spürte es mit jeder Faser meines Körpers, spürte, wie sie versuchte ruhig zu atmen. Ich konnte mir nicht erklären, warum sie es plötzlich bemerkte, wenn ich da war. Langsam glitt ich an der Wand den vertrauten Weg entlang. Als ich endlich hinter den Gardinen angekommen war, konnte ich mich kurz entspannen. Bei dem Gedanken an Pünktchen musste ich sogar ein wenig lächeln. Heute hätte er mich wirklich fast verraten. Er hatte sich so gefreut, dass er mich fast umgerannt hätte. Ich hatte alle Mühe gehabt, ihn ruhig zu halten.
Etwas knackte. Erschrocken hielt ich den Atem an. Das war jetzt schon das dritte Mal. Ich wußte auch nicht, was mit mir los war. Dieses Mal war ich auf etwas getreten. Die Anspannung war fast mit den Händen zu greifen und plötzlich wurde mir bewusst, wie schnell man mich entdecken könnte. Ein Handgriff und ich stünde wie ein gehetztes Kaninchen im grellen Licht. Und dann, was würde ich sagen? Und wie würde sie reagieren? Ich musste einfach auf den richtigen Augenblick warten. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieser Augenblick nie da sein würde. Wie ein Verbrecher stand ich Nacht für Nacht da und malte mir aus, wie ich es erklären könnte. Ich musste einfach hoffen, dass sie mir zuhören und nicht sofort nach ihrer Mutter rufen würde. Als ich sie heute beim Frühstück beobachtet hatte, bekam ich Angst. Ich wusste, dass sich Claudia nur Sorgen um ihre Tochter machte. Aber war ich wirklich so leicht mich zu durchschauen?
Und wenn? Schließlich war ich nicht hier um mit Claudia zu reden. Das Wichtigste war meine Tochter und niemand konnte mir verbieten sie zu sehen und mit ihr zu sprechen. Außer ihr selbst natürlich. Würde sie wütend werden? Verübeln würde ich es ihr nicht, doch es würde mich traurig machen. Aber irgendwann, irgendwann wollte Pauline doch gewiß erfahren, was mit ihrem Vater passiert war. Und ich wollte, dass sie es von mir erfährt, das hatte ich mir geschworen.
Ich hob langsam die Hände und wollte die Gardinen beseite schieben, achtete nicht auf die Stimmen in meinem Kopf. Verrückt, schrien sie, verrückt, verrückt, durchgeknallt. Als ich den Stoff berührte, hörte ich einen Schrei. Es war ein gräßlich hoher, verzweifelter Schrei. Ich hatte keine Zeit zu überlegen, drehte mich um und verschwand durchs Fenster. So unbemerkt, wie ich gekommen war. Nur ein Schatten in der Dunkelheit.

Pauline war mit einem Schwung aus dem Bett gesprungen. Sie rannte zur Tür und rannte gehetzt weiter durch den Flur. Die Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter war wie immer angelehnt. Sie hastete weiter zum Bett und ihre Gedanken überschlugen sich. Ihre Mutter saß mit aufgerissenen Augen im Bett. „Wir ziehen um.“, waren ihre einzigen Worte.

Ich stand ohne Jacke im strömenden Regen und starrte nachdenklich auf die dunklen Fenster. Warum war ich in dieser Nacht nicht ein paar Minuten früher gegangen. Es war, wie es immer gewesen war. Claudia war mir zuvor gekommen. Meine Gedanken wanderten wie von selbst zu dem verhängnisvollen Abend, wie ich mich getraut und zum Telefon gegriffen hatte. Wie sie mich angeschrien hatten, weil ich sie einfach verlassen hatte, und wie sie zum Schluss gesagt hatte, dass ich meine Tochter nie wieder sehen sollte. Und wie in diesem Augenblick eine Welt für mich zusammengebrochen war.
Langsam wandte ich mich um. Ich hatte meinen Moment verpasst. Aber das hieß nicht, dass ich aufgeben würde. Ich spürte wie mir die kalten Tropfen in den Nacken liefen. Zeit nach Hause zu gehen.

Autorin: Anna Franziska Sturm, 13 Jahre, Boitzenburger Land


Landluft
An Veras Mantel fehlt ein Knopf, den hat der Hund geholt.
„Eines Tages wird er auch mich holen“, sagt sie, und Markus knurrt: „Sei nicht albern.“
Sie laufen zwischen den Häusern umher. Richtige Straßen gibt es nicht in Ödland. Der Nebel steht wie jeden Morgen um die Häuser. Der Hund läuft voraus, sie folgen seiner Spur im feuchten Kies. Es gibt hier keine anderen Menschen, denn alle Fenster bleiben immer dunkel. Der Regen kommt meist am frühen Morgen, nur die Gänse sind immer draußen.
„Die stopfen hier Kissen“, sagt Markus, er geht nicht näher an die Zäune heran. Die Gänse machen ihn nervös, er fürchtet ihre dunklen Augen und zuckenden Hälse, ihr Gegacker macht ihn krank.
Vera ist begeistert, sie sammelt die Federn auf, die schönen und weißen, und stopft sie sich in die Manteltaschen.
„Die sind für die Kissen“, sagt Markus, ihn befällt ein Ekel, aber er schont die schöne Vera. Nach ihrer Hand greift er nicht. Und während Vera mit den Gänsen spricht, sieht Markus nach dem Hund. Der steht an der Biegung und wartet, zum ersten Mal sieht er aus wie ein Tier. Groß und schwarz, mit ganz anderen Augen.

„Markus“, sagt Markus, „das bedeutet ,der Zarte'.“ Auf Anweisung der Ärzte liegt er mit dem Rücken auf den Holzdielen, Arme und Beine ungelenk von sich gestreckt. Er atmet in Schüben, Vera beobachtet ihn mit dunklen Augen und lauscht dem Rasseln seiner Lunge. Vera vermutet, dass von dort, wo er liegt, im Fenster nur ein schmales Viereck Himmel zu sehen ist. Da fliegt gerade ein Vogel ganz nah vorbei, und Veras Kopf fliegt herum. Sie verdreht ihren Hals und Markus den Kopf. Sein Blick folgt der Biegung ihres Halses und bleibt dort hängen, wo ihr Hemd hochgerutscht ist. Der Hund liegt ganz still unter dem Tisch. Vera begegnet seinem Blick, im Halbdunkel sind seine Augen metallisch und blau.

„Komm, das ist albern.“ Markus will aufstehen, aber Vera sitzt auf seinem Becken und drückt seinen Körper zurück auf den Boden. Sie fährt ihn an „Bleib liegen“, und er hält still. Die schöne Vera ist streng mit ihm. Der Zarte schnappt nach ihrem Ohr, aber Vera stößt ihn zurück, sie zerrt an seiner Kleidung und verlangt „Zieh das aus!“

Vera ist nachlässig gekleidet: Am Hemd hat sie sich verknöpft, und das helle Haar ist lieblos in ihrem Nacken zusammengeknüllt. Sie sitzt auf dem Fensterbrett und baumelt mit den Beinen. Markus kann es nicht leiden, wenn sie tut, als sei sie fünf. Der Hund liegt auf der Schwelle, den schweren Kopf auf den Pfoten.
„Er bewacht uns“, sagt Markus, aber Vera rettet ihre Beine aufs Fensterbrett: „Er lauert.“

Die Nächte hier sind wie ins Wasser gefallen. Das einzige Geräusch in ganz Ödland kommt nachts aus Markus' Lunge. Vera scheint zu schlafen, er kann ihr Gesicht nicht erkennen. Nur die Augen des Hundes leuchten im Dunkeln. Seine Ohren zucken, als Markus aufsteht, der Hund hebt den Kopf. Markus legt sich auf den Boden, und seine Hand berührt etwas Weiches. Sofort steigt in ihm eine Übelkeit auf - überall Federn. Veras Mantel ist vom Stuhl gerutscht, die Knöpfe der Taschen sind fort, und Veras Schätze bedecken den Boden, das Bett. Markus kann nichts tun gegen den Ekel, sein Brustkorb fühlt sich an wie morsches Holz, und er muss aufstehen und das Fenster aufreißen. Die Landluft flutet sofort seine Lunge, und er denkt, das Rasseln müsste Vera doch wecken, wenn sie schliefe. Aber sie rührt sich nicht. Er stellt sich vor, Vera schläft nicht, Vera beobachtet ihn. Sie sieht zu, wie er stirbt, und neigt ihren kleinen Kopf auf diese Art und verbiegt ihren weißen Hals. Da ist diese Abscheu, und der Zarte geht zum Bett und dreht der Schönen ihren Hals um.

Autorin: Margarita Iov, 18 Jahre, Berlin


Informationen zum Verein:
Der Verein „Schreibende Schüler“ wurde 1996 gegründet. Er setzt sich für die Vermittlung des literarischen Schreibens und die Förderung literarisch schreibender Kinder und Jugendlicher ein. Der Verein veranstaltet Literaturwochen und monatliche Zirkel in verschiedenen Städten, in denen junge Autorinnen und Autoren gemeinsam eine anregende Zeit verbringen und dabei über ihre selbst verfassten Texte diskutieren. In Kooperation mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels schreibt der Verein seit 2008 den renommierten Literaturwettbewerb „THEO – Berlin-Brandenburgischer Preis für Junge Literatur“ aus, der inzwischen weit über die Landesgrenzen hinaus die Bedeutung des literarischen Schreibens von Kindern und Jugendlichen der Öffentlichkeit vermittelt.

Kontakt:
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