Bericht

Zu Besuch beim Buch

08.01.2010

Siegertext des Dietrich Oppenberg Medienpreises 2009


Ruberbande in der Schulbibliothek
Ruberbande in der Schulbibliothek
Friedrich-Frbel-Grundschule
Nirgends knnen Kinder besser schmkern, recherchieren und gemeinsam lernen – doch Bchereien sind an deutschen Schulen selten. uerst selten. Einige wegweisende Leuchttrme zeigen, wie Kinder das Lesen lieben lernen. Ohne Eigeninitiative von Eltern und Lehrern geht es aber nicht.
Freitag, 9.30 Uhr, Rushhour in der Bibliothek der Friedrich-Frbel-Grundschule in Frankfurt am Main: An die 80 Kinder wuseln durch den 50-Quadratmeter-Raum mit Blick auf den Schulhof – ziehen Bcher aus den Regalen, stellen andere zurck, leihen bei den beiden Mttern aus, was sie mit nach Hause nehmen mchten. Ein Viertklssler doziert mit einem Piratenbuch lautstark vor drei Mitschlern ber Seeschlachten im Amerika des 18. Jahrhunderts, drei Mdchen studieren ein Computerbuch, und die Kleine mit dicker Jacke und roter Mtze auf dem Sofa lsst sich von keinem Trubel der Welt von ihrem „Hexe Lilli“-Buch ablenken.

„Klar, in die Bibliothek kommt man zum Lesen, aber nicht nur“, erklrt die Viertklsslerin Neha. In der Tat sind die Texte, die viele Pausengste hier lesen, eher kurz: Auf dem groen Treppenpodest vor der knallgrnen Wand wechseln Yu-Gi-Oh-, Winx- und Diddl-Karten die Besitzer. Was dem Durchschnittsbibliothekar den Schwei auf die Stirn treiben wrde, sieht das Personal hier gelassen: „Hauptsache, sie kommen berhaupt. Irgendwann nehmen sie sich auch etwas zum Lesen mit“, wei Annette Brunzel, eine der ehrenamtlichen „Bibliotheks-Mamis“.

Engagierte Mtter packen an
Die Frbel-Grundschule liegt im Frankfurter Stadtteil Niederrad, umgeben von Mietskasernen und Bro-Hochhusern. Eine Schulbibliothek gibt es schon seit 1962, aber bis vor drei Jahren sah sie aus wie so viele ihrer traurigen Pendants quer durch die Republik: ein paar Schulbnke, alte Regale an den Wnden mit ebensolchem Inhalt. Dann startete eine Handvoll engagierter Mtter und Lehrer ihre Bibliotheksoffensive: Innerhalb von eineinhalb Jahren sammelten sie mehr als 11 000 Euro bei Sponsoren, dem Stadtschulamt, dem Elternbeirat und anderen Spendern fr Renovierung und Bcher.

Aber Schnheit allein gengt nicht: Elf Mtter – darunter einige mit Migrationshintergrund – ffnen die Bcherei in jeder groen Pause und organisieren Lese-Bastel-Nachmittage, Lesenchte, Autorenbesuche, ein monatliches Bibliotheksquiz und Einfhrungen fr alle Erstklssler. Sie stellen den Lehrern Bcherkisten zu Unterrichtsthemen zusammen und produzieren mit den Kindern Hrspiele.

„Man muss das Interesse wachhalten, die Schler immer wieder in die Bibliothek locken“, erklrt Ute Hahn, eine weitere Bcherei-Mutter der Frbel-Schule, und fgt hinzu: „Die Lehrer untersttzen uns, schicken immer wieder Kinder mit Recherche-Auftrgen in die Bibliothek.“

Davon profitieren offenbar beide Seiten, denn Kontaktlehrerin Caroline Borowiak schwrmt von einer „unglaublichen Bereicherung“ fr den Unterricht und betont: „Wir erreichen mit unserer Schulbibliothek auch Kinder, die sonst wenig Kontakt zu Bchern haben.“ Leichter zugnglich kann ein Leseangebot kaum sein: keine Anmeldeprozedur, keine Gebhren, keine Zustimmung der Eltern notwendig und rund 1900 Bcher zur Auswahl – nur eine Fensterscheibe vom Pausenhof entfernt.

Forderungen nach flchendeckenden Schulbchereien
Von dort kommt Lehrerin Karin Hager in der dritten Stunde mit 22 Kindern in die Bibliothek: Schnell suchen sich immer zwei Schler gemeinsam ein Buch und einen gemtlichen Leseplatz aus. Christin aus der 3a und Michelle aus der 1c liegen buchlings auf dem Treppenpodest. Die Kleine knuddelt vor Aufregung ihren mitgebrachten Teddy mit der Glitzerhaarspange, als ihre groe Partnerin eine Seite „Kleiner Eisbr“ vorliest, dann wird gewechselt. Zwei Jahre bleiben die Lesepartner zusammen, treffen sich jeden zweiten Freitag in der Bibliothek und verbessern sich beide dadurch.

Christin und Michelle wissen nicht, dass sie einfach Glck haben, eine Grundschule mit Schulbibliothek zu besuchen. In Deutschland ist das eher die Ausnahme. Keiner wei, wie viele Schulen hierzulande ber eine eigene Bibliothek verfgen; grobe Schtzungen gehen von zehn Prozent aus – von der Bchersammlung im Zimmer des Rektors ber den Abstellraum im Keller bis hin zur bibliothekarisch geleiteten Bcherei mit 20 000 Bnden.

Entwicklungsland Deutschland
Im Unterschied zu Lndern wie Dnemark, Finnland oder sterreich ist die Schulbibliothek weder im Gesetz noch im Lehrplan verankert, es gibt keine entsprechende Ausbildung fr Lehrer oder Bibliothekare und keine zentralen Ansprechpartner. So hangeln sich wenige engagierte Lehrer und Eltern, manchmal untersttzt durch 1-Euro-Krfte, Mini-Jobber oder Schler-AGs, durch den Alltag. Seit Jahrzehnten fordern Bibliothekare und Lehrer in immer gleich lautenden Denkschriften die flchendeckende Einrichtung von Schulbchereien. Passiert ist: nichts.

Uneinigkeit ber die Finanzierung
„Pisa war klar eine Zsur in der Wahrnehmung der Schulbibliotheken“, gibt Eva von Jordan-Bonin trotzdem zu bedenken. Mit den Bundesmitteln zum Ausbau von Ganztagsschulen seien in den vergangenen Jahren etwa in Hessen einige tolle Bchereien in Schulen entstanden. Von einer Insel der Seligen aus sagt sich das relativ komfortabel. Eva von Jordan-Bonin leitet nmlich die Schulbibliothekarische Arbeitsstelle (SBA) in Frankfurt am Main mit 15 Mitarbeitern. Jedes Jahr verteilt sie Medien im Wert von 100000 Euro auf 68 Schulbibliotheken in der Stadt – 1000 Euro sind zum Beispiel fr die Frbel-Schule reserviert.

Die SBA liefert die Bcher auerdem fertig eingebunden und katalogisiert aus, bert beim Auf- und Ausbau von Schulbibliotheken, bildet Lehrer und Ehrenamtliche fort, gibt zweimal jhrlich Vorschlagsverzeichnisse heraus oder leiht auf Wunsch einen Bibliothekar zeitweise aus. Die Bchereien bekommen „Bcherruckscke“ fr Grundschulklassen zu Themen wie „Bauernhof“ oder „Kunst & Musik“, eine fertig ausgearbeitete Bibliotheksrallye und immer wieder Ideen fr Lese-Events. Nicht von ungefhr hat Frankfurt mit 90 von rund 160 Schulen die wohl hchste Schulbibliotheksdichte in Deutschland.

Tradition von Schulbibliotheken pflegen
Warum ist das nicht berall so? „Es liegt wohl am Fderalismus und an unterschiedlichen Prioritten in den einzelnen Bundeslndern und bei den Schultrgern“, vermutet Eva von Jordan-Bonin. Andere sprechen von der mangelnden Tradition an Schulbibliotheken in Deutschland oder davon, dass wir im internationalen Vergleich hervorragende Schulbcher haben, sodass Lehrer keine Notwendigkeit sehen, zustzlich eine Bibliothek zu nutzen.

Tatschlich schieben sich Bundesland und Kommune gern den schwarzen Peter zu, wenn es um die Finanzierung von Schulbibliotheken geht: Fr die Ausstattung der Schulen ist die Kommune zustndig, die eine Bcherei einrichten kann – oder auch nicht. Sptestens bei Personal fr die Bibliothek winken die rtlichen Politiker ab, weil das ja pdagogische Arbeit leiste, wofr das Kultusministerium zustndig wre. Dort sieht man das anders.

Bchereien als Integrationsfrderer
Unter diesem Dilemma litt auch die Johann-Textor-Gesamtschule im hessischen Haiger und griff zur Selbsthilfe. Seit der Bibliothekserffnung 1984 spenden 35 Lehrkrfte und mittlerweile zwlf Pensionre monatlich jeweils zwischen fnf und 50 Euro an den Frderverein. Der bezahlt davon zwei Minijobs – und ermglicht so eine ffnungszeit von 38,5 Stunden. „Es gibt keine Schulstunde, in der kein Unterricht in der Bibliothek stattfindet“, erzhlt Gnther Bre, der die Schulbcherei mitgegrndet hat.

Mediothek der Johann-Textor-Schule
Mediothek der Johann-Textor-Schule
Gnther Bre
Schulen mit Bibliothekswunsch verweisen Politiker seit einigen Jahren gern fr eine Partnerschaft an die ffentlichen Bchereien vor Ort. Motto: Aus zwei Budgetfressern mach einen. „Soll das ein Witz sein?“, lacht Lehrer Bre bei solchen Empfehlungen. „Hier im Ort hat die Gemeindebibliothek unter ehrenamtlicher Leitung zwei Nachmittage pro Woche geffnet!“ Zwar bieten viele ffentliche Bibliotheken mittlerweile Fhrungen, Handapparate oder Recherchekurse fr Schler an. Die Schulbibliothek als leicht zugnglichen Lernort und Treffpunkt knnen sie aber nicht ersetzen.

Richtig Recherchieren lernen
„Manche Kinder wohnen fast hier“, berichtet die Bibliothekarin Yvonne von Waldenfels ber ihren Arbeitsplatz im Schulzentrum Ludwigsburg West. „Fr diejenigen, die zu Hause kein eigenes Zimmer haben, ist unsere Mediothek oft der einzige Platz, wo sie ungestrt lernen knnen.“ Auch in strengen muslimischen Elternhusern sei die Schulbcherei fr die Tchter als Aufenthaltsort in der Freizeit akzeptiert. Integration kommt da als Mehrwert zwischen den Buchdeckeln mit.

Noch so eine Insel der Seligen: Die Ludwigsburger Schulbibliothek West versammelt 26 000 Medien – vom Brockhaus bis zur Spielfilm-DVD – auf 500 Quadratmetern, betreut von einer hauptamtlichen Bibliothekarin und einer Hilfskraft. Vier PCs mit Internet-Anbindung gehren ebenso zum Inventar wie Gruppen- und Einzelarbeitspltze, Bcherkisten am Eingang fr die Kleinen oder eine gemtliche Lese-Insel. Yvonnevon Waldenfels muss gut 2000 Schler verschiedener Schulformen von der ersten bis zur 13. Klasse zufriedenstellen; dafr hat sie jedes Jahr stolze 10000 Euro Medienetat.

Die Bibliothekarin macht vor, was eine Schulbcherei im Informationszeitalter jenseits von Lesefrderung und dem Abbau von Schwellenngsten noch leisten kann und muss: Recherchekompetenz vermitteln. In fnf verschiedenen Internet-Kursen bringt sie den Kindern bei, dass das WWW mehr ist als nur Chat und E-Mail, und warum man der beliebten Wikipedia nicht blind vertrauen sollte. „Technisch haben die Schler damit keine Probleme, aber eine Informationsquelle zu bewerten – das kann ich ihnen hier beibringen.“

Autoren:
Iris Rll und Michael Jupe
FOCUS-SCHULE

Quelle: FOCUS-SCHULE Nr. 3 (2008)

Dietrich Oppenberg Medienpreis 2009
Die Mnchner Redakteure Iris Rll und Michael Jupe wurden am 30. November 2009 in Schwerin vom Kultusminister Mecklenburg-Vorpommerns und Prsidenten der Kultusministerkonferenz Henry Tesch fr ihre in FOCUS-SCHULE Nr. 3 (2008) erschienene Reportage „Zu Besuch beim Buch“ mit dem ersten Platz des Dietrich Oppenberg Medienpreises 2009 ausgezeichnet. Laut Jury schildert der Text, wie „nur eine Fensterscheibe vom Pausenhof entfernt“ ein besonderer Ort Kinder fr Bcher begeistert: die Schulbibliothek. So entstehe ein „authentisches Bild vom didaktischen Potenzial einer Einrichtung, die an deutschen Schulen unterreprsentiert ist.“
Initiatoren des Dietrich Oppenberg Medienpreises, der herausragende Pressebeitrge zum Thema Lesen auszeichnet, sind die Stiftung Presse-Haus NRZ und die Stiftung Lesen. Der im Jahr 2000 verstorbene Namensgeber des Preises, Dietrich Oppenberg, war Grnder und langjhriger Herausgeber der NRZ Neue Ruhr Zeitung/Neue Rhein Zeitung in Essen und ein Frderer der publizistischen Kultur in Deutschland.
Die Mitglieder der Jury 2009 waren neben Heinrich Meyer, Geschftfhrer der Stiftung Presse-Haus NRZ und Herausgeber der NRZ Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung, und Rolf Pitsch, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lesen und Direktor des Borromusvereins e.V.: Gabriele Bartelt-Kircher, Leiterin der Journalistenschule Ruhr, Karin Gromann, Chefreporterin Schsische Zeitung, Helmut Heinen, Prsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und Herausgeber der Klnischen Rundschau, Manfred Lachniet, Stellvertretender Chefredakteur der NRZ Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung, sowie Hans Riebsamen, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


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