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Schülertext

Ruhrkulturen – Was ich dir aus meiner Welt erzählen möchte!

06.01.2010

Jungen Menschen schreiben über ihr Leben im Revier


Narges Shafeghati, © Fred Hey
Narges Shafeghati, © Fred Hey
„Ruhrkulturen – Was ich dir aus meiner Welt erzählen möchte“ führt die bisherigen Essener Anthologien „Fremd und doch daheim!?“, „Dann kam ein neuer Morgen“, „Heute ist Zeit für deine Träume“ und „Pfade ins Revier – Pfade im Revier“ fort und setzt auf Ruhrgebietsebene neue Akzente. Zu Beginn des Jahres 2009 hatten das Kulturzentrum Grend aus Essen und der Geest-Verlag Kinder und Jugendliche im gesamten Ruhrgebiet dazu aufgerufen, ihre Texte einzureichen. Aus den mehr als 200 Einsendungen stellt dieses Lesebuch nun eine Auswahl vor.

Die neue Anthologie hatte am 10. November 2009 im Beisein von Oberbürgermeister Reinhard Paß in der Volkshochschule Essen ihre Premiere. Aus dem ganzen Ruhrgebiet und natürlich auch aus Essen waren Jugendliche angereist und präsentierten den mehr als 250 Gästen eine Auswahl ihrer Texte. Viele der anwesenden Erwachsenen zeigten sich überrascht, welches neu entwickelte Selbstbewusstsein die Jugendlichen an den Tag legen. Indem sie ihre Ruhrkulturen entwickeln, bewältigen sie ihre eigene Lebenssituation. Oft versuchen sie dabei die unterschiedlichsten Kulturen für sich als Identität miteinander zu vereinbaren. Ein erstaunlich lebendiger Prozess, der ihnen zunehmend zu gelingen scheint und der für das künftige Zusammenleben der Menschen im Ruhrgebiet neue Perspektiven eröffnet.

Narges Shafeghati brachte es in ihrem Beitrag auf den Punkt: „Tatsache ist eben: alles ändert sich, auch die heutige Welt hat sich wieder geändert. Das Wort Ausländer hat seine Bedeutung verloren. Keiner von uns ist dauersesshaft. Wir alle kommen und gehen, ob wir nun jetzt oder vor 20 Jahren gekommen sind, Zeit und Raum sind keine Begrifflichkeiten mehr. Wir können uns miteinander verständigen, benötigen bald nicht einmal mehr Integration als solche. Vielleicht leben wir irgendwann sogar als eine Nation untereinander. John Lennon hat diese Gedanken schon in Imagine verbreitet. Das klingt vielleicht verrückt aber jemand hat mal gesagt: Eines Tages war auch die Globalisierung undenkbar. Und dieser Prozess ist im Gange, unwiderlegbar. Wir werden sehen.“

Oberbürgermeister Reinhard Paß dankte den Jugendlichen und den Herausgebern persönlich für das Buch. Es zeige deutlich, was junge Menschen heute unter ihrer Ruhrkultur verstehen würden. Diesem Dank schloss sich auch die Vielzahl der anderen Förderer und Unterstützer des Projekts an.
Die Herausgeber des Buches, Artur Nickel und Andreas Klink, und Verleger Alfred Büngen forderten in ihren Beiträgen die Erwachsenen, insbesondere auch die Verantwortlichen in Schule, Politik und Verwaltung, auf, den von den Jugendlichen durch ihre Texte begonnenen Dialog wahrzunehmen. Die Erwachsenenwelt sollte die Texte lesen, mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen, ja, sie zu Lesungen einladen, um den so eingeleiteten Prozess fortzuführen. Gerne sind die jungen Autorinnen und Autoren dazu bereit.
Die musikalische Gestaltung des Abends übernahm die Schülerband der Gesamtschule Holsterhausen. Ein Filmprojekt für Jugendliche vom Offenen Kanal Essen begleitete die Veranstaltung.

Alfred Büngen, Geest-Verlag

Unser Eichhörnchen
Die meisten Leute denken, dass das Ruhrgebiet nur aus Industrie besteht. Aber nein, es gibt sehr viel Wald und Grünland. Die Geschichte, die ich euch nun erzähle, spielte sich in Gevelsberg am Rande des Ruhrgebiets ab.
Hallo, mein Name ist Rosalie! Ich wohne am Walde und werde euch jetzt die Geschichte von Mr. Bean, unserem Eichhörnchen, erzählen. Im Juni wurde die Feuerwehr von einer Familie zu Hilfe gerufen. Die Familie hatte Angst, weil ein Eichhörnchen vor ihrer Tür saß. Die Feuerwehr brachte das Eichhörnchen zu uns. Wir fütterten es eine Zeitlang, und Mr. Bean wurde sehr anhänglich. Er lief hinter uns her, spielte Verstecken und krabbelte sogar an einem hoch. Mr. Bean liebte nicht nur Nüsse, sondern auch Mais und andere leckere Sachen. Er war so zahm, dass wir ihn problemlos mit in den Urlaub nehmen konnten.
Das Eichhörnchen wurde größer. Irgendwann brauchte es einen größeren Käfig, den es auch bekam. In den Käfig legten wir ihm einen Baumstamm, den es sehr mochte. Wir erlebten noch viele Dinge zusammen mit Mr. Bean, bis es schließlich an der Zeit war, ihn in die Freiheit zu entlassen. Vom Balkon bis zur Birke gegenüber spannten wir ein langes Seil, und Mr. Bean lief an der Hauswand entlang runter und wieder hoch. Wir setzten ihn auf das Seil. Mr. Bean kletterte in der Birke umher, lief in den Wald und ward nicht mehr gesehen. Erst im August sahen wir ihn wieder, als er mit einer grünen Eichel über die Straße in den anderen Wald lief. Wir sind sehr froh, dass es dem Kleinen so gut geht.
Das war eine Geschichte aus dem schönen Gevelsberg vom Rande des Ruhrgebiets, wo sich Mensch und Eichhörnchen gute Nacht sagen.

Rosalie Hehlke (10 Jahre)


Aus dem Milieu
Nun habe ich zweimal acht Jahre hier verbracht
Im „sozialen Brennpunkt“ ist es gefährlich
Kurz nach acht?
Kannst du sehen was die Mundpropaganda macht
Es verschlechtert sich mein Heim
Ihr habt es geschafft
Füttert euren Kopf nicht mit Klischees und Ondits
Öffnet die Tür und findet ein Indiz
Und sagt im Stadtbezirk sechs bist du genauso frei
Wie in Stadtbezirk eins zwei oder drei

Das Leben hier prägt meine Aussicht
Irgendwo anders wäre mein Kopf auf Standlicht
Hier ist er aber eben auf Fernlicht
Das Milieu ändert einen Menschen nicht?
Wir müssen lernen
Miteinander zu kommunizieren
Den Kontakt untereinander nicht verlieren
Wollen wir den Frieden ersteigern
Oder uns abschotten
Und ihn verweigern?

Onur Özgen (17 Jahre)


Der Kohlekönig
Es lebten einst ein König und eine Königin tief im Westen in einem rosa Ruhrschloss in ruhiger Lage mit großen runden Räumen und roten Ranken, die bis zu den rosa Rollladen hinauf ragten. Sie hatten fünf Töchter, und jeder gehörte ein privates, prunkvolles Gemach.

Die älteste Tochter Dora interessierte sich sehr für Kunst und Musik. Dem entsprechend dekorierte sie ihr Gemach.
Der zweiten Tochter Diana gehörte ein Zimmer im Erdgeschoss mit direktem Durchgang zum Garten, in dem sie viele Tiere hielt. Denn sie war sehr tierlieb. Am liebsten waren ihr die drei Delphine Domingos, Duly und Dunet.
Die liebste Beschäftigung von Prinzessin Elisabeth, der dritten Tochter, war es zu essen. Sie war kein entzückendes Engelchen, sondern die emanzipierte Elisabeth, die oft für ihre Familie kochte. Ihr Lieblingsmenü war Endiviensalat, dann Ente, gefüllt mit Esskastanien auf Erbsenbett und zuletzt Eis mit erntefrischen Erdbeeren.
Die vierte Tochter Beatrice war sehr begabt im Tanzen und Theaterspielen. Sie hatte zusätzlich zu ihrem Zimmer noch einen zart eingerichteten Tanzsaal.
Die jüngste Tochter Marie, die ihrer Mutter am liebsten war, lebte in dem größten Gemach, das mit vielen Spiegeln und Schränken voll mit Kleidern und Stapeln von Schmuck eingerichtet war. Sie kleidete sich stets stilvoll und stolzierte mit ihren Stilettos durch das ganze Schloss.

Das Ruhrgebiet war reich an Kohle und König Rudolph in Geldsorgen, denn er wollte seinen Töchtern und seiner Frau Ramona jeden Wunsch erfüllen. Um die Gemälde, Aquarien, exotischen Früchte, neuen Tanzschuhe, Pelzmäntel und Romane bezahlen zu können, brauchte er eine Geschäftsidee: Er wollte die Kohle im Ruhrgebiet abbauen und in die ganze Welt exportieren. Er sandte eine Botschaft an alle jungen Männer, die Arbeit suchten, in der er sie dazu aufrief, ins Ruhrgebiet zu kommen. Und wie es nicht anders zu erwarten war, folgten viele Menschen seinem Aufruf. Das kleine Königreich von Rudolph wuchs und wuchs.

Die älteste Prinzessin Dora verliebte sich in Dario, einen Bierbrauer. Er hielt bei König Rudolph um ihre Hand an, und sie heirateten. Nach den Flitterwochen zogen sie in einen bescheidenen braunen Bungalow, der einige Meilen entfernt vom Ruhrschloss lag. Und alle Leute, die wie Dora Kunst und Musik schätzten und Darios´ Bier tranken, folgten ihnen. So entstand Dortmund.
Auch Diana wollte nun heiraten. Sie hatte einen Seemann kennen gelernt, dessen Name Dieter war. Ihre Flitterwochen verbrachten sie am Südpol mit den putzigen, pelzigen Pinguinen. Sie siedelten sich dort an, wo die Ruhr in den Rhein fließt. Diana machte einen großen Tiergarten auf, und Dieter nutzte die Verbindung zwischen Ruhr und Rhein und baute einen großen Hafen. Sie nannten ihre Stadt Duisburg.
Elisabeth hatte sich in den Gewürzhändler Edelbert verknallt. Sie eröffneten zusammen die kulinarische Sensation „Edelbeth“, ein Feinschmeckerrestaurant. Viele Menschen gingen mit ihnen, um Elisabeths sensationelle Küche zu genießen. Und die Köchin nannte ihre Stadt – wen wundert es – Essen.
Die vierte Tochter Beatrice heiratete den berühmten belgisch-bayerischen Bühnenbauer Bernhardt. Sie gründeten ein Schauspielhaus in der Stadt, die sie Bochum nannten.
Als letztes wollte auch Marie eine gute Partie machen und heiratete Martin, der ein megamäßiger Modedesigner war. Von nun an wohnten sie zusammen am malerischen Mühlsee in ihrer Stadt Mühlheim.

Das Ruhrgebiet wurde größer und schöner, und die Enkelkinder von Ramona und Rudolph von Ruhrgebiet sorgten dafür, dass es sich noch weiter ausbreitete. Sie gründeten viele neue Städte, und so entstand das Ruhrgebiet. Ob ihr´s glaubt oder nicht.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann begegnet ihr vielleicht noch heute einem Echten von Ruhrgebiet.

Ronja Dierks (15 Jahre), Hannah Kleinhaus (14 Jahre)

Publikation:
Andreas Klink, Artur Nickel (Hg.)
Ruhrkulturen - Was ich dir aus meiner Welt erzählen möchte
Geest-Verlag 2009
ISBN 978-3-86685-202-0
328 S., 12 Euro


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de