Schlertext

unterm tisch

29.09.2009

Bester Text der Literaturwoche 2009 im Land Brandenburg


Marie Michael bei der Abschlusslesung
Marie Michael bei der Abschlusslesung
Schreibende Schler e.V.
Junge Schreibende aus Berlin und Brandenburg trafen sich vom 22. bis zum 29. August 2009 im Bildungs- und Begegnungszentrum Schloss Trebnitz zur Literaturwoche 2009. Der Verein Schreibende Schler e.V. hatte aus fast 300 Bewerbungen die besten Nachwuchsautoren des Landes ausgewhlt. Eine Woche lang konnten die Neun- bis Neunzehnjhrigen an ihren Geschichten und Gedichten feilen und unter fachkundiger Anleitung ber die Ergebnisse ihrer Arbeit diskutieren. Bei der ffentlichen Abschlusslesung der Literaturwoche wurden die besten Arbeiten prmiert.
Der Preis fr den besten Text ging an die 17-jhrige Autorin Marie Michael aus Tpchin fr ihre mit sanfter Konsequenz komponierte Erzhlung "unterm tisch", die wir mit freundlicher Genehmigung der Autorin verffentlichen.


unterm tisch

wir sollten ans meer fahren, sagt tino.
ich lege mir die hnde auf die augen und lache. es gab zeiten, da wusste ich, wann der sommer vorbei war.

drauen fallen die bltter.
er steht in der kche und sieht mich nicht. vielleicht htten wir schlafen sollen.
wir kriegen das hin, martha.
ich schweige, weil er mich dann nicht findet. seine hnde greifen in die luft. dort hlt sich nichts.
martha, mach mal die augen zu. so schlimm ist das nicht. wir kriegen das hin.
ich antworte nicht. ich drehe den wasserhahn auf. im splbecken liegen drei gabeln, ich nehme eine in die hand. sie schneidet das licht auf seinem gesicht in streifen wie aus versehen. er hat es zu mir gedreht mit einem ruck.
wir kriegen das hin.
ich sehe ihn an. sehe in seine ohrmuschel. das wasser luft ins becken. sehe auf das muttermal in seinem mundwinkel. und auf seine lider, die er geschlossen hat, als htte er eine wahl. ich drehe das wasser ab, bis es nur noch tropft.

wir laufen barfu an der strae entlang. wir laufen, weil es sonntagnachmittag ist und wir den fernseher aus dem fenster geworfen haben. tino luft barfu, er findet, es wre bescheuert, wenn man nichts vom gras hat. ich laufe barfu einfach so, weil ich es will.
du wirst dir was eintreten, sagt tino. zieh die sandalen an.
ich halte seine hand, damit wir nicht fallen. an uns rauschen die autos vorbei. meistens rote.

ich wei, es ist nicht seine schuld.
es ist, als htte man uns im kreis gedreht und dann losgelassen, sagt tino. wir rennen in die erstbeste richtung.

abends sitzen wir oft im wohnzimmer unterm tisch. oder wir liegen, das kommt vor. tino malt mit dem finger drei punkte auf meinen rcken, direkt unters t-shirt. ich stelle mir vor, dass meine haut gelb ist und seine punkte schwarz und dass er meinen rcken am arm tragen knnte. wirbel fr wirbel herumgewickelt. sein finger fngt an, kreise zu ziehen. grer werden die, wie die wellen um einen stein, der ins wasser fllt. ich greife hinter mich und umfasse seine handgelenke. aus gewohnheit ist links noch die armbanduhr.

die frage ist: worauf kommen wir an?

einer von uns ist blind. das kommt vor.

es war ein samstag, als wir den fernseher aus dem fenster geworfen haben. auf pro7 zeigten sie "die farbe lila".
kommt was, fragte tino.
"die farbe lila", sagte ich.
kenn ich nicht, du?
und ich wnschte, ich htte wieder einen wasserhahn gehabt, um nichts sagen zu mssen. ich wusste, er meinte den film, das war klar, aber ich konnte nicht aufhren, daran zu denken, dass ich die farbe lila kannte und er nicht. nicht mehr. wo ich doch dachte, er knnte sich vielleicht noch erinnern an blau und grn und gelb und das alles, dass das da irgendwo noch wre, vielleicht, das wr ja mglich gewesen. wie fische in einem netz, so stellte ich mir das vor. flieder.
ich sagte es leise.
tino machte h. dann: mach mal lauter.
ich nahm die fernbedienung und drckte den rechten lautstrkeknopf. dann setzte ich mich neben ihn und schaute auf sein muttermal und wir hrten uns "die farbe lila" an. mittendrin ghnte tino und ich sagte scheie und riss das fenster auf und wir wussten beide, dass es nicht anders ging. es krachte, als der fernseher auf dem brgersteig aufschlug. wir htten zufrieden sein knnen.

ich wei nie, wie weit ich gehen kann. wie lange das hlt, was zwischen uns ist. und wenn es nur tinos arm, unser atem oder der tisch oder sonstwas ist. ich wei, es ist nicht seine schuld. nicht seine schuld, dass das fenster gro genug war, um einen fernseher hinauszuwerfen. nicht seine schuld, dass ich keine ahnung mehr habe, wo ich aufhre, wo ich fr ihn aufhre. nichts ist seine schuld. aber wenn er dann wieder anfngt, vom meer und von sandalen und "wir kriegen das hin, martha", dann mchte ich manchmal schreien und heulen und genauso sein, wie ich nicht sein darf, weil es nicht seine schuld ist. nicht seine.

wir laufen barfu an der strae entlang, weil sich das nicht anfhlt als wre herbst. ich zhle meine schritte in primzahlen. zwei, drei, fnf, sieben. die luft knickt um uns herum. wir atmen flach. irgenwann wirft tino sich ins gras und weil ich immer noch seine hand halte, wirft er mich auch ins gras. wir tragen kurze hosen. an meinen beinen klebt schorf.
ich kann das meer hren, sagt tino.
das ist die strae, sage ich.
wir liegen im straengraben. man sieht nur den himmel. tinos stimme hat eine grobe rinde. er grinst.

die frage ist: worauf kommen wir an, wovon hngen wir ab? und ich wei mir nicht zu helfen, weil das mit uns ist wie auf einem fu stehen und mit dem anderen luftlcher vor die eigene nase stechen.

es war ein samstag, als wir den fernseher aus dem fenster geworfen haben. der klang des aufpralls spult zwischen unseren mndern vor und zurck.

ich zhle meine schritte in primzahlen. manchmal zeigt tinos armbanduhr zwei, drei, fnf, sieben. dann schlft er. ich sehe ihn an. sehe ihn lange an und gerade jetzt kann ich mich nicht sattsehen an ihm. und ich fhle mich schuldig deswegen. dieses hungern wchst mir ber den kopf.

wir ziehen uns immer im dunkeln aus, weil ich mir dann nackter vorkomme und das brauche.
tino trgt seinen arm an meinem rcken, nicht umgekehrt. nur um diese zeit erlaube ich mir berhaupt meine lippen. seine wandern schrg von unten nach oben, aber immer auf mir. da sind linien auf meiner haut wie ausgetrocknete flsse. die findet nur er.

martha, sagt er manchmal in meinen bauch und ich spre seine zhne dort.
marthamarthamartha.
ich sehe seine augen nicht. das ist gut so.

ich kann das meer hren, sagt tino.
er hat beide hnde an die ohren gepresst.
und?
es ist laut.

ich zhle meine schritte in primzahlen. es ist, als htte man uns im kreis gedreht. wir ziehen uns immer im dunkeln aus. ich denke das und merke, dass es sich aufgequollen anhrt. nicht echt. als htte man uns zu lang im wasser liegen lassen.

nur um diese zeit erlaube ich mir berhaupt meine lippen und ksse ihn und sage dinge, als knnten wir beide noch sehen. den rest des tages bin ich mundlos.
unter dem tisch ist mit uns ab und zu auch rotwein. wir trinken aus der flasche und ich versuche mich fremder zu fhlen.

die frage ist: worauf kommen wir an? und ich wei mir nicht zu helfen. ich bin mundlos.


Autorin: Marie Michael, 17 Jahre, Tpchin

Copyright Marie Michael 2009. Abdruck und Vervielfltigung nur mit ausdrcklicher Genehmigung der Autorin.


Schreibende Schler im Land Brandenburg e.V.
Der Verein Schreibende Schler wurde 1996 gegrndet. Er setzt sich fr die Frderung literarisch interessierter Kinder und Jugendlicher ein. In den Winter- und Sommerferien veranstaltet der Verein Literaturwochen, die jungen Autorinnen und Autoren ein Forum zum Austausch bieten. Auerdem bietet der Verein Schreibzirkel in verschiedenen Stdten in Berlin und Brandenburg an.

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Jakob Weber
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