Bericht

Kinder- und Jugendliteratur ist ein Generationenprojekt

16.10.2007

Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2007


Begrung zur Preisverleihung durch die AKJ-Vorsitzende Regina Pantos
Begrung zur Preisverleihung durch die AKJ-Vorsitzende Regina Pantos
Foto: Jochen Gnther
Der Deutsche Jugendliteraturpreis 2007 wurde am 12. Oktober 2007 auf der Frankfurter Buchmesse verliehen. Gerd Hoofe, Staatssekretr des Bundesministeriums fr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hat als Preisstifter zusammen mit der Moderatorin Petra Gerster die Preise bergeben. Bereits zum 52. Mal zeichnete der einzige Staatspreis fr Literatur in Deutschland herausragende Kinder- und Jugendbcher mit Preissummen von insgesamt 50.000 Euro aus. Neben zahlreichen nominierten Personen und ihren Verlegern nahmen ber 1.000 Gste aus dem In- und Ausland an der Veranstaltung teil.

Regina Pantos, die Vorsitzende des Arbeitskreises fr Jugendliteratur (AKJ e.V.), erffnete die Preisverleihung im vollbesetzten Saal Harmonie des Congress Centers der Messe Frankfurt. Ihr besonderer Gru und Dank galt den Gsten, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben: 

  • Herr Staatssekretr Gerd Hoofe als Vertreter von Frau Bundesministerin Ursula von der Leyen, der Stifterin des Preises und der Schirmherrin der Aktion „Wer liest gewinnt!“
  • Herr Staatssekretr Joachim Jacobi aus dem Hessischen Kultusministerium
  • Herr Jrgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse
  • Frau Silke Greifsmhlen als Vertretung fr Herrn Gerhard Kinzl, Geschftsfhrer der Servicegesellschaft Das Telefonbuch, Sponsor der Aktion „Wer liest gewinnt“
  • Schlerinnen und Schler, Lehrerinnen und Lehrer sowie Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die sich an der Aktion beteiligten.

Spannende Preisverleihung
Aus der Erffnungsrede von Regina Pantos:
Versammelt haben wir uns heute hier, um den fr den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Autoren, Illustratoren und bersetzern unsere Referenz zu erweisen und die Sieger zu feiern. Sie und ihre Verleger begre ich herzlich. Ebenso den Preistrger des Sonderpreises fr das literarische Gesamtwerk. Wir machen es spannend: Dieses Geheimnis wird in diesem Jahr als letztes enthllt.
Mein Dank geht an Rotraut Susanne Berner, die im letzten Jahr fr ihr Gesamtwerk als Illustratorin ausgezeichnet wurde, fr die Gestaltung des Plakates fr den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007. Und an Petra Gerster, die in diesem Jahr wieder bereit war, sich fr die Kinder- und Jugendliteratur zu engagieren und die Moderation zu bernehmen.
Wir sen aber nicht hier, wenn nicht eine ganze Reihe von kompetenten Bcherfreunden die wichtigste Vorarbeit fr den heutigen Tag geleistet htten. Ich danke ganz herzlich allen Mitgliedern der Jury fr den Sonderpreis unter dem Vorsitz von Prof. Birgit Dankert, der Kritikerjury unter dem Vorsitz von Dr. Caroline Roeder, und der Jugendjury, deren Vertreter aus dem gesamten Bundesgebiet wir nachher begren werden.

Kinder- und Jugendbcher sind Lebensmittel der besonderen Art
Im letzten Jahr habe ich angesichts der Tatsache, dass in diesem Saal Menschen aller Altersstufen vertreten sind, die sich fr die Kinder- und Jugendliteratur engagieren, gesagt, dass die Kinder- und Jugendliteratur ein Generationenprojekt sei und ich sie damit auf einem guten Weg sehe. Am Ziel sind wir jedoch erst, wenn alle Kinder und Jugendlichen entsprechend ihren Bedrfnissen und Interessen Zugang zu ihr haben. Von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt.
In Deutschland leben ca. 2 Millionen Kinder unter 15 Jahren in Familien, die von Hartz IV oder anderen Sozialtransfers abhngig sind. Statistisch sind dabei pro Kind und Jahr 9,12 Euro fr Spielzeug vorgesehen. Was bekommt man dafr? Nur ein einziges unserer nominierten Bcher liegt im Preis darunter. Aber Kinder- und Jugendbcher sind kein Luxus, sondern Lebensmittel der besonderen Art: Sie stillen geistigen Hunger. In ihnen versammelt sich auf vielfltige Weise Weltwissen, das wir von Generation zu Generation weiter geben. So funktioniert Bildung und sthetische Erziehung. In unserer Gesellschaft sind dafr sowohl die Familien wie auch die Schulen zustndig. Und wenn die Familien sich Bcher nicht leisten knnen, dann mssen Bibliotheken im Stadtteil und in der Schule die Bcher den Kindern zur Verfgung stellen.

Bibliotheken brauchen Ressourcen
Dass hinsichtlich der ffentlichen Bibliotheken Wnsche offen sind, hat im letzten Jahr hier die Preistrgerin Anja Tuckermann deutlich gemacht. Bibliotheken brauchen Ressourcen, um Bildungs-, Kultur- und nicht zuletzt immer mehr soziale Integrationsarbeit zu leisten. Aber Bibliotheksbesuch ist nicht Pflicht, Schulbesuch dagegen schon. Doch wie sieht es mit den Schulbibliotheken aus? Ich zitiere: „Nur auf breiter Front fehlen noch die Erfolge, es gibt z.B. in keinem Bundesland weitreichende verbindliche Regelungen zu Funktion und Ausstattung von Schulmediotheken. Der stndig wiederkehrende Verweis auf die leeren Staatssckel mag im Augenblick besonders griffig sein, doch merkwrdig muss es anmuten, dass just diese Begrndung fr hinhaltendes Taktieren auch bereits vor 10 Jahren verwendet wurde.“ 
Dieses Zitat ist nicht von heute, sondern aus dem Jahr 1976. Damals ersetzte man bereits den Begriff Schulbibliothek durch Schulmediothek um deutlich zu machen, dass sich die Schule nicht nur mit den Print-, sondern auch mit den audio-visuellen Medien der Kinder und Jugendlichen auseinandersetzen sollte. Leider sind wir in den letzten 30 Jahren an diesem Punkt nicht entscheidend weiter gekommen.

Nominierte Bcher sollen ungehindert ihre Leser erreichen
Die Verbreitung der Kinder- und Jugendliteratur ist also nicht nur ein Generationen-, sondern auch ein Gesellschaftsprojekt, an dem viele Akteure beteiligt sind. Ich denke, dass diese Preisverleihung ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Ziel ist. Es kommt in der Kinder- und Jugendliteratur nicht nur auf Quantitt, sondern auch auf Qualitt an und darauf, dass viele Menschen z.B. mit Hilfe der Presse diese Bcher wahrnehmen und Multiplikatoren wie Bibliothekare und Lehrer mit ihnen arbeiten, wie das z.B. bei „Wer liest gewinnt“ und in anderen Projekten geschieht. Aber erreicht haben wir unser Ziel erst, wenn alle diese wunderbaren nominierten Bcher ungehindert ihre Leser erreichen und dank deren Neugier und Phantasie ihr wahres Leben entfalten knnen.

(Quelle des Zitats: Peter Zimmermann: Die Schulmediothek – weiterhin eine wichtige Aufgabe gewerkschaftlicher Arbeit. Informationen Jugendliteratur und Medien 1/76 S. 2)

Zur Autorin:
Regina Pantos war Studiendirektorin an der Ersten Staatlichen Fachschule fr Sozialpdagogik Berlin und  ist Vorsitzende des Arbeitskreises fr Jugendliteratur und Bundesvorsitzende der AG Jugendliteratur und Medien der GEW.

Die Preistrger des Deutschen Jugendliteraturpreises 2007
Der mit 10.000 Euro dotierte Sonderpreis fr ein Gesamtwerk wurde an die Autorin Kirsten Boie vergeben. Die Jury ehrte Boie "als konsequente und kompromisslose Verfechterin einer eigenen Literatur fr Kinder und Jugendliche sowie als rastlose und erfolgreiche Vorkmpferin sthetischer Erziehung und nachhaltiger Lesefrderung".

In den Kategorien Bilder-, Kinder-, Jugend- und Sachbuch wurde je ein Preis in Hhe von 8.000 Euro verliehen.

Preistrger in der Sparte Bilderbuch
Nikolaus Heidelbach
Knigin Gisela
Beltz & Gelberg
ISBN 978-3-407-79906-7
€ 14.90 (D), € 15.40 (A), sFr 26.00

Die Kritikerjury zeichnete das Bilderbuch Knigin Gisela von Nikolaus Heidelbach aus. Der Illustrator hat die Geschichte vom Knigskind "psychologisch fein austariert" und "opulent in Szene gesetzt". Die Jury wrdigte die "meisterliche Text-Bild-Komposition".

Preistrger in der Sparte Kinderbuch
Jon Fosse (Text)
Aljoscha Blau (Illustr.)
Schwester
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Bajazzo Verlag
ISBN 978-3-907588-70-3
€ 12.90 (D), € 12.90 (A), sFr 23.00

Sieger in der Sparte Kinderbuch wurde der Titel Schwester. "Der Autor Jon Fosse erobert im Kinderbuch durch seine sprachlich auergewhnliche Darstellung neue und faszinierende Ausdrucksformen. Die intensiv verdichtete Sprache bertrgt Hinrich Schmidt-Henkel auf besondere Weise ins Deutsche. Dem Illustrator Aljoscha Blau gelingt es, den Zauber dieser Kindheitsgeschichte in khle Landschaftszeichnungen und atmosphrische Szenen zu fassen."

Preistrger in der Sparte Jugendbuch
Do van Ranst
Wir retten Leben, sagt mein Vater
Aus dem Niederlndischen von Andrea Kluitmann
Carlsen Verlag
ISBN 978-3-551-58156-3
€ 12.00 (D), €12.40 (A), sFr 21.90

Den Preis fr das beste Jugendbuch erhielten Do van Ranst und seine bersetzerin Andrea Kluitmann fr Wir retten Leben, sagt mein Vater. "Van Ranst gelingt eine bestechend komische und originelle Fabel, die Familiengeheimnisse und kompakte Lgengeschichten originell zu skizzieren vermag. Sie versinnbildlicht nicht nur die Qualen des Erwachsenwerdens, sondern auch die verkapselten Leidenschaften ihrer pointiert gezeichneten Charaktere."

Preistrger in der Sparte Sachbuch
Brian Fies
Mutter hat Krebs
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang J. Fuchs
Knesebeck Verlag
ISBN 978-3-89660-356-2
€ 14.95 (D), € 15.40 (A), sFr 27.30

In dem prmierten Sachbuch Mutter hat Krebs, das von Wolfgang J. Fuchs stilsicher bersetzt wurde, dokumentiert Brian Fies tagebuchartig die Auseinandersetzung mit der Krebserkrankung seiner Mutter: "Entstanden ist ein bewegender Sachcomic, der das Medium angemessen nutzt, und eine sensible Bearbeitung des Themas im zeitgemen Format darstellt."

Preis der Jugendjury
Markus Zusak
Der Joker
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
cbj
ISBN 978-3-570-13107-7
€ 16.95 (D), € 17.50 (A), sFr 30.10

Der Preis der Jugendjury, der ebenfalls mit 8.000 Euro dotiert ist, ging an den australischen Autor Markus Zusak und seine bersetzerin Alexandra Ernst fr Der Joker. "Den Romanhelden auf seinem Weg zu begleiten, ist ein aufregendes Abenteuer. Hinzu kommt der geniale Stil des Autors. Durch geschickte Wortwahl lockt er den Leser hin und wieder auf falsche, teils grausige Fhrten, so dass man sich in einem Strudel aus Realitt und Fiktion wiederfindet", so die Jury.

Kontakt:
Julia Lentge
Arbeitskreis fr Jugendliteratur e.V.
Metzstr.14c
81667 Mnchen
E-Mail: lentge@jugendliteratur.org


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de