Bericht

Storytausch

26.04.2007

Literarisches Hin und Her per E-Mail





In der Kinder- und Jugendbibliothek Potsdam
In der Kinder- und Jugendbibliothek Potsdam
Foto: Ronald Gohr
Die Bibliotheksarbeit mit Kindern und Jugendlichen der Zukunft braucht Erfolge und neue, innovative und kreative Ideen. Die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam ist kompetenter und zuverlssiger Partner fr Kinder und Jugendliche und unverzichtbarer Lotse im Dschungel traditioneller und moderner Medien. Neben vielen regelmigen und ffentlichkeitswirksamen Aktionen zur Lesefrderung hat die Kinder- und Jugendbibliothek im Januar 2007 zum zweiten Mal den Schler-Schreibwettbewerb „Storytausch“ fr junge Potsdamer ausgeschrieben.
Aus tglichen Gesprchen in der Bibliothek wissen wir, dass es nicht wenige Jungen und Mdchen gibt, die selbst schreiben - ob Tagebuch, Schlerzeitungsartikel, redaktionelle Homepagetexte, Geschichten, auch Gedichte oder endlos lange E-Mails oder SMS. Diese Aussagen junger Leute waren Anlass zu neuen konzeptionellen berlegungen fr einen Schreibwettbewerb. Dieser sollte in seiner Durchfhrung zeitgem und den Freizeit- und Medieninteressen junger Leute entsprechen. Eckpunkte unserer ersten berlegungen waren: Der Wettbewerb sollte ein Gruppenerlebnis werden, die Medien Internet und E-Mail einbeziehen, prominente Schriftsteller und Journalisten beteiligen und den Austausch mit Jugendbuchautoren beinhalten.

Das Konzept
Mit diesen Prmissen entwickelten wir gemeinsam mit dem Partner Frank Sommer von Eventilator das Wettbewerbskonzept „Storytausch - Ein Schreibwettbewerb fr junge Potsdamer“, das sowohl bildende als auch gemeinschaftlich unterhaltende Aspekte ansprechen und frdern soll. Das Projekt enthlt folgende Schwerpunkte: kreative und zielgruppengeme Frderung der Lese- und Schreibmotivation, Vermittlung themenbezogener Texte, Methoden zur Frderung des Schreibens im Alltag und Einsatz moderner Kommunikationsmedien zur Frderung der Schreibkompetenz. Der Wettbewerb versucht die schriftsprachliche Kreativitt junger Leute in verschiedenen literarischen Formen anzuregen. Schreibfrderung ist fr uns gleichbedeutend mit der tglich praktizierten Lesefrderung und soll Schlerinnen und Schlern die Mglichkeit bieten, die „Welt des Schreibens“ fr sich zu entdecken. Denn die Frderung schriftsprachlicher Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen erfhrt eine immer grere gesellschaftliche Bedeutung, insbesondere im Schul- und Berufvorbereitungskontext.

Der Aufruf zum Wettbewerb „Storytausch
Wer Fantasie hat, wer gerne Geschichten schreibt und wer mit einem bekannten Jugendbuchautor gemeinsam eine Geschichte schreiben will, kann sich am Schreibwettbewerb „Storytausch“ der Kinder- und Jugendbibliothek beteiligen." Dieser Aufruf ging im Januar 2007 an alle Potsdamer Schlerinnen und Schler der Klassen 7 bis 13. Angemeldet haben sich viele Schlergruppen vorwiegend aus den 7. bis 10. Klassen. Bemerkenswert jedoch, die Beteiligung von Jungen war sehr gering.

Fnf Schreibetappen in 8 Wochen
ber fnf Schreibetappen im knapp bemessenen Zeitrahmen von nur 8 Wochen sollten die Schler in Zusammenarbeit mit den Autoren eine gemeinsame Story entstehen lassen. Mindestens zwei Schler (maximal eine ganze Schulklasse) fanden sich zu einer gemeinsamen Schreibgruppe zusammen. Sie mussten den Anfang ihrer Geschichte erfinden und schreiben. Dieser Textbaustein wurde nun an eine Autorin oder einen Autor gemailt, die oder der nun die Fortsetzung, den zweiten Teil, zur Story beitrug. Den dritten Teil der Geschichte bernahm wieder die Schlergruppe. Dann war erneut der Autor dran. Den Schluss und fnften Teil der Geschichte vervollstndigten die Schler. So entstand eine abgeschlossene Kurzgeschichte im Austausch zwischen Schlern und Autor, eine offene Work-in-Progress-Geschichte, die wechselseitig Fantasie, sprachliches und schriftstellerisches Knnen herausforderte.
Das Besondere: das Schreib-Team Schler - Autor kannte sich whrend der aktiven Schreibphase nicht, denn alle E-Mails wurden ohne Namen versandt. Die Spannung blieb also bis zur Abschlussveranstaltung erhalten. Bei der Preisverleihung lernten sich Schler und Autoren zum ersten Mal kennen und konnten sich nun live ber ihre Erfahrungen und Probleme austauschen.

Die Teilnahmebedingungen
Der Wettbewerb wurde in zwei Gruppen fr die Klassenstufen 7 bis 10 und 11 bis 13 ausgeschrieben. Mindestens zwei Schler bildeten eine teilnahmeberechtigte Schreibgruppe. Eine Gruppe konnte jedoch auch eine ganze Klasse oder Projektgruppe sein. Die maximale Teilnehmerzahl zum Wettbewerb wurde auf 25 Gruppen beschrnkt. Grundstzlich war die Teilnahme nur ber eine vorgegebene E-Mail-Adresse mglich und der „Storytausch“ erfolgte ausschlielich ber E-Mail-Versand.
Als Thema war „Miteinander leben“ vorgegeben, jedoch kein literarischer Stil. So konnten z.B. fantastische, mystische, realistische, problemorientierte oder komdiantische Geschichten entstehen. Den Stil sollten die Schler selbst finden und festlegen, ebenso den Titel der Geschichte. Weitere vorgegebene Aspekte: Die Hauptfigur(en) sollten im Alter der Jugendlichen, also zwischen 13 und 18 Jahren sein, in Potsdam leben und/oder dort ihren Ausgangspunkt fr die Geschichte finden. Der erste, von den Schlern geschriebene Teil, sollte den Konflikt, bzw. den Schwerpunkt der Geschichte, bereits enthalten. Im weiteren Verlauf des Storytausches durften schon fertig geschriebene Teile der Geschichte nicht nachtrglich gendert werden. Alle Vernderungen im inhaltlichen Verlauf mussten akzeptiert und als schriftstellerische Herausforderung angenommen werden. Jeder neue Abschnitt der Geschichte durfte nicht mehr als eine DIN A4 Seite von ca. 1800 Zeichen (30 Zeilen 60 Zeilen) umfassen.

Die Jury
Die im Storytausch entstandenen Geschichten wurden nach vorgegebenen Kriterien (nach Originalitt, der Story, den Figuren, der Sprache und dem Erzhlton) in einem einfachen Punktsystem von einer fnfkpfigen Jury, bestehend aus einem Autor, einer Journalistin, der Siegerin des vorherigen Wettbewerbs, einer Auszubildenden der Bibliothek und einem Stadtverordneten Potsdams, bewertet. Die Jury hatte eine schwere Arbeit zu leisten, denn alle entstandenen Arbeiten waren von unterschiedlicher Qualitt. Einige waren jedoch so gut, dass die Juroren manchmal gar nicht merkten, was die Jugendlichen und was die Schriftsteller geschrieben hatte.

Die beteiligten Autorinnen und Autoren?
Ihre Namen blieben whrend des Wettbewerbs geheim. Auf der Abschlussveranstaltung am 20. April, als die drei besten Storys jeder Altersgruppe in der Bibliothek gekrt wurden, lernten die Schlerinnen und Schler die Autorinnen und den Autor kennen: Gregor Tessnow aus Brandenburg („Knallhart“, „Wenn die Kugel zur Sonne wird“), Karen Susan Fessel („Achtung, Mdchen gesucht!“, „Max in den Wolken") und Carmen Winter aus Frankfurt/Oder („Oderbruch -- Liebe auf den zweiten Blick“). Die ausgeschriebenen Preisgelder im Wert von 250, 150 und 100 Euro fr die jeweils drei besten Arbeiten wurden im vllig berfllten Saal der Bibliothek vor Mitschlern, Eltern und Lehrern sowie Pressevertretern berreicht.

Fachgesprche mit den professionellen Co-Autoren
Dass der Wettbewerb sowohl bei Schlern als auch bei den Autoren ankam, bewiesen die vielen Gesprche, die es bei der Abschlussveranstaltung gab. „Eine schne, wunderbare Idee“ sei das gemeinsame Schreiben gewesen, fand Autorin Carmen Winter. Auf acht verschiedene Storys und Stile der Gruppen musste sie sich einlassen. Und die Spannung, „was passiert im nchsten Teil?“ sei auch fr eine Autorin "unwahrscheinlich reizvoll“ gewesen. „Es lief auch nicht immer so, wie ich das wollte“, erzhlte Autor Gregor Tessnow, der an vier Geschichten mitschrieb. Einen merkwrdigen Schrank, der zusammenhangslos in einer Geschichte auftauchte, habe er verschwinden lassen wollen. „Aber schon im nchsten Teil war er wieder da. Schlielich hatte die Schlergruppe mit dem letzten Teil der Geschichte auch das letzte Wort.“

Die Gewinnergeschichten
Auch Jugendbuchautorin Karen-Susan Fessel war „von der auerordentlichen Kreativitt der schreibenden Schler in diesem einmalig bemerkenswerten Wettbewerb angetan“ und von den vielen Wendungen berrascht: „Ich dachte wirklich, ihr macht noch ein Happy End daraus“, erzhlte sie Ann-Christin Janen und Patricia Pinter, die das allerdings zu langweilig fanden, weil „das doch heute keiner mehr lesen will“. Die Schlerinnen der 11. Klasse der Potsdamer Voltaire-Gesamtschule haben fr ihre Geschichte ber ein Mdchen, das vom Stiefvater missbraucht wird, geschrieben und dafr den ersten Preis in der Altersgruppe 11.bis 13. Klasse bekommen. „Wir denken, es war richtig, ein ernstes Thema zu whlen“, so Ann-Christin und Patricia. „Und auch ein unerwartetes Ende ist gut.“
Die Gewinnergeschichte der Altersgruppe 7. bis 10. Klasse „Die verlorenen Akten“ von Lea Wollersheim und Robert Rittinghaus widmet sich ebenfalls einem eher ernsten Thema: Es geht um junge Leute, die sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres Grovaters auseinandersetzen. Vom Preisgeld wollen die Sieger 150 Euro behalten und 100 Euro an ein Patenkind ihrer Klasse in Sdafrika spenden. Eine schne Geste!


Fortsetzung des neuen „Storytausch“ in dritter Runde?
Nicht nur die Potsdamer Tagespresse lobte die Idee des Wettbewerbs „Storytausch“ mit dem Angebot, die Siegerarbeiten zu verffentlichen, auch viele Lehrer waren begeistert und wnschen sich eine Fortsetzung dieses interessanten Projektes. Auch die Organisatoren hoffen auf eine Fortsetzung des „Storytausch“ in dritter Runde. Zum Erfahrungsaustausch und zur Projektinformation stehen sie gerne zur Verfgung.

Autor:
Ronald Gohr
Stadt- und Landesbibliothek Potsdam
Kinder- und Jugendbibliothek
E-Mail: gohr@bibliothek.potsdam.de


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de