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Bericht

Ästhetische Erfahrungen und literarische Bildung - Lernen fürs Leben

01.02.2007

Nicht „aufpassen“, sondern „aufmerksam sein“ empfiehlt Prof. Dr. Wilfried Wittstruck


Prof. Dr. Wilfried Wittstruck
Prof. Dr. Wilfried Wittstruck
Der „Timer“ erinnert Ina, 16, nicht nur an ihren Stundenplan mit Klassenarbeitsterminen, sondern auch an viele andere Aktivitäten. Zu ihrem Alltag gehören Training im Volleyballverein, ein Tauchkurs, den ihr die Eltern zum Geburtstag geschenkt haben, Klavierstunden im Konservatorium, hin und wieder ein Theaterbesuch mit ihrer Patentante und zeitweise Nachhilfestunden in Französisch bei einer aus Frankreich stammenden Freundin ihres Bruders. Da zudem Zeitungen und Fachzeitschriften, DVD-Player und Computer, mit dem sie virtuos umgeht, zur familiären Medienausstattung gehören, kann Inas Leben gut und gerne als abwechslungsreich bezeichnet werden. Und diese Bedingungen sind „folgenreich“ und bieten beste Vorraussetzungen für ein gelingendes Leben. Geschuldet sind diese Perspektiven finanzstarken Eltern gleichermaßen wie dem Aufwachsen in einem Milieu mit hohem Anregungsniveau.

Jugendliche im Kreislauf von Resignation und Gegenwehr
Während sich für viele in Europa aufwachsende Jugendliche glänzende Aussichten auf Lebensprofilierung ergeben, scheitert zugleich eine hohe Zahl von Gleichaltrigen, bevor sie die Startphase erreicht haben. In Deutschland verlassen mehr als 80.000 Jugendliche jährlich die Schule ohne Abschluss. Sie ziehen bei jeder Bewerbung um einen Ausbildungsplatz leere Netze an Bord. Ein nicht geringer Teil der Schüler tritt durch selektives Fehlen oder durch vollständiges Fernbleiben von der Schule in Erscheinung. Andere reagieren mit Passivität und Desinteresse, mit Schulangst und Depressionen auf den Unterricht. Was ist zu tun? Das Gefühl, unerwünscht zu sein, wird für sie nicht selten zum Ausgangspunkt eines verhängnisvollen Kreislaufs von Resignation und Gegenwehr. Sie geben sich selbst frühzeitig auf und driften schließlich in Langeweilekulturen ab. Wird diese Reaktion auf Schule nicht durch ein Freizeitverhalten ausbalanciert, von dem positive Impulse für Mut zur Selbstgestaltung des Lebens, für „Eigen-Sinn“, für Machenserfahrungen und Produktstolz („ich kann dieses und jenes …“) ausgehen, ist das Risiko beträchtlich, dass sich diese Jugendlichen in zunehmendem Maße gegenüber dem Staat und der Gesellschaft verweigern.

Ästhetische Erfahrungen bieten Orientierung und stiften Sinn
Außerschulische Bezugs- und Beziehungsangebote kunst- und kulturpädagogischer Art können in vielfältiger Hinsicht positiv wirken. Die Heranführung von jungen Menschen an Kunst (im weitesten Sinn), an Gegenstände und Situationen, die ästhetische Erfahrungen ermöglichen, dient dabei nicht dem Ziel, formale Qualifikationen sicherzustellen. Kunst ist vielmehr von zentraler Bedeutung für die Persönlichkeitsbildung. Denn derartige Angebote können durch die Institution Schule und mit deren Mitteln nur begrenzt hergestellt werden. Wenngleich Schule sich aufgefordert sieht, Aspekte des ästhetischen Lernens grundsätzlich auch unterrichtlich zu berücksichtigen. So verweisen die Bildungsstandards für den Primarbereich auf den „Beitrag des Faches Deutsch zur Bildung“: „Im kreativen Umgang mit Sprache erfahren sie die ästhetische Dimension von Sprache.“ Oder die Bildungsstandards für den Hauptschulabschluss: „Den Heranwachsenden bietet dies die Voraussetzungen, Interesse zu entwickeln und am kulturellen Leben teilzunehmen. Sie erfahren auf dieses Weise, welche Bedeutung kulturelle Traditionen und ästhetische Vorstellungen für die gesellschaftliche Entwicklung haben, […]“.

Auch der 11. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung betont den Wert ästhetischer Erfahrungen für gelingendes Aufwachsen. Es liegt in öffentlicher Verantwortung, dass Kinder und Jugendliche jenseits des ökonomischen und kulturellen Kapitals ihrer Familie die Chance zu einem „ausgeprägt selbstbestimmte[n] Umgang mit massenmedialen Angeboten sowie die Entfaltung kreativen Potenzials“ erhalten. Persönlichkeitsbildung und ergänzende Absicherung gesellschaftlich benötigter Kompetenzen auf einem verlässlichen Niveau zu fördern, sind die Begründungslinien, auf denen ästhetische Bildung außerschulisch anläuft: „Kulturelle Bildung soll Kinder und Jugendliche befähigen, sich mit Kunst, Kultur und Alltag phantasievoll auseinander zu setzen. Sie soll das gestalterisch-ästhetische Handeln in den Bereichen Bildende Kunst, Film, Fotografie, Literatur, elektronische Medien, Musik, Rhythmik, Spiel, Tanz, Theater, Video u.a. fördern. Kulturelle Bildung soll die Wahrnehmungsfähigkeit für komplexe soziale Zusammenhänge entwickeln, das Urteilsvermögen junger Menschen stärken und sie zur aktiven und verantwortlichen Mitgestaltung der Gesellschaft ermutigen.“

Schülerinnen und Schülern kann in soziokulturellen Projekten, die Fähigkeiten und Fertigkeiten ansprechen, dazu verholfen werden, ein verbessertes Verhältnis zu ihren eigenen Leistungsmöglichkeiten zu entwickeln und diese auch zu zeigen. Vorrangig geht es um die Förderung des Selbstwertgefühls einerseits, des fremdkulturellen Einfühlungsvermögens andererseits – letztlich darum, einen inneren Kompass zu finden, der aus einer bewusst eingenommenen Position heraus entsteht und der hilft, Individualität in Verbundenheit mit anderen gelingen zu lassen. Anbahnungen von ästhetischen Erfahrungen, die Kooperation und gemeinschaftliches Tun voraussetzen, können hierfür besonders zweckdienlich sein.

Durch literarische Bildung zu neuen Aussichten
Dies gilt auch und im besonderen Maße für Initiativen, die Lesefreude wecken wollen. Denn die Entwicklung der Schlüsselkompetenz des Lesens geht nicht nur mit hoher Motivation, sondern mit ausgeprägtem Konzentrationsvermögen einher. Viele Jugendliche scheitern jedoch gerade an Letzterem. So ist das Lesen allenfalls ein „kulturelles Fragment“ am Rande der jugendlichen Lebenswelten. Dass Jugendliche lesen wollen und überhaupt lesen können, ist längst nicht mehr voraussetzungslos anzunehmen. Zahlreiche Initiativen mit unterschiedlicher Reichweite setzen aber trotzdem und gerade deshalb auf ästhetische Erfahrungen, die durch das Buch und eben nur durch das Buch möglich sind. Der Arbeitskreis für Jugendliteratur  beispielsweise zeigt in Praxisseminaren Vertretern aus Jugendeinrichtungen, aus Schule und Hochschule, Bibliotheken, Buchhandel und Verlagswesen, wie eine solche Arbeit anlaufen könnte. Hier erläutern Fachleute, wie Bilderbücher, Kinder- und Jugendliteratur und Sachbücher für Kinder und Heranwachsende „funktionieren“, und sie sagen zugleich, wie mit ihnen literarische Erfahrungen jenseits von Schule angebahnt werden können.

Dass eine solche Begegnung mit Literatur möglichst frühzeitig organisiert werden muss und kann, hat der Landkreis Osnabrück erkannt. Er unterstützt ein auf mehrere Jahre angelegtes Modell „Kinder- und Jugendliteratur-Forum“. Es startet in Kürze unter dem Motto „Ein Jahr mit Paul Maar“ im „Ruller Haus“ in Wallenhorst, einem soziokulturellen Treffpunkt, an dem die interessierte Öffentlichkeit Künstlern verschiedener Sparten begegnet. 8- bis 12-jährigen Kindern soll außerhalb von Schule und im Rahmen von stark partizipatorischen Strukturen eine Möglichkeit geboten werden, sich selbst in der Auseinandersetzung mit Buch- und Bücherwelten zu erproben und zu verstehen, wie viel eigenes und fremdes Leben beim Lesen entdeckt werden kann. Dazu gehört die Annäherung an Literatur auf vorher nicht gegangenen Wegen ebenso wie das Nachspüren von – geistigen, emotionalen und materiellen – Voraussetzungen und Anstrengungen, die zu ihrem Entstehen notwendig sind. Wenn ein Autor sich mit größter Aufmerksamkeit dem Schreiben widmet, warum sollte nicht auch der Leser mit Aussicht auf „Gewinn“ aufmerksam sein?

Literaturarbeit in der Schule wird von den Schülern nicht selten so empfunden, als ob sie in ein enges, dunkles Gelass geführt werden, in dem man nach Luft ringt. Dennoch: Angeleitete außerschulische Beschäftigung mit Büchern läuft nicht gegen Schule, sondern in Ergänzung zu ihr. Sie kann deren Bemühungen sogar Rückenwind geben, wenn sie komplementär pädagogisch anstatt (fach-)didaktisch ausgerichtet ist. Sie versteht sich gleichwohl als Beitrag zur Beförderung von „literarischer Bildung“, insofern sie anstrebt, dass Teilnehmer (1) eine Vorstellung von der literarischen Artenvielfalt erhalten, (2) ein Gespür für die ästhetische, d.h. insbesondere sprachlich-kommunikative Verfasstheit der Welt entwickeln, (3) sich mit Ausdrucksweisen und Ausdrücken anderer Leser vertraut machen, (4) die Erkenntnis wachsen sehen, dass die eigene Sicht auf die (literarische) Welt legitim, aber auch anders möglich ist, (5) im Lesen und in der Reaktion darauf schöpferisch tätig sind und sich darin erfahren, wie sie sein möchten, und  nicht, wie sie sein müssen. Um dieses Potenzial leseungeübten Jugendlichen zu eröffnen, bedarf es eines besonderen Geschicks und besonderer Voraussetzungen. Vor allem aber  müssen Pädagogen sich bewusst werden, wie wichtig der Zustand der „Aufmerksamkeit“ ist.       

Aufmerksamkeit entzündet Funken der Faszination

Aufmerksamkeit ist nicht einfach da. Sie kann auch nicht angeordnet werden, sondern bedarf der Motivation, der Aussicht auf Ausschüttung einer „Verlockungsprämie“. Experten, praktizierende Künstler aus den verschiedenen Domänen könnten jungen Menschen mitteilen, warum sie von welchem Gegenstand fasziniert sind, warum sie die Auffassung haben, dass auch andere ebenso fasziniert sein könnten. Wenn sie glaubhaft erklärten, wo ein Lese-, Hör-, Seh- und Bewegungsvergnügen, das nicht selten das Resultat von intellektuellen und psychomotorischen Mühen ist, liegen kann, wäre viel gewonnen. Es vollzöge sich dann eine Kräfteverschiebung weg von der Frage, was Kunst ist, hin zu der Überlegung, was wir tun, oder was mit uns geschieht, wenn wir uns von ihr affizieren lassen. 

Der Wert von „Aufmerksamkeit“ kann in Lernprozessen der ästhetischen und literarischen Bildung informeller Art nicht hoch genug eingeschätzt werden: „Das deutsche Wort `Aufmerksamkeit´ zieht zusammen, was im Englischen als `awareness´ und `attention´ auseinandergehalten ist. `Awareness´ ist der Zustand der wachen Achtsamkeit, `attention´ das gezielte Achtgeben.“ (Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit). Es wäre also eine Empfehlung von Pädagogen, Mentoren, Coaches, Teamern an Lernende „aufzupassen“, wenig präzise, wohl aber ein Hinweis, aufmerksam zu registrieren, was und wie wahrgenommen wird.

Denn einem Gegenstand haftet das Besondere nicht objektiv an, sondern dieses Besondere ergibt sich als Resultat eines stets auch subjektiven Wahrnehmungs- und Beurteilungsvorgangs, der auf von dieser Sache ausgehende Reize reagiert. Darin würde zugleich erfahren, dass Wahrnehmen nicht nur zu verstehen ist als Wiederholung gespeicherter Erfahrungen (im Sinne von „wieder holen“), als Abrufen eines inneren Lexikons von Begriffen, Bildern, Szenen: Das wäre schemageleitetes Wahrnehmen, im Ergebnis vielleicht auch andächtige Bewunderung des Gegenstandes. Vielmehr geht es darum, einen Zustand zu kreieren, in dem Platz für genaues Sehen, Lesen, Hören ist und aus dem heraus Klischees, Imitationen, Routinen der Welterfahrung mit aufklärerischer Skepsis erschüttert, neu interpretiert und verändert werden könnten.

Gelegenheiten für Welterfahrungen und Erfahrungswelten bieten
Kinder und Jugendliche brauchen Konversationsräume, in denen sie Anerkennung erhalten, die ihnen womöglich in der Schule versagt bleibt. Anerkennung, die sich einerseits aus einem peniblen Blick auf die sie prägende und von ihnen zu ergründende und gestaltende Welt mit ihren vielfältigen Wechselbeziehungen von Text, Bild, Ton, Material, Bewegung, Tempo, Farbe, Licht, Schatten, Raum und Zeit ergibt. Aufmerksamkeit, die andererseits auch benötigt wird für die Einflussnahme auf die Gestaltung eben dieser Welt. Der  Aufwand müsste nicht immer hoch sein, wohl bedacht aber die Haltung, in der den Heranwachsenden begegnet wird: vornehmlich einer des Vertrauens (in die Selbstbildungsfähigkeit der Lernenden) und der des Anders-Verstehens (aus der heraus die Bereitschaft zur Generierung und Artikulierung eigener Sichtweisen befördert werden kann). Angestrengte Bildungsbemühungen sind nicht erforderlich. Sie dürften ohnehin wenig erfolgreich sein. Es geht eben nicht darum, den Kindern und Jugendlichen zu sagen: „Ich will, dass du liest, singst, tanzt, malst etc.“, sondern ihnen von Artisten eines Faches glaubwürdig von Erfahrungswelten erzählen lassen, damit sich die Zuhörer zu eigenem Sehen, Fühlen, Handeln entschließen.

Autor: Prof. Dr. Wilfried Wittstruck


Professor Wilfried Wittstruck, geboren 1955, lehrt seit 2005 an der Universität in Vechta im Institut für Anglistik und Germanistik mit dem Schwerpunkt Literaturwissenschaft und Fachdidaktik. In seinen Lehrveranstaltungen behandelt er insbesondere das Thema Leseförderung in der schulischen und vor- sowie außerschulischen Bildung.

Nach dem Studium in Münster von 1974 bis 1979 und Unterrichtstätigkeit in den Fächern Deutsch, Geschichte, Politik an einem Gymnasium in Osnabrück wurde er 1992 an die dortige Fachhochschule für Sozialarbeit und Gesundheitspflege berufen. Von 1997 bis 2004 war er zugleich Rektor der Hochschule. Er ist Mitglied des Arbeitskreises für Jugendliteratur (AKJ) mit Sitz in München.

 


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