interview

„Ich greife sehr oft zu Büchern“

25.01.2007

Synchronsprecher Oliver Rohrbeck über die Faszination des Kopfkinos





Oliver Rohrbeck mit Hörspiel-Fans
Oliver Rohrbeck mit Hörspiel-Fans
www.lauscherlounge.de
Lesen in Deutschland:
Wenn man die Reaktionen auf das Hörspiel von Orson Welles zum „Krieg der Welten“ vom 30. Oktober 1938 betrachtet, steht zweifelsfrei fest, dass Hörspiele seit je die Phantasie der Menschen beflügeln. Glaubt man den Medienberichten, kam es damals zur Massenpanik, da viele Radiohörer die Geschichte für bare Münze nahmen. Was ist das besondere an den akustischen Abenteuern?

Oliver Rohrbeck: Das Hörspiel ist ein ganz eigenes Medium, das die Phantasie anregt und nicht wie das Fernsehen oder der Film alle Bilder vorgibt. Ich sage immer, beim Hörspiel sind wir wie Filmemacher, die aber nur die Audiospur erstellen. Das heißt, wir haben ganz andere Möglichkeiten als der Film, wir können etwas behaupten und es mit geringen Mitteln umsetzen. Der Film muss es tatsächlich im Bild beweisen, es müssen also wirklich Sachen angeschafft werden, nur um sie nachher wieder teuer zu zerstören. Wir können das alles nur mit dem Ton herstellen, und das ist ein ungeheurer Vorteil.

Lesen in Deutschland: Seit 1979 leihen Sie dem altklugen Justus Jonas in der erfolgreichen Hörspielserie „Die drei ???“ Ihre Stimme. Wie viel Oliver Rohrbeck steckt eigentlich im ersten Fragezeichen, und wie viel Justus Jonas in Oliver Rohrbeck?

Oliver Rohrbeck: Eigentlich nicht sehr viel. Man verwächst natürlich ungeheuer miteinander. Jupiter und ich - wir mögen uns sehr und finden es prima, dass wir zueinander gefunden haben (Anmerkung der Redaktion: Aufgrund eines Rechtstreites wurden die drei Fragezeichen in die Dr3i und der erste Detektiv Justus Jonas in Jupiter Jones umbenannt). Aber von seinem Charakter steckt sehr wenig in mir und andersherum genauso, obwohl diese Rolle mich schon so lange begleitet. Es ist die längste durchgehende Rolle, die ich jemals hatte. Das ist schon toll und faszinierend, aber man kann es gut trennen. Jupiter ist einfach ein ganz anderer Typ als ich, und wir sind nicht so leicht zu verwechseln. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass er so einfach zu einem Punk-Konzert mitkommen würde.

Lesen in Deutschland: Neben Ihrer Arbeit als Synchronsprecher sind Sie auch als Regisseur für Hörspiele und Hörbücher tätig. Welche Veränderungen müssen an Büchern vorgenommen werden, damit sie als Hörspiele funktionieren können?

Oliver Rohrbeck: Man muss versuchen, das Buch zu adaptieren, denn das Hörspiel ist natürlich eine ganz andere Sache. Wenn es beispielsweise ein Roman oder ein Krimi nach dem klassischen Muster ist, wie er auch bei den drei Fragezeichen verwendet wird, dann hat man Erzählersequenzen und springt danach immer in einzelne Szenen der Buchvorlage. Das kann man ganz variabel halten oder auch neue Ausdrucksformen finden, zum Beispiel eine Mischung aus Hörspiel und Hörbuch. Das heißt, längere Erzählerpassagen und kürzere Hörspielpassagen. Es gibt auch die Möglichkeit, das ganze aus der Ich-Perspektive des erzählenden Hauptdarstellers zu gestalten. Sicherlich wird man für das Hörspiel immer einen Erzähler brauchen, um die Überleitungen zu ermöglichen, die der Film durch Bilder schaffen würde. Es gibt zwar auch Hörspiele ohne Erzähler, aber ich denke, dieses klassische Element wird immer notwendig sein. Ein Hörspiel kann immer nur ein bestimmter Auszug des Buches sein, oder man hat solche Geschichten wie „Otherland“. Das sind dann 24 Stunden Hörspiel, aber das an einem Stück zu hören oder es sich über einen Monat aufzuteilen, halte ich für eine Mammutaufgabe.

Lesen in Deutschland: Die drei Fragezeichen sind sowohl auf Kassette und CD als auch in gebundener Form sehr erfolgreich und auch bei den als „Lesemuffel“ verschrienen Jungen ein Dauerbrenner. Schlagen die Hörspiele hier eine Brücke zur Literatur?

Oliver Rohrbeck: Ich sehe das im Gesamtzusammenhang, denn die Leute die gerne lesen, greifen auch gerne zu Hörspielen, weil sie der Buchform sehr ähnlich sind und die Fantasie anregen. Beim Fernsehen hingegen kann man gut abschalten, das ist ja bei Büchern und Hörspielen nicht der Fall. Da setzt dann das Kopfkino ja erst ein, das haben die beiden Medien gemeinsam. Insofern glaube ich schon, dass Leute, die ein gutes Buch schätzen, sich sicher auch mit einem guten Hörspiel anfreunden können.

Lesen in Deutschland: Die Kunst des richtigen Zuhörens ist eine wichtige Vorraussetzung für den Erwerb von Lesekompetenz. In verschiedenen Projekten werden Hörspiele bereits zu diesem Zweck im Schulalltag eingesetzt. Sind Hörspiele also mehr als bloße Unterhaltung?

Oliver Rohrbeck: Das würde ich auf jeden Fall so sehen. Und wenn man als Klasse neben dem reinen Zuhören auch noch anfängt, eigene Hörspiele aufzunehmen und zu überlegen, wie die Geschichte am besten umgesetzt werden kann oder wie bestimmte Geräusche aufs Band gebracht werden, dann ist das natürlich noch mal eine anspruchsvollere Stufe. Ich finde das sehr gut und schätze es, wenn die Schulen so etwas anbieten. Ich war vor zwei Jahren bei der Veranstaltung des Börsenvereins des deutschen Buchhandels „Ohr liest mit“ in der Jury, wo Hörspiele, die Kinder und Jugendliche gemacht hatten, bewertet wurden. Das hat sehr großen Spaß gemacht, und es waren ganz tolle Arbeiten dabei. Man merkte, dass sich die Kinder sehr schön mit den Büchern auseinandergesetzt hatten.

Lesen in Deutschland: Wenn man sich Fans der „drei Fragezeichen“ Hörspiele ansieht, dann liegt das Durchschnittsalter bei über 20 Jahren. Zu welchen Hörspielen greifen Kinder und Jugendliche?

Oliver Rohrbeck: Viele Kinder hören ja schon im Kleinkindalter Hörspiele. Die fangen mit solchen Sachen wie „Benjamin Blümchen“ und „Bibi Blocksberg“ an. Auch bei „Die Dr3i“ haben wir jetzt wieder einen ziemlich großen Zulauf an Kindern und Jugendlichen. Eine Zeit lang gab es fast nur erwachsene Hörer über zwanzig Jahre, mittlerweile dreht sich das und heute sind es nur noch 70 oder 65 Prozent Erwachsene. Neu dazu gekommen sind Kinder und Jugendliche, das Thema ist also noch nicht abgeschrieben. Bei den Dr3i wurde auch wieder mehr Wert auf Rätsel gelegt, wobei der Actionanteil natürlich auch größer ist, als es damals bei den ersten Folgen der drei Fragezeichen der Fall war. Es gibt aber auch noch andere Sachen, die nicht ausschließlich für Erwachsene angelegt sind, wie „John Sinclair“ und ähnliche Gruselschocker oder die Klassiker wie „Moby Dick“. Ich glaube schon, dass diese Hörspiele insgesamt auch sehr oft gehört werden, und dass Kinder nicht nur still vorm Computer sitzen.

Lesen in Deutschland: Hörspiele und Hörbücher erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Können Sie aber auch das Vorlesen der „Gute-Nacht-Geschichte“ ersetzen, das in Deutschland zunehmend aus der Mode kommt?

Oliver Rohrbeck: Ich glaube nicht, denn Vorlesen ist ja noch mal etwas ganz anderes, weil dann persönlich jemand am Bett sitzt. Es ist natürlich schade, wenn das ganz wegfallen würde. Ich gehe aber mal davon aus, dass einem Großteil der Kinder oftmals gar nicht vorgelesen wurde. Es kommt ja auch immer auf die Familienstruktur und die Familie an sich an. Ganz ersetzen kann ein Hörspiel das Vorlesen sicher nicht, aber es stellt auf jeden Fall eine gute Alternative dar.

Lesen in Deutschland: Mit der „Lauscherlounge“ bringen Sie Hörspiele als Live Event auf die Bühne. Können Sie kurz das Konzept hinter diesen Auftritten erklären? Hörspiele leben doch normalerweise vom Kopfkino der Zuhörer?

Oliver Rohrbeck: Wir werden immer gefragt, wie es bei uns im Studio aussieht, und wie wir unsere Hörspiele eigentlich machen. Da haben wir uns gedacht, wir zeigen einfach mal live, wie ein Hörbuch funktioniert. Das ist eigentlich auch schon alles, und die Leute haben irre Spaß dabei, uns zuzusehen, wie wir in die verschiedenen Rollen schlüpfen. Trotz der Show erleben die Zuschauer bei der Live Aufführung den Effekt des Kopfkinos, da sie uns als Schauspieler auf der Bühne sehen, sich dabei aber eine ganz andere Person vorstellen.

Lesen in Deutschland: Wenn Sie nach einem anstrengenden Tag im Studio nach Hause kommen, legen Sie dann ein Hörspiel ein oder greifen Sie lieber zum Buch?

Oliver Rohrbeck: Ich greife sehr oft zu Büchern. Hörspiele höre ich sehr gerne im Auto und auf längeren Fahrten Da höre ich regelmäßig in verschiedene Sachen rein. Aber abends im Bett lese ich eigentlich lieber ein Buch. Das Buch ist auch nicht ersetzbar, denn es stellt ja noch mal eine ganz andere Form dar. Es ist viel ausführlicher und geht noch mehr in die Tiefe als es ein Hörspiel überhaupt schaffen kann.


Oliver Rohrbeck (* 31. März 1965) ist bekannt für seine Rolle als Justus Jonas in allen Folgen der erfolgreichen Hörspiel-Serie „Die drei ???“, in der er gemeinsam mit Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich spricht. Er ist ebenfalls Synchronsprecher in der deutschen Übersetzung zahlreicher Hollywoodfilme. Seit einigen Jahren arbeitet er auch als Regisseur für deutsche Hörbücher und Hörspiele. Des Weiteren betreibt er gemeinsam mit anderen Synchronsprechern die Lauscherlounge in Berlin und führt Live-Hörspiele auf.

Das Interview führte: Matthias Denke
Redaktionskontakt: denke@digitale-zeiten.de