interview

Lyrik für alle Sinne

17.01.2007

Erzählkünstler Marco Holmer "erzählt" von seinem Beruf




Der Erzählkünstler Marco Holmer
Der Erzählkünstler Marco Holmer
Lesen in Deutschland: Herr Holmer, Sie sind Geschichtenerzähler, Theaterregisseur und Schauspieldozent. Muss ein professioneller Erzähler die Talente eines Schauspielers, vielleicht sogar die eines Regisseurs mitbringen, um ein guter Geschichtenerzähler zu sein oder kann jeder lernen, eine spannende Geschichte aus dem Hut zu zaubern? 

Marco Holmer: Für das Erzählen sind einige Talente notwendig, die dafür sorgen, dass eine Geschichte die Zuhörer in einen Bann zieht. Zum Beispiel: die Fähigkeit, bildhaft zu beschreiben, Charaktere lebendig und getreu darzustellen und einen Spannungsbogen zu weben. Es gehören aber auch Improvisationsvermögen, eine ausgeprägte Fähigkeit, mit Sprache umzugehen sowie eine angemessene Gestik und Mimik dazu. Einige dieser Talente sind auch wichtig für Schauspieler, andere gehören eher zum Arbeitsfeld eines Schriftstellers. Tatsache ist, dass Erzähler, weil sie Soloartisten sind, gleichzeitig Aufführende und Regisseure in einer Person sind.

Ob jeder Erzähler diese Fähigkeiten in demselben Umfang braucht, ist abhängig von den Erzählzielen, die man sich stellt. Jeder kann lernen, eine Geschichte aufzubauen und gut vorzubereiten, damit der Faden nicht verloren geht. Ein Erzählprogramm in einem Theater mit 300 Zuschauern stellt an den professionellen Erzähler hohe Ansprüche an Präsenz, Timing und Darstellungsvermögen. Das ist dann vergleichbar mit einem Schauspieler. 

Lesen in Deutschland: Ihr „Kollege“, der Erzähler Paul Middelijn, denkt, die uralte Kunst des Erzählens erfreue sich vor allem deshalb wieder solch großer Beliebtheit, weil viele Menschen vom Fernsehen und modernen Kommunikationsmitteln „frustriert“ seien. Stimmen Sie dem zu? 

Marco Holmer: Ich bin mir nicht so sicher, ob Vereinsamung

Marco Holmer mit Kuh bei einer Erzählaktion unter freiem Himmel
Marco Holmer mit Kuh bei einer Erzählaktion unter freiem Himmel
und die Überforderung der modernen Gesellschaft zu einer neuen Entdeckung der Erzählkunst geführt haben. Erzählen hat nämlich immer zum menschlichen Alltag gehört. Der französische Literaturkritiker Roland Barthes hat dazu geschrieben: “Erzählen ist so umfassend wie das Leben” und “Das Erzählte ist 'simply there, like life itself'. Es ist ein natürliches Hilfsmittel zum Leben.” In diesem Sinne sind Erzähler in unsere Gesellschaft nie abwesend gewesen. Sobald Menschen miteinander in Kontakt treten, erzählen sie Geschichten: auf Geburtstagen, in Gaststätten, bei offiziellen Anlässen oder sie erzählen Geschichten während sie telefonieren. Sie erzählen von herrlichen Urlaubszielen, schlimmen Krankheiten und träumen von Liebe und Glück, und die Zuhörer hängen gefesselt an ihren Lippen.

Vielleicht liegt das gestiegene Interesse am professionellen Geschichtenerzählen eher in einer bestimmten Qualität des Erzählens. Erzählte Geschichten haben die Eigenschaft zu berühren, zu amüsieren, Erfahrungen weiterzugeben und Eigenes zu überliefern. Erzähler tun dies direkt, persönlich und effektiv. Erzählen ist in sich selbst eine interaktive Form der darstellenden Künste. Erzählen erzeugt automatisch die Kommunikation zwischen Zuhörer und Erzähler. Es gibt einen persönlichen Bezug zwischen Künstler und Publikum.

Lesen in Deutschland: Das Hören von Geschichten steigert die Lust von Kindern, selbst zu erzählen. Geschichten aus fernen Ländern vermitteln ein interkulturelles Verständnis, sie erweitern den Wortschatz. Welche Potenziale für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen schreiben Sie der Erzählkunst noch zu?

Marco Holmer: Das Wichtigste, was Erzählen vermittelt, ist die Annäherung, der Aufbau einer Geschichte und die Erzählsprache. Heutzutage ist das wichtig, weil sich ein großer Teil der Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern fast nur noch auf der Ebene der „funktionellen Sprache“ abspielt. Zum Beispiel über Anweisungen wie: „Wasch deine Hände“, „Iss deinen Teller leer“ oder „Sag deinem Vater gute Nacht“. Die lyrische Seite der Sprache geht den Kindern dabei verloren. Erzählen gleicht die Bilanz wieder aus.

Lesen in Deutschland:
Für die Entwicklung der späteren Lesefähigkeit von kleinen Kindern ist die Schulung des Hörens, aber auch der Gestus, ein Buch in der Hand zu halten, sowie die Unterstützung des bildhaften Verstehens von großer Bedeutung. Welche Gründe sprächen dafür, Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen an einer Erzähler-Fortbildung statt an einem Vorlese-Seminar teilnehmen zu lassen?

Marco Holmer: Auch in wissenschaftlichen Kreisen ist mittlerweile aus Untersuchungen deutlich geworden, dass das Vorlesen und Erzählen in gleichem Maße zur Lesefähigkeit von Kindern beitragen. Weil in der Fragestellung auch die Wichtigkeit von beidem betont wird, würde ich für beide Fortbildungen plädieren. Es scheint sinnvoll, wenn in einem Team von Erziehern oder Lehrern den Kindern beide Fähigkeiten zu Verfügung stünden.

Lesen in Deutschland: Wie kann man sich so eine Erzählveranstaltung bei Ihnen vorstellen?

Marco Holmer: Geschichten kann man lesen. Erzählen muss man erleben. Die Präsenz des Erzählers, seine Betonung der Sätze, sein Blick und seine Gestik machen den Unterschied zu gelesenen Geschichten aus. Deswegen sind meine Erzählveranstaltungen schwierig zu beschreiben. Die beste Art und Weise, sich so eine „normale“ Geschichte, interpretiert von Marco Holmer, vorzustellen, ist, einfach vorbei zu kommen und dabei zu sein. Alle anstehende Vorstellungen sind nachzulesen im Terminkalender auf meiner Webseite: www.geschichtenfabrik.eu 
 
Lesen in Deutschland: Was tun Sie, wenn Sie merken, die Kinder und Jugendlichen springen nicht wirklich auf eine Geschichte an? 

Marco Holmer: Bei der Einleitung einer Geschichte bemerke ich schnell, ob eine Geschichte zu dem Publikum passt. Wenn das nicht der Fall ist, dann versuche ich sie anzupassen. Manchmal verändere ich auch die Atmosphäre oder ich wechsle die Kulisse in der Geschichte. Zum Beispiel in der Stadt, statt auf dem Lande oder im Schwimmbad, statt am Meer oder die Hauptfigur wird zu einem Jungen, statt zu einem Mädchen. Damit gelingt es oft, die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu wecken und den Bezug zur Geschichte herzustellen.

Lesen in Deutschland: Was lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Ihren Seminaren? 

Marco Holmer: Jeder Erzähler hat die Absicht, sein Publikum zu verführen. Der rote Faden soll es umgarnen. So eine Publikums-Verführung besteht dann, wenn sich Geschichte und die fachmännische Arbeit des Erzählers gut zusammenfügen. Deswegen bewegen sich meine Seminare auf zwei Ebenen:

Auf der Ebene der Geschichte wird der Aufbau von Geschichten untersucht. Die Teilnehmer lernen, wie man Geschichten analysiert und wie man die Struktur benutzt beim Geschichten-Erahnen. Experimentiert wird mit den verschiedenen Zutaten der Geschichten: Bilder, Gerüche, Geräusche, Einzelheiten und Farben. Natürlich üben wir auch die Fähigkeit, in der Phantasie nach Bruchstücken für die Geschichten zu suchen.

Und auf der Ebene der Erzähler geht es um die Gewandtheit des Erzählers. Mit Übungen aus dem Bereich der Theater-Pädagogik wird Stimme, Haltung und die Fähigkeit, sich einfühlen zu können, trainiert. Der Erzähler stellt eine eigene Beziehung zu der Geschichte her und hat eine eigene Auffassung (eine Triebfeder für seine Erzählung). Während des Seminars entwickeln die Teilnehmer eine eigene Erzählung, die zum Abschluss vorgeführt werden soll.

Lesen in Deutschland: An deutschen Schulen arbeitet man nur vereinzelt mit der Methode des professionellem Erzählens. Wie sieht es mit der Erzählkultur in den niederländischen Schulen aus?

Marco Holmer: In den Niederlanden ist das Erzählen von Geschichten als ein Teil des Curriculums „Literarische Bildung“ für Grundschulen festgelegt. Erzähl-Vorstellungen und Erzähl-Projekte finden regelmäßig in Schulen statt. Viele Erzähler entwickeln speziell dafür Vorstellungen und Projekte, die sich manchmal an Kinderbüchern orientieren. Leseförderung und Erzählen gehen dabei Hand in Hand.

Lesen in Deutschland: Glauben Sie, dass professionelles Erzählen in kommender Zeit stärker in den Alltag von Kindertagestätten und Schulen integriert wird?

Marco Holmer: Der Vorteil eines Glaubens ist, dass man ihn nicht argumentativ belegen muss, man glaubt einfach. Deswegen wünsche ich mir schon seit Jahren, dass diese Integration in den Schulunterricht auch in Deutschland stattfindet. Während meiner Auftritte bemerke ich an den Reaktionen der Erzieher und Lehrer, dass sich da einiges bewegt: Ich war erstaunt, wie lange die Kinder zuhören und später die Geschichte beinahe vollkommen nacherzählen konnten. Das Erzählen wirkte so lebendig, die Kinder waren während der ganzen Zeit voll dabei. „So Erzählen, das möchte ich auch können“, sagten die Erzieher und Lehrer.

Marco Holmer (*1950) ist Geschichtenerzähler, Schauspieldozent und Theaterregisseur. Er erzählt Geschichten in Schulen, Kindertagesstätten, in Theatern, Gemeindehäusern, Bibliotheken und an vielen anderen Orten und Gelegenheiten, bei denen Geschichten erwünscht sind. Außerdem gibt Marco Holmer Erzähl- und Präsentationsseminare für Jugendliche und Erwachsene. Er ist als Gastdozent künstlerischer Leiter des Erzählfestivals „Erzähl mir was“ an der Akademie für musische Bildung in Remscheid. In den Niederlanden ist er als Dozent mit der ‘Schrijversschool’ in Rotterdam, der ‘Media-Academie’ in Hilversum, und der ‘Hogeschool voor de Kunsten Artez’ in Arnhem verbunden.  

Eine besondere Faszination hat Marco Holmer für das Gebiet, in dem Erzählen, Theater und bildende Kunst zusammen kommen. Die Inspiration für seine Geschichten findet er in Gegenständen, alltäglichen Ereignissen und der Kultur anderer Länder. In den letzten Jahren führte das zu Vorstellungen mit sehr unterschiedlichem Charakter: „Familiengeheimnisse“ (fantastische Erzählungen anhand afrikanischer Musikinstrumente), „Hodja in Holland“ (türkisch-holländische Schelmengeschichten), „Das lilafarbene Pattepuff“ (eine interaktive Erzählung für Kleinkinder), „Meine Tante Pilar“ (Geschichten zu Fotos des Fotografen Rommert Boonstra), "Geschichten aus Stadt und Land" (moderne alte Sagen für Jugendliche) und die Vorstellung "Das Liebesmuseum" (besondere Liebesgeschichten, erzählt zwischen bildender Kunst).

Das Interview führte: Katja Haug


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