Bericht

Die Renaissance der Erzählkunst

09.01.2007

Die Kunst des Erzählens fördert nicht allein die Sprachentwicklung


Ein Erzähler im Kreise seiner Zuhörerinnen
Ein Erzähler im Kreise seiner Zuhörerinnen
„Erzählst du mir was?!“ quengelt die kleine Liane und äußert damit nicht nur ihr Bedürfnis nach Nähe und Austausch – sie möchte lernen. Bekannt ist, dass achtsame Kommunikation das A und O jeder Sprachförderung ist. Praktiker der Leseförderung finden zahlreiche Ideen, Kommunikation mit Heranführung an Literatur zu verbinden. Man denke nur an die vielen Seminare zum lebendigen Vorlesen oder zur Bilderbuchbetrachtung, die Methoden vermitteln, bei denen Kind und Erwachsener idealerweise im ständigen Dialog sind.

Eine traditionsreiche Kunst
Auch die Kunst des Erzählens erlebt eine Renaissance. Dabei übt die gekonnte, lebendige, individuelle Erzählung – die Geschichten je nach Situation völlig unvorhergesehne Wendungen annehmen lässt und manchmal einem kleinen Theaterstück ähnelt – einen unvergleichlichen Reiz aus. Anders als beim Vorlesen beherrscht der Erzähler oder die Erzählerin die Kunst, sich vom Text vollkommen zu lösen. Wenn heute von Erzählkunst geredet wird, ist meist die mündliche Tradition des Erzählens gemeint. Geschichten sind schon seit ewigen Zeiten über den Mund zum Ohr gewandert. Und dies oft über Kulturkreise und Ländergrenzen hinweg.

Märchen und Geschichten durch das mündliche Erzählen lebendig werden zu lassen, ist eine Tradition, die so alt ist wie der Mensch selbst. Viele Anthropologen, Historiker und Psychologen sind überzeugt, dass es die Erzählkunst  seit dem Beginn der Existenz des Menschen gibt. Nahezu jede Kultur hat ihre orale Erzählkultur, die der auf Papier festgehaltenen Erzählkultur vorangeht. Begriffe wie Mythen, Legenden und Märchen haben ihren Ursprung in der griechischen Sprache. Die Barden des Mittelalters schmückten die mündliche Erzählung möglichst poetisch aus und waren oft Erzähler, Dichter und Musiker in einer Person.

Wiedererwachte Wertschätzung
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Erzählkunst fast „ausgestorben“, denn man hatte eine gebrochene Haltung gegenüber dem Volksgut, erklären Experten. Das erscheint verständlich, nachdem Folkloristisches im nationalsozialistischen Deutschland verherrlicht und missbraucht wurde. In den vergangenen Jahren wurde die Erzählkunst jedoch zunehmend wiederentdeckt. Ein Beweis dafür sind die vielen Veranstaltungen und Erzählfestivals, die in zahlreichen europäischen Städten jährlich stattfinden. Die Menschen nehmen wahr, wie wichtig das Erzählen im modernen Leben ist, in dem unmittelbare Kommunikation zwischen den Menschen einen immer geringeren Stellenwert einzunehmen scheint.

Auch der Erzähler Paul Middelijn denkt, dass Menschen wieder ein stärkeres Bedürfnis nach Wärme und persönlichen Kontakt wünschen, gerade weil das Fernsehen ein unpersönliches Medium ist. So stimmt ein Erzähler seine Geschichte auf die zuhörenden Menschen ab, und die Beziehung des Erzählers zu dem Erzählten, seine Gefühle bilden einen wichtigen Aspekt des Erzählens. Jede Geschichte wird so ein kommunikatives, individuelles Kunstwerk. Wer könnte besser über die Freuden und Potenziale der mündlichen Erzähltradition Auskunft geben als Erzähler selbst: Marco Holmer, der professionelle Erzähler, Schauspieldozent und Theaterregisseur sieht Geschichten als eine Zusammenballung von Wissen, Gefühlen und Emotionen. Und Erzählkünstler Bram van der Wurff genießt vor allem die Blicke des Erkennens, die er bei seinem Publikum sieht, wenn er seine Geschichten erzählt.

Professionelles Erzählen heute
Die heutige Erzählkunst ist mit dem Vorlesen und dem Vortragen verwandt. In den Niederlanden gehören diese drei Formen als Teilgebiete zu einer literarischen Ausbildung (literaire vorming). Kennzeichnend für das Erzählen ist, dass der Text einer Geschichte nicht festliegt. Zwar orientiert sich der Erzähler an einem Rahmen, aber die Worte wählt  er aus seinem eigenen Wortschatz. Auch die Tagesverfassung des Erzählers, seine jeweilige Umgebung, die Reaktionen der Zuhörer fließen in die Erzählweise ein. Je nach Reaktion des Publikums entschließt sich der Erzähler sogar, die Geschichte einfach zu verändern, indem er einzelne Abschnitte weglässt oder aktuelle Geschehnisse einfügt.  Die Erzählerin Anne van Delft verdeutlicht den Unterschied zwischen dem Erzählen und dem Vorlesen oder Vortragen: „Als Erzähler arbeitest du meistens mit einer Geschichte, wobei der Text jedes Mal anders ist, aber es sind auch Texte, wo du keinen Buchstaben veränderst und die doch erzählt werden.“

Jeder Erzähler setzt sich auf seine Weise mit einer Geschichte auseinander und erfüllt sie durch Mimik, Gestik, Intonation und die eigene Sprache und Methode mit Lebendigkeit. Die kleinen und großen Zuhörer werden bei einer lebendigen „Performance“ oftmals in die Geschichte einbezogen und sind dann nicht nur von der Geschichte selbst, sondern auch von der Art des Erzählens fasziniert. Viele Erwachsene haben längst den Zauber vergessen, der ihnen Erzähltes bereitet hat, wie sie in die Darbietung des Geschehens eintauchten und dabei den eigenen inneren Bildern folgten. Märchenexperte Rudolf Geiger geht sogar so weit zu sagen, dass erst das mündliche Erzählen dem Märchen seine Seele gibt: „Gedruckt liegen Märchen nur in einem Grab, durch das Lesen holen wir sie in unsere Vorstellung herauf, durch das Erzählen werden sie lebendig“.

Geschichten erleben in der Kindertagesstätte
Auf literarische Weise höchst lebendig geht es auch in Kindertagestätten zu, in denen regelmäßig Geschichten erzählt werden. „Ritter Dullibu schlich in der Nacht heimlich aus seiner belagerten Burg… “ Zehn Kinder sitzen im Kreis und hören gebannt zu. In einer Berliner KiTa werden oft Geschichten erzählt, und den Ritter Dullibu mögen die Kinder besonders gerne, denn er kann sich verwandeln. Mal in einen Postboten, ein anderes Mal in einen Feuerwehrmann. Lustvoll und ohne Anstrengung prägen sich komplexe Satzstrukturen ein und der Umgang mit Geschichten, mit Büchern und Texten wird zum vertrauten Ritual. Beim Erzählen der Geschichte entsteht ein emotionales Band zwischen der Erzählenden und den Zuhörern. Kein Medium steht als Vermittler dazwischen, so kann die Erzieherin ihr Publikum offen wahrnehmen.

Zudem erzeugt das gesprochene Wort bei den Kindern einen Bilderstrom. Diese Fähigkeit der inneren Bildentwicklung bildet das Gehirn schon ab dem 18. Lebensmonat. Die erzählte, aber auch die vorgelesene Geschichte lässt der Vorstellungskraft Raum. Die inneren Bilder nähren die Kreativität ebenso wie das symbolische Denken. Dieses ermöglicht später den Umgang mit Buchstaben, aber auch mit Zahlen, dient also dem Erlernen von Lesen und Rechnen. Die lebendige Erzählung ist somit eine der attraktivsten und wirksamsten Mittel der frühkindlichen Sprach- und Lernförderung, Literacy pur sozusagen.

Storytelling im Schulalltag
Schülerinnen und Schüler unterschiedlichster Jahrgangsklassen finden durch die Erzählung auf angenehme und spielerische Weise Zugang zu Sprache und zu unterschiedlichstem Wissen. Denn das Geschichtenerzählen kann als Methode sehr gut im Schulunterricht angewendet werden. Das gilt nicht alleine für den Deutsch- oder den Fremdsprachenunterricht. Einige Schulen haben die aus dem englischsprachigen Raum stammende Methode des „Storytelling“ in ihren Unterricht integriert. Obschon an deutschen Schulen die sogenannte Methode des Storytellings zumeist im Fremdsprachenunterricht angewendet wird, geht der Trend jedoch dahin, sie auch fächerübergreifend zu nutzen. Durch Erzählen Wissen zu vermitteln, ist das erste Ziel von Storytelling. Dabei gehört es dazu, die Zuhörerinnen und Zuhörer in die Geschichte einzubeziehen. Die Geschichte soll "erlebt", statt „nur“ gehört werden. Auf diese Art können Lehrerinnen und Lehrer den Lernerfolg mit emotionalem Wohlbefinden verbinden und bauen ganz nebenher nachhaltiges Wissen und einen hohen Wortschatzumfang bei ihren Schülerinnen und Schülern auf.

Was das professionelle Geschichtenerzählen an Schulen als Methode betrifft, ging das Projekt "Erzählen und Zuhören in der Schule" als Vorbild voran. Es wurde 2002/2003 vom Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München wissenschaftlich begleitet und vom Kulturfonds Bayern gefördert. Das Projekt unterstützte unter anderem die Zusammenarbeit von Schulen mit professionellen Erzählerinnen und Erzählern, um Schülerinnen und Schülern mit der Kunst des Erzählens vertraut zu machen. Kinder und Lehrkräfte waren nicht nur fasziniert, sondern wurden auch zum eigenen Erzählen angeregt. Sie bekamen durch das Erleben eines "Erzählprofis" hilfreiche Anregungen für das Gestalten von Erzählungen und Erzählsituationen durch Stimmeinsatz, Mimik, Gestik und den Einsatz von Requisiten. Zweifelsohne: Das Erzählen begeistert Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Auch wenn das Erzählen auf keinen Fall auf seinen pädagogischen Nutzen reduziert werden darf, so ist die Wiederentdeckung der Erzählkunst doch eine große Bereicherung für das Heranführen von Kindern und auch Jugendlichen an Sprache, Literatur und Weltwissen, ganz im Sinne der Ziele der Leseförderung.

Autorin: Katja Haug  


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