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Bericht

Zukunftswerkstatt der Leseförderung

19.12.2006

Bericht zum zweiten "Round Table Leseförderung" der Stiftung Lesen





Logo zum Roundtable der Stiftung Lesen, Copyright: Stiftung Lesen
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Zum zweiten Mal fand mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung auf Einladung der Stiftung Lesen in Mainz die Konferenz "Round Table Leseförderung" statt. Sie zielte auf eine stärkere Vernetzung der zahlreichen regionalen und überregionalen Aktivitäten zur Leseförderung. Am 7. und 8. Dezember 2006 trafen sich rund 50 Expertinnen und Experten aus dem Bereich der Leseförderung im Rahmen dieser nicht öffentlichen Fachtagung, um über "Leseförderung und Diversität - Migrationshintergrund, soziale Benachteiligung, Geschlechterdifferenz als Herausforderungen für die Leseförderung" zu diskutieren. Natürlich war auch "Lesen in Deutschland" wieder mit dabei.

Erfreulich, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die bei der ersten Mainzer Fachtagung im Dezember 2005 begonnenen Bemühungen der Leseförderer in Deutschland - Institutionen und Initiativen - um ein vernetztes Vorgehen und eine gemeinsamen Konzeptentwicklung weiterhin unterstützt und auch den zweiten Round Table Leseförderung ermöglicht hat. Die ersten Gespräche am ‘Runden Tisch’, die im Dezember 2005 stattgefunden hatten, waren als vielversprechender Anfang und als Chance empfunden worden, sich systematisch über bereits vorhandene Ideen und Aktivitäten zu informieren, anstatt jeweils das Rad immer wieder neu zu erfinden. Die Anregung aus dem Round Table des letzten Jahres, künftig spezifische Kernthemen der Leseförderung in den Mittelpunkt der Gespräche zu stellen und diese Themen auch im Rahmen kleinerer Arbeitsgruppen, begleitet durch wissenschaftliche Expertise, vertieft zu bearbeiten, hat der Gastgeber, die Stiftung Lesen, beim zweiten Round Table Leseförderung aufgegriffen.

Diente die erste Mainzer Konferenz vor allem einer Bestandsaufnahme und allgemeinen Vorausschau auf künftige Aufgaben und neue Herausforderungen der Förderung von Lesekompetenz und Lesemotivation, stand in diesem Jahr die gemeinsame Auseinandersetzung mit drei zentralen Problemfeldern im Mittelpunkt: Unter dem Thema "Leseförderung und Diversität" griffen die Expertinnen und Experten aus Forschung und Praxis drei spezifische Kontextbedingungen - Migrationshintergrund, soziale Benachteiligung und Geschlechterdifferenz auf, um sie als Herausforderungen für die Leseförderung zu diskutieren. Natürlich war auch "Lesen in Deutschland" wieder mit dabei.

Die Resonanz auf die Einladung der Stiftung Lesen zeigt: Der Round Table, das bundesweit einzigartige Leseförderungs-Forum, wird gut angenommen. Bis auf Brandenburg hatten alle Bundesländer Vertreterinnen und Vertreter aus den Bildungs-, Wissenschafts- oder Kultusministerien bzw. aus Landesinstituten für Schulentwicklung oder Lehrerbildung zum Runden Tisch nach Mainz geschickt. Im Vorjahr waren lediglich elf Bundesländer beim Round Table mit dabei. Auch die Bundesseite war in diesem Jahr noch stärker als bisher vertreten: Die Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration sowie für Kultur und Medien sandten Mitarbeiterinnen zur Fachtagung und das Bundesministerium des Innern (Maßnahmen der Integrationsförderung) nahm ebenfalls teil.

Wie bereits im Vorjahr zeigten auch die Vertreterinnen und Vertreter wichtiger Leseförderungsorganisationen Präsenz bei den Gesprächen am "Runden Tisch". Vertreten war sowohl der Börsenverein des deutschen Buchhandels als auch die Arbeitsgemeinschaft der Jugendbuchverlage. Bekannte Institutionen wie der Bundesverband der Friedrich-Bödecker-Kreise, der Deutsche Bibliotheksverband, die Landesarbeitsgemeinschaft Jugend und Literatur NRW oder die Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und der Arbeitskreis für Jugendliteratur saßen zusammen mit kleineren, aber für die Leseförderungspraxis wichtigen Institutionen wie "LesArt e.V." oder der "Akademie für Leseförderung" (Hannover) am großen "Runden Tisch".

Nach der Begrüßung der Tagungsgäste durch Heinrich Kreibich, dem Geschäftsführer der Stiftung Lesen, führte Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Erziehungswissenschaftler an der Mainzer Universität und Wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Lesen, in die Thematik ein. Danach sorgte ein fachlich kompetent besetztes Podium vertreten waren die Hamburger Erziehungswissenschaftlerinnen Prof. Dr. Ingrid Gogolin, Prof. Dr. Ursula  Neumann und Prof. Dr. Renate Luca, der Mainzer Soziologe Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Hradil und die Frankfurter Sprach- und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Cornelia Rosebrock  mit kurzen Statements für einen informativen und verständlichen Einstieg in die komplexe Thematik. Insbesondere drei Kernprobleme standen im Mittelpunkt der Diskurse: Wie können Kinder mit Migrationshintergrund ans Lesen herangeführt werden? Wie erreicht das deutsche Bildungssystem die so genannten bildungsfernen Schichten? Wie können die Jungen, eine besonders heikle Leseförderungs-Zielgruppe, erreicht werden? Die Tatsache, dass auf dem Podium, hinsichtlich der Frage der Diversität, verschiedene fachliche Perspektiven zum Tragen kamen, unterschiedliche Bewertungen und teilweise auch voneinander abweichende Positionen deutlich wurden, animierte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung zu differenzierten Nachfragen und fruchtbaren Diskussionsbeiträgen. Zugleich wurde dadurch eine gemeinsame Wissensbasis für die nachfolgende Beschäftigung mit Einzelaspekten in zwei Arbeitsgruppen geschaffen.

Deutlich wurde unter anderem, dass Migrationshintergrund keine einheitliche Benachteiligungsstruktur darstellt, sondern dass die prinzipiell hohe Bildungsbereitschaft der meisten Migranten dann erfolgreich in Leistung umgesetzt wird, wenn sich eine kulturelle Identität herausgebildet und die Herkunftssprache sicher beherrscht wird. Soziale Benachteiligung muss weiterhin als hohe Hypothek für Bildungserfolg angesehen werden. Geschlechterdifferenz im Lesebereich beruht vor allem auf Verhalten, d.h. letztlich auf Motivation, die natürlich auch stark durch mangelnde Lesefähigkeit (Skills) beeinträchtigt wird. Die Moderation der Arbeitsgruppe "Sprach- und Leseförderung bei jugendlichen Migranten", in der relevante Projekte u.a. aus dem Themenfeld Family Literacy vorgestellt und diskutiert wurden, übernahmen Ingid Gogolin undUrsula  Neumann. Cornelia Rosebrock und Renate Luca hatten in der parallel tagenden Arbeitsgruppe "Lese-/Medienverhalten und Geschlechterdifferenz", die insbesondere über Kriterien für gendersensible Leseförderung diskutierte, die Gesprächsleitung inne und standen für inhaltliche Rückfragen zur Verfügung. Ein Fazit der Arbeitsgruppe war, dass Migrantinnen und Migranten häufig im Hinblick auf ihre Kinder stark bildungsorientiert und daher ansprechbar für Leseförderungsangebote seien. Entscheidend für den Erfolg sei es, sie auf geeigneten Wegen zu erreichen und dazu auch die Familiensprache zu nutzen. Im Mittelpunkt standen daher Family Literacy-Projekte und das Thema Nutzung der Mehrsprachigkeit. Geschlechterdifferenzen bei der Lesekompetenz und Lesemotivation wurden hingegen als Ergebnis von Sozialisationsprozessen und peer-group-orientierten Selbstbildkonstruktionen eingeschätzt. Um auch Jungen stärker zu erreichen, wurden Strategien wie die Einbindung der männlichen Bezugspersonen und männlicher Lesevorbilder, die stärkere Einbindung von Sachtexten und Fachbüchern in die Leseförderung, eine Kombination von Lesen und Bewegung und auch das Angebot von Lesegruppen, in denen die Geschlechter getrennt sind, entwickelt.

Angemahnt wurde, dass die Schule ihre Rolle bei der Lesekompetenzentwicklung, wo Jungen deutlich schlechter abschneiden als Mädchen, stärker als bisher wahrnehmen muss. Das systematische Training von "reading skills" müsse fachübergreifend und durchgängig, nicht nur im Deutsch-Unterricht, erfolgen. Andere Länder, z.B. die USA, setzten entsprechende Trainingsansätze für "poor readers" bereits erfolgreich um. Der Freitag-Vormittag war der Präsentation und Diskussion der Arbeitsgruppen-Ergebnisse des Vortages gewidmet, was als hilfreich empfunden wurde, da so das komplexe Themenspektrum nochmals in strukturierter Form und handlungsorientiert aufgearbeitet werden konnte.

In der abschließenden Diskussion wurden Ergebnisse bilanziert und Ansätze für Handlungsstrategien zum Umgang mit Diversität in der Leseförderung diskutiert. Darüber hinaus wurde der Themenschwerpunkt des dritten Round Table, der 2007 stattfinden soll, festgelegt. Dann soll sich in Mainz alles um die Evaluation von Leseförderungsmaßnahmen drehen. Als unbefriedigend wurde allgemein eine rein quantitative Betrachtung eingeschätzt: "Welche Art Projekte gibt es in welcher Anzahl für welche Zielgruppen?" Interessanter seien gesicherte Aussagen zur Reichweite von Leseförderungsprojekten: "Wie viele und welche Gruppen von Personen wurden mit welchem Effekt von welchen spezifischen Angeboten erreicht?" Spannend als Feedback für die eigene Arbeit sei auch die Beantwortung der Frage: "Was waren die Ziele spezifischer Leseförderungsprojekte, mit welchen Mitteln wurden sie angestrebt und in welchem Maße waren die verwendeten Instrumente im Hinblick auf die vorab formulierten Ziele erfolgreich?" Voraussetzung für eine Evaluation sei es, dass es messbare Ziele und eine Gesamtstrategie gibt und geeignete Evaluationskriterien vorliegen. Vereinbart wurde, dass die Stiftung Lesen zur inhaltlichen Vorbereitung des Round Table 2007 zum Thema Evaluation vorab mit einer Anfrage zu derzeit schon existierenden Evaluationskriterien auf die Leseförderungsinstitutionen zukommen wird.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des diesjährigen Round Table zur Diversität konnten aus den Diskussionen auf dem Podium, im Plenum und in den beiden Arbeitsgruppen viele Informationen, einen Überblick über Desiderate und bereits vorhandene Ansätze und auch einige gute Ideen zum Nachmachen mitnehmen. Damit Verlauf und Ergebnisse der Fachtagung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können, wurde die Tagung aufgezeichnet. Eine schriftliche Dokumentation wird ab März 2007 bei der Stiftung Lesen verfügbar sein, unter  http://www.stiftunglesen.de/roundtable gibt es die Pressemeldung zur Tagung.

Autorin: Ulrike Müller


Redaktionskontakt: redaktion@lesen-in-deutschland.de