Bericht

Schriftfrei ins Abseits

13.09.2006

Viele Kinder und Jugendliche sind vom Analphabetismus betroffen


Manchmal gehts auch ohne Worte ...   Quelle: Photocase
Manchmal gehts auch ohne Worte ... Quelle: Photocase
Konservenbchsen tragen Hieroglyphen und Etiketten im Supermarkt lassen sich nicht entziffern. Weltweit gibt es 862 Millionen Analphabeten. Allein in Deutschland kmpfen vier Millionen mit dem ABC. Und ein Viertel der deutschen Jugendlichen beendet die schulische Laufbahn mit mangelhaften Lese- und Schreibkenntnissen: Zu diesem besorgniserregenden Ergebnis kam die PISA-Studie. „Wer in der Schule lese- und rechtschreibschwach ist und bleibt, wird nach der Schulentlassung zu den funktionalen Analphabeten gehren“, schrieb Iris Fssenich, Professorin fr Sprachbehindertenpdagogik der Pdagogischen Hochschule Ludwigsburg. Positiv bersetzt heit dies: Je frher Lehrende und Eltern Kindern mit Lese- Rechtschreibschwche unter die Arme greifen, desto besser die Chancen fr die weitere Bildungsentwicklung. Doch nicht allein Eltern und Schule sind von dem Thema betroffen. Es ist ein gestrtes Zusammenspiel von gesellschaftlichen, individuellen, familiren und schulischen Faktoren, das den Boden fr eine gescheiterte schulische Laufbahn – bis hin zum Analphabetismus ebnet…

Analphabetismus in seinen Ausprgungen
Fr Analphabetismus gibt es eine Vielzahl an Definitionen und Abstufungen. So spricht man von einem primren oder totalen Analphabetismus, wenn Menschen nie lesen und schreiben gelernt haben. Dies betrifft in erster Linie Menschen, die nie eine Schule besucht haben, was es in Deutschland aber kaum gibt. Seit den 70er Jahren ist darber hinaus auch vom sekundren Analphabetismus die Rede. Das bedeutet: Die Fhigkeiten zum Lesen und Schreiben waren zwar einmal vorhanden, wurden aber wieder verlernt. Als ein Grund dafr gilt, die zunehmende Ablsung der Schrift- und Printmedien durch Bildschirmmedien und Telefon beziehungsweise Handy. Von Semianalphabetismus spricht man, wenn Menschen zwar lesen, aber nicht schreiben knnen.

Die Haupterscheinungsform des Analphabetismus in Deutschland ist allerdings der „funktionale Analphabetismus“. Von ihm betroffen sind Menschen, die trotz langjhrigem Schulbesuch kaum lesen und schreiben knnen. Funktionaler Analphabetismus bezeichnet die Unfhigkeit, die Schrift im Alltag so verwenden zu knnen, wie es gemeinhin im sozialen Kontext als selbstverstndlich gilt. Funktionale Analphabeten erkennen zwar Buchstaben und sind oft in der Lage ihren Namen und einige Worte zu schreiben, jedoch verstehen sie den Sinn eines etwas lngeren Textes nicht oder nur mit unangemessenen Zeitaufwand. „Verstehen“ ist dabei natrlich relativ gemeint. Manche funktionalen Analphabeten beherrschen zwar die Grundzge des Lesens und Schreibens, erreichen jedoch lngst nicht die gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Schriftsprache.

Das Lesen von Lebensmittelverpackungen, Kinoplakaten und Fahrplnen sind Alltagssituationen, denen die Betroffenen nicht gewachsen sind. Auch Beipackzettel und Gesetzestexte sind meist unlesbar fr sie. Medien wie das Internet oder das Faxgert knnen funktionale Analphabeten nicht nutzen. Oft bedeutet dies fr die betroffenen Menschen, dass sie sozial ausgegrenzt werden und ihren Arbeitsplatz verlieren beziehungsweise erst gar keinen Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.

Typische Lebenslufe sind oft Teufelskreislufe
Von den Gefahren des Analphabetismus sind keineswegs nur Kinder aus sozial schwachen Familien oder mit Migrationshintergrund betroffen. Wenn selbst die eigenen Eltern nicht lesen, wei auch der Nachwuchs nicht, weshalb er das tun soll. Ein Familien-Haushalt ohne Bcher, aber mit modernstem Flachbild-Fernseher, Hifi-Gerten und mit wenig Zeit fr Gesprche, kann zu kommunikativer Armut, Bildungsarmut und so genannter Wohlstandsverwahrlosung fhren. Dennoch sind besonders Angehrige so genannter sozial schwacher Schichten vom Analphabetismus betroffen. Es gibt laut Iris Fssenich, Professorin fr Sprachbehindertenpdagogik der Pdagogischen Hochschule Ludwigsburg, typische Parallelen im Lebenslauf von funktionalen Analphabeten. So sei die famililre Situation oft durch finanzielle Engpsse und durch die Vernachlssigung des Kindes von mindestens einem Elternteil gekennzeichnet. Was ihr Fallbeispiel, der 22-jhrige Hans, aus seiner Kindheit erzhlt, stelle keine Seltenheit dar: Er kam aus einem Elternhaus, in dem viel gestritten wurde und der Vater Alkoholiker war. Nach der Scheidung wurde das Problem noch brisanter. Hans blieb nach eigenem Wunsch beim Vater, bereute jedoch schnell seine Entscheidung, denn dieser fing an, seinen Sohn zu schlagen.

Sptere Analphabeten waren, so Fssenich, als Kinder oft das „schwarze Schaf“ innerhalb eines groen Geschwisterkreises. Schon als Kleinkinder erlebten sie oft, dass sie als wertlos angesehen wurden. Klar, dass die Kinder in einer solchen Umgebung mangelndes Selbstwertgefhl und wenig Vertrauen in die eigenen Fhigkeiten entwickelten. Dies treffe noch mehr auf Kleinkinder zu, die schon schnell Verhaltensaufflligkeiten zeigen und mit ihrem mangelndem Vertrauen in die eigenen Fhigkeiten eingeschult wrden. Und die negativen Erfahrungen des Anfangs setzten sich weiter fort. Oft erlebten sich diese Kinder, hnlich wie im Familienkreis, auch in der Schulklasse als Auenseiter. „In den meisten Fllen handelt es sich um Kinder, deren Eltern selbst Analphabeten sind beziehungsweise eine negative Lerngeschichte hinter sich haben und die aufgrund ihrer eigenen Schwierigkeiten keine solidarische Sttze fr ihre Kinder sein knnen“, sagt Fssenich.

Schlitterpartie mit Strzen: Schule – Ausbildung - Arbeit
Zu solchen sehr problembeladenen Lern- und Lebensumstnden gesellen sich schlechte schulische Bedingungen hufig hinzu: Zu groe Klassen, Lehrerwechsel oder Schulwechsel. Bereits in den ersten Schuljahren entwickeln die betroffenen Kinder Lernblockaden. Diese zeigen sich in Verhaltensaufflligkeiten, Motivationsproblemen und einem „Null-Bock-Verhalten“. Die Unfhigkeit zu lesen und zu schreiben lsst sich natrlich nicht lange verbergen, so fallen Analphabeten oft schon in den ersten beiden Schulklassen durch ihre Schwierigkeiten auf. Im Unterricht wird an Wissen angeknpft, das bei manchen Kindern nicht vorhanden ist. Die schulischen Angebote und die individuelle Voraussetzungen sind nicht ausreichend aufeinander abgestimmt: So erzhlte die Teilnehmerin eines Alphabetisierungkurses: „Ich habe den Unterricht gestrt, weil die Lehrer nicht verstanden haben, dass ich das, was sie im Unterricht gemacht haben, nicht mitkriegen konnte“.

Viele Jugendliche mit erheblichen Defiziten in den Kulturtechniken Rechnen und Lesen verlassen ohne Abschluss die Schule. In Deutschland sind das cirka 70.000 bis 80.000 Jugendliche jhrlich. Sie sind in einer Lebensphase, in der es gilt, die eigene Persnlichkeit herauszubilden und in Bezug zu anderen zu setzen – kurz, die soziale Rolle zu finden. Denn die Ausbildung gilt nicht allein dem Erlernen des Berufs, sondern hier werden die in der Schule erworbenen Fhigkeiten eingebt und somit vertieft. Schulabbrecher sind auf dem Ausbildungsmarkt oft chancenlos und stellen eine Gruppe dar, die im besonderen Mae von sekundrem Analphabetismus bedroht ist. Das heit, das bereits - wenn auch mehr schlecht als recht - erworbene Wissen von schriftsprachliche Wissen wird ohne weitere Anwendung wieder verlernt.

Die Angst vor Entdeckung und sozialer Stigmatisierung lsst Analphabeten hufig zu Auenseitern der Gesellschaft werden. Einer aktuellen Studie (APOLL) des Deutschen Volkshochschul-Verbandes und des Bundesverbandes Alphabetisierung e.V. zu Folge sind unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Alphabetisierungskursen fr funktionale Analphabeten 51 Prozent Singles, 61 Prozent haben keinen Schulabschluss und 71 Prozent keine Berufsausbildung. Knapp die Hlfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind arbeitslos. 

Mit Schriftlichkeit das Lernen lernen
Die Sprache ist eine wichtige Technik und ihr kommt natrlich auch eine groe Rolle im Hinblick auf Kommunikation zu. Die Teilnahme am politischen und ffentlichen Leben, die umfassende Entwicklung der eigenen Person, der Wissenserwerb und die Kenntnis von anderen Welten sind durch die groen Defizite im Lesen und Schreiben kaum mglich. Die Schrift ist ein Mittel der Strukturierung der Sprache und des Denkens. So fehlt Analphabeten oft jenes organisierte Denken, das ntig ist, um das „Lernen zu lernen“. An der Sprache als Mittel des Denkens setzt auch das Projekt „Gilgamesch“, eine "Manahme zum Abbau des zunehmenden funktionalen Analphabetismus bei Jugendlichen ohne Qualifizierenden Hauptschulabschluss und Ausbildungsplatz in der Grokommune Mnchen" der Ludwig-Maximilians Universitt Mnchen an:. Gegenstand ihres alphabetisierenden Unterrichts ist neben dem Sprechen, Hren, Schreiben und Lesen auch das Denken selbst. So gehren zu den Unterrichtsinhalten Problemlsen, Strategiewissen sowie Mathematik und Rhythmik.

Auch der mobile Informationsdienst des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung, das so genannten ALFA-MOBIL, dass vom BMBF gefrdert wird, will besonders junge Erwachsene fr die Teilnahme an Grundbildungsangeboten gewinnen. Fr diese Zielgruppe besonders interessant knnte auch das Projekt „F.A.N. – Fuball.Alphabetisierung.Netzwerk.“ sein, das in Kooperation mit dem Bildungskanal des Bayerischen Rundfunks und dem Deutschen Volkshochschul-Verband durchgefhrt wird, knnte fr junge Erwachsene interessant sein. In dem Projekt soll der auf Fuball bezogene Medienverbund aus Fernsehserie, Online-Begleitung und Printmedien breite Bevlkerungsschichten ber das Phnomen funktionaler Analphabetismus informieren. Und als Vorbeugung gilt: Kinder im Vorschulalter in ihrer sprachlichen Kommunikation frdern. Untersuchungen haben gezeigt, dass heute bereits jedes vierte Kind an einer verzgerten Sprachentwicklung leidet, daher ist eine prventive Frderung besonders wichtig.

Lese- und Schreibfhigkeit sind das A und O jeglicher Lernfhigkeit. Damit schulische, vorschulische und auerschulische Initiativen langfristig dem Phnomen Analphabetismus entgegenwirken und so die gesellschaftlichen Teilhabemglichkeiten erweitern knnen, sollte die Bildungspolitik ihr Augenmerk besonders auf diejenigen Bevlkerungsgruppen richten, die am meisten von Defiziten in diesen Bereichen betroffen sind.

Autorin: Katja Haug


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