Bericht

Ein Leben ohne Buchstaben

07.09.2006

Welttag der Alphabetisierung


Buchstaben - fr viele ein Rtsel
Buchstaben - fr viele ein Rtsel
Photocase
Knnen Sie sich ein Leben vorstellen, ohne lesen und schreiben zu knnen? Sie mssten auf die morgendliche Zeitung verzichten, knnten Geburtstagsgrukarten lieber Freunde nicht entziffern und wrden die Fahrplne am Bahnhof ebenso wenig verstehen wie die Etiketten auf den Lebensmittelprodukten im Supermarkt. Ein Leben, das ohne die Hilfe anderer nur schwer vorstellbar wre, allein schon, um die Formulare auf den mtern auszufllen. Dennoch erleiden mehrere Millionen Menschen dieses Schicksal allein in Deutschland. Weltweit gibt es sogar etwa 862 Millionen Menschen, die nicht lesen und schreiben knnen. Die Regionen mit den meisten Analphabeten sind Sd- und Westasien, die arabischen Staaten und die Lnder Afrikas sdlich der Sahara. Betroffen sind berwiegend Frauen.

Welttag der Alphabetisierung
Die Vereinten Nationen haben den 8. September zum Weltalphabetisierungstag ausgerufen, um auf die Dringlichkeit einer breiten Bildungsbeteiligung hinzuweisen. Jedes Jahr erinnert der Welttag der Alphabetisierung daran, dass es in vielen Lndern immer noch ein Privileg ist, lesen und schreiben zu knnen und dass auch hierzulande noch mehr fr Analphabetinnen unbd Analphabeten getan werden muss. Trotzdem ist schon viel erreicht worden: Lag die Analphabetenrate 1970 weltweit noch bei 37 Prozent, betrug sie 2005 „nur noch“ 18 Prozent. Auch die UNESCO, federfhrend bei der UN-Weltdekade der Alphabetisierung von 2003 bis 2012, hat sehr viel dazu beigetragen, diese Quote zu reduzieren, ist aber noch nicht an ihrem Ziel angelangt: Sie will die Analphabetenrate bei Erwachsenen um die Hlfte reduzieren.

Grnde fr mangelnde Alphabetisierung
Die Grnde fr die hohen Defizite in der Grundbildung und Alphabetisierung liegen unter anderem in Demokratiedefiziten und mangelnder Professionalitt von Bildungspolitik, in fehlenden Bildungsangeboten und der aktiven Verweigerung der Bildungsrechte von Mdchen und Frauen, stellt die UNESCO heraus. Darum hat das „Weltforum Grundbildung“ im April 2000 in Dakar/Senegal einen Aktionsplan verabschiedet, der alle Regierungen dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2015 „Bildung fr alle“ zu realisieren, das heit, Lernmglichkeiten fr alle zu schaffen, die Aus- und Weiterbildung von Lehrern zu intensivieren und damit die Analphabetenrate weltweit zu halbieren. Denn ber 100 Millionen Kinder wachsen immer noch ohne Schulbildung auf und 150 Millionen brechen ihre Schulbildung vorzeitig ab. Frauen und Mdchen sollen besonders gefrdert werden.

Analphabetismus in Deutschland
Nach Schtzungen des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung e.V. gibt es in Deutschland rund vier Millionen funktionale Analphabeten. Menschen, die trotz Schulbesuchs groe Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben und somit auch Schwierigkeiten haben, ihr Leben zu organisieren. Mangelnde Grundbildung bedeutet fr die Betroffenen Ausgrenzung, vor allem auf dem Arbeitsmarkt, und einen erheblichen Verlust von Lebensqualitt. Eine ausreichende Grundbildung erffnet erst die aktive Teilhabe an der gesellschaftlichen Entwicklung. Mit ber 500 Personen und Institutionen als Mitgliedern setzt sich der Bundesverband intensiv dafr ein, erwachsene Analphabeten im Lesen und Schreiben zu frdern und ihnen damit gesellschaftliche Teilhabe und ein weitgehend normales Leben zu ermglichen. Die erschreckend hohe Quote funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten stellt auch unser Bildungssystem auf den Prfstand und verweist einmal mehr auf die im Zuge der PISA-Studien deutlich gewordene Notwendigkeit zu grundlegenden Reformen in diesem Bereich.

Gemeinsam mit der Deutschen UNESCO-Kommission hat der Bundesverband ein Bndnis fr Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland initiiert, das die nationale Umsetzung der UN-Dekade der Alphabetisierung koordiniert. Mit Aktionen und Veranstaltungen werden staatliche und ffentliche Akteure dazu aufgerufen, zur Verbesserung der Bildungschancen erwachsener Analphabeten beizutragen.

Veranstaltungen rund um den Welttag
Rund um den 8. September gibt es weltweit zahlreiche Events, die auf die vielfltigste und bunteste Art auf das Thema „Analphabetismus“ aufmerksam machen. Neben vielen interessanten Veranstaltungen, die berall in Deutschland stattfinden, gibt es eine zentrale Festveranstaltung in Berlin, zu der das BMBF-gefrderte Projekt „Portal Zweite Chance Online“ des Deutsche Volkshochschul-Verbandes e.V. und der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. mit seinen Projekten F.A.N. und Alfa-Mobil, am 8. September einladen. Als Gste werden Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan, Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse und der Direktor des UNESCO-Instituts fr lebenslanges Lernen, Dr. Adama Ouane, erwartet. Der Hhepunkt der Veranstaltung ist die Auszeichnung der Gewinner des Literaturwettbewerbs „wir schreiben“. An diesem Wettbewerb durften ausschlielich erwachsene funktionale Analphabeten teilnehmen.

Wer gerne an dieser oder einer anderen Veranstaltung teilnehmen mchte, informiert sich am besten auf der Internetseite des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung e.V. ber das Programm.

Autorin: Petra Schraml


Redaktionskontakt: schraml@digitale-zeiten.de