interview

Von Japan lernen

05.07.2006

Georg Tempel hofft, dass japanische Leseförderungs-Manga den Weg nach Deutschland finden






Georg Tempel
Georg Tempel
Lesen in Deutschland: Mit der Veröffentlichung der Geschichte von Bunny Tsukino, alias Sailor Moon, begann 1998 der Siegeszug der Manga in Deutschland. Mittlerweile machen die großen Comic-Verlage ihren Hauptumsatz mit den asiatischen Bildergeschichten. Was ist so besonders reizvoll an den Manga?

Georg Tempel: Ich denke, es ist die „Andersartigkeit“ der grafischen Umsetzung und es sind natürlich auch die Inhalte. Manga sind viel stärker von filmischen Stilmitteln geprägt als der herkömmliche europäische Comic. Neu ist auch, dass es viele Manga gibt, die sich mit den Problemen heutiger Jugendlicher auseinandersetzen. Nicht zu unterschätzen ist auch die Möglichkeit der Abgrenzung der Jugend von der Elterngeneration. Während es bei Mode, Musik, TV und Film kaum noch große Unterschiede zwischen den Generationen gibt, können Manga mit ihrer neuen, rasanten Bildsprache, der umgekehrten Leserichtung und dem immer wieder gern zitierten (aber letztendlich doch falschen Klischee) von Sex und Gewalt ein deutliches Mittel zur Unterscheidung sein.

Lesen in Deutschland: Viele Manga-Serien werden von Zeichnerinnen kreiert und auch die weibliche Leserschaft wächst ständig. Woher kommt gerade das Interesse von Mädchen an den asiatischen Comics?

Georg Tempel: In Manga, zumindest in denen, die zurzeit vorrangig in Deutschland veröffentlicht werden, sind junge Frauen starke Heldenpersönlichkeiten, die nicht nur ihre eigenen Probleme meistern, sondern oftmals auch die gesamte Welt retten. Das ist im Comicbereich neu und hat dazu geführt, dass Mädchen als Comicleser stark in eine von männlichen Lesern beherrschte Domäne eingebrochen sind.

Lesen in Deutschland: Die kunstvollen Zeichnungen der Manga haben zwar ein hohes Aktivierungspotenzial, verführen aber auch zum oberflächlichen Lesen. Gerät die Sprache gegenüber den dominanten Bildern der Comics ins Hintertreffen?

Georg Tempel: Hier sollte man ein Genre nicht über einen Kamm scheren. Natürlich gibt es – wie aber auch bei den westlichen Comics – stark auf die Bildsprache reduzierte Manga. Auf der anderen Seite erscheinen aber auch Manga, deren Bilder sich dem Text unterordnen und nur bei genauer Lektüre zu verstehen sind.

Lesen in Deutschland: Comics wird nachgesagt, dass sie den Einstieg ins Lesen fördern und die Kreativität der Leser anregen. Eignen sich Manga als pädagogisch wertvolle Schullektüre?

Georg Tempel: Ich könnte mir schon vorstellen, dass Manga im Unterricht eingesetzt werden. Allerdings weniger die zurzeit in Deutschland veröffentlichten Serien. In Japan gibt es auch für diesen Anlass spezielle Manga, die nur ihren Weg zu uns finden müssten.

Lesen in Deutschland: Der südkoreanische Botschafter Soo Hyuck Lee erklärt den Erfolg der Manga und Manhwa in seiner Heimat damit, dass sie mit Lernaspekten verknüpft wurden. Können solche Comics auch in Deutschland etwas gegen die Leseschwäche ausrichten, die vor allem bei Jungen zum Problem geworden ist?

Georg Tempel: Ich bin der Meinung, dass erst einmal fast jedes Mittel Recht ist, wenn es hilft, junge Menschen zum Lesen zu bringen. Und sollten Manga dieses Mittel sein, umso besser. Natürlich muss es Stellen geben, die dann ab einem bestimmten Punkt kanalisieren, welche Manga-Serien zur Verfügung gestellt werden.

Lesen in Deutschland: Können die Manga ihre jugendlichen Leser auch für das „Lesen nach dem Comic“ begeistern?

Georg Tempel: Wir hoffen es und versuchen, mit Romanen, die auf bekannten Manga-Charakteren wie „Inu Yasha“ oder „Love Hina“ basieren, die Manga-Fans zu den Büchern zu holen. Letztendlich wird natürlich die Konzentrationsfähigkeit der Leser den Ausschlag geben, da doch ein Unterschied zwischen Buch- und Comiclektüre besteht.

Lesen in Deutschland: In Japan sind die Manga längst im gesellschaftlichen Alltag etabliert. Man sagt sogar, dass die Japaner mehr Papier für Manga als für den Gang zur Toilette verbrauchen. In Korea treffen sich Schülerinnen und Schüler in „Manhwa-Bangs“ zum gemeinsamen Lesen und jede dritte Publikation des Landes ist ein Comic. Erwarten Sie in Deutschland eine ähnliche Entwicklung des Comic-Kults?

Georg Tempel: Nein, bei aller Liebe zum Comic im Allgemeinen und zum Manga im Besonderen, aber das glaube ich nun doch nicht. In Fankreisen der Heavy User mag das vorkommen, aber der durchschnittliche Manga-Leser sieht in seinen Comics wohl eher ein alternatives Unterhaltungsmedium zu Film, TV oder PC-Spiel. Man sieht zwar immer wieder Fans, die sich in sogenannten Cosplays wie ihre Helden kostümieren und Comic-Szenen nachspielen, aber das ist dann doch schon eine besondere Ausprägung. 

Zur Person: 
Georg Tempel begann nach seinem BWL-Studium als Comic-Redakteur zu arbeiten und wechselte Anfang der 90er Jahre zum Egmont Ehapa Verlag. Mit der Gründung von Egmont Manga & Anime (EMA) im Jahr 2000 übernahm er dort die Verlagsleitung. Seit 2003 zeichnet sich der bekennende Comic-Fan für die gesamte Programm- und Marketingplanung von EMA und der Ehapa Comic Collection (ECC) verantwortlich. Seit Juni 2006 unterstehen ihm auch Programm und Marketing der Egmont Buchlabels vgs verlag und Franz Schneider Verlag.

Autor: Matthias Denke
Redaktionskontakt: denke@digitale-zeiten.de