interview

Die Stimme junger Leser

14.03.2006

TEIL I: Interview mit der Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises


Die jungen Juroren der JuBuCrew Gttingen
Die jungen Juroren der JuBuCrew Gttingen








Sie sind die Zielgruppe, warum sollten sie nicht auch bestimmen, was gut fr sie ist? Innerhalb der Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises haben junge Leser seit zwei Jahren nun endlich offiziell die Mglichkeit, eigene Lieblingsbcher ins rechte Licht zu rcken. Lesen in Deutschland unterhielt sich mit der JuBuCrew Gttingen ber den Juroren-Alltag.

Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird jhrlich an Autorinnen und Autoren in etlichen Sparten der Kinder- und Jugendliteratur vergeben und ist mittlerweile eine feste Gre der Begutachtung. Von Erwachsenen erstellte Gutachten werden den Empfindungen von Kindern und Jugendlichen jedoch nur eingeschrnkt gerecht. Zu sehr entfernt sich doch die jugendliche Lebenswelt, die geprgt ist von Musik, Film, Mode und so weiter, vom Alltag der Erwachsenen. Aber die junge Leserschaft ist doch die Zielgruppe, die die prmierten Bcher nun einmal lesen soll.

Daran dachte auch der Arbeitskreis fr Jugendliteratur, der den Deutschen Jugendliteraturpreis verleiht, und beschloss vor zwei Jahren, Kinder und Jugendliche selbst als Kritiker und Vermittler einzusetzen und zwar in Form einer Jugendjury, die eine eigene Aufzeichnung vergibt. Dieser Preis der Jugendjury wird im Rahmen der Preisverleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises auf der Frankfurter Buchmesse bekannt geben. Die Jugendjury setzt sich aus sechs ber die Bundesrepublik verteilten Leseclubs zusammen: der Moerser Jugendbuchjury, der Jungen Jugendjury in Bad Hersfeld, dem Jugendleseclub Landshut, der Jugendbuchjury des Friedrich-Spee-Gymnasiums in Trier, der Lufti-Jury und der JubuCrew Gttingen. Mit letzterer haben wir uns unterhalten, um herauszufinden, was die Jugendlichen dort machen, welche Bcher sie begeistern … In diesem ersten Teil des Interviews, das aus zwei Teilen besteht, berichten die 17-jhrige Elisabeth Bker und die 14-jhrige Meike Hamm ber ihre Ttigkeit als Jurorinnen.

Lesen in Deutschland: Aus wie vielen Jugendlichen besteht die JuBuCrew Gttingen und wie alt sind die Mitglieder?

Elisabeth Bker: Derzeit besteht die Jubu-Crew aus 25 Mitgliedern. Die Jngsten sind 9 Jahre, die ltesten sind 17 Jahre alt.

Lesen in Deutschland: Was ist eure Motivation, bei der JuBuCrew als Jurorinnen mitzumachen?

Elisabeth Bker: Es macht mir viel Freude, mich wchentlich mit anderen lesebegeisterten Jugendlichen ber ganz neue Lektre unterhalten zu knnen. Als ich vor sechs Jahren in die Jubu-Crew eintrat, wollte ich vor allem auf Grund der vielen Bcher in die Gruppe, denn nirgendwo sonst fand ich so viele gute und neue Bcher, die meinen Lesehunger sttigten. Die Aktivitten darber hinaus, insbesondere die Jugendjuryarbeit, empfinde ich als eine groe Bereicherung und sie sind mir sehr wichtig, da ich anderen Jugendlichen gute Bcher vermitteln mchte. Die Auswahl als eine der sechs Jugendjurys gibt auch uns einen neuen Motivationsschub. Sie zeigt uns, wie wichtig unsere Arbeit ist und gibt uns einen Einblick in ganz neue Bereiche.

Meike Hamm: Man hat total viel Spa bei den Treffen und hat Zugang zu den neuesten Bchern, stellt ein Buch fr den Deutschen Jugendliteraturpreis auf und darf mit nach Frankfurt zur Preisverleihung.

Lesen in Deutschland: Welche Bcher haben euch persnlich besonders fasziniert, was nehmt ihr mit, wenn ihr ein tolles Buch gelesen habt?

Elisabeth Bker: Es gibt soooo viele gute Bcher! Immer wieder greife ich gerne ins Bcherregal und hole mir Klassiker von Astrid Lindgren oder Erich Kstner hervor. Aber auch die Bcher von Jostein Gaarder wie zum Beispiel „Das Orangenmdchen“ oder der Roman „Krokodil im Nacken“ von Klaus Kordon gehren zu meinen Lieblingsbchern.

Besonders beim Lesen merkt man, wie viele geheimnisvolle, sonderbare, aber auch traurige und ernste Seiten das Leben hat. Jede gelesene Seite ist ein wahrer Ideenschatzkorb, eine wunderbare Bereicherung!

Meike Hamm: Ich mag Bcher mit Action und Gefhlen oder Fantasy. Wenn mir ein Buch gut gefllt, dann denke ich darber nach und empfehle es weiter.
 
Lesen in Deutschland: Wie sehen die Aufgaben der JuBuCrew ber das Jahr bis hin zum groen Termin aus – der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises?

Elisabeth Bker: Sehr vielseitig! Der Hauptbestandteil der Arbeit ist natrlich das Lesen selber. Aus den vielen Neuerscheinungen eines Jahres whlen wir Jubu-Crewler und auch die fnf anderen Jugendjurys jeweils 15 Titel aus, die die Prferenzliste fr den nchsten Deutschen Jugendliteraturpreis bilden. Aus dieser Prferenzliste mit cirka 60-80 Bchern schlagen wir eine Nominierung und zwei „Nachrcker“ fr den Preis vor. Vorangegangen sind viele lange Diskussionen. Nachdem alle sechs Titel feststehen, schreibt jede Jury zu ihrer Nominierung eine Rezension. Auf der Leipziger Buchmesse stellen wir dann die Nominierungen vor. Jetzt beginnt die Lesephase fr die Preisentscheidung. Die sechs Titel mssen alle von jedem Juror gelesen, begutachtet und bewertet werden. Die Bewertung erfolgt ber ein Punktesystem. Jeder gibt den Bchern Punkte von 0-12. Anschlieend werden diese in der Gruppe zusammengerechnet und durch die Anzahl der Leser geteilt. Das Buch mit den meisten Stimmen aller Jugendjurys erhlt den Preis der Jugendjury, den wir whrend der Preisverleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises auf der Frankfurter Buchmesse bekannt geben.

Doch darber hinaus gibt es auch noch die „normale“ Jubu-Crew-Arbeit. Jeden Monat whlen wir ein Buch des Monats, schreiben hierzu eine Kritik, die wir vierteljhrlich an ber 350 Interessenten im In- und Ausland verschicken. Das Buch des Monats stellen wir in der Gttinger Buchhandlung Hertel mit der Rezension und den Bchern, die wir zur Wahl vorgeschlagen hatten, aus. Darber hinaus nehmen wir an zahlreichen Aktivitten in Gttingen und der Umgebung teil, um unsere Arbeit vorzustellen. Wir sind zum Beispiel Jurymitglied im Kreisentscheid des Vorlesewettbewerbs des Brsenvereins des deutschen Buchhandels. Whrend der Gttinger Jugendbuchwoche findet eine „literarische Crew“ statt, bei der wir Jugendlichen mit Autoren diskutieren.

Lesen in Deutschland: Was ist besonders wichtig an einem Buch, damit es Gefallen bei euch findet, verwendet ihr so etwas wie einen Kriterienkatalog, wird jedes Mal neu argumentiert oder spielt das Bauchgefhl eine groe Rolle, welche der Bcher nominiert werden?

Elisabeth Bker: Einen festen Kriterienkatalog, nach dem wir das Buch beurteilen mssen, haben wir nicht. Doch bei der Begrndung zur Wahl eines Buches ist mir wichtig, dass auf den Inhalt (Ist es interessant, neu, verstndlich, fesselnd? etc.), auf die Sprache (Ist es passend zur Handlung, passend zu den sprechenden Personen, stilistisch eindrucksvoll, etc.?) und gegebenenfalls auf die Illustrationen geachtet wird. Auch die Aufmachung des Buches (Ist das Cover ansprechend, passt es zum Buch?) wird bewertet.

Lesen in Deutschland: Wie finden die 25 Mitglieder der JuBuCrew zu einer gemeinsamen Entscheidung fr eines der vielen nominierten Bcher?

Elisabeth Bker: Bereits zwei Monate vorher berlegen wir das erste Mal, welche Bcher wir fr unsere Nominierung in Erwgung ziehen. Dann werden diese Bcher gezielt von mglichst allen Mitgliedern gelesen, damit wir ein groes Spektrum an Meinungen haben. Einen Monat vor der Entscheidung berarbeiten wir diese Liste noch einmal. Nehmen eventuell Titel hinzu oder streichen andere, die wir doch nicht als geeignet betrachten. Die Entscheidung erfolgt nach langen Diskussionen. Es sollte ein Titel sein, der mglichst allen in der Gruppe gefllt.

Lesen in Deutschland: Die Jugendjury entscheidet sich fr Bcher, ber die sich die „brige“ Jury immer wieder berrascht zeigt. Im Jahr 2005 habt ihr zum Beispiel das Buch von Haruki Murakami „Kafka am Strand“ nominiert, ein literarisch sehr anspruchsvoller Roman, bei dem die wenigsten an so genannte „Jugendliteratur“ denken wrden. Wie ist es umgekehrt, knnt ihr die Entscheidungen fr die Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch nachvollziehen oder seid auch ihr oft erstaunt ber Entscheidungen der „Erwachsenen“?

Elisabeth Bker: Auf jeden Fall gibt es auch in der Auswahl der Erwachsenen-Titel, die wir keineswegs nominiert oder gar ausgezeichnet htten. Einer dieser Titel ist „Schneewei und Russenrot“. Kein Jugendlicher aus der Jugendjury hat meines Wissens diesen Titel zu Ende gelesen. Alle anderen Titel in der Sparte Jugendbuch standen auch auf unserer Prferenzliste und waren in den sechs Jugendjurys meines Wissens alle auch in der engeren Auswahl. Die anderen prmierten Titel sind so weit ich sie kenne hervorragende und preiswrdige Bcher.

Meike Hamm: Ich finde, manchmal knnen die Erwachsenen nicht so gut einschtzen, was Kinder- und was Jugendbuch ist.

Lesen in Deutschland: Was lsst sich bei der Ttigkeit als Jurorin in der JuBuCrew lernen?

Elisabeth Bker: Die Arbeit in der Jugendjury und der Jubu-Crew ist fr mich eine groe Bereicherung. Die wchentlichen Diskussionen ber Literatur mit anderen Lesefreudigen ermglichen mir neue Perspektiven auf Bcher. Auch eine gute Begrndungsstrategie fr oder gegen ein Buch habe ich gelernt. Denn ohne eine gute Vorstellung der Argumente hat ein Buch weniger Chancen, von den anderen gelesen und gewhlt zu werden.
Darber hinaus habe ich als Leiterin der Jubu-Crew Arbeitsbereiche kennen gelernt, von denen wir in der Schule nie erfahren.

Lesen in Deutschland: Die Jugendlichen der sechs Leseclubs, die zur Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises gehren, lesen gerne und knnen in kurzer Zeit ein Buch lesen und bewerten. Leseschwache Jugendliche werden ber eure Entscheidungen nicht reprsentiert. Habt ihr eine Idee, wie auch die Meinung von eher leseungebten Jugendlichen mit einflieen knnte?

Meike Hamm: Man knnte sie fragen, warum sie welches Buch gelesen haben. Denn dann sieht man, welche Bcher die ansprechen, die nur das lesen, wovon sie etwas erwarten. Denn wir lesen eigentlich alles, weil es fr uns oft so ist, dass man ein langweilig aussehendes Buch liest, was dann doch gut ist.

Elisabeth Bker: Auch leseschwchere Jugendliche, die Lust haben zu lesen, kommen manchmal in die Jubu-Crew und arbeiten in der Gruppe mit, bekommen Lust am Lesen, werden immer gebter und werden schlielich zu Viellesern.

Das Interview fhrte: Katja Haug


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