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Bericht

Der LesePeter des Monats August 2005

11.08.2005

Auszeichnung der AG Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW





LesePeter-Logo,  AJuM
LesePeter-Logo, AJuM


Huuuh, was fr ein Bild, als das Mdchen die Handtasche weit ffnet und darin tot der kleine gelbe Vogel liegt. Ein einziges Elend sind Mdchen, Tasche und Vogel in dem luftig beschatteten Rasen des Parks. Ganz allein steht sie dort und es ist in diesem Moment klar, dass nie wieder dieses Gesicht eine Regung von Freude finden wird.

Bis es so weit ist, stolpern wir Zuschauer allerdings genau wie die Parkbesucher ahnungslos hinter dem Mdchen her und erleben ihr lautes Wehklagen an drei Stellen des Parks. „Gehrt das so??!“ schreit sie den Menschen zu, die auf dem Sommerrasen liegen, die mit ihren Booten auf dem See rudern oder paddeln, die sich zu einer Grillparty trafen.
Eine merkwrdige Frage, die weder auf den Grund fr den Tod zielt noch auf dessen Ungerechtigkeit, sondern eher auf die Nicht-Reaktion der Menschen, die doch gar nichts wissen knnen von dem Tod und dem Schmerz des Mdchens.

Die Gruppe, an der sie zunchst vorbei geht, schlurft, zieht, ist ebenso merkwrdig zusammengesetzt. Sechs Wesen sind es: Eine lange und schlanke Frau, ein dicker Mann mit einem Gamsbarthut, eine Karikatur von ihm in klein, ein Hund, eine Libelle und ein Teddy-Br. Obwohl sie im Text angesprochen werden, finden sie zunchst wenig Beachtung. Zu merkwrdig ist das Verhalten des Mdchens. Zunchst ist der mit der feinsten Nase vorneweg (der Hund), dann der, der am wenigsten auffllt (die Libelle), dann die Karikatur mit dem Koffer.

Jeweils im Hintergrund findet das Parkleben an einem warmen Sommertag inmitten einer Grostadt statt: Dort reitet jemand, man picknickt, liegt und schaut in den Himmel, fhrt mit dem Rad herum oder trgt seinen Liegestuhl von hier nach da.

Pltzlich stehen sie sich gegenber, die sechs und das Mdchen. Und die Lange fragt einfach, was los sei und das Mdchen antwortet, schreit, brllt, dass Elvis tot sei – was bei den anderen Staunen erzeugt, denn das wussten sie lngst. Der King ist tot. Klar, auch wenn manche Graceland-Besucher davon nicht berzeugt sind. Die hier wissen das. Aber sie wussten bis jetzt nicht, dass der gelbe Vogel des Mdchen Elvis hie. Und dann kommt das oben beschriebene Bild mit allem Schmerz dieser Welt. Alle sind betroffen, einer denkt praktisch: „Eine Erdbestattung.“




Cover zum Buch
Cover zum Buch "Gehrt das so??!"


Und die gert dann so gut und die Vorstellung, dass Elvis dort oben Elvis treffen wird, ist so grandios, dass alles schon gar nicht mehr gar so schlimm ist. Man nimmt sich in die Arme und malt sich die Szenerie aus, und die ist so, dass niemand ein verschmitztes Lachen verhindern kann.
Das Leben geht eben weiter: „Schn war’s.“ sind die letzten Worte im letzten Bild. Da verabschieden sich fnf von einer und der Hund noch einmal von Elvis.

Das Format des Buches ist quer, die Bilder beanspruchen zumeist eine Doppelseite. Die kurzen Texte sind in die Bilder eingebaut, selten beanspruchen sie einen Raum auerhalb, nur einmal gar eine ganze Seite.

Die „Personen“ agieren derart selbstverstndlich und sind doch jede fr sich ausgesprochen skurril, dass man sich zwischendurch nur mal kurz fragt, was zum Beispiel die sechs Freunde zusammengeschweit haben mag oder welche gemeinsame Geschichte sie ihr Eigen nennen. Sie sind uns in ihrer Selbstverstndlichkeit sehr sympathisch, obwohl sie ausgesprochen gesichtslos sind. Sie sind fast wie Baukltze, selbst ein Jojo will nicht fallen. Jeder ein ganz eigener Typ, aber niemand beansprucht das Adjektiv „besonders“ fr sich. Jeder fr sich ist eher der Unauffllige, der auch dann nicht wei, dass er etwas Besonderes machte, wenn er es denn zuflligerweise tat.

Diese sechs Wesen machen das, was gerade die erwachsenen Vorleser stutzig machen. Ja, sie haben dem Mdchen in ihrem Schmerz geholfen, aber WIE ist das denn abgelaufen? Woher kommen sie, was tun sie dort, warum kmmern sie sich auf diese stoische Art, nehmen das Mdchen wahr und ihren Schmerz und begleiten ihn und sie einfach so? Sie haben davon keinen Vorteil, jeder spielt (s)eine Rolle beim Begrbnis selbst (vom Weihrauch bis zum Blumenschmuck), stehen bei der Begrbnis-Zeremonie sogar ein wenig abseits, denn die Hauptperson ist das Mdchen. Der leihen sie anschieend auch noch ihre Schultern und Ohren. Und alle sind zusammengewachsen in dieser kurzen Zeit.

Nein, sie werden sich nicht wieder treffen. Die Situation ist einmalig. Auch das ist (schwer) zu akzeptieren.
Es ist natrlich (auch) wieder ein Buch fr Erwachsene. Wer als Bilderbuch-Kind kennt denn schon Elvis Presley? Aber es ist so toll lakonisch und hat so mit so wenig Aufwand so viel Raum, dass es einem ganz frei wird ums Herz, das eben noch so klamm war wegen des Todesfalls und des Schmerzes des kleinen Mdchens. Und es gibt ja immer noch Eltern und Groeltern, die man hierbei ein bisschen „anzapfen“ kann, damit Erfahrung weiter gegeben wird.
Das Buch fr jemanden zu empfehlen, der einen Todes-Verlust zu beklagen hat, wre viel zu plakativ. Wir haben es zu tun mit tiefen Empfindungen, die wir in sozusagen Unbeteiligten wieder finden knnen – so wie wir es mit den Helden in der Schwarzen Serie um Humphrey Bogart machten. Wir haben es zu tun mit Aufmerksamkeit, Neugier, Aufnehmen und mit selbstverstndlicher Hilfe, die so gar keines Dankes bedarf. Wenn man die Helfer fragte, antworteten sie vielleicht: Ich war sehr zufllig hier, du musst mir nicht danken. Vielleicht danke ich irgendwann spter dem Zufall, dass ich dabei sein durfte. Mal sehen.

Nach „Meeres Stille ...“ ein weiterer groer Wurf von Peter Schssow.

Zum Autor: Peter Schssow ist Jahrgang 1953. Er arbeitete fr den „Spiegel“, den „Stern“ und „Die Sendung mit der Maus“. Er lebt in Hamburg, wo er auch an der Hochschule fr Gestaltung studierte. Weitere Bcher sind: Noch ist alles drin (HH: Carlsen 2002), Popinga kauft ein (HH: Carlsen 2002), Meeres Stille und Glckliche Fahrt (M: Hanser 2004)

Zum Buch:
Peter Schssow: Gehrt das so??! Die Geschichte von Elvis
Mnchen: Hanser 2005
40 Seiten, geb., 14,90 €


Von:
Ulrich Baselau, Mitarbeiter AJuM


Redaktionskontakt: redaktion@lesen-in-deutschland.de