interview

Im Familienschoß kultiviert - über Jahrhunderte transportiert

03.08.2005

Im Interview spricht Bettina Hurrelmann über ein ideales „Leseklima“, ungleiche Bildungschancen sowie Medienkompetenz.





Bettina Hurrelmann
Bettina Hurrelmann


Vaters Stimme, die ein Gedicht vorträgt, wird noch lange im kindlichen Ohr nachhallen und auch im Erwachsenenalter nicht so schnell vergessen sein. Lesekompetenz ist an soziale Kontexte gebunden und wurzelt in der Familie. Laut Prof. Bettina Hurrelmann von der Universität zu Köln hatten Kinder und Jugendliche niemals zuvor so gute Chancen, zu Lesern heranzuwachsen, wie heute. Familien, in denen lesefreudige Kinder „gedeihen“, haben einiges gemeinsam. Prof. Bettina Hurrelmann spricht einerseits von einem „Leseklima“ in Familien und andererseits von den Aufgaben der Bildungsinstitutionen, Kinder aus Familien, in denen diese günstigen Bedingungen nicht gegeben sind, an das Lesen heranzuführen.                 

Lesen in Deutschland: Sie arbeiteten an einem Forschungsprojekt namens „Lesesozialisation im historischen Wandel - Kinderlektüre und Familienstruktur“. Können Sie uns in groben Zügen sagen, auf welche Weise sich das Leseverhalten im 20. Jahrhundert in den Familien geändert hat?  

Bettina Hurrelmann: Das Forschungsprojekt ist abgeschlossen. Die Ergebnisse sind nachzulesen in dem Buch: „Lesekindheiten. Familie und Lesesozialisation im historischen Wandel.“ Das Buch gibt einen Überblick über mehr als 150 Jahre Lesesozialisation in der bürgerlichen Familie in Deutschland. Die familiale Lesesozialisation erweist sich als ein bis zur Gegenwart bildungsrelevantes Kulturmuster, das in der Biedermeierzeit begründet, in der Kaiserzeit fest etabliert und in den 1980er Jahren - trotz aller Angriffe auf die 'bürgerliche Bildung' - im Grunde stabilisiert wurde. Betrachtet man die Veränderungen in langfristiger historischer Perspektive, so zeigt sich, dass in keiner historischen Epoche die Chance für Kinder, zu Lesern zu werden, so groß war wie in unserer Zeit.

Dazu trägt auch die Liberalisierung des Verhältnisses zwischen Eltern und Kindern in der familialen Sozialisation bei. Die meisten Eltern wollen heute, dass ihre Kinder lesen - und zwar nicht nur für die Schule - und versuchen, dies auch zu unterstützen. Allerdings bleibt selbst in einer Gesellschaft, in der die soziale Schichtung durchlässiger geworden ist, das Lesen eine Bastion ungleicher Bildungschancen. Soziale und ethnische Herkunft können nach wie vor zu schweren Benachteiligungen führen, wie auch PISA es für Deutschland gezeigt hat. Außerdem sind die Familien noch wenig in der Lage, das Lesen im modernen Sinne als Teil einer umfassenden Medienkompetenz - und nicht als Gegensatz zu den Medien - wahrzunehmen und zu fördern.

Lesen in Deutschland: Gibt es ein familiäres Klima, dass die sprachlichen Fähigkeiten beziehungsweise die Lesemotivation von Kindern unterstützt?

Bettina Hurrelmann: Die ausgeprägteste Lesepraxis findet sich bei Kindern, deren Familien eine anregungsreiche und aktive Interaktionsstruktur und einen hohen Zusammenhalt haben, also auch viel Gemeinsamkeit in der Freizeitgestaltung. In diesen Familien gibt es außerdem eine relativ große Offenheit untereinander, was sich auch darin zeigt, dass Gespräche, insbesondere Gespräche über situationsabstrakte Themen, häufiger vorkommen. Im Kontext eines solchen Familienklimas findet man dann mit höherer Wahrscheinlichkeit die Bedingungen, die die Leseentwicklung der Kinder direkt unterstützen: Einbindung des Lesens in die soziale Interaktion, frühe Leseförderung schon vor dem selbstständigen Lesen der Kinder, positives Vorbildverhalten der Eltern, zurückhaltender Fernsehgebrauch.
 
Lesen in Deutschland: Spielt es ein Rolle, ob eher die Mutter oder eher der Vater dem Kind das Lesen näher bringt?

Bettina Hurrelmann: In den Kindheitserinnerungen wird die Zuwendung der Väter oft als 'kostbarer' dargestellt als die der Mütter - teils wegen der Knappheit der Zeit, teils auch wegen des oft kreativeren Umgangs der Väter mit Geschichten, Spielen, Informationen aus Texten etc.. Empirisch lässt sich aber zeigen, dass die Leseförderung faktisch bis heute hauptsächlich von der Mutter getragen wird - auf die Lesefreude und Lesepraxis des Kindes hat der Vater statistisch gesehen kaum Einfluss. Allerdings sind die Kinder deutlich im Vorteil, die von beiden Eltern intensiv im Lesen gefördert werden.

Lesen in Deutschland: In dem Artikel „Leseförderung“ sagen Sie, Lesen sei der Schlüssel zu Medienkultur. Die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen sei auch die Voraussetzung für die kompetente Nutzung anderer Medien. Was meinen Sie damit?            

Bettina Hurrelmann: Zur Lesekompetenz gehört die Fähigkeit zum Verstehen abstrakter Schriftzeichen, Wörter, Sätze und größerer Textzusammenhänge, die das sprachliche Wissen und das Weltwissen der Leser oft aufs Äußerste fordern. Zum kognitiven Verständnis kommen die emotionale Beteiligung und die Vorstellungsfähigkeit hinzu, die vor allem bei der Lektüre von Fiktion eine unverzichtbare Rolle spielen. Beide Modi, das sprachlich-begriffliche und das bildlich-emotionale Verstehen können durch das Lesen in einer Weise eingeübt werden, die der verständigen und kritisch-produktiven Rezeption anderer Medienangebote zugute kommt. Das gilt insbesondere für das Fernsehen, dessen Angebote oft eher zur oberflächlichen Rezeption verleiten. Es gilt erst recht natürlich für die 'neuen Medien': Schon die Recherche im Internet zeigt, dass man zumindest sicher lesen können muss, um noch genügend Ressourcen für die Entscheidungen frei zu haben, die im unübersehbaren Angebot schließlich zum (Informations-)Ziel führen.

Lesen in Deutschland: Wie können Kinder aus Familien, in denen nicht oder wenig gelesen wird, gefördert werden?

Bettina Hurrelmann: Hier haben die Bildungsinstitutionen ihre genuine Aufgabe: Sie müssen versuchen, einen gewissen Chancenausgleich zu erreichen. Mit der Leseförderung muss im Kindergarten begonnen werden. Dazu gibt es erprobte Methoden, man braucht aber auch genügend Bücher und gut ausgebildete Erzieherinnen, die das Lesen mit der Sprachförderung verbinden. Elternarbeit ist nötig, Zusammenarbeit mit kulturellen Einrichtungen, Initiativen, Bibliotheken etc.. Auch die Grundschule muss das Bücherlesen von Anfang an zur Selbstverständlichkeit machen, als lustvolle Beschäftigung, nicht nur als Leseübung. Lesediagnose darf nicht fehlen, allerdings nicht im Sinne der Auslese, sondern der gezielten Förderung. Schulen sollten Leseumwelten gerade für die Kinder sein, die zu Hause kaum einmal einem Menschen begegnen, der freiwillig und mit Leichtigkeit liest.            

Zum Buch:
Bettina Hurrelmann, Susanne Becker & Irmgard Nickel-Bacon: "Lesekindheiten. Familie und Lesesozialisation im historischen Wandel."
Weinheim, München: Juventa 2005 (Reihe: Lesesozialisation und Medien, hrsg. von Bettina Hurrelmann).

Zur Person:
Professorin Dr. phil. Bettina Hurrelmann, geboren 1943, hat nach ihrem  Lehramtsstudium drei Jahre als Lehrerin gearbeitet. Anschließend studierte sie sie Germanistik, Pädagogik und Philosophie an der Universität Münster. Dort hat sie 1974 in Germanistik promoviert. 1983 folgte die Habilitation für Literaturwissenschaft/Literaturdidaktik an der Universität GH Essen. Ab 1984 war sie als Professorin an der Universität Tilburg (Niederlande) tätig und ist seit 1988 Professorin an der Universität zu Köln. Darüber hinaus ist sie die Leiterin der Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien.


Die Fragen stellte: Katja Haug 

Redaktionskontakt: redaktion@lesen-in-deutschland.de