interview

„Lesen lernt man durch lesen“

20.07.2005

Kann fernsehen die Lust am Lesen fördern?




Dr. Irene Wellershoff
Dr. Irene Wellershoff
Lesen in Deutschland: Gerne wird der Fernseher als der größte Konkurrent des Buches gesehen. Wie kommen sich die beiden Medienwelten in die Quere, wie vertragen sie sich?

Wellershoff: Natürlich besteht eine Konkurrenz zwischen ihnen. Der Tag hat nur 24 Stunden und alle Medienangebote, nicht nur das Buch und das Fernsehen, sondern auch Computer, Hörspielkassetten, Videospiele und andere Medienangebote ringen um die Zeit und die Aufmerksamkeit der Konsumenten. Aber die beiden Medien befruchten sich auch gegenseitig. Das Fernsehen übernimmt viele Stoffe aus Büchern und auch umgekehrt. Die Geschichten unserer Sendung Siebenstein, die wir zu 90 Prozent zuerst gemacht haben, wurden im Anschluss an die Sendungen komplett von den Verlagen übernommen. Trotzdem ernten aber hauptsächlich die Bücher die Lorbeeren. Bei den Siebenstein-Geschichten „Die Königin der Farben“ von Jutta Bauer oder „Juli-Geschichten“ von Kirsten Boie haben die Bücher die Preise bekommen, obwohl es zuerst Filme waren.

Lesen in Deutschland: Wie erklären Sie sich das?

Wellershoff: Bücher werden traditionell als etwas kulturell Hochstehendes betrachtet. Lesen ist auch anstrengender als fernsehen, es erfordert mehr Eigenaktivität. Aber auch fernsehen ist kein rein passiver Vorgang, da man das Gesehene ja permanent interpretiert. Allerdings ist die lange konzentrierte Zuwendung, die das Buch erfordert, beim Fernsehen meistens so nicht gegeben.

Lesen in Deutschland: Glauben Sie denn, dass Kinder, die viel fernsehen, wenig oder gar nicht lesen?

Wellershoff: Die Erfahrung aus meinem privaten Umfeld ist, dass Kinder beides tun. Lesen und Fernsehen. Kinder lieben ja auch Wiederholungen. Wenn sie eine Geschichte gesehen haben, die ihnen gefällt, lesen sie auch gerne noch einmal das Buch und umgekehrt. Wahrscheinlich würde noch mehr gelesen werden, wenn es kein Fernsehen gäbe, d.h. aber nicht, dass nicht gelesen wird. Ich glaube, es hängt vielmehr davon ab, ob es in einer Familie oder in der Gesellschaft eine Lesekultur gibt. Dann kann beides auch nebeneinander bestehen. Ideal wäre es, wenn man als kompetenter Mediennutzer alle Medien für sich nutzte, ohne dabei in Abhängigkeit von einem zu geraten.

Lesen in Deutschland: Gibt es Erfahrungswerte, dass Kinder, nachdem sie die Verfilmung eines Kinderbuches gesehen haben, dieses auch lesen?

Wellershoff: Im Grunde müsste man die Verlage fragen. Aber natürlich weckt die Verfilmung von Buchstoffen auch die Neugier auf die Bücher. Als wir im ZDF die Geschichten von Petterson und Findus zeigten und die Geschichte anschließend noch ein großer Kinoerfolg wurde, hat der Verlag das Kinderbuch im gleichen Jahr rekordmäßig verkauft. Ich glaube es war sogar das meistverkaufte Bilderbuch des Jahres, ohne dass ein neues Buch des Autors in diesem Jahr erschienen wäre.

Lesen in Deutschland: Sehen Sie es als Aufgabe des Fernsehens an, Kindern und Jugendlichen auch die Welt der Bücher zu erschließen?

Wellershoff: Ich sehe es nicht als meine Hauptaufgabe an. Lesen lernt man durch lesen. Durch großartige Leseerlebnisse und, ganz wichtig, dadurch dass man schon als kleines Kind vorgelesen bekommt. Diese wunderbare Situation, die man mit Mutter oder Vater hat, wenn man gleichzeitig ein geistiges Abenteuer erlebt und Geborgenheit erfährt, lässt sich vor dem Fernseher nicht herstellen. Dadurch und auch durch eigene Leseerlebnisse, - wenn man sich also alleine in die Welt der Bücher hineinbegibt - werden die Liebe zu den Büchern und zum Lesen geweckt.

Lesen in Deutschland: Wie kann das Fernsehen dazu beitragen, die Leselust von Kindern und Jugendlichen zu fördern?

Wellershoff: Leselust wird beim Fernsehen indirekt vermittelt. Durch die enge Verbindung, die Kinder zu den Geschichten herstellen, die wir im Fernsehen zeigen, wird ihre Neugier auch auf das andere Medium geweckt. Wenn Kinder die Geschichten lieben, möchten sie sie auch noch einmal lesen. Darüber hinaus kann das Fernsehen aber auch konkret zum Lesen auffordern. Das ZDF bietet im Rahmen der Sendung „Rudis Rabenteuer“ den „Koffer Büchertipp“ an. Hier werden Bilderbücher und Bücher für Erstleser vorgestellt.

Lesen in Deutschland: Können Kinder und Jugendliche durch das Fernsehen auch ihre Lesekompetenz verbessern?

Wellershoff: Fernsehen und Lesen sind unterschiedliche Vorgänge und verlangen unterschiedliche Entschlüsselungsweisen. Was man aber auch beim Fernsehen lernen kann, ist, Geschichten zu verstehen. Man erlangt eine allgemeine Entschlüsselungskompetenz für Geschichten, Symbole, Gleichnisse, für Menschen und Figuren.

Lesen in Deutschland: Auf welche Weise können Eltern ihre Kinder dabei begleiten, Fernsehen als leseförderndes Medium zu nutzen?

Wellershoff: Wenn Eltern wollen, dass ihre Kinder lesen, bieten sie ihnen am besten Bücher an und leben ihnen vor, dass Lesen etwas Schönes ist. Aber es ist auch gut, sich ab und zu die Zeit zu nehmen, mit den Kindern fernzusehen, weil man dann etwas tut, was zu wenig passiert: darüber zu sprechen. Und Sprache verbindet ja wieder beide Medien miteinander.

 

Dr. Irene Wellershoff, Jahrgang 1954, ist Stellvertretende Programmbereichsleiterin Kinder und Jugend und Redaktionsgruppenleiterin Fiktion im Programmbereich Kinder und Jugend beim ZDF. Seit 2001 arbeitet sie auch als Referentin bei der Bayrischen Akademie für Fernsehen, BAF, München.

Autorin: Petra Schraml


Redaktionskontakt: schraml@digitale-zeiten.de