Bericht

Vatersätze & Mutterblicke

25.05.2005

Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellen das Kinderbuch „Die Tochter des Leuchtturmwärters“ vor.





Buchcover
Buchcover "Die Tochter des Leuchtturmwärters"
Das beste Zeichen für ein Buch: Wenn das Lesen am Ende immer langsamer geht, wenn man die letzten Seiten hinauszögern möchte, das Buch öfters beiseite legt und dann doch ganz schnell liest, um den Abschied zu verkürzen. Die Tochter des Leuchtturmwärters wird die Insel endgültig verlassen, ihre Eltern, ihren vermissten Bruder. Nur Tatiana, die eigene kleine Tochter, lässt sie noch einen Monat bei Murray und Hannah, ihren Eltern, um dem dreijährigen Mädchen jenes unvergleichliche Kinderglück zu geben, das auf einer meerumspülten Leuchtturm-Insel an der Küste Kanadas möglich ist. Vielleicht, um ihr eine Erinnerung zu schenken, zu der sie später zurückkehren kann.

Als Krabbe, die siebzehnjährige Tochter des Leuchtturmwärters zu Beginn des Buches – oder der 250 Seiten – vorher sich der Insel nähert, steckt man bereits im Sog, den dieser Roman von Iain Lawrence ausübt. Sie war drei Jahre weg von Lizzie Island, von dem Leuchtturm, vom Geist ihres ertrunkenen Bruders, sie hatte ihr Kind zur Welt gebracht, kommt nun, um Abschied zu nehmen, ihre Erinnerungen aufzuräumen und sich davon zu befreien. Doch wie unter einer Lupe erscheint alles überdeutlich in Großaufnahme: die Holzwindspiele, die ihnen ihr Vater gebaut hatte, das Ruderboot mit dem Glasboden, durch den sie in die klare Tiefe des Meeres sehen konnten, der Traktor mit dem kleinen Anhänger, das kleine Nebenhaus, in dem sie mit Alastair, ihrem Bruder, wohnte. Und dort findet sie, unter den Holzbohlen versteckt, seine Tagebücher, geschrieben, um mit irgendjemand reden zu können, der ihm zuhört, doch gut versteckt, um ungelesen zu bleiben.

Die Tochter des Leuchtturmwärters wird zu einem spannenden Buch über das Erinnern, zu einem Aufbrechen von starren Vatersätzen, dem Auflösen von falsch verstandenen Mutterblicken, von ungewollten Schwestergemeinheiten, von Gesprächen mit dem Tagebuch eines verletzlichen Bruders, der studieren und fort von der Insel will. Murray, ihr Vater, hat sich eingerichtet in diesem unwirtlichen Paradies vor Kanadas Küste, hat seinen eigenen Vater vor Augen, der am Kohlenstaub starb, seinen Bruder, der im Bergwerk blieb, er hängt in seiner Geschichte, die ihn lebenslang in dieser wunderbaren Einsamkeit festhalten wird. Und doch kehren sich seine Grundsätze gegen ihn, verwandelt sich sein Versuch, die Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen, in Lieblosigkeit: „Das Beste, was Eltern für ein Kind tun können, ist…gar nichts.“ Die Insel bringt von allem auch das Gegenteil hervor: Die Schönheit der Natur kann sich in Schrecken verwandeln, die Liebe in ein Gefängnis, die Freiheit in Gleichgültigkeit. Wie sie den unverstellten Blick auf den unendlichen Horizont ermöglicht, macht sie – zurückgesehen – die eigene Winzigheit überdeutlich.

Krabbe und Alastair kommen in die Pubertät – „Erwachsene in Kinderkörpern“ – und empfinden das Paradies immer stärker als Hölle. Alastair, dessen Sehkraft sich beunruhigend verschlechtert, studiert die Sprache der Buckelwale, die vor der Insel schwimmen, zieht sich umso mehr zurück, als er die Erwartung des Vaters spürt, dessen Leben und Beruf weiterzuführen. Krabbe, die sich ebenso schnell öffnet wie verschließt, ist hin und her gerissen zwischen der Liebe zu ihrem Bruder und der Enttäuschung, ausgeschlossen zu werden. Als dann eines Tages ein junger Mann in einer Bucht landet, die Dreizehnjährige verführt und sie schwanger wird, bleibt eine seltsame Ungewissheit zurück, inzestuöser Traum oder Realität?

Der kanadische Autor Iain Lawrence, der schon in seinen Romanen Der Geist und Der Herr der Nussknacker faszinierend verschiedene Perspektiven konfrontierte, braucht nur ganz wenig, um bildlich zu zeigen, was keiner Erklärung bedarf. Während der Vater seiner Frau detailliert beschreibt, wie er das Haus für seinen Sohn bauen wird, wo die Fenster sein werden und die Kinderzimmer, beobachtet sie aus den Augenwinkeln den Sohn, wie er im Kajak paddelt, Querflöte spielt, um die Wale zu locken. „„Wir leben hier doch in einem Paradies; du musst nur die Augen öffnen, um es zu sehen.“ Der kalte harte Toast knirschte zwischen seinen Zähnen.“ Wer schreibt wie Iain Lawrence, der muss nicht viel erklären.

Der Autor:
Iain Lawrence, geboren in Sault Ste. Marie, Ontario, wuchs in Toronto und in Calgary auf. Er studierte Publizistik in Vancouver, arbeitete für verschiedene kleinere Zeitungen und verfasste zwei Reisebücher, bevor er sich dem Schreiben von Jugendromanen zuwandte. Mehrfach ausgezeichnet wurde seine Hochseetrilogie: „Strandpiraten“ (Edgar Allan Poe Nominee), „Schmuggler“ und „The Bucanneers“. Im Verlag Freies Geistesleben sind bereits sein im Nachkriegsamerika spielender Jugendroman „Der Geist“ erschienen und „Der Herr der Nussknacker“.
Iain Lawrence lebt mit Kristin, der Katze Sam und dem Hund Misty auf Gabriola Island, einer Insel im Pazifischen Ozean vor der Küste Kanadas.


Die Luchsjury empfiehlt:
Iain Lawrence: Die Tochter des Leuchtturmwärters
Aus dem Englischen von Christof Renfer;
Verlag Freies Geistesleben, 2005; 254 S., 15,50 €

Von ZEIT-Redakteur Konrad Heidkamp

Diese Rezension veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung von ZEIT und Radio Bremen.


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