Bericht

„Wenn Kinder die Schuhe ausziehen, wenn sie in die Ausstellung kommen, haben wir alles richtig gemacht.“

13.01.2022

Das Museum als aktiver Begegnungsraum mit dem Buch




In der Kinderbuch-Ausstellung
In der Kinderbuch-Ausstellung
© Simon Malz
Ein goldener Glitzervorhang ist zurzeit die Pforte in die Welt der internationalen Kinderbücher im Klingspor-Museum für Buch und Schriftkunst in Offenbach am Main. Dahinter laden bunte Sitzsäcke, Bücher, die an den Wänden baumeln und gefüllte Vitrinen und Regale auf Kinderhöhe, Klein und Groß zum gemütlichen Bücherentdecken ein. Anfassen, Blättern und Aus-dem-Regal-nehmen ist zur Ausstellungszeit der 66. Internationalen Kinderbuch-Ausstellung nämlich unbedingt erwünscht. Die diesjährige Kinderbuch-Ausstellung betrachtet fantastische Welten und ihre Formen besonders genau. Neben ca. 250 ausgesuchten Kinderbüchern von 70 internationalen Verlagen aus den Jahren 2020/21 wird es nicht nur zwischen den Seiten der Bücher, sondern auch an den Wänden der Ausstellungsräume fantastisch bunt. Die farbigen Welten des Offenbacher Malers Marc Simon laden zum Entdecken, Nachspüren und Verknüpfen ein.

Jedes Buch ist wie ein kleines Museum
„Im Ausstellungskontext geht es uns darum, einen Raum zu schaffen, der einlädt, sich mit den Büchern lesend und schauend zu beschäftigen.“, betont Dr. Dorothee Ader, Kuratorin und Museumsleiterin des Klingspor-Museums. Sie erinnert sich gerne an eine Ausstellung von Büchern und Gemälden der Künstlerin und Kinderbuchillustratorin Květa Pacovská, die das Blättern eines Kinderbuches als ersten Galeriebesuch bezeichnet hat. „Ich fand diese Beschreibung sehr schön. Und witzigerweise hatte ich kurz darauf einen Workshop mit Grundschüler*innen, bei dem wir Květa Pacovskás ‚Farben des Tages‘ angeschaut haben, ein sehr konzeptionelles Tagebuch in Bildern und Farben, das Gefühle in Farben und Formen ausdrückt.

Ein Kind hat dann gesagt, dieses Buch ist ja wie ein Museum. Auch das hat mir natürlich gut gefallen“, berichtet die Kuratorin.

Ein kleines Museum ist das Klingspor-Museum für Schrift- und Buchkunst auch, aber es birgt eine umfangreiche Sammlung an Kinderbüchern und Werke der Buch- und Schriftkunst sowie Sekundärliteratur ab ca. 1900. Diese können im Lesesaal der Bibliothek nach vorheriger Anmeldung angeschaut und gerne auch beforscht werden. Die Räumlichkeiten im Seitenflügel des neobarocken Büsing Palais bieten eine helle und familiäre Atmosphäre. Durch die lichtdurchfluteten hohen Fenster und das farbenfrohe Ausstellungsdesign sind die bunten Kinderbücher besonders ansprechend präsentiert. Im hinteren Teil des Raumes liegen Stifte, Kleber, Krepppapier und Tonkarton auf einem Basteltisch. Eigenen künstlerischen Auseinandersetzungen mit den Werken ist so freier Lauf gelassen.

Das Kinderbuch als Sammlungsobjekt und Spiegel gesellschaftlicher Diskurse
Das Museum beherbergt Kinderbücher in einer langen Tradition. Die Idee der Kinderbuch-Ausstellung geht zurück auf das Jahr 1956 und wurde in den Jahren danach von dem damaligen Museumleiter Hans Halbey zur dauerhaften Institution ausgebaut. Hans Halbey war selbst Kinderbuchautor und lehrte zwischen 1971 und 1990 auch als Dozent am Institut für Jugendbuchforschung an der Goethe Universität in Frankfurt. Seit dieser Zeit sammelt das Klingspor-Museum internationale Kinderbücher und die Sammlung wächst Jahr um Jahr mit den aktuellen Titeln. Seit 2014 kuratieren Stephanie Ehret-Pohl und die Museumsleiterin Dr. Dorothee Ader zusammen die Kinderbuch-Ausstellung. Dafür beobachten sie das ganze Jahr über den deutschsprachigen und den internationalen Kinderbuchmarkt und fragen die aktuellen Titel für das Museum bei den Verlagen an oder kaufen sie.

„Das Kinderbuch ist ein sehr guter Indikator für das, was eine Gesellschaft gerade als Konsens erachtet, und neue Ideen und Diskurse bilden sich dort rasend schnell ab, was wir als historische Sammlung natürlich spannend finden“, betont Dr. Dorothee Ader.

So sind die Themen Umwelt- und Klimaschutz, Diversität und Demokratieerziehung neue Themen der vergangenen Jahre, neben den Dauerbrennern Familie, Freunde und Emotionen. Dabei ist jedes Kinderbuch für die Sammlung des Museums aber auch als Gesamtkunstwerk ausschlaggebend: Jedes Thema wird durch ein hervorragendes Zusammenspiel aus Text, Illustration, Schrift und Material umgesetzt.

Leseförderung im Sinne einer erweiterten Literacy
Jedes Bilderbuch bedeutet eine frühe Begegnung mit ästhetischen Konzepten und künstlerischen Herangehensweisen an unterschiedliche Themen. Leseförderung wird im Klingspor-Museum im Sinne einer erweiterten Literacy auch als eine Förderung von Kompetenzen wahrgenommen, die das Buch als Gegenstand und die Illustration mit einbezieht. In Workshops und einem umfangreichen Begleitprogramm für Kitas, Schulen und Familien wird dieses Konzept umgesetzt.


Kinder betrachten ein Popup-Buch
Kinder betrachten ein Popup-Buch
© Simon Malz
„In unseren pädagogischen Formaten mit Kindergartenkindern oder Grundschüler*innen geht es immer auch darum, das Buch als zarten Gegenstand zu vermitteln, der mit Bedacht behandelt werden will. Daneben werden Bilder in den Vermittlungsformaten ebenso wie der Text ‚gelesen‘ und Illustrationskonzepte besprochen, die ja ebenfalls gelernt werden müssen. Wir nutzen die Bilderbuchbestände ganz viel, um auch neben der Kinderbuch-Ausstellung bestimmte Themen einzuführen, zu denen dann praktisch gearbeitet wird“, erklärt Dr. Dorothee Ader.

So nutzen die Museumspädagog*innen im Workshop zum Thema Ich-Buch z.B. das Buch ‚Ich so, Du so‘ der Labor Ateliergemeinschaft. Der Workshop ‚Abenteuer Lesen‘ wird mit Leo Lionni eingeleitet. Das Thema ‚Gefühle‘ erfahren die Kinder und Jugendlichen durch das Buch ‚Heute bin ich‘ von Mies van Hout und das Thema Angst mithilfe des Buchs ‚Dunkel‘ von Lemony Snicket, das dann im Workshop durch die Teilnehmer*innen weitergeschrieben wird. Kreatives Schreiben und die aktive Auseinandersetzung mit dem Buch als Kunstwerk werden so erfahrbar gemacht.
Für das Begleitprogramm der Kinderbuch-Ausstellung malt der Künstler Marc Simon, der „Fantastischen Werke im Bild“, sogar selbst zusammen mit den Besucher*innen. Kinder ab sechs Jahren können gemeinsam mit der Kalligrafin Tanja Leonhardt eigene Schriftkunstwerke gestalten oder im Buchworkshop unter Anleitung der Museumspädagog*innen ein eigenes Buch erarbeiten.

Ein Ort der Ruhe zum wirklichen Lesen
Wenn Kinder die Schuhe ausziehen, wenn sie in die Ausstellung kommen, haben wir alles richtig gemacht“, freuen sich die Kuratorinnen. Deshalb haben sie sich auch vor einigen Jahren entschieden, die Bücher offen zu präsentieren, sodass sie im Raum mitgenommen und gelesen werden können.

„Wir denken uns das Museum als einen Ort, in dem man die Ruhe finden kann, wirklich zu lesen, und gleichzeitig soll es auch immer ein Angebot geben, die Erfahrungen direkt in ein praktisches Tun umzusetzen, indem man etwas bastelt, malt oder einen Lesetipp schreibt, den man uns hinterlassen kann.“

Im Museum geht es für Stephanie Ehret-Pohl und Dr. Dorothee Ader grundsätzlich viel darum, dass die Besucher*innen mithilfe der unterschiedlichen künstlerischen Positionen neue Sichtweisen und Lebensentwürfe verstehen und auf diese Weise auch eine Empathiefähigkeit entwickeln. Die Kuratorinnen sind sich sicher: „Das Gleiche passiert beim Lesen, weshalb uns die Kinderbuch-Ausstellung nach 66 Jahren immer noch als fester Bestandteil begleitet.“

Autorin: Carolin Anda

Der Besuch der 66. Internationalen Kinderbuch-Ausstellung und Marc Simons „Fantastische Welten im Bild“ ist bis zum 20. Februar immer Dienstag, Donnerstag, Freitag zwischen 13 und 18 Uhr, mittwochs von 14 bis 19 Uhr sowie Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr möglich. Der Eintritt für Besucher*innen unter 18 Jahren ist frei. Mittwochs ist der Besucher der Ausstellung sogar für alle kostenfrei.

Redaktionskontakt: anda@dipf.de