Leseempfehlung

Leises und funktionales Lesen stärken!

14.07.2020

Den persönlichen Interessen der Kinder Raum geben




Leises Lesen selbst gewählter Lektüre
Leises Lesen selbst gewählter Lektüre
© Hans Brügelmann
„Lesen zu lernen bedeutet, fähig zu werden, die Bedeutung unbekannter Texte zu entschlüsseln, wenn man sie leise für sich liest – unter Nutzung verschiedener Zugriffe“, schreiben Prof. Dr. Hans Brügelmann und sein Autorenteam in einem Beitrag, der im Repositorium peDOCS zum kostenlosen Download zur Verfügung steht.
Ausgangspunkt des Beitrags ist die These, dass es aktuell in unseren Schulen einen erheblichen Nachholbedarf für die Förderung und Unterstützung freier Leseaktivitäten gibt. In der didaktischen Diskussion werden z. Zt. Lautlese-Verfahren und Strategie-Trainings favorisiert. Auf der Basis der im Beitrag referierten Forschungsbefunde plädieren die Autorinnen und Autoren des Artikels stattdessen für eine Stärkung des leisen Lesens selbst gewählter Lektüre im Unterricht. Diese Forderung ist keine Absage an das gezielte Üben schwach entwickelter Teilleistungen. Allerdings sollten deren Trainings nur subsidiär zu funktionalen Aktivitäten eingesetzt werden, sie sollten außerdem inhaltlich einen Sinnbezug sicherstellen und möglichst für die Interessen der Kinder offen sein. Die Rolle von Lautlese-Verfahren und Strategie-„Trainings“ ist insofern zu relativieren: Sie können nur ein Element eines breiteren Repertoires an didaktisch-methodischen Formaten sein, in dessen Rahmen ein (strukturiertes) freies Lesen und funktionale Formen des Schriftsprachgebrauchs aus unserer Sicht mehr Gewicht bekommen müssen.

Das Fazit des Autorenteams in Thesenform:
  • Probleme beim (Vor-)Lesen von Texten können sehr unterschiedliche Gründe haben – auf der Text- wie auf der Wortebene: aber auch zu hoher Schwierigkeitsgrad; fehlender inhaltlicher Bezug; als irrelevant empfundene Aufgaben;
  • Kompetenzen sollten möglichst nicht additiv vermittelt werden, sondern integrativ (Lernen im Gebrauch);
  • Übungen sollten nicht isoliert organisiert werden, sondern funktional (z. B. Lesen üben für Vortrag oder Theater) und
  • an persönlich bedeutungsvollem Material (freie Wahl der Lektüre) statt an vorgegebenen Texten;
  • insgesamt geht es um ein balanciertes Repertoire verschiedener Methoden statt einer Vereinseitigung einzelner Aktivitäten als „Rezept“, d. h. auch:
  • statt gleicher Aufgaben für alle gezielt gewählte Aufgaben für bestimmte Schüler*innen(gruppen) an kritischen Stellen des Erwerbsprozesses.
Und beim Verweis auf empirische Befunde zugunsten bestimmter Konzepte ist generell zu beachten: Die Mittelwerte aus Evaluationsstudien (und erst recht aus Metaanalysen) bieten nur Hypothesen für die Einschätzung des Potenzials von Methoden, die vor Ort konzept- und kontextspezifisch differenziert werden müssen.

Brügelmann, Hans, u. a. (2020): Leises und funktionales Lesen stärken! Empirische Studien zeigen: Leseförderung lebt von einem reichen, didaktisch strukturierten Methoden-Repertoire - braucht aber auch eine klare pädagogische Haltung.
Download: www.pedocs.de/volltexte/2020/20356

Kontakt:
Prof. Dr. Hans Brügelmann
E-Mail: hans.bruegelmann@gmx.de
www.hans-bruegelmann.com


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