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Leseempfehlung

Leseverstehen kennt keine Sprachgrenzen

27.04.2020

Kooperativ und mehrsprachig Texte verstehen




Titelseite der Broschüre
Titelseite der Broschüre
© BiSS-Trägerkonsortium
Werden mehrsprachig aufwachsende Kinder dazu ermutigt, sich in allen ihnen zur Verfügung stehenden Sprachen über einen Text auszutauschen, so fällt es ihnen leichter, sich den Inhalt des Textes zu erschließen. Mithilfe des Mehrsprachigen Reziproken Lesens können Schülerinnen und Schüler dazu angeregt werden, ihr gesamtes Sprachrepertoire zu nutzen. Die Methode wurde im Rahmen des BiSS-Verbundes „Koordinierte Entwicklung von Lese- und Schreibfähigkeiten in Deutsch und in der Herkunftssprache während der Primarstufe entwickelt. Dafür wurde die bekannte und evaluierte Methode Reziprokes Lesen unter Berücksichtigung der Prinzipien des Translanguaging-Ansatzes für den Einsatz in mehrsprachigen Lerngruppen weiterentwickelt, erprobt und wissenschaftlich evaluiert.
Wie die Methode angewendet wird, wo man Materialien findet, welche Vorbereitungen nötig sind und was bei der Zusammensetzung der Schülergruppen beachtet werden sollte, wird in der Broschüre „Leseverstehen kennt keine Sprachgrenzen. Kooperativ und mehrsprachig Texte verstehen“ der Initiative „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) erklärt.
„Die Methode richtet sich an Schülerinnen und Schüler, die über ein Mindestmaß an Leseflüssigkeit verfügen und Unterstützung im strategischen, verstehenden Lesen benötigen. Sie eignet sich für den Deutsch-, Sachfach- und den herkunftssprachlichen Unterricht (HSU) in der Primar- und Sekundarstufe und lässt sich insbesondere in mehrsprachigen Klassen einsetzen, in denen mehrere Lernende über die gleichen bzw. vergleichbare Sprachenkonstellationen verfügen“, so die Autorinnen und Autoren der Broschüre.

Experteninterview
Man benötige einige Zeit, um die Methode einzuüben, sagt Christina Keppeler, Lehrerin an der St. Nikolaus Grundschule in Köln-Zollstock, im Interview. Wenn sie aber erst einmal automatisiert sei, könne auf diese Weise das Lesen fächerübergreifend in vielen Bereichen gefördert werden.
Christoph Gantefort, Leiter der Abteilung „Sprache und Profession“ am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln, betont, dass es vor allem wichtig sei, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Lernende die Erfahrung machen könnten, dass es völlig okay sei, sich in den passenden Momenten auch in anderen Sprachen als Deutsch auszutauschen. Lehrkräfte sollten im Hinblick darauf ein Bewusstsein dafür fördern, in welchen Situationen es Sinn mache, Sprachen zu mischen, und in welchen nicht.

Orientierungshilfe für die Praxis
Detailliert wird in diesem Abschnitt beschrieben, wie die Methode des „Mehrsprachigen Reziproken Lesens“ in der Primarstufe in vier Phasen eingeführt werden kann. Zunächst müssen die Schülerinnen und Schüler dazu motiviert werden, ihr gesamtes Sprachrepertoire im Unterricht zu nutzen. Dann müssen die Lesestrategien „(Vor-)Lesen“, „Wörter klären“, „Fragen stellen“, „Zusammenfassen“ und „Vorhersagen“ eingeführt und ritualisiert werden, damit sie anschließend von den Schülerinnen und Schülern selbstständig erprobt und angewendet werden können. Am Ende sollen die Lernenden in der Lage sein, Lesestrategien automatisch und selbstständig zu nutzen, um sich gemeinsam komplexe (Sach-)Texte durch den Austausch in verschiedenen Sprachen erschließen zu können.

Die Methode hat Potenzial
„Die Erprobung der Methode war ein Erfolg“, resümieren die Autorinnen und Autoren der Broschüre. „Besonders im dritten Schuljahr machten die Kinder im Vergleich zu einer Kontrollgruppe beim Leseverstehen deutlichere Fortschritte, wenn sie im Unterricht mehrsprachig reziprok lasen und die Lehrkräfte direkt an der Konzeptentwicklung beteiligt waren. Dieser Effekt zeigte sich sowohl für die einsprachigen als auch für die mehrsprachigen Schülerinnen und Schüler. Insgesamt profitierten die Lernenden jedoch nicht nur auf der Ebene der Lesekompetenz. Sie lernten darüber hinaus, all ihre sprachlichen Fähigkeiten im Unterricht bewusst zu nutzen. In den Klassenzimmern entwickelte sich ein neues Bewusstsein für sprachliche Vielfalt und eine selbstverständliche Wertschätzung von Mehrsprachigkeit.“

Broschüre
BiSS-Trägerkonsortium (Hrsg.). (2020).
Leseverstehen kennt keine Sprachgrenzen. Kooperativ und mehr-sprachig Texte verstehen.
Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.
DOI: 10.3278/6004772w
Download: www.biss-sprachbildung.de

Über die Bund-Länder-Initiative „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS)
„Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) sowie der Kultusministerkonferenz (KMK) und der Konferenz der Jugend- und Familienminister (JFMK) der Länder zur Verbesserung der Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung. Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln, das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und die Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit dem Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) übernehmen als Trägerkonsortium die wissenschaftliche Ausgestaltung und Gesamtkoordination.
In dem Entwicklungs- und Forschungsprogramm wurden von 2013 bis 2019 die in den Bundesländern eingeführten Maßnahmen zur Sprachförderung wissenschaftlich überprüft und weiterentwickelt. Über 400 Schulen, knapp 200 Kindergärten und Kindertagesstätten und rund 180 Partner wie z. B. Universitäten, Stiftungen, Vereine, Volkshochschulen und Bibliotheken haben sich zu mehr als 100 Verbünden zusammengeschlossen. Sie wurden mit ihren Konzepten zur sprachlichen Bildung und Förderung für die Teilnahme an dem Programm ausgewählt. Gemeinsam haben sie daran gearbeitet, Maßnahmen zur Sprachbildung und Sprachförderung weiterzuentwickeln und aufeinander abzustimmen. Ein wichtiger Bestandteil war die Fortbildung und Weiterqualifizierung der am Programm teilnehmenden Erzieherinnen und Erzieher und Lehrkräfte in Fachgruppen, Workshops und Blended-Learning-Fortbildungen.
Weitere Informationen: www.biss-sprachbildung.de


Kontakt:
BiSS-Trägerkonsortium
Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache
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Triforum, Albertus-Magnus-Platz
50923 Köln
E-Mail: kontakt@biss-sprachbildung.de
Tel.: (0221) 470-2041
www.biss-sprachbildung.de
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