Bericht

Mapping Essen - ein besonderer literarischer Stadtplan

31.01.2019

Mit Texten aus dem Alltag von Jugendlichen




Titelseite des Booklets
Titelseite des Booklets
Geest-Verlag
Mapping Essen ist eine ganz besondere literarische Karte der Stadt Essen. Eine, die es bisher noch nicht gegeben hat! Eine integrative, in der Jugendliche aus ihren unterschiedlichen Kulturen heraus Auskunft darber geben, wie sie ihre Stadt sehen! Es sind ehrliche Beitrge, „ehrlich“ im Sinne von „unverblmt“, „nicht geschnt“, schreibt Jos F. A. Oliver in seinem Nachwort, und das will etwas heien. Denn er hat die Jugendlichen ein Jahr lang beim literarischen Schreiben begleitet und mit ihnen diese Poesie des Alltags erstellt. Die Stadt Essen zum Auseinanderfalten im A1-Format, die Stadtteile jeweils gefllt mit Kernstzen des jugendlichen Empfindens und Schreibens. Dazu ein Booklet mit Texten aus dem Alltag der beteiligten Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Und mit Empfehlungen, wo es ihrer Meinung nach in ihrer Stadt am Schnsten ist!

Im folgenden Auszug beschreibt der 18-jhrige Zouhair Jaber seinen Lieblingsort und sich selbst.

Meine Empfehlung: Essen-Steele
Essen-Steele ist ein mit zwei Bahnhfen ausgestatteter und an der Ruhr liegender Multi-Kulti-Stadtteil. Vom Klamottengeschft bis zur Dnerbude ist hier alles gegeben. Es sind viele verschiedene Kulturen, die hier aufeinandertreffen und trotz der Verschiedenheit immer zusammenhalten. Ganz egal, um welche Uhrzeit oder bei welchem Wetter man rausgeht, man trifft immer jemanden, den man kennt und mit dem man die ein oder andere Stunde verbringen kann. Hier finden zudem abhngig von der jeweiligen Jahreszeit auch viele verschiedene Events statt, bei denen man mit Freunden und Familie Spa haben kann.
Auerdem findet hier der jhrliche Weihnachtsmarkt statt, der immer der gleiche ist. Es gibt den Griechen mit seinem Autoscooter-Stand, der immer komplett ausrastet, wenn man nach der Fahrt aus dem Wagen springt und ihn selber anschiebt. Oder die Roma, die versuchen, anstelle eines Gucci-Portemonnaies ein Portemonnaie mit der Aufschrift Succi zu verkaufen, mit der festen berzeugung, dass diese original seien. Und dann gibt es noch diese verdammten kleinen Automatenkrne mit einladenden Sachen wie z. B. ein Ipod Nano oder eine Rolex, bei denen man ganz genau wei, dass man dort eh nichts ziehen wird, aber man versucht es trotzdem immer wieder.
Zu guter Letzt gibt es noch die Steeler Penner, unter denen ist ganz besonders die Dodo bekannt, welche es fr ein Talent hlt, gleichzeitig Musik zu hren, eine Bierflasche auf einem Bein balancieren zu knnen und sich dabei eine Zigarette anzuznden. Oder auch der Werner, welcher immer nach seinem Wanderstock sucht und manchmal gut und gerne das Lied „Marmor, Stein und Eisen bricht“ singt. Tja, das alles und noch viel mehr zeichnet nunmal den Ort Steele aus, und wenn du mir nicht glaubst, komm und lass dich selbst davon berzeugen.

Zouhair Jaber
Ich sitze und denke, wie kann ich mich selbst beschreiben. Ich denke und denke, komme jedoch zu dem Entschluss, dass die Selbsteinschtzung beraus wichtig ist und es merkwrdig ist, dass es mir oder sogar vielleicht auch euch teilweise schwerfllt, sich selbst einzuschtzen. Deshalb lege ich einfach mal los:
In Deutschland geboren.
Hier bin ich und bleib ich.
Im Herzen Marokko,
es gibt kein „Entscheid-dich!“

Zwischen zwei Kulturen.
Doch welche ist mehr wert?
Die Liebe zu beiden ist,
was die Entscheidung erschwert.
Hier entstand mein Ich und
auch meine Existenz!

Wenn ich zwischen den beiden whle,
gibt’s die Konsequenz:
Gefangen zwischen zwei Meinungen.
Wie in einem Kfig.

Ich whle immer beides.
Fr immer und ewig.


Nach-Stze des Herausgebers
Einen ganz anderen Unterricht erlebten die Schlerinnen und Schler des Projektkurses „Literatur/Jos F. A. Oliver“ der EKG, die dieses „Mapping Essen“ erarbeitet haben. Fnf Monate lang wurden sie im Schuljahr 2017/18 jeweils fr vier Tage aus dem Regelunterricht herausgenommen, um sich an einem anderen Ort fern vom Regeltakt ins literarisierende, ja, literarische Schreiben einzufinden. Und das mit Jos F. A. Oliver, einem der wichtigen Lyriker und Essayisten der deutschen Gegenwartsliteratur. Eine Herausforderung, zumal der versumte Unterricht nachgeholt werden musste!

Das Konzept ging auf. Das belegen, neben dem vorliegenden Produkt, nicht zuletzt immer wieder die strahlenden Gesichter derer, die diesen Kurs gewhlt haben. Literarisches oder literarisierendes Schreiben an einer Schule ist ja nach wie vor etwas Auergewhnliches und ganz anders als das sogenannte kreative Schreiben. Es bietet jungen Menschen nmlich jenseits des Fachunterrichts die Mglichkeit, schreibend an sich und an der eigenen Sprache zu arbeiten und gestalterisch einen eigenen Ausdruck zu finden. Im Spiegel des Erzhlens und Schreibens bekommen sie die Chance, sich sprachlich besser im gegenwrtigen Leben zu verorten und sich persnlich weiterzuentwickeln. Sie reflektieren ihr Sprechen und erschlieen sich auf diese Weise neue Erfahrungs- und Erlebnisrume, und zwar ber die Kulturen, in denen sie leben, hinweg. Dass sie dabei nebenbei auch noch ihre sprachlichen Mglichkeiten erweitern und lernen, sich besser auszudrcken, versteht sich von selbst. Das integrative Potenzial dieser Arbeit ist sehr, sehr gro und bietet viele Perspektiven, daran anzuknpfen und das, was da entstanden ist, zu nutzen.

Die Schule bietet hier nicht einfach nur ein Lernen fr ein spteres Leben, sondern stellt sich ganz bewusst ihrem in der Verfassung verankerten Erziehungsauftrag, das Hier und Jetzt ernst zu nehmen, in dem die Kinder und Jugendlichen heute leben. Gerade das ist nmlich oft genug der Schlssel, der ihnen Zukunftschancen erffnet und ihnen hilft, Barrieren zu berwinden. Und so verwandelte sich die Schule fr diesen Kurs ein Stck weit in einen Lebens- und Gestaltungsort, wo die Teilnehmenden „an ihrem gegenwrtigen Leben“ lernten, um auf diesem Wege schrittweise Zukunft zu gewinnen. Dabei nutzte der Kurs nur allzu gerne die Rumlichkeiten, die das Kulturzentrum Grend in Essen-Steele bot, um dem eigentlich unberhrbaren Stundentakt zu entgehen.

Schule, wenn man so will, nicht mehr als „Sandkastenspiel“, sondern als Teil des „richtigen“ Lebens! Schule, die, wo es notwendig ist, zwar weiterhin Schonrume bietet, aber junge Menschen immer wieder mit den Realitten konfrontiert, mit ihren Realitten, und ihnen Wege zeigt, wie sie persnlich vorwrtskommen knnen!

Dass die Ergebnisse verffentlicht werden, ist dabei Teil des Konzepts. Es ist die Nagelprobe. Welche Texte sind „lesbar“? Reicht die eigene Leistung? In diesem Sinne fhrte Alfred Bngen, der Leiter vom Geest-Verlag (Vechta), die beteiligten Schlerinnen und Schler in die Druckkostenkalkulation und das Marketing ihres Werkes ein.

Und noch etwas: Es kommt darauf an, wie man sich prsentiert und welches Engagement man in eigener Sache aufbringt. Da kommt es auf jeden Einzelnen an. Logischerweise fliet deshalb auch der (materielle) Gewinn wieder zurck in die Kulturarbeit der Schule. Das alles machte und macht aus dieser Projektarbeit insgesamt eine „runde“ Sache, eine, die vielleicht Beispiel gibt. Wenn doch Schule fters so wre!

Artur Nickel
Lesung im Ratssaal der Stadt Essen
Am 12. Februar 2019 stellen die Jugendlichen ihr Schreibprojekt dem Jugendhilfeausschuss der Stadt Essen vor. Sie werden im Ratssaal am Rednerpult lesen, wo sonst Ratsfrauen und Ratsherren sprechen.

Mapping Essen
Eindrcke, Gedanken, Sinnesreize
Poesie des Alltags und literarische Fragmente des Unverhofften

(Hg.) Jos F. A. Oliver, Artur Nickel, Heike Brauckhoff-Zaum
Mit einem Gruwort des Oberbrgermeisters der Stadt Essen Thomas Kufen
Vechta: Geest-Verlag, Vechta-Langfrden 2018
Booklet 136 S. und A1-Stadtplan Essen von Jugendlichen/gefaltet
ISBN: 978-3-86685-698-1 l0 Euro
 
Kontakt:
Alfred Bngen
Geest-Verlag / Verlag fr engagierte Literatur
Lange Strae 41 a
49377 Vechta
Tel.: (04447) 856580
www.Geest-Verlag.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de