interview

Jugendliche Lesementorinnen und -mentoren sind der Renner!

09.07.2018

Interview mit der Programmleiterin Ulrike Knoch-Ehlers




Lesementorin und Mentee
Lesementorin und Mentee
Landeshauptstadt Hannover
Im Jahr 2002 entstand in Hannover die Idee fr eine besondere Form der Lesefrderung. Im Rahmen eines kommunalen Kulturprojekts bernahmen erstmals Jugendliche die Rolle von Coaches fr Grundschulkinder. Das funktionierte so wunderbar, dass es sich anbot, dieses bis dahin ungenutzte Potenzial aufzugreifen. Die mangelnden Lesefhigkeiten, die die PISA-Studie deutschen Schlerinnen und Schlern bescheinigte, waren der Anlass fr den Beschluss, ein Projekt zur Frderung der elementaren Kulturtechnik Lesen zu entwickeln. In Kooperation mit der Stadtbibliothek Hannover und weiteren Partnern gelang es, Lesementoring als stadtweites Programm zu etablieren. Seit 15 Jahren leitet Ulrike Knoch-Ehlers das vom Rat der Stadt Hannover finanzierte Lesementoring-Programm. Im Interview berichtet die Programmleiterin darber, wie Jugendliche zu Lesementorinnen und -mentoren ausgebildet werden, welche Kompetenzen sie whrend der Projektarbeit erwerben knnen und wie das Engagement belohnt wird.

Wie viele Kinder und Jugendliche werden ber das Programm erreicht?
Ulrike Knoch-Ehlers: Jhrlich sind ca. 150 Jugendliche und 500 Grundschulkinder aus 7 weiterfhrenden und 9 Grundschulen in Hannover beteiligt.

Wie werden die Jugendlichen fr ihre Aufgabe ausgebildet?
Ulrike Knoch-Ehlers: Freiwillige Jugendliche aus weiterfhrenden Schulen werden von den Schulen fr zwei Tage freigestellt und von stdtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Kultureinrichtungen und Bibliotheken zu Lesementorinnen und -mentoren ausgebildet. Sie fhren mit Kindergruppen aus benachbarten Grundschulen (2. bis 4. Jahrgang) einmal wchentlich am Nachmittag ein spielerisches Lesetraining durch, fr das es einige feste Regeln und einen strukturierten Ablauf gibt, der von den Mentorinnen und Mentoren selbststndig geplant und durchgefhrt wird.

Wie sieht so ein Lesementoring-Nachmittag aus?
Ulrike Knoch-Ehlers: Ein Lesementoring-Treffen dauert 1,5 Std. und knnte etwa so ablaufen:

Begrung, RitualDie beiden Mentorinnen/Mentoren begren die sechs Kinder mit einem Begrungsritual oder Handschlag.
Ein mgliches Beginn-Ritual: Jedes Kind erzhlt etwas aus der vergangenen Woche.
1. Lese-/Spielblock „aktiv“Die Mentorinnen/Mentoren lesen mit den Kindern eine „Aktivgeschichte“, in der logische Fehler eingebaut sind. Aufgabe fr die Mentees ist, die Fehler zu erkennen und blitzschnell aufzuspringen.
Anschlieend wird aus einem spannenden Buch vorgelesen, das sich die Gruppe beim letzten Bibliotheksbesuch ausgesucht hat. Die Mentorinnen/Mentoren kndigen an, dass am Ende des Kapitels 3 Quizfragen gestellt werden, also alle aufpassen mssen. An einer spannenden Stelle wird unterbrochen („Cliffhanger“;-).
BewegungspauseAlle spielen drauen zusammen, z.B. „Feuer, Wasser, Erde, Sturm“.
2. Leseblock „aktiv“Wieder zurck im Raum wird zu Ende gelesen, dann werden die Quizfragen zum Inhalt gestellt (z.B. zwei leichte und eine schwere).
3. Leseblock individuelles LesenJetzt nehmen sich die Kinder ihre Lieblingsbcher und lesen sich im Tandemverfahren gegenseitig laut vor.
Die Mentorinnen/Mentoren helfen gezielt den Kindern, die noch nicht so gut lesen knnen, mit speziellen Lesebungen.
Beschftigung mit SpracheManche malen zu der Geschichte dann auch ein Bild, oder sie machen noch ein Kreuzwortrtsel oder eines der vielen Sprach- oder Lesespiele, wie das „Gegenteile-Memory“. Oder einige Kinder spielen ein Playback-Theater zu einer Geschichte oder einem Mrchen, das ein Mentee vorliest.
Feedback-Runde und VerabschiedungDie Mentorinnen/Mentoren und die Kinder setzen sich wieder in den Kreis und besprechen, wie die Stunde fr sie war und was sie sich fr die nchste Stunde wnschen. Dann verabschiedet man sich mit einem Ritual, z.B. dem „Energie-Tank“.

Welche Hilfen bekommen die Jugendlichen fr diese Arbeit?
Ulrike Knoch-Ehlers: Die Jugendlichen bekommen ein Handbuch mit vielen Lesespielen und Anregungen und werden von den Fachkrften untersttzt und beraten, aber sie gestalten die Lesefrderarbeit zu groen Teilen selbststndig und bringen ihre kreativen Ideen ein. Sie kennen die Welt der Kinder noch gut aus eigenem Erleben oder von Geschwisterkindern, was von unschtzbarem Wert fr die Empathie und Nhe zu den Kindern ist. Sie kennen nicht nur die aktuellen Protagonisten der Kinderbcher und Kinderserien, sie nutzen auch Spielformate aus dem Kinderfernsehen fr das Lesementoring, z.B. die Quizshow „1, 2 oder 3“, was die Kinder sehr motiviert. Ihre Ideen werden dann auch Bestandteil des Handbuches fr Lesementorinnen und -mentoren.

Was haben die Jugendlichen davon?
Ulrike Knoch-Ehlers: Die Jugendlichen bringen in das Projekt viele Kompetenzen ein und gewinnen auch einige dazu: Verantwortungsbewusstsein fr die Leitung einer Kindergruppe ist Grundvoraussetzung, Durchhaltevermgen fr die Mitarbeit im Projekt ber mindestens ein halbes Jahr, Empathie fr die Interessen und die Stimmungen der Kinder, Planungs- und Organisationsfhigkeiten fr die Lesementoring-Stunden und das Lesefest, Teamgeist in der Zusammenarbeit mit derCo-Mentorin/dem Co-Mentor und dem Mentorinnen- bzw. dem Mentorenteam, Motivationstalent bei der Lesefrderung, Konfliktfhigkeit, Kommunikationstalent und Flexibilitt im Umgang mit den Kindern und nicht zuletzt Reflexionsfhigkeit bei den Feedbackgesprchen mit den Projektdozentinnen und -dozenten. In diesen Gesprchen und in Kompetenzworkshops werden die Jugendlichen sich ber ihre persnlichen Strken klar und am Ende des halbjhrigen Projektes erhalten sie in einer Feierstunde im Rathaus den www.kompetenznachweiskultur.de. Das ist ein individuell verfasstes Zertifikat, in dem von den Projektdozentinnen und -dozenten, die alle auch Kompetenznachweis-Kultur-Beraterinnen und -Berater sind, ihre jeweiligen Fhigkeiten dokumentieren.

Lesementoring gibt es seit 15 Jahren, wird das Programm auch „modernisiert“?
Ulrike Knoch-Ehlers: Das Lesementoring wird stndig vom Programmteam Lesementoring, das aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bereiche „Stadtteilkultur - Kulturelle Kinder- und Jugendbildung“ sowie der Stadtbibliothek Hannover besteht, weiterentwickelt und an neue Erfordernisse angepasst:
  • Digitale Medien im Lesementoring
    Seit 2016 werden digitale Medien im Lesementoring eingesetzt. In der ersten Projektphase, die ber das Bundesprogramm „Kultur macht stark/Lesen macht stark“ finanziert wurde, sind verschiedene Apps getestet und der Einsatz mit wissenschaftlicher Begleitung evaluiert worden. Aufgrund der Erfahrungen wurde die Auswahl der Apps und der Workshops fr die Jugendlichen angepasst. Die Ergebnisse sind auf der Website unter Lesementoring mit digitalen Medien zu finden.

  • Lesementoring fr die Fnftklssler der eigenen Schule
    Da aus vielen unserer Partnerschulen das Problem gemeldet wurde, auch viele Fnftklssler knnten nur sehr schlecht lesen, ist zurzeit „Lesementoring fr Fnftklssler“ in der Entwicklung, d. h. die Lesementorinnen und -mentoren, die ein halbes Jahr Erfahrungen an einer Grundschule gesammelt haben, knnen dies demnchst zugunsten der Fnftklssler an ihrer eigenen Schule weiter einsetzen.

  • Lesementoring fr Sprachlernschlerinnen und -schler
    Auch neu sind Planungen, Lesementorinnen und -mentoren fr die Frderung von Sprachlernschlerinnen und -schlern auszubilden. Hierzu wurde bereits von mehreren Schulen Interesse und Bedarf signalisiert. Dies wird ein Konzept, das innerhalb einer Schule umgesetzt werden kann.
Welches sind die Schwierigkeiten oder Stolpersteine bei dieser Arbeit?
Ulrike Knoch-Ehlers: Eigentlich luft das Programm erstaunlich reibungslos, die Teams arbeiten gut zusammen, die meisten Partnerschulen sind schon seit Jahren dabei, und die meisten Jugendlichen machen ihren Job wirklich richtig gut. Wir wrden uns eine engere Verzahnung mit den Schulen wnschen, was aber in der Praxis nicht einfach umzusetzen ist.
Eine Schwierigkeit ist, dass wir eigentlich viel zu wenig Personal in den Bibliotheks- und Kultureinrichtungen haben, um alle Anfragen von Schulen aufnehmen zu knnen.

Wurde das Programm schon einmal ausgezeichnet?
Ulrike Knoch-Ehlers: Ja, mehrmals. Wir waren Preistrger und bekamen von der Kulturstiftung der Lnder die Auszeichnung „Kinder zum Olymp“ in der Sparte „Literatur/ altersbergreifend“. 2014 wurde der Deutsche Engagementpreis in der Kategorie „Politik und Verwaltung“ verliehen und der deutsche Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung hat das Programm dreimal als ein besonders innovatives, nachhaltiges Bildungsprojekt ausgezeichnet. Daneben bekamen wir mehrere Preise, u. a. den Jugendkulturpreis der TUI-Stiftung.

Welches sind Ihre schnsten Erfahrungen aus der Projektarbeit?
Ulrike Knoch-Ehlers: An allen Projektstandorten finden sich meistens gengend Jugendliche, die bereit sind, viel Freizeit fr diese ehrenamtliche Projektarbeit einzubringen und z.B. sagen: „Lesementoring war eine tolle Erfahrung fr mich – die Arbeit mit den Kindern ist zwar manchmal anstrengend, macht aber voll viel Spa – ich wei jetzt, was ich besonders gut kann, und jetzt verstehe ich sogar die Lehrer besser!“ (Caroline, 15 J.) – und die Kinder himmeln „ihre Mentorinnen und Mentoren“ regelrecht an, („Wann ist endlich wieder Mittwoch, wenn unsere Mentoren kommen?“) Das Lesen ist fr sie allein schon deshalb „cool“, weil die Jugendlichen so cool sind.

Mittlerweile gibt es viele Lesementorinnen und Mentoren, die als Grundschulkinder selbst Mentees gewesen sind. „Ich war in der 3. Klasse Mentee und habe mich 6 Jahre lang darauf gefreut, selbst Lesementor zu werden.“ (Shahin) Sie haben ihre Motivation ber die vielen Jahre erhalten und freuen sich darauf, ihre Fhigkeiten einzubringen und ihre Lesefreude an die Kinder weiterzugeben - fr uns der schnste Beweis fr die Nachhaltigkeit des Projektes.

Kann man sich dem Programm Lesementoring anschlieen?
Ulrike Knoch-Ehlers: Die Landeshauptstadt Hannover gibt ihr Projekt-Know-how ber Workshops und Fortbildungen an andere Kommunen weiter. Wir arbeiten auch im Bundesprogramm „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) mit. Nehmen Sie bei Interesse gerne Kontakt zu uns auf! Weitere Informationen: www.lesementoring.de

Kontakt:
Ulrike Knoch-Ehlers, Programmleiterin
Landeshauptstadt Hannover
Fachbereich Kultur-Kulturelle Kinder-und Jugendbildung
E-Mail: ulrike.knoch-ehlers@hannover-stadt.de
www.lesementoring.de

Lena Grether, Koordinatorin
Stadtbibliothek Hannover
E-Mail: lena.grether@hannover-stadt.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de