Bericht

Adaptable Books

29.07.2016

Kombinierte Aneignung literarischer Texte im Medienverbund




Adaptable Book mit Exklusivinterview
Adaptable Book mit Exklusivinterview
Uta Hauck-Thum
„Wisch und weg? Literarisches Lernen in Zeiten medialen Wandels“ lautete das Thema des Symposiums, das der Arbeitskreis fr Jugendliteratur im Mrz 2016 auf der Leipziger Buchmesse veranstaltete. Unter der Leitung von Prof. Dr. Anja Ballis errterten Expertinnen und Experten Rahmenbedingungen und Mglichkeiten literarischen Lernens in einer mediatisierten Welt. Diskutiert wurde darber, welchen Weg sich Kinderliteratur in den digitalen Medien bahnt bzw. bahnen wird, welche kreativ-knstlerischen Aspekte digitaler Medien Kinder ansprechen, welche Erfahrungen Kinder mit Apps machen und welche Chancen digitale Medien fr literarisches Lernen bieten. Prof. Dr. Julia Knopf und Prof. Dr. Kaspar H. Spinner fhrten einen Dialog ber den Nutzen von Bilderbuch-Apps. Als Beispiel wurde die App „Monzter“ des Berliner Knstlers Kim Kwacz vorgestellt, die Kinder und Erwachsene zum Betrachten, Lachen, Staunen und Philosophieren in eine interaktive Phantasiewelt einldt. Dr. Uta Hauck-Thum stellte zusammen mit Studierenden der Ludwig-Maximilians-Universitt Mnchen „Adaptable Books“ vor: an individuelle Voraussetzungen von Kindern angepasste E-Books, die sich an kindlichem Medienhandeln orientieren und eine kombinierte Aneignung literarischer Texte im Medienverbund ermglichen.

Die Vortrge des Symposiums knnen in JuLit 2/2016, der Zeitschrift des Arbeitskreises fr Jugendliteratur, nachgelesen werden. Als Leseprobe verffentlichen wir den Beitrag von Uta Hauck-Thum.

Adaptable Books

Wenn Bcher sich an ihre Leser und Leser sich an ihre Bcher anpassen. In einer Mnchner Grundschule entwickeln Drittklssler ihre individuellen E-Books.


Literarisch-mediale Rezeptionserfahrungen von Kindern sind uerst vielfltig und beeinflussen ihre Einstellung zum Lesen. ber den Einsatz und die aktive Gestaltung adaptierbarer digitaler Bcher - so genannte enhanced E-Books - wird im Rahmen universitrer Projektseminare der Lehrsthle fr die Didaktik der deutschen Sprache und Literatur und der Grundschulpdagogik und -didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universitt (LMU) in Mnchen untersucht, ob und wodurch diese „Adaptable Books“ im Besonderen dazu geeignet sind, literarische Lernprozesse bei Kindern anzustoen und weiter zu entwickeln. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf Rezeptions- und Produktionsweisen von Kindern im Umgang mit literarischen Texten und auf dem Lesen literarischer Texte in unterschiedlichen Lesemodi.

Das Projekt „Adaptable Books“ fand an einer Mnchner Grundschule mit einem hohen Anteil an mehrsprachig aufwachsenden Kindern statt. Studierende fhrten zunchst Leitfrageninterviews mit Kindern einer dritten Klasse durch, die sich auf deren Lesegewohnheiten und Interessen im Umgang mit Mrchen bezogen. Die Textsorte ergab sich zum einen aus dem pdagogisch-didaktischen Potenzial, zum anderen aus der Tatsache, dass die Grimm’schen Mrchen mit Hinblick auf das Urheberrecht frei verfgbar und somit auch adaptierbar sind. Es besttigte sich die Vermutung, dass Kinder Mrchen in uerst vielfltigen Kombinationen und Konstellationen begegnen. Mdchen bewerteten Mrchen generell positiver als Jungen. Insgesamt sahen die Kinder der Projektklasse Mrchen meist im Kino oder im Fernsehen, bekamen sie vereinzelt vorgelesen oder mndlich erzhlt, hrten sie regelmig in Form von Hrspielen oder kannten sie von Geschichten-Apps am Tablet.

Chancen und Ziele
Literarische Bildung ergibt sich nicht allein aus der Auseinandersetzung mit Printmedien.1 Auch der Umgang mit medialen Prsentationsformen im Medienverbund spricht die Sinne an. Bereits im Vor- und Grundschulalter rezipieren Mdchen und Jungen Hrspiele und machen ber Kino- und Fernsehfilme literarische Erfahrungen zu unterschiedlichen Romanvorlagen.2 So bilden sich noch vor Schulbeginn individuelle literarsthetische Vorerfahrungen und Vorlieben aus.
„Adaptable Books“ knpfen sowohl an diese literarsthetischen Vorerfahrungen als auch an mediale Nutzungsgewohnheiten an. Sie vereinen unterschiedliche mediale Formate in einem literarischen Prsentationsformenverbund aus Printmedium, Hrspiel, Trickfilm, Puppentheater und szenischem Spiel. Im Rahmen der Eigenproduktionen knnen bereits Schulanfnger ihre eigene Sprache verwenden, Bildfolgen anordnen und gestalten sowie Ton einsetzen. Dadurch haben sie die Mglichkeit, Raumeindrcke gem individueller Vorerfahrungen sthetisch ansprechend wiederzugeben und sogar persnliche Emotionen und Wertvorstellungen einzubringen. Eindrcke, die sie beim Hren und Sehen, etwa beim Vorlesen aus einem Bilderbuch, im Theater oder im Kino gewonnen haben, lassen sich bei der Filmarbeit aufgreifen und gestalterisch nutzen. Wahrnehmungsgeleitete Sinnbildungsprozesse werden dadurch ermglicht.3 ber die aktive Auseinandersetzung mit der Textvorlage und das Hineinschlpfen in unterschiedliche Rollen lernen die beteiligten Kinder, Perspektiven der Protagonisten zu verstehen und mit eigenem Handeln zu vergleichen. Zudem setzen sie sich bewusst mit Fiktionalitt auseinander. Zentrale Aspekte literarischen Lernens werden bei der kreativen Filmarbeit altersgem bercksichtigt.4

Adaptionsmglichkeiten
„Adaptable Books“ ermglichen eine Adaption an unterschiedliche Anforderungen der kindlichen Lernausgangslage. Auf Seiten der Lehrer sind dabei Diagnosekompetenzen in Bezug auf Leseleistung, Leseinteressen und Lesegewohnheiten sowie Kenntnisse ber mediale Nutzungsvorlieben der Kinder von groer Bedeutung. Zunchst knnen Lnge und Komplexitt des Textes angepasst werden. Sogar der Vorliebe fr unterschiedliche Textsorten kann entsprochen werden, wenn beispielsweise ein Sachtext zum Verstndnis der Handlung in den literarischen Text integriert wird.
Wortschatzerklrungen knnen als Print- oder Audiotext ergnzt werden. Auch mehrsprachige Passagen lassen sich einfgen. Das Layout wird ber die Schriftgre, den Zeilenabstand oder ber besondere Hervorhebungen (z.B. in Silbenschreibweise) an den jeweiligen Lernstand angepasst. Wie die Anschlusskommunikation nach der Rezeption zeigte, bevorzugten nicht alle Kinder grundstzlich mediale Umsetzungen. Bei besonders gruseligen Szenen bevorzugten manche Kinder die printmediale Darstellung, da ihnen die Kombination von Bild und Ton als zu drastisch erschien: „Die Stelle mit dem Wolf und der Gromutter htte ich lieber gelesen. Das war gruselig! Auch mit der Musik und so. Dadaa!“ Ein Mdchen wnschte sich die filmische Umsetzung erst am Ende, da sie beim Lesen vorher nicht gestrt werden wollte. Den meisten Kindern gefiel ein gleichmiger Anteil von Printtext, auditiven und audiovisuellen Elementen. Auch schwchere Leser nahmen so das Lesen literarischer Texte als Unterhaltung wahr, was zu einem involvierten Lesen als Grundlage literarischen Lernens beitrug.
Whrend des laufenden Schuljahres standen die Bcher im Lese- und Literaturunterricht in Form einer digitalen Bibliothek am Tablet zur Verfgung. Gelesen wurde im Rahmen der Wochenplanarbeit oder in Kleingruppen, teils zum reinen Genuss, teils zur Bearbeitung der an das individuelle Leistungsniveau angepassten Arbeitsauftrge. Wurde ber das Whiteboard oder am Beamer im Klassenverband gelesen, lag der Schwerpunkt auf der Anschlusskommunikation. Vor allem die medialen Elemente der Bcher motivierten die Kinder zur Beteiligung am Dialog und ermglichten einen intensiven sprachlichen Austausch. An den Aussagen der Kinder zeigte sich, dass literarsthetisches Vorwissen durchaus vorhanden war. Obwohl in sehr unterschiedlichen Medienumgebungen erworben, konnte es dennoch im unterrichtlichen Sinne gewinnbringend genutzt werden. So wurde aus einer individuellen Vorliebe fr Geschichten mit viel „Action“ ein wichtiges Kriterium einer gelungenen Eigenproduktion. Voraussetzung dieses Prozesses war die Anerkennung kindlicher Rezeptionserfahrungen.

Vielfltig und individuell
Vor allem fr Kinder, die in Bezug auf unterrichtliches literarisches Lesen ber divergente Lernvoraussetzungen verfgen, kann die Verknpfung multimedialer und multimodaler literarischer Ausdrucksformen zu einer Erhhung der Passung von nichtschulischen und schulischen literarischen Erlebnissen fhren, sowohl bei der Rezeption als auch bei der Produktion der Bcher. Der Lesetext wird bei der kombinierten Aneignung des literarischen Stoffs im Medienverbund nicht einfach medial ersetzt, sondern von den Kindern kreativ mitgestaltet und angeordnet. So kann der Vielfalt beim Umgang mit unterschiedlichen Medien didaktisch begegnet werden. Handlungs- und produktionsorientierte Verfahren in Verbindung mit medialen Umsetzungsmglichkeiten beeinflussen zudem das lese- und medienbezogene Selbstkonzept positiv5 und wirken dem insgesamt geringeren Interesse von Jungen am Mrchengenre entgegen.6 Die Integration unterschiedlicher Zeichensysteme von Text, Ton und Bild trgt zur Verbesserung medialer Zeichenkompetenz bei, die als Kernkomponente von Medienkompetenz im Vor- und Grundschulalter gilt.7 Fachdidaktisch werden sowohl die Konzepte der geschlechtersensiblen Lesefrderung und des literarischen Lernens mit Medien umgesetzt als auch der Auftrag zur Medienerziehung erfllt. Grundstzlich geht es nicht darum, literarische Rezeptionsweisen in der Schule zu medialisieren. Schule sollte aber dennoch anschlussfhig an die mediale Entwicklung und an die Bedrfnisse der Kinder bleiben, die Literatur vielfltig erleben und individuell mitgestalten.

Erfahrungsbericht
Lisette Hrtl, Studentin des Lehramts an Grundschulen an der LMU, hat am Projekt teilgenommen:
„Im Seminar betreute jeder Studierende ein bis drei Kinder. Ich habe mit einem Jungen gearbeitet, der Mrchen nicht so gerne mochte. Generell gefielen ihm Geschichten und er kannte die meisten aus dem Fernsehen. Abenteuer- und Tiergeschichten waren ihm am liebsten. Das Lesen von Bchern bewertete er als eher anstrengend. Besonders schwer fiel es ihm, sich die Handlung der Geschichte vorzustellen. Ich whlte als Textgrundlage den Gestiefelten Kater aus, da es sich um ein Tiermrchen mit einem mnnlichen Protagonisten handelt. Dann versuchte ich, den Text zu vereinfachen. Zudem plante ich unterschiedliche Filmelemente ein, die den Handlungsverlauf verdeutlichen sollten. Die Filme zum Text erstellten die Kinder der gesamten Projektklasse in Gruppenarbeit. Sie setzten dabei Teile des Textes als Trickfilm um. Zudem durfte der Junge in die Rolle des gestiefelten Katers schlpfen, der von einer Gruppe interviewt wurde. Dadurch sollte ihm der Perspektivenwechsel erleichtert werden. An der Anschlusskommunikation mit der ganzen Klasse nach dem Lesen des Buchs beteiligte er sich aktiv. Er gab an, selbst lieber Adaptable Books zu lesen, da ihm hier schwierige Stellen erzhlt wrden oder er zur Abwechslung einen Film sehen knne.“

ber die Autorin
Dr. Uta Hauck-Thum ist Akademische Rtin am Lehrstuhl fr die Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universitt in Mnchen. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag im Rahmen des Symposiums „Wisch und weg? Literarisches Lernen in Zeiten medialen Wandels“, veranstaltet vom Arbeitskreis fr Jugendliteratur auf der Leipziger Buchmesse im Mrz 2016. Mehr Informationen zum Projekt „Adaptable Books“: www.adaptablebooks.com

Literatur

Abraham, Ulf: „Lesekompetenz, literarische Kompetenz, poetische Kompetenz“. In: Rsch, Heidi (Hrsg.): Kompetenzen im Deutschunterricht. Frankfurt / Main: Peter Lang 2008.

Kruse, Iris: „Brauchen wir eine Medienverbunddidaktik? Zur Funktion kinderliterarischer Medienverbnde im Literaturunterricht der Primar- und frhen Sekundarstufe“. In: Leserume 1 / 2014, S. 1-30. Online abrufbar unter: www.leserume.de/wp-content/uploads/2015/10/lr-2014-1-kruse.pdf (letzter Zugriff: 28. Juli 2016).

Kmmerling-Meibauer, Bettina: „berschreitung von Mediengrenzen: Theoretische und historische Aspekte des Kindermedienverbunds“. In: Josting, Petra / Maiwald, Klaus (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund. Mnchen: Kopaed 2007.

Nieding, Gerhild / Ohler, Peter: „Der Erwerb von Medienkompetenz zwischen 3 und 7 Jahren“. In: TV-Diskurs 4 / 2006, S. 46-51.

Richter, Karin / Plath, Monika: Lesemotivation in der Grundschule. Empirische Befunde und Modelle fr den Unterricht. Weinheim: Juventa 2005.

Rosebrock, Cornelia / Nix, Daniel: Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Lesefrderung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2006.

Spinner, Kaspar H.: „Literarisches Lernen“. In: Praxis Deutsch 200, 2006, S. 6-16.

Anmerkungen
1 Vgl Abraham, S. 13ff.
2 Vgl. Kmmerling-Meibauer, S. 12.
3 Vgl. Kruse, S. 14f.
4 Spinner, S. 6 ff.
5 Vgl. Rosebrock / Nix, S. 22.
6 Vgl. Richter / Plath, S. 80 ff.
7 Vgl. Nieding / Ohler, S. 46.

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