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Schülertext

Das ist unser Haus

14.08.2015

Buchprojekt der Pestalozzischule und des Gymnasiums Brake




Titelseite des Romans
Titelseite des Romans
© Geest-Verlag
Den Roman „Das ist unser Haus!“ schrieben Neuntklässler der Pestalozzi-Förderschule Brake und Achtklässler des Gymnasiums Brake im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes der beiden Schulen, des Geest-Verlages und des Vereins „Kultur vor Ort“. Mit Unterstützung ihrer Lehrerinnen und des Herausgebers Alfred Büngen betätigten sich 50 Schülerinnen und Schüler als Autorinnen und Autoren, 20 weitere erstellten eine Dokumentation. Im Roman geht es um ein Jugendzentrum für Brake und um die Frage, warum Jugendliche ein eigenes Haus brauchen. Anhand von zwölf Romanfiguren, die allesamt junge Leute mit den typischen Sehnsüchten und Wünschen ihrer Generation sind, wird die Geschichte erzählt. Szenen der Romanhandlung wurden zu einem Theaterstück umgearbeitet und von Schülerinnen und Schülern in der Aula der Pestalozzischule vor vielen Ehrengästen, zu denen auch Cornelia Rundt, Sozialministerin des Landes Niedersachsen, gehörte, aufgeführt.
Wir veröffentlichen als Leseprobe den Prolog, geschrieben von einer 15-jährigen Schülerin, und das erste Kapitel des Buches.

Die wichtigsten Personen des Romans
Frauke, 15 Jahre, Realschule, Einzelgängerin, Wirbelwind, mag vielleicht Helge
Hanna, 16 Jahre, Realschule, Freundin von Jenny und Louisa, Freund von Roman
Helge, 15 Jahre, Realschule, mag Frauke, Freund ist Jörg
Jana, 16 Jahre, Hauptschule, magersüchtig
Jenny, 14 Jahre, Gymnasium, Louisa und Hanna sind Freundinnen, findet Nick cool
Jörg, 16 Jahre, Pestalozzischule, Freund von Helge
Lea‐Sophie, 15 Jahre, Gymnasium 9. Klasse, ein wenig mit Frauke befreundet
Louisa, 15 Jahre, Gymnasium, befreundet mit Jenny, ein wenig mit Hanna
Nick, 17 Jahre, 10. Klasse Hauptschule, mit Jenny befreundet
Nicole, 15 Jahre, Realschule, die Leise, Diabetikerin, will vielleicht etwas von Olaf
Olaf, 15 Jahre,9. Klasse Gymnasium, Macher. Will vielleicht etwas von Nicole
Roman, 17 Jahre, 10. Klasse Pestalozzischule, mit Hanna befreundet

Eine Kleinstadt im Sommer
7.50 Uhr, die Sonne verteilt ihre Strahlen in der kleinen Stadt. Es ist Sommer und sehr heiß. So heiß, dass man den kaum sichtbaren Dampf vom Asphalt emporsteigen sehen kann. Die Luft ist schwül und macht müde, müder, als man ohnehin schon ist. Die Stadt erscheint schummrig und trübe, einfach nicht mehr richtig lebendig, nicht real, wie ein Traum, an den man sich mühsam zu erinnern versucht. Weder schwarz noch weiß, ein schlichtes Grau. Weder ja noch nein, ein bescheidenes Vielleicht.
So fühlt sich die Stadt Brake meistens an. Leises Tippeln in der Innenstadt; ein paar Tauben hopsen auf dem Boden umher, versuchen, etwas Essbares zu finden, ohne Erfolg. Nun wieder einmal unerträgliche Stille, dann das Rauschen des Windes, Blätter, die aneinanderreiben, sie erzählen verborgene Geschichten, Geschichten einer längst vergangenen und vergessenen Zeit.
Die Breite Straße ist leer, keine Menschenseele läuft umher, dennoch werden Stühle über den Boden geschleift; die wenigen Cafés und die Eisdiele öffnen ihre Türen mit der Erwartung, der Stadt etwas Lebendigkeit zu schenken, doch wer hier wohnt, der weiß, dass das ein ziemlich hohes Ziel ist. Alles erscheint so farblos, so einsam, so leer.
Ein beinahe leerer Schulhof; die letzten Schüler huschen hastig in das Gebäude in der Hoffnung, dieses Mal einen nicht ganz so schier unendlich langen Schultag durchstehen zu müssen. Bald läutet die Glocke und mit ihrem Klang verliert der Tag noch mehr an Farbe und erscheint so grau wie das eigene Spiegelbild in einer vergessenen Pfütze am Straßenrand vom gestrigen Gewitter. Bald hört man einzelne Stimmen heraus, die erklären, wie dieses und jenes funktioniert und wie dies und das zustande kommt. Doch die Worte ergeben keinen Sinn und finden keinen Platz in den Köpfen der Schüler. Es ist zu warm, klar denken scheint unmöglich. Wirre Gedanken schweben umher: „Wann ist
die Stunde endlich vorbei?“ – „Wo soll ich heute Nachmittag hingehen?“ – „Was hat er denn da für Flecken auf dem T‐Shirt? Ist das Kaffee?“ – „Wie viele Stunden haben wir heute noch?“ Dennoch ist keiner dieser Gedanken von langer Dauer und entgleitet sofort wie Sand, der durch die Finger entrinnt.

Leben unter der Hitze
„Puh, endlich geschafft!“, stöhnt Jörg, schweißgebadet, als er endlich in der Schule Feierabend hat. Na ja, ersten Feierabend, denn jetzt kommt die Arbeit zu Hause. Heute heißt es am Nachmittag das Heu zu wenden, das er gestern mit dem alten Trecker gemäht hat. In seinem Kopf wirren noch all die Aufgaben des Vormittags. Heute ging es ganz gut, auch, wenn er in Deutsch nicht alles verstanden hat. Er wird die Aufgaben heute Nachmittag noch einmal überlegen, vielleicht versteht er es dann.
„Kurzer“, ruft jemand aus seiner Klasse ihm zu, „kommst heute auch zum Strand?“
„Nee! Geht nicht, hab’ heute zu tun.“
Seitdem er sich erinnern kann, muss er nach der Schule auf dem Bauernhof seiner Eltern mithelfen. Macht ihm eigentlich nichts aus, er kennt das ja schon, war eben nie anders. Und eines Tages wird das ja auch sein Hof werden. Früher hat er gedacht, alle Kinder müssten am Nachmittag zu Hause mithelfen. Erst als er älter war, hat er gemerkt, dass das bei den meisten anderen nicht so ist. Die hatten meistens am Nachmittag sogar Langeweile.
‚Langeweile, wie sich das wohl anfühlt? Einfach nichts zu tun. Wie wäre es denn, wenn ich heute am Nachmittag einfach für nichts da wäre? Komische Vorstellung ...’ Mickie Krause mit seiner Fetenmusik, die kann er jetzt gut gebrauchen. Er steckt sich die Kopfhörer seines MP3‐Players in die Ohren, hat er von seinen Eltern zu Weihnachten bekommen. ‚Kurzer’, die Bezeichnung stört ihn schon lange nicht mehr, er ist halt ein wenig kürzer als die meisten seiner Mitschüler, aber dafür hat er Bärenkräfte. So schnell macht ihn keiner an.
Ein Junge verteilt Zettel an der Bushaltestelle. ‚Bestimmt Werbung für irgendeine Disco.’ Achtlos nimmt er ihn und steckt ihn in seine Hosentasche.
Der Bus hält im Gewimmel aller Schüler, na ja, heute sind es nicht so viele, einige sind wohl bei dem Wetter mit Rad oder Mofa zur Schule gefahren. Sein Platz im Bus ist frei, in der neunten Klasse hat man sich den schon erkämpft, da gibt es kein Vertun. Und jetzt noch dreißig Minuten mit dem Bus, eine Haltestelle nach der anderen. Er fällt ins Dösen.
So anstrengend, wie die Arbeit in letzter Zeit auf dem Hof ist, war sie noch nie. Der kleine Bauernhof, der sich seit mehr als hundert Jahren im Besitz der Familie befindet, musste sich nach und nach der wachsenden Konkurrenz und sinkenden Preisen beugen. Das bedeutet vor allem auf Massentierhaltung umstellen, wie ihm sein Vater mal in einem Gespräch von Mann zu Mann erklärt hat. Schweine, Schweine und sonst nichts mehr. Doch selbst diese Veränderung bringt nicht den erhofften Erfolg. Auch andere Landwirte haben umgestellt. So gibt es immer mehr Schweine und die Preise sinken immer stärker. Die Eltern machen sich, wie er den Gesprächen beim gemeinsamen Abendbrot entnehmen kann, immer mehr Gedanken, ob sie den Hof noch halten können. Die Rückzahlungen der Kredite an die Bank für den neuen großen Schweinestall sind kaum noch zu leisten. Und das Futter scheint auch jeden Tag teurer zu werden. Auf dem Küchenschrank liegen noch eine Reihe von unbezahlten Rechnungen.
‚Und wenn der Hof wirklich Pleite macht? Ich weiß gar nicht, was ich dann machen soll!’ Jörg wirren die Gedanken schon wieder durch den Kopf, daran kann auch Mickie Krauses Ballermannmusik nichts ändern. ‚Aber den Hauptschulabschluss hier auf der Förderschule, weiß ich auch nicht, ob ich das schaffe nächstes Jahr. Wer wird mir helfen? Ob Frau Sundermann mir hilft? Unsere Klassenlehrerin ist ja echt super. Aber die Prüfung muss ich schließlich allein machen. Ach, alles Scheiße. Aber irgendwie schaffe ich das schon.’
Wieder ruckelt der Bus beim Anfahren an. Bald sind es nur noch zwei Mitfahrer, er und ein Junge aus der Nachbarschaft. ‚Geht auch auf die Förderschule. Irgendwie bin ich sogar mit dem verwandt, weiß aber nicht genau wie. Der ist erst acht oder so.’ Wieder fangen die Gedanken an, sich zu regen. Er starrt dabei aus dem Fenster.
‚Wenn ich doch wenigstens jemanden hätte, mit dem ich über alles reden könnte ... Vielleicht eine Freundin, die mich zumindest ablenken würde’, denkt er nicht nur heute. Doch es fällt ihm schwer, Kontakte zu anderen zu knüpfen, besonders, weil seine Mitschüler weit verstreut in der Wesermarsch wohnen und ein Treffen nachmittags kaum möglich ist. Nur mit Helge, den er seit der Kindergartenzeit kennt, hat er etwas Kontakt.
Im Sommer gehen sie sogar manchmal zusammen an den Weserstrand. Doch auch mit ihm traut er sich nicht wirklich, über seine Probleme zu sprechen. Na ja, Helge ist nach der Grundschule auf die Realschule gegangen und dort ein ziemlich guter Schüler geworden. Er hat eine rosige Zukunft vor sich und würde seine Ängste vermutlich nicht verstehen. Zudem redet Helge in letzter Zeit dauernd von so einer Frauke, was Jörg ziemlich nervt, aber wenn er ganz ehrlich ist, auch ein wenig neidisch macht. Denn der Kontakt zu Mädchen fällt ihm besonders schwer. Obwohl er auch gerne wissen möchte, wie es so ist, mit jemandem zusammen zu sein. ‚Ob es wirklich so ist, wie im Fernsehen? Viele meiner Mitschüler prahlen damit, wie es so ist, mit einem Mädchen Sex zu haben. Ob sie das alle wirklich schon gemacht haben?’, überlegt er. ‚Sie sind eben mutiger als ich.’
Da fällt ihm der Zettel ein, den er heute an der Bushaltestelle erhalten hat. Er holt das zerknitterte Blatt aus der Hosentasche und liest es sich selber halblaut vor:

Leute, wir brauchen unser eigenes Haus
Liebe Mitschüler von allen Schulen
im Alter von 14 bis 18 Jahren,
vielleicht geht es euch ja auch so. Man will sich mit
Freunden treffen, will mal Ruhe vor den Erwachsenen
haben, will mal bei einem Problem Hilfestellung haben,
mal kickern oder PC spielen, malen, dancen oder was
auch immer.
Und – man sucht mal wieder vergebens. Daher brauchen
wir ein eigenes Haus für Jugendliche, in dem das alles
möglich ist. Ein Jugendhaus in Brake, das wir selbst
organisieren und gestalten.
Um zu überlegen, wie wir das machen könnten, lade ich
euch alle ein, am kommenden Montag,
30. Juni um 17.00 Uhr
in die Eisdiele in die Breite Straße
in Brake zu kommen.
Sagt auch euren Freunden Bescheid und bringt viele
Ideen mit
Olaf, Schülersprecher des Gymnasiums

Er liest den Zettel noch einmal. Und schließlich noch ein drittes Mal. ‚Das hört sich gar nicht schlecht an – ein Jugendtreff in Brake soll geplant werden. So hätte ich auch die Chance, mal etwas anderes zu erleben, neue Leute kennenzulernen und vielleicht sogar eine Freundin zu finden.’ Jörg wird ganz aufgeregt. Je mehr er über die Idee nachdenkt, desto besser findet er sie. ‚Klar, ist einer vom Gymnasium. Aber die waren letztens bei so einem Schreibprojekt bei uns in der Schule, haben den Kleinen beim Schreiben geholfen. Und in der Pause habe ich mit einem gesprochen, der war ganz okay.’
Für Jörg steht jedenfalls fest – zu diesem Vorbereitungstreffen wird er gehen, egal, was seine Eltern sagen.
Der Bus hält an der Endhaltestelle. So, jetzt noch eine Viertelstunde mit dem Mofa bis nach Hause auf den Hof. Jeden Tag sein Lieblingsunternehmen, mit dem Mofa von der Endhaltestelle bis nach Hause. Das Mofa kann er hier an der Endhaltestelle bei seinem Onkel, dessen Hof hier ist, abstellen, sodass es nicht geklaut wird. Sein Mofa hat er sich von seinem Konfirmationsgeld gekauft, das er von den Eltern und den Verwandten bekommen hat. Jeden Tag ganz bis zur Schule zu fahren, ist ihm zu teuer. Er fährt nur die Strecke vom Hof bis zur Endhaltestelle, na ja, und nach Brake, wenn er so mal hin will. Fährt ja am Nachmittag und Abend auch kein Bus mehr.
Die Maschine springt sofort an und schon bald fährt er frohgelaunt über die Straße, umkurvt dabei alle Schlaglöcher. Er fährt gerne mit seiner Maschine. Da ist er wenigstens ganz allein und auf sich selbst gestellt. Irgendwie ein Gefühl von Freiheit. Und heute ist das Gefühl noch besser, seit er weiß, dass er auf dieses Treffen für ein Jugendhaus gehen wird. Nachdem er an einigen Bauernhäusern vorbeigefahren ist, fährt er nur noch durch eine Weidelandschaft. Endlose Weite rechts und links, ein paar Kühe und Pferde kann er sehen. ‚Auch wenn es mir keiner glaubt, ich finde es wunderschön hier. Es ist alles so ruhig und friedlich.’
Das Mofa knattert die Straße entlang. ‚Gott sei Dank gibt es hier keine Ampeln, einfach stur geradeaus fahren, nur ein wenig auf die Schlaglöcher aufpassen.’ Letztens hat er geträumt und ist glatt in so ein Schlagloch geraten. Es hat ihm den Lenker verrissen und schon lag er auf der Nase. Aber nichts weiter passiert. ‚Was wohl meine Eltern sagen, wenn ich ihnen von dem Jugendhaus erzähle? Die finden das bestimmt auch gut. Mama hat letztens schon gesagt, dass ich mir ein paar Freunde anschaffen soll. Und dann hat sie gefragt, ob ich nicht auch eine Freundin haben wolle.’
Glücklich kommt er nach seiner Fahrt zu Hause an. Er will die Neuigkeiten sofort seinen Eltern erzählen und ruft nach ihnen auf dem Hof: „Mama, Papa, wo seid ihr?“
„Im Schweinestall, wo denn sonst?!“, kommt die prompte Antwort seines Vaters.
Freudig berichtet Jörg seinen Eltern sofort von dem Jugendtreff. Doch seine Begeisterung können seine Eltern nicht wirklich teilen, da sie einerseits von ihrer harten Arbeit abgelenkt sind und andererseits sofort die Befürchtung haben, dass Jörg zu viel Zeit in dem Jugendhaus und nicht mehr auf dem Hof verbringen könnte. Und sie brauchen jede Hand, die hilft. Schon so ist die Arbeit kaum zu schaffen.
Enttäuscht wendet sich Jörg nach einiger Zeit von seinen Eltern ab und macht sich auf die Suche nach seinem Lieblingsferkel, das er selbst ‚Pauline’ getauft hat, im Stall nebenan. In dem ziehen sie für einen Bio‐Metzger ganz besondere Schweine groß, nur ein paar, mit ausgewähltem Futter, nicht dieses Mastfutter für die anderen Schweine.
Als er endlich im Ferkelstall mit Pauline auf dem Schoß sitzt, erzählt er auch ihr von dem Jugendhaus. Wegen der Aufmerksamkeit und den Streicheleinheiten quiekt Pauline ganz begeistert. „Ach Pauline, du bist die Einzige, die mich wirklich versteht!“, flüstert Jörg traurig in ihr Ohr. Gedankenversunken krault er das süße Tier und fängt an, sich genauere Vorstellungen vom neuen Jugendhaus zu machen. Er ist sich ganz sicher, dass er auf jeden Fall eine Fernsehecke haben möchte, damit er seine Filmleidenschaft auch mit anderen teilen kann – am liebsten natürlich mit einem Mädchen. Dafür müsste es auch unbedingt eine Kuschelecke geben, in der man aber nicht gestört werden darf. Außerdem wünscht Jörg sich ganz viel an Aktivitäten zum Ausprobieren – zum Beispiel Bogenschießen, Kochen und noch mehr. Besonders toll fände er auch, wenn Ausflüge in die Umgebung oder sogar weitere Touren angeboten würden, weil er noch nie wirklich aus Brake rausgekommen ist.
Die Liste mit Jörgs Wünschen wird immer länger und länger. Urplötzlich springt er auf – das verschreckte Ferkel fällt ihm mit einem schrillen Quieken aus dem Schoß. „Entschuldige, Pauline“, ruft er ihr, schon im Rennen, noch über die Schulter zu, „aber ich muss sofort Zettel und Stift holen. Ich muss das alles genau aufschreiben, ich darf auf keinen Fall etwas vergessen!“
Nachdem er sich ein paar Stichpunkte aufgeschrieben und sich rasch ein Brot geschmiert und gegessen hat, macht er sich an seine Arbeit. Den ganzen Nachmittag muss er mit dem Trecker auf der Weide das Heu wenden und anschließend in lange Reihen zusammenkehren. Morgen werden sie es hereinholen. Mehrfach klemmt der Heuwender, doch er kann ihn immer wieder zum Laufen bringen. Ist halt ein Uraltmodell. Für eine neue Maschine fehlt ihnen das Geld. Außerdem haben sie auch nicht so viel Fläche, dass sich eine Neuanschaffung lohnen würde, das hat sein Vater ihm vorgerechnet.
Gegen 18.00 Uhr ist er mit der Arbeit fertig und füttert jetzt noch die Tiere im Ferkelstall.
Dann überlegt er kurz, Helge anzurufen und zu fragen, ob er mit ihm zum Weserstrand fahren möchte, da das Wetter tatsächlich mal so schön ist, dass man baden gehen könnte. Er lässt es dann aber doch bleiben, weil er sich nicht noch mehr Geschichten über Frauke anhören möchte. Zudem hat er schon den ganzen Nachmittag Heu gewendet und ist ziemlich kaputt.
Nach dem Duschen sitzt er deshalb wieder einmal allein vor dem Fernseher. Irgendwie ist ihm der ein treuer Freund geworden. Im Fernsehen kann er erleben, was alles möglich ist. Und die Hoffnung keimt in ihm auf, dass es für ihn irgendwann auch mal so läuft wie in den Filmen; dass er der unerwartete und übersehene Held ist. ‚Klar, ich bin nicht so gebaut wie der Typ, doch auch wenn ich etwas kürzer und dicker bin, irgendwann bekomme ich auch ein Mädchen ab. Die anderen Jungen sehen schließlich auch nicht alle so aus wie die im Fernseher. Und überhaupt, ich werde für mein Mädchen alles machen, arbeiten, Geld verdienen, ihr Geschenke machen und alles besorgen, was sie will. Es muss toll sein, jemanden zu haben, mit dem man über alles sprechen kann, der immer für einen da ist. Wie das wohl sein wird, wenn man das erste Mal so zusammen ist?‘
Als Jörg ins Bett geht, hat sich seine Stimmung schon etwas verbessert. Vor dem Einschlafen hört er noch ein bisschen seine Lieblings‐CD, einen Schlagermix, und hofft.

***
Jenny schaut sich im Glas der Ausgangstür des Gymnasiums an. ‚Eigentlich’, so sagt sie zu sich selbst, ‚bin ich doch ganz hübsch.’ 1,75 Meter groß, dünn, lange, hellbraune Haare und blau‐grüne Augen. Auch heute hat sie wieder sehr auf ihr Aussehen geachtet. Enge Jeans und ein enges Top, das ihre Figur zur Geltung kommen lässt. Schließlich will sie Nick gefallen. Sie ist 14, letztens hat eine Bekannte ihrer Mutter vermutet, sie wäre doch sicherlich schon 17. ‚Leider nicht’, bedauert sie sich noch einmal in diesem Moment. Noch besucht sie die neunte Klasse des Gymnasiums Brake, von der Volljährigkeit ist sie noch weit weg.
Sie reißt sich von ihrem eigenen Anblick los, geht aus der Schule. Olaf, der Schülersprecher, gibt ihr einen Zettel, den sie ungelesen in ihre Tasche steckt. Sie hat es nicht weit bis nach Hause, gerade einmal eine Zigarettenlänge. Sie nestelt die Schachtel aus ihrer Schultasche und zündet sich die vorletzte Zigarette der Packung an. Erst einmal einen tiefen Zug nehmen, sechs Stunden ohne können ganz schön lang sein.
Heute kommt sie mit einem schlechten Gewissen aus der Schule. Nicht wegen der Zigaretten. Darüber denkt sie eigentlich nicht mehr recht nach. Sie weiß nicht, ob ihre Mutter ihr Rauchen schon bemerkt hat. Auf ihrem Weg nach Hause denkt sie vielmehr darüber nach, wie sie ihrer Mutter das mit der Vier in Deutsch wohl erklären soll.
Seit Vater verschwunden ist – eines Tages hat er einfach seine Sachen gepackt und ist gegangen –, ist ihre Mutter schlecht drauf. Na, mittlerweile weiß sie, dass ihr Vater eine jüngere Freundin hat, eine Arbeitskollegin, sie hat die beiden letztens zusammen in der Stadt beim Einkaufen gesehen. Seine neue Freundin sah ganz schön jung aus, vielleicht so 25.
Als sie das Treppenhaus der Wohnung, die im zweiten Stock liegt, betritt, hört sie ihre Mutter schimpfen. Sie öffnet die Tür mit ihrem Schlüssel und betritt die Wohnung. Sie sieht ihre Mutter das Handy weglegen und auf sie zukommen. Ihre Mutter sieht wütend aus. Jenny denkt sich: ‚Oh nein, was ist denn jetzt schon wieder passiert?’
Die Gesichtszüge ihrer Mutter beruhigen sich. Sie will etwas fragen, bemüht sich dabei, nicht laut zu werden: „Jenny, hast du mir nichts zu erzählen?“
„Ehrlich gesagt ist da schon etwas. Ich konnte mich während der Arbeit nicht konzentrieren, auf einmal war alles weg, was ich gelernt hab – einfach ein ‚Blackout’ halt! Und deshalb habe ich jetzt eine Vier geschrieben, aber die Arbeit ist allgemein schlecht ausgefallen. Aber nächstes Mal wird’s auf jeden Fall besser!“


Das ist unser Haus!
Ein Roman von Jugendlichen der Pestalozzischule und des Gymnasiums Brake
in Zusammenarbeit mit Kultur vor Ort e. V., Berne und dem Geest-Verlag
Hrsg. von Alfred Büngen
Geest-Verlag 2014
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de