interview

„Read, talk, play, sing with and to your children from birth to adolescence.“

17.12.2014

Interview mit der finnischen Wissenschaftlerin Dr. Sari Sulkunen




© Sari Sukunen
© Sari Sukunen
Die finnische Wissenschaftlerin Dr. Sari Sulkunen gab dem Newsletter „Jungen lesen“ auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2014 ein Interview, das wir nachfolgend mit freundlicher Genehmigung in deutscher und englischer Sprache veröffentlichen.
Dr. Sari Sulkunen ist Wissenschaftlerin und Dozentin an der Universität von Jyväskylä. Ihre Fachgebiete sind Lesekompetenz und Textverständnis sowie internationale Lesekompetenzstudien. Sie hat seit Ende der 90er Jahre an mehreren internationalen Lesekompetenzstudien mitgearbeitet, wie z.B. an der International Adult Literacy Survey (IALS) und dem OECD Programme for International Student Assessment (bekannt unter dem Kürzel PISA). Hier war sie für die Analyse der Lesekompetenzergebnisse in Finnland verantwortlich. Sie war eine der nationalen Forschungskoordinatorinnen (NRC) für Progress in Reading Literacy Study (PIRLS 2011) in Finnland. Weiterhin war sie Mitglied der European Commission’s High level Group on Literacy (2011–2012).
Die Interviewfragen zur Jungenleseförderung in Finnland stellte Dr. Bruno Köhler.

Wie hat sich die geschlechterspezifische Lesekompetenz seit der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 in Finnland entwickelt? Ist diese weiter auseinander gedriftet, wie in Deutschland, oder haben sich die Differenzen verringert?

Sari Sukunen: Bei PISA 2000 waren in Finnland die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Lesekompetenz (zum Vorteil der Mädchen) mit am größten unter allen teilnehmenden Ländern. Der geschlechtsspezifische Unterschied ist leicht gestiegen (in PISA 2009 und 2012).

Welchen Stellenwert hat Jungenleseförderung in Finnland? Ist Jungenleseförderung auch ein politisches Thema in Finnland?

Sari Sukunen: Obwohl es offenkundig war, hat es die Geschlechterfrage erst auf die nationale Bildungsagenda geschafft, nachdem es erste Anzeichen einer Verschlechterung in der Gesamtleistung in der Lesekompetenz in der PISA-Studie 2009 gab. Im August 2012 hat das Bildungsministerium ein Programm gestartet, „Lukuinto“ (frei übersetzt etwa „Lustlesen“), um die Lesekompetenz der 6- bis 16-Jährigen zu stärken und ihre Lesemotivation zu erhöhen. Jungen sind dabei eine besondere Zielgruppe für diese Initiative, weil sie unter den Schülern mit den geringsten Lesekompetenzen überrepräsentiert sind. Allerdings ist ein Programm allein keine ausreichende Maßnahme, um die Probleme der geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede zu lösen.

Welches sind die Hauptträger von Jungenleseförderung in Finnland? Sind es eher die Schulen, die Verlage, die Bibliotheken, die Bildungspolitik oder sonstige Einrichtungen?

Sari Sukunen: Leseförderung ist in Finnland die Aufgabe verschiedener Akteure, aber bei der Jungenleseförderung sind vermutlich die Schulen vorrangig gefordert.

Welche konkreten Jungenleseförderprojekte gibt es in Finnland?

Sari Sukunen: Wie schon erwähnt, gibt es das Projekt Lukuinto. Zudem dürfte es zahlreiche kleinere Projekte geben, von denen wir allerdings keine Daten oder Informationen haben.

Gibt es in Finnland erprobte Jungenlesefördermaßnahmen, die Sie anderen Ländern empfehlen können?

Sari Sukunen: Wir können sicherlich eine Menge voneinander lernen, aber ich halte es für wenig erfolgversprechend, nach einem Konzept suchen zu wollen, das für alle und für alles passt. Wir müssen uns über erfolgversprechende Möglichkeiten austauschen, aber jedes Land muss diese Erkenntnisse dann seinen speziellen Eigenheiten anpassen. Wir haben keine anderen Ideen und Konzepte, die Lesekompetenzfachleute in anderen Ländern nicht auch hätten.

Ist Jungenleseförderung in Finnland in der Ausbildung der Lehrkräfte ein Thema?

Sari Sukunen: Das ist von Universität zu Universität verschieden, seit diese mehr Freiheiten bei der Ausgestaltung der Ausbildung von Lehrkräften erhalten haben. Statt Gender steht in der Bildungspolitik und somit auch im Unterricht in Finnland die individuelle Förderung im Vordergrund. Dies spiegelt sich auch in der Lehrerausbildung wider.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Jungenleseförderung? Welche Tipps können Sie speziell Eltern zur Jungenleseförderung geben?

Sari Sukunen: Eltern muss klar sein, wie wichtig das Lesen und eine frühe Interaktion mit ihrem Kind sind. Lesekompetenzförderung beginnt mit der Geburt. Lesen, reden, spielen, singen Sie mit Ihren Kindern von der Wiege bis zum Jugendalter. Versuchen Sie Bücher und Texte zu finden, die Ihre Kinder oder Ihre Schüler wirklich interessieren - ohne sich verbissen an althergebrachte Vorstellungen, was gute und schlechte Literatur sein soll, zu klammern. Respektieren Sie die Literaturvorliebe ihrer Kinder/Schüler. Wenn es Ihnen gelingt, die Leselust zu wecken, haben Sie die wichtigste Grundlage für eine gute Lesekompetenzentwicklung gelegt. Dies bedeutet natürlich nicht, dass das Lesen in der Schule nicht unterrichtet zu werden braucht. Natürlich muss Lesen auch gelehrt und gelernt werden, aber interessanten, motivierenden Lesestoff zu finden und somit das Interesse am Lesen zu wecken, ist das wichtigste Ziel. Das gilt für Zuhause ebenso wie für die Schule. Bedenken Sie, dass sich Lesen zudem in unserer modernen Zeit auch immer in Konkurrenz zu anderen Informationsangeboten behaupten muss. Zeigen Sie deshalb, dass Lesen tatsächlich etwas bringt, und sorgen Sie speziell in der Schule für genügend Zeit für das Lesen.

Das Interview wurde in englischer Sprache geführt.
Übersetzung ins Deutsche: Dr. Bruno Köhler

Encouraging boys for reading in Finland
Interview with Dr. Sari Sulkunen


Sari Sulkunen works as a senior researcher and university lecturer at the University of Jyväskylä, Finland. Her fields of expertise are reading literacy, international reading literacy as-sessment, and text authenticity in assessment and instruction. She has worked in several international reading literacy assessments since the late 1990’s, such as the International Adult Literacy Survey (IALS) and OECD’s Programme for International Student Assessment (PISA). She was responsible for analyzing the reading literacy results of PISA 2009 in Finland and acted as a national research coordinator (NRC) for IEA’s Progress in Reading Literacy Study (PIRLS 2011) in Finland. She was also a member in the European Commission’s High level Group on Literacy (2011–2012).

The questions on boy reading promotion in Finland asked Dr Bruno Köhler.

Did you notice a difference between boys and girls regarding the ability of reading after the first PISA-study in 2000? Was there a development of a greater gap (like in Germany) or have the differences vanished a bit?

Sari Sukunen:
In PISA 2000, the gender gap in reading (favoring girls) was one of the greatest in Finland among all the participating countries. The gender difference has slightly increased since (in PISA 2009 and 2012).

What is the value of encouraging boys for reading in Finland? Is encouraging boys for reading on the political agenda in Finland?

Sari Sukunen: In spite of mounting evidence, only after the first indications of decline in overall performance in reading in the 2009 PISA assessment has the gender issue finally made it onto the national educational agenda. In August 2012, the Ministry of Education launched a program, Lukuinto (freely translated as Joyread), to strengthen the literacy of 6- to 16-year-olds and increase their reading engagement. Boys are a special target group for this initiative because they are overrepresented among the low performers. Unfortunately, one program is unlikely to offer any permanent solutions for the gender issue.

Which institution is in charge for this topic (the schools, the publishing houses, the libraries, politics etc.)?

Sari Sukunen: Literacy work is done by many diverse stakeholders in Finland but the discussion about boys’ literacy seems to involve mostly school.

Do concrete projects already exist regarding encouraging boys to read more in Finland?

Sari Sukunen: There is the project Lukuinto I mentioned before. In addition to that, there might be numerous small projects of which we have no data or knowledge of.

Are there already programs or other methods you could recommend to other countries?

Sari Sukunen: We can certainly learn a lot from each other but I find it unfruitful to give one-size-fits-all models to others. We must share but then every country must make their own adaptations and choices. We have not invented anything other literacy experts in other countries wouldn’t have.

Is encouraging boys to read more part of the training for teachers-to-be?

Sari Sukunen: This varies since universities can decide autonomously the content of teacher training. More than gender, the Finnish educational policy and thus also instruction and support measures emphasize individual needs and interests. This is reflected also in teacher education.

What are the most important elements for a successful encouragement for boys to read more from your point of view? Are there any tips you could name for parents how to encourage boys to read more?

Sari Sukunen: Parents should understand the meaning and role of reading and early interaction with their child. Reading development at home starts from the birth. Read, talk, play, sing with and to your children from birth to adolescence. Try to find texts that really interest your child or your students - without sticking to traditional text choices. Appreciate all texts, also those chosen by your children/students. If you manage to light the spark, it will give reading engagement a solid foundation. This is not to say that at school explicit instruction is not needed. Of course reading must also be taught but finding something interesting to read for everyone and thus lighting the spark is the most important goal at home and at school. Additionally, reading must compete with other activities in the modern world. Show that choosing reading is valuable and particularly at school organize time for reading.

Kontakt:
Dr. Bruno Köhler
Projekt Jungenleseliste
Postfach 60 14 05
22214 Hamburg
E-Mail: info@jungenleseliste.de

Redaktionskontakt: schuster@dipf.de