Bericht

Literarisches Schreiben im Deutschunterricht

27.03.2014

Eine gestalterische Offensive




 LPZ Stuttgart / Yves Noir
LPZ Stuttgart / Yves Noir
Spricht man heutzutage vom kreativen oder freien Schreiben, so gehen die Meinungen weit auseinander, was darunter zu verstehen ist. Einige sehen in dieser Form des Schreibens einen eher therapeutischen Weg der Selbstdarstellung und der Selbsterkenntnis, um eigene Persnlichkeitsprobleme zu bewltigen, andere dagegen eine Art Vorschule fr Journalisten oder Studenten, die eine umfassendere Arbeit schreiben wollen. Wieder andere sind der Meinung, dass man mit ihr das schriftstellerische Handwerkszeug erlernen kann, und grnden deshalb sogar fast schon „barocke“ Schreibschulen. Auch in der schuldidaktischen Literatur taucht diese Form zu schreiben immer wieder auf. Hier wird sie vor allem als eine (neue) Methode angesehen, wie man traditionelle literarische Formen besser kennen und verstehen lernen kann. Dabei erwarten die Didaktiker durchaus, dass sich ein kreativer Schreiber schon mal hinsetzt, den „Heinrich Heine mimt“ und ein neues Liebesgedicht in seinem Sinn erfindet. Oder dass er sich wie Georg in Franz Kafkas „Verwandlung“ in ein Tier verwandelt und aus dieser Perspektive heraus beschreibt, wie er ein Duschbad nimmt und danach mit dem Schreiber zusammen frhstckt. Schlielich kann man diese Form des Schreibens sogar studieren und in ihr seinen „Bachelor“ oder gar den „Master machen“. Natrlich um Schriftsteller zu werden, wie es die Werbung suggeriert! Es gibt also ein groes Spektrum an Vorstellungen, was kreatives oder freies Schreiben ist oder doch zumindest sein knnte, ausgesprochen disparat, manchmal sogar kurios, je nach Anspruch und Zielsetzung. Was aber kann ein kreatives oder freies Schreiben nun tatschlich leisten? Handelt es sich bei ihm eher um Schreib- oder Stilbungen fr den privaten, beruflichen oder schulischen Gebrauch oder geht es vielleicht doch um mehr?

Seit 2011 hat das Literaturhaus Stuttgart in kurzer Folge gleich drei Publikationen herausgegeben, bei denen es um diese Form des Schreibens geht. Dabei steht die Institution Schule im Mittelpunkt. Der erste Band von Thomas Richhardt thematisiert das szenische, der zweite von Ulrike Wrner, Tilman Rau und Yves Noir das erzhlende und der dritte von Jos F. A. Oliver das lyrische Schreiben im Unterricht. Schon vom Titel her grenzen sich die drei Bnde von den herkmmlichen Formen des kreativen oder freien Schreibens ab, indem sie ausdrcklich fr ein literarisches Schreiben eintreten. Sie stellen damit der Beliebigkeit vieler freier Schreibkonzepte einen ernst zu nehmenden, einen poetischen Anspruch entgegen. Und das fhrt deutlich ber den bisherigen Status quo hinaus.

Entstanden sind die drei Publikationen in Verbindung mit einem Fortbildungsprojekt im Literaturhaus Stuttgart, bei dem Autorinnen und Autoren mehrere Jahre lang an die Schulen gegangen sind und dort gemeinsam mit den Lehrkrften unterrichtet haben. Dabei haben sie ihren Schlerinnen und Schlern die Mglichkeit gegeben, unterschiedliche Schreibtechniken und Schreibstile kennenzulernen und eigene Texte zu verfassen. Dies geschah nicht, wie sonst blich, im pdagogischen „Begleitprogramm“, das die Schulen in der Regel noch so nebenher absolvieren, sondern ganz konkret innerhalb des regulren Deutschunterrichts. „Unterricht im Dialog“ heit das Konzept, das inzwischen in ein zweijhriges Fortbildungsprogramm fr Lehrkrfte aller Schulformen in Baden-Wrttemberg mndete. Getragen wird es vom Literaturhaus Stuttgart in Kooperation mit dem Lehrstuhl fr Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Otto-Friedrich Universitt Bamberg. Finanziert wird das Programm ber die Robert Bosch Stiftung in Stuttgart.

Ziel dieser drei Publikationen, die jetzt seit 2011 entstanden sind, ist es, so der stellvertretende Leiter des Literaturhauses Stuttgart und Herausgeber der Reihe, Erwin Krottenthaler, die bisher bei diesem Projekt in der Praxis erprobten didaktischen und methodischen Anstze im Umgang mit dem literarischen Schreiben weiterzugeben, damit andere Schulen daran teilhaben knnen. Der Grundansatz fr dieses literarische Schreibkonzept: Unsere Welt ist Sprache, Sprache berhaupt. Denn sie gibt Auskunft darber, wer ihr Sprecher ist und welchen Weg er nimmt. Sie gibt ihm das Bewusstsein fr das, was zu sagen ist, und ffnet ihm die mglichen Gestaltungsspielrume fr das, was er umsetzen will – seine Gestaltungsspielrume. Und so setzt dieses Konzept nicht mehr wie sonst beim Unterrichtsstoff an, sondern bei den Jugendlichen, an ihrem So-Sein, an ihrer Sprache. Sie sollen dort abgeholt werden, wo sie tatschlich zu Hause sind, egal, ob sie ein Gymnasium oder eine Frderschule besuchen, egal, ob sie in Deutschland geboren wurden oder aus einem anderen Land zu uns gekommen sind. Auf ihre eigene Sprache sollen sie sich einlassen, sich mit ihr auseinandersetzen. Das ist der Ausgangspunkt.

Die Sprache von Jugendlichen ist eben nicht defizitr, wie so oft behauptet wird, sondern – wie sie ist – ernst zu nehmen. Das ist das Credo der verantwortlichen Autorinnen und Autoren, vor allem von Jos F. A. Oliver. Sie ist es, die ihren Sprechern Tren ffnet oder verschliet. Ihr kommt die entscheidende Rolle zu, was aus Kindern und Jugendlichen wird, und zwar nicht nur im Deutschunterricht der Schule. Denn wie sich junge Menschen sprachlich entwickeln, entscheidet letztlich darber, was aus ihnen persnlich und beruflich wird. Das Konzept legt daher die Schreibenden nicht von vornherein auf bestimmte Schreibnormen fest, sondern gibt ihnen vielmehr Mglichkeiten an die Hand, wie sie ihre eigene Sprache weiterentwickeln knnen. Und das fhrt deutlich ber die Kompetenzorientierung hinaus, die derzeit im schulischen Fokus steht und die die Sprache instrumentalisiert, ja, letztlich auf bestimmte – prfungsrelevante – Funktionen reduziert.

Die Autorinnen und Autoren dieser drei Bnde wollen mehr. Sie setzen nmlich der blo fachbezogenen Auseinandersetzung mit Literatur im Unterricht ein (sprachliches) Wechselspiel entgegen, das die psychosoziale Entwicklung der Jugendlichen ernst nimmt und ihr den schulischen Raum gibt, der ihr gebhrt. Die Folge: ein ganz anderer Umgang mit den Jugendlichen in der Schule, ein ganz anderes Unterrichten, ja, ein ganz anderer Umgang mit Literatur. Ein Weg also, der den Unterricht in ein Gleichgewicht bringen kann zwischen einem an Inhalten und an der Person des Jugendlichen orientierten Lernen! Sicherlich auch in seiner Breite und Tiefe ein sehr viel produktiverer Weg, mit der Vielfalt unserer Kultur gestalterisch umzugehen. Und schlielich sicherlich etwas, das der bisherigen Schreibkultur neue Freirume und Perspektiven erffnet.

Und so bieten die drei Einzelbnde demjenigen, der mit ihnen arbeiten will, eine Flle von didaktischen Ideen und methodischen Vorschlgen, wie sich literarisches Schreiben produktions- und handlungsorientiert lehren und an der Schule etablieren lsst. Ein besonders schnes Kapitel in dem Band ber das szenische Schreiben ist dabei der Teil darber, wie sich einzelne Szenen produzieren und Stcke entwickeln lassen. In ihm schildert Thomas Richhardt sehr anschaulich, wie sich mit Hilfe von szenischer Improvisation schrittweise Szenarien und daraus Theaterszenen entwickeln lassen bis hin zu einem kompletten Stck. Das Besondere daran: Die Schlerinnen und Schler bertragen Arbeitsweisen aus dem Theater auf den schulischen Kontext, indem sie rollenverteilt in Teams als Autor, Regisseur und Schauspieler zusammenarbeiten. Dabei lernen sie unter anderem auch, dass ein Scheitern an einer Szene die Produktion insgesamt weiterfhren kann. Ein Scheitern als Gewinn? Das ist wohl etwas, was die Schule mit ihrem traditionellen Leistungsbegriff an vielen Stellen noch lernen muss!

In dem Band ber das erzhlende Schreiben von Ulrike Wrner, Tilman Rau und Ives Noir wiederum sticht die Vielseitigkeit von Verfahrensweisen hervor, wie umfangreichere Textzusammenhnge erstellt und berarbeitet werden knnen. Erstaunlich, wie sehr Texte dadurch wachsen und reifen knnen! Gerade Jugendlichen, deren Muttersprache nicht das Deutsche ist, bietet das Chancen. Denn sie erhalten durch eine solche Arbeitsweise Mglichkeiten, die eigene kulturelle Sicht von Dingen einzubringen und zu prsentieren. Ein Verfahren also, das ausgesprochen integrativ wirkt, weil dieses ‚andere‘ seinen Platz im Unterricht findet. Es wird im Wortsinn auf Deutsch zur Sprache gebracht und nicht – wie sonst so oft – buchstblich ausgeschlossen. Besonders reizvoll ist dabei, wie Ives Noir die Fotografie als Erzhlbild einzubinden versucht, um die auf diese Weise entstehenden Verbindungslinien zum Schreiben produktiv zu nutzen.

Faszinierend an dem Band ber das lyrische Schreiben von Jos F. A. Oliver schlielich sind vor allem die Dialog-Verdichtungen, die Jugendliche in Verbindung mit Gedichten von Gottfried Benn, Bertolt Brecht und Paul Celan geschrieben haben. Ein toller Weg, der oft genug ein wesentlich tieferes Verstndnis dieser anspruchsvollen Texte wachsen lsst als herkmmliche Analyseverfahren. Und: ein Weg, der Mglichkeiten aufzeigt, wie Jugendliche auch selber sprachlich profitieren knnen, wenn sie sich auf diese Weise mit unseren literarischen Traditionen auseinandersetzen. Die von Jos F. A. Oliver aufgefhrten Beispiele jedenfalls beeindrucken und sprechen fr sich.

Drei wichtige Bcher also, die dem Deutschunterricht, der sich am berkommenen „Stoff“ orientiert, eine zukunftszugewandte, ja, eine gestalterische Perspektive hinzufgen:
  • die zeigen, wie Jugendliche auf der Basis der bestehenden literarischen Traditionslinien schreibend anfangen knnen, eigene Vorstellungen auszuprobieren und weiterzuentwickeln;
  • die Mglichkeiten erffnen, wie sich Jugendliche, deren Familien nicht aus Deutschland stammen, mit ihren Kulturen und ihren Erfahrungen einbringen und wirklich ernst genommen fhlen knnen;
  • die den (Deutsch-) Unterricht verbessern knnen, indem sie ihn in seiner traditionellen Form aufbrechen und neu dimensionieren.
Kreatives oder freies oder literarisches Schreiben? Wie auch immer. In der vorliegenden Form jedenfalls kann es unserer Schule – und manch anderem – tatschlich neue Impulse geben!

Alle drei Bnde in der Reihe „Unterricht im Dialog“, hrsg. von Erwin Krottenthaler (Literaturhaus Stuttgart). Weitere Bnde werden fr die Jahre 2014 und 2015 vorbereitet.

Thomas Richhardt
Szenisches Schreiben im Unterricht. Minidramen, Szenen, Stcke selber schreiben
Klett/Kallmeyer 2011, 288 S. + Download-Material, 20,95 €
978-3-7800-1087-2

Ulrike Wrner, Tilman Rau, Yves Noir
Erzhlendes Schreiben im Unterricht. Werksttten fr Skizzen, Prosatexte, Fotografie
Klett/Kallmeyer 2012, 224 S. + Download-Material, 19,95 €
978-3-7800-4911-7

Jos F. A. Oliver
Lyrisches Schreiben im Unterricht. Vom Wort in die Verdichtung
Klett/Kallmeyer 2013, 207 S. + Download-Material, 19,95 €
978-3-7800-4963-6

Quelle: www.alliteratus.com


Autor:
Dr. Artur Nickel
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