Logo Lesen in Deutschland 
Ihre Meinung ist uns wichtig!
Falls Sie Lust haben unser Onlineangebot zu verbessern, nehmen Sie an dieser kurzen Umfrage teil. Danke!
Ihre LiD Redaktion
Schülertext

Sommernachtstanz

12.06.2012

Siegertext der LITERATURwerke Meißen




Auszeichnung auf der Hauptbühne des Literaturfestes
Auszeichnung auf der Hauptbühne des Literaturfestes
© Literaturfest Meißen 2012
In Kooperation mit den Organisatoren des Literaturfest Meißen rief die Sparkasse Meißen Kinder, Jugendliche und Schulklassen auf, selbst geschriebene Werke einzusenden. Die Resonanz war groß – insgesamt 218 Beiträge hatte die fünfköpfige Jury in den Kategorien Idee, Inhalt, Kreativität bei der Umsetzung sowie Sprache, Lesefluss, Rechtschreibung und Grammatik zu bewerten. Von 300 möglichen Punkten erreichte die Kurzgeschichte „Sommernachtstanz“ der 15-jährigen Sabine Baumgärtel ganze 286 Punkte. Mit der Geschichte über eine junge Liebe zweier Mädchen konnte die Schülerin aus Lampertswalde die Jury überzeugen und die diesjährigen LITERATURwerke Meißen für sich entscheiden.

Sommernachtstanz
Irgendwann im Juli.
Zwei sitzen auf einem Klettergerüst. Lassen die Füße baumeln.
Schweigen.
Es muss schon nach acht sein, aber die Sonne scheint noch, ihnen direkt ins Gesicht. Kinder rufen.
Irgendwo grillt jemand. Etwas weiter entfernt hupt ein Auto.
Aber auf dem Spielplatz sitzen nur zwei.
Sie lehnen sich aneinander und beobachten alles und nichts.
Eine leichte Brise weht durch Blätter und ihre Haare.
Lächeln.
Dann wird es kälter. Aber nur ein bisschen. Es ist noch erträglich, immerhin ist es Hochsommer; doch selbst, wenn es unerträglich wäre, würden sie sich nicht vom Fleck bewegen wollen. Es ist zu schön, nebeneinander zu sitzen. Irgendwann halten sie sich gegenseitig im Arm und immer noch schweigen sie. Sie lächeln, während sie den Sand unter sich ansehen.
Sie träumen vor sich hin, träumen sich weit weg an den Strand.
Zusammen.
Und doch geht die Sonne bald unter. Sie stehen auf, etwas steif vom stundenlangen Sitzen.
Rutschen nach unten.
Zwei Sechzehnjährige auf einem Spielplatz. Sie tun, als wäre es das Normalste der Welt. Keiner ist da und sie sind allein, was etwas Beruhigendes an sich hat.
Sie strecken sich und lächeln. Lachen.
Ihre Hände berühren sich und sie beobachten den Himmel, als zählten sie die Sterne.
Die Straßen sind inzwischen menschenleer. Als wären alle plötzlich ins Bett gegangen. Um zehn.
Sie gehen auf der Straße, nirgendwo ist ein Fahrzeug zu sehen.
Natürlich gehen sie den längeren Weg nach Hause. Beide wohnen nah beieinander und doch wollen sie sich nicht trennen, nicht nach diesem Tag. Irgendetwas hat sich zwischen ihnen verändert und sie sind sich näher – es kribbelt, dieses Gefühl.
Ophelia bemerkt, wie eine Hand ihre fester drückt und sie ist fest entschlossen, nie wieder loszulassen. Was für ein alberner Gedanke, überlegt sie, aber sie hält daran fest. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Und dann kommt doch ein Auto.
Sie haben nicht damit gerechnet und hasten an den Straßenrand, erschrocken. Aber anstatt anzuhalten, rennen sie weiter, auch, als das Auto schon längst vorbei ist. Sie rennen, noch immer Hand in Hand, die Straße entlang.
Der kühle Wind erfrischt sie nach der Hitze des ganzen Tages und sie seufzen glücklich.
So könnten sie die ganze Nacht weiter rennen. Zusammen auf den leeren Straßen.
Vielleicht ist es gerade das, was sie gesucht haben. Sich zu verausgaben. Etwas zu teilen, und wenn es nur diese Erschöpfung ist. Doch in diesem Moment fühlen sie keine Erschöpfung. Gemeinsam tanzen sie durch die Dunkelheit.
Sie rennen und halten an, umklammern einander und keuchen zufrieden, beginnen zu lachen und setzen sich wieder in Bewegung, versuchen einander zu fangen, als wäre das alles das Normalste der Welt. Luft schnappen, weiter rennen, sich etwas erschöpfen, wieder zu Atem kommen, kühle Nachtluft einatmen, ein bisschen Seitenstechen, einander angrinsen, und schließlich innehalten.
Sie sind da.
Stehen sich gegenüber. Ophelia muss ein bisschen nach oben schauen, weil sie kleiner ist.
„Dann … ist der Tag jetzt vorbei“, stellt sie fest.
„Mhm.“
„Es war wunderschön.“
„Finde ich auch.“
Und dann stellt sie sich auf Zehenspitzen, egal, ob das kitschig ist und ihre Lippen berühren kurz eine Wange.
„Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Als sie an der Tür steht, legt sich eine Hand auf ihre Schulter. Sie dreht sich um.
Diesmal wird sie zurück geküsst.
Etwas feierlich schließt sie die Augen. Wunderschön.
In der Nacht stehen zwei Mädchen und küssen sich. Und es ist das Normalste der Welt.

Autorin: Sabine Baumgärtel, 15 Jahre, Lampertswalde

Jury der der LITERATURwerke Meißen
Maike Beier - Literaturpädagogin
Gabi Gal - Leiterin der Meißner Stadtbibliothek
Udo Lemke - Redakteur der Sächsischen Zeitung
Sven Mücklich - Sprecher des Literaturfestes
Rolf Schlagloth - Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Meißen

Kontakt:
Sven Mücklich
Heimrich & Hannot GmbH
Tel.: (0351) 81609-41
E-Mail: s.muecklich@heimrich-hannot.de
Internet: www.literaturfest-meissen.de
Redaktionskontakt: schuster@dipf.de