Bericht

„Die Schulbibliothek ist kein toter Raum“

11.10.2006

Die Frankfurter Buchmesse zeigt einen Ausblick auf die Schulbibliothek von morgen


Blick über den Tellerrand...
Seit 1993 ist die LAG Schulbibliotheken in Hessen e.V. (LAG) alljährlich auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Auch in diesem Jahr präsentierten der Vorstandsvorsitzende Günter Brée und der Gründungsvorsitzende Günter Schlamp im Bildungsforum der Frankfurter Messehallen ihre Projekte zur Leseförderung und unterstrichen damit die Bedeutung der Institution Schulbibliothek. „Wir setzen uns dafür ein, dass an jeder Schule eine Bibliothek eingerichtet wird“, erklärt Günter Brée die Motivation der LAG, die seit Mitte der 80er Jahre die Entwicklung der hessischen Schulbibliotheken gemeinsam mit engagierten Lehrkräften und Eltern vorantreibt.

In der Diskussion um Qualitätsverbesserung an deutschen Schulen lenkt Günter Brée den Blick über den großen Teich und verweist auf Erkenntnisse der amerikanischen Sozialforschung. Die Ergebnisse der „Colorado-Studien“ unterstreichen die Bedeutung der Schulbibliotheken für den erfolgreichen Lernprozess. Mehr als 1.000 Schulen in den USA und Kanada mit und ohne Bibliothek wurden im Rahmen der Studien über mehrere Jahre beobachtet – mit einem besonderen Fokus auf das Abschneiden der Schülerinnen und Schüler in Lesetests. Die Ergebnisse belegen, dass Schülerinnen und Schüler, die auf eine gut ausgestattete Bibliothek zurückgreifen können, in den Tests bis zu 19 Prozent bessere Leistungen erzielten. Die amerikanischen Forscher haben eine Liste von Indikatoren für eine gute Schulbibliothek zusammengetragen, auf der sich lange Öffnungszeiten ebenso wiederfinden wie gut ausgebildetes Personal und die Absprache zwischen Bibliothekaren und Fachlehrern. Neben der Qualität des Medienbestandes ist auch die Integration der neuen Medien ein entscheidender Faktor, den die LAG besonders hervorhebt. „Jede Schülerin und jeder Schüler sollte in der Schulbibliothek neue Medien und Computer nutzen können“, forderten die Mitglieder schon in ihrem Manifest von 1998.

...in die multimediale Zukunft
Bestätigt durch die Erkenntnisse der „Colorado-Studien“ sieht Günter Brée die Schulbibliothek vor einer multimedialen Zukunft. Der Vorstand der LAG befürwortet den Wandel vom passiven Wissensspeicher hin zum interaktiven Informations- und Wissenszentrum. Die moderne Schulbibliothek ist alles andere als eine verstaubte Büchersammlung. „Es geht um selbstständiges und individuelles Lernen“, erklärt Günter Brée. „Die Schulbibliothek ist kein toter Raum, sondern eine Lernwerkstatt, in der das Leben tobt. Hier findet Lernen statt.“ Die LAG macht sich stark für die Bibliothek als einem Ort, der die Bedürfnisse des Lernenden in den Mittelpunkt stellt, als multimediales Wissenszentrum, das lesen, leben und lernen unter einem Dach zusammenführt.

Schulbibliotheken können moderne Lernorte der aktiven Informationssuche und –verarbeitung sein. Neue Medien wie Hörbücher, CDs, DVDs und nicht zuletzt das Internet sollen das Buch nicht verdrängen, sondern die Angebote der Schulbibliothek um neue Facetten erweitern. Neben der Lesekompetenz können entsprechend ausgestattete Schulbibliotheken auch Medienkompetenz vermitteln. Schülerinnen und Schülern können dann auch lernen, Informationen online zu recherchieren und sich im Umgang mit den neuen Medien üben. Die LAG engagiert sich dafür, dass multimediale Schulbibliotheken in Hessen keine Zukunftsmusik oder ASusnahmeerscheinungen bleiben..

Leseförderung mit dem Bücherschränkchen
“Anfang der 90er Jahre gab es so gut wie keine Schulbibliotheken“, erinnert sich Günter Schlamp. Auch dank dem ehrenamtlichen Engagement der LAG hat sich diese Situation heute geändert. Projekte wie die „Bibliothek aus der Kiste“, die vom hessischen Kultusministerium unterstützt wird, stellen den hessischen Lehrkräften ein zusätzliches Angebot von 30 Mini-Schulbibliotheken zu bestimmten Themen zur Verfügung und bereichern damit für eine begrenzte Zeit das vor Ort vorhandene Medienangebot. Die kleinen Schränkchen bieten Platz für 30 bis 50 Bücher und andere Medien, und eignen sich für den Einsatz an der Grundschule ebenso wie für die Sekundarstufe zwei.

Das Mini-Bibliothek knüpft an eine hessische Tradition aus dem 19. Jahrhundert an, als die Krämer von den Stadtbüchereien mit kleinen Bücherschränkchen ausgestattet wurden, um auch die entlegenen Regionen literarisch zu versorgen. Heute sind die Türen der Schränkchen bunt und themengerecht gestaltet. Vom rosa Schweinchen, das für Tierkunde in der Grundschule steht bis zum gallischen Hahn, hinter dem sich französische Kinder und Jugendbücher verbergen. „Das hat natürlich auch motivierenden Charakter, wenn die Bücher nicht in Pappkartons oder Plastiktüten aus der Bücherei geholt werden“, erklärt Günter Brée, der mit dem Erfolg des Bücherschränkchens zufrieden ist. Die Mini-Bibliotheken können von interessierten Lehrkräften für jeweils acht Wochen von der LAG ausgeliehen werden, mehr als 1.500 Schulklassen und Bibliotheken haben das Angebot bisher in Anspruch genommen.

Die Tradition der mobilen Bibliothek stand auch Pate für den Leseförderpreis der LAG. Das „hessische Bücherschränkchen“ prämiert Beispiele für besonders gelungene Leseförderung mit der Schulbibliothek wie die Lesepantomime oder den literarischen Weihnachtsbaum. In dem roten Schränkchen, das alle zwei Jahre vergeben wird, ist ein Bücherscheck versteckt, der mit 1.000 Euro dotiert ist.

Vorn dabei bei Fortbildung und Vernetzung
Ob Digitalisierung oder virtuelle Revolution im Internet, in der modernen Wissensgesellschaft dreht sich das Rad der Innovationen immer schneller. Lebenslanges Lernen ist längst zur selbstverständlichen Notwendigkeit geworden. Auch für die Verantwortlichen der LAG ist die kontinuierliche Fortbildung ein wichtiges Thema. Mit einem Angebot rund um die Schulbibliothek und die neuen Medien stehen die Fachleute den Schulen mit praktischen Tipps und Hilfestellungen zur Seite. Und mit dem hessischen Schulbibliothekstag, der vor 18 Jahren mit dreißig Teilnehmern erstmalig stattfand, hat die LAG eine Fortbildungsveranstaltung geschaffen, die sich heute als „die größte europäische Veranstaltung in diesem Segment“ etabliert hat und von 500 Teilnehmern besucht wird. „Das ist eine Zahl, bei der wir an unsere Grenzen kommen“, räumt Günter Brée ein. Das Themenspektrum des Schulbibliothekstages reicht von Methoden der Leseförderung über Medienerziehung bis hin zu praktischen Tipps und Tricks der Bibliotheksorganisation.

Nicht nur auf dem Bildungsforum der diesjährigen Buchmesse sind die Hessen vertreten, sie waren bereits drei Mal zu Gast auf der Leipziger Buchmesse. „Das ist eine Möglichkeit, uns über die hessische Landesgrenze bekannt zu machen, und wir haben von den Schulen dort großen Zuspruch bekommen“. Auch im Ausland ist man auf das Angebot der LAG aufmerksam geworden, und so wurden die Organisatoren im kommenden Jahr nach Österreich eingeladen.

Hessen vernetzt sich in Sachen Schulbibliotheken nicht nur international, sondern auch regional. Als erstes Bundesland hat Hessen alle Schulen mit einer einheitlichen Bibliotheken-Software ausgestattet, die bereits an jeder dritten Schule im Einsatz ist. Zugleich wurde eine Koordinierungsstelle vom Bildungsministerium am Weidig-Gymnasium in Butzbach eingerichtet. Hessen schließt damit zu den europäischen Nachbarn auf. In Frankreich und England sind solche Vernetzungen längst im Alltag der Schulen angekommen.

Trotz neuer Medien und interaktiver Netzwerke beobachten die Verantwortlichen der LAG Schulbibliotheken in Hessen, dass das traditionelle Medium Buch noch immer seinen Stellenwert bei den Schülerinnen und Schülern besitzt. „Es freut mich immer“, berichtet Günter Brée, „wenn ich einen Schüler treffe, der eine Stunde im Internet nach einer Barockkirche fahndet und mich dann fragt ‚Haben Sie nicht ein Buch für mich, in dem das drin steht?’“ Auch wenn die Sanddünen der Wüste auf Wanderschaft gehen, bleibt die Oase doch weiter bestehen.

Autor: Matthias Denke
Redaktionskontakt: denke@digitale-zeiten.de