Bericht

Einstiegsmedium Zeitschrift

28.04.2005

Das Projekt „Zeitschriften in die Schulen“ bereitet auch Leseunlustigen den Weg


„Kinder und Jugendliche dort abholen, wo sie stehen“, das ist eine oft verwendete Redewendung unter Pädagogen. Viele leseunlustige Jugendliche sind nun einmal nicht mit der Lektüre Schillerscher Werke aus der Reserve zu locken. Aber womit denn dann? Diese Frage stellten sich die Initiatoren des Projektes „Zeitschriften in die Schulen“. Ihre Antwort lautet „Zeitschriften“, sie sind unterhaltsam aufgemacht und zeitgemäß.

Ins Leben gerufen wurde das Projekt von der Stiftung Lesen und der Stiftung Presse-Grosso, die von dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger und von den bundesweit 83 Pressegrossisten unterstützt werden. Schirmherrin ist die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Christina Weiss.
Bereits zum zweiten Mal wird das Projekt im April durchgeführt. Ungefähr jede vierte von 16 000 angeschriebenen Schulen mache bei der Aktion mit, die größte Beteiligung gebe es in Hessen mit 43 Prozent, so die Stiftung Lesen.
Bundesweit sollen an 4 100 Schulen Zeitschriften die Leselust von Schülern wecken.

Leseförderung für die einen, Medienerziehung für die anderen
Die Bandbreite der Zeitschriften reicht von Brigitte, Spiegel, Titanic, Computer Bild bis hin zu Bravo-Girl. Insgesamt sind es 35 verschiedene Zeitschriften, in denen die Schülerinnen und Schüler schmökern können. Die Zeitschriften und Magazine werden in so genannten Schulboxen einmal in der Woche ausgetauscht. Dabei gibt es zwei verschiedene Sortimente für verschiedene Altersgruppen, einmal für die Klassen 5 bis 8 und einmal für die Stufen 9 bis 13. “Der regelmäßige Einsatz von Publikumszeitschriften weckt bei Schülerinnen und Schülern nachhaltig die Lust am Lesen und steigert das Textverständnis“, ist der Projektbeschreibung der Stiftung Lesen zu entnehmen. Aus diesem Grund sollten Zeitschriften einen festen Platz im Unterricht haben.

Die Lehrerinnen und Lehrer, die sich an diesem Projekt beteiligen möchten, erhalten eine 54-seitige Broschüre mit vielen Ideen für den Unterricht. Stehen bei Haupt- und Sonderschulen die Lesefreude und Leseförderung im engeren Sinne im Vordergrund, geht es in Realschulen und Gymnasien mehr um die Medienerziehung. Die Argumente für den Einsatz von Zeitschriften in Schulen wiegen schwer.

Ein Füllhorn an Themen und Herangehensweisen
Wie kann nun Unterrichtspraxis mit Zeitschriften aussehen? Allgemein empfehlen die Initiatoren, die Unterrichtsziele nicht nur kognitiv zu erarbeiten. Stattdessen sollen die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit erhalten, sich produktions- und handlungsorientiert mit den Themen auseinanderzusetzen. Dabei empfiehlt die Stiftung Lesen den „Methodenpluralismus“ im Unterricht. In Pro- und Contra-Gesprächen und so genannten Kreisgesprächen tauschen sich die Schüler aus oder sie schreiben Briefe an den Verfasser eines Artikels und schreiben Rezensionen.

Auch Aufbau und Struktur einer Zeitschrift, Differenzierung der Themen nach Informationen und Kriterien wie Aufmachung, Graphik und Wirkung lassen sich im Unterricht gut aufgreifen. Die Initiatoren geben Lehrenden Hilfestellung in Form einer Broschüre. Auch auf der Internetseite der Stiftung Lesen finden Lehrerinnen und Lehrer Vorschläge für die Vorbereitung und Durchführung ihrer Unterrichtsstunden. Hier gibt es Arbeitsblätter im PDF-Format zu Themen wie „Jugendzeitschriften: von der Kritik zum produktiven Gegenentwurf“, „Sach- und Fachtexte in Zeitschriften erschließen“, „Scheinwelt und Wirklichkeit – Werbung in Zeitschriften“ oder „Satirezeitschriften im Deutschunterricht“.

Sprachspiele und journalistische Techniken unter der Lupe
Auf welche Weise können Lehrerinnen und Lehrer diese Themen im Unterricht bearbeiten? Beim Thema „Satirezeitschriften im Unterricht“ lernen die Schülerinnen und Schüler beispielsweise Ironie, Satire, Humor, Sarkasmus kennen und lernen sie präzise zu benennen. Die Zeitschriften bieten einen großen Fundus an verschiedenen Textarten wie Glosse, Bericht, Feuilleton, die unter die Lupe genommen werden. So lernen die Jugendlichen die gestalterischen Mittel von Sprache und ihre Wirkung auf Leserinnen und Leser, insbesondere hinsichtlich ihres Zusammenwirkens zu verschiedenen Arten von Humor und Komik kennen.

Mögliche Ergebnisse der Analysen können sein: Neologismen, Euphemismen und auch Schimpfwörter als Mittel von Spott und Hohn. Die Jugendlichen erkennen Stereotypen, pfiffige Sprach- und Wortspiele, Vergleiche und Unterstellungen als Mittel der Verspottung. Streitbare Artikel fördern zudem die Kritikfreudigkeit der Schülerinnen und Schüler. Sie eignen sich, um Moral und Unmoral, Witz, Humor und Satire zu diskutieren. Im Laufe der Zeit gestalten die Jugendlichen eigene Titelseiten, fertigen Karikaturen an und verfassen zu guter Letzt selbst „komische“ Artikel.

Der resümierende Blick in die Vergangenheit
Die Initiatoren wissen nicht zuletzt deshalb, was bei den Schülerinnen und Schülern gut ankommt, weil Konzept, Zielsetzung, methodische Umsetzung und Resonanz aus vorangegangenen Projekten erfasst wurden. So fand bereits im Jahre 2003 ein Pilotprojekt an 630 Schulen in Baden-Württemberg statt, dessen begeisterte Rückmeldung von Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern die Veranstalter darin bestärkte, alle weiterführenden Schulen in Deutschland anzuschreiben, um diese Aktion auf bundesweiter Ebene zu realisieren. Fast 3 000 Schulen nahmen daraufhin im Jahre 2004 daran teil, so dass ungefähr 30 0000 Schüler erreicht wurden.
 
Spitzenreiter unter den Zeitschriften, Highlights bei den Themen
Die ausgefüllten Fragebögen ermöglichten eine sehr differenzierte Analyse des Leseverhaltens der Schülerinnen und Schüler, das alle „Leseförderungs-Experten“ interessiert. Es ist wohl nicht erstaunlich, dass die Jugendzeitschrift Bravo der Spitzenreiter bei den Jüngeren ist. Sie steht mit 67 Prozent an der Spitze der am liebsten gelesenen Zeitschriften, danach folgt bei den Mädchen Bravo-Girl mit 24 Prozent und Top of the Pops mit 21 Prozent. Aber auch politische Magazine wie Stern, Spiegel und Focus werden in der jüngeren Altersgruppe von immerhin 18 bis 22 Prozent gelesen. Bei der älteren Zielgruppe ist ebenfalls Bravo an der Spitze, ihr folgen die Zeitschriften Yam mit 21 Prozent und Auto Motor Sport mit 17 Prozent. Erst dann stehen Zeitschriften wie Glamour, Computer Bild Spiele, Bravo Girl und Sport Bild auf der Rangliste. Sie befinden sich mit zwölf Prozent auf einer Ebene mit Zeitschriften und Magazinen wie Spiegel, Focus oder Stern.

Was sich bei den favorisierten Zeitschriften zeigt, spiegelt sich auch bei den Lieblingsthemen wider: „Die Zusammenfassung der in der Zeitschriftenbox angebotenen Titel zu Sachgruppen ergibt bei den Jüngeren eine eindeutige Priorität der Jugendzeitschriften/Comics mit 91 beziehungsweise 75 Prozent“, heißt es im Text zur Begleitforschung der Stiftung Lesen. Dem folgen die Themenbereiche Computer und Technik 56 Prozent und Sport mit 38 Prozent.
Bei den älteren Schülerinnen und Schülern verhält es sich ähnlich: Auch sie bevorzugen Jugendzeitschriften und Comics, sie sind mit 41 Prozent die Spitzenreiter unter den Genres.

Gutes Zeugnis von allen Beteiligten
Neben den Lehrenden stellen auch die Schülerinnen und Schüler der Zeitschriftenaktion ein hervorragendes Zeugnis aus. 82 Prozent der jüngeren und 78 Prozent der älteren Schüler bewerten die Aktion mit sehr gut beziehungsweise gut. Die Kritik fällt milde aus. So bedauert Gustav, ein Schüler der Klasse fünf aus Freiburg:„Was mir nicht so gefallen hat, war, dass das Projekt so kurz war, ich hätte gerne noch länger daran gearbeitet. Dass der Lehrer uns freie Hand gelassen hat bei unseren Ordnern, hat mir sehr gut gefallen, so lernt man nämlich, selbstständig zu sein.“

Das Konzept inklusive Zielsetzung, Umsetzung und schließlich die Ergebnisse des Projektes überzeugen – was im Sinne der Leseförderung aber mehr noch besticht ist, daß „Zeitschriften in die Schulen“ besonders Schülerinnen und Schüler jener Schularten erreicht, bei denen die Leseförderung besonders dringlich ist - Hauptschüler und Sonderschüler und auch Jungen, „ die traditionell eher zur Lesefaulheit und Leseschwäche neigen als ihre Klassenkameradinnen“. Hier „stieß das Thema im vergangenen Jahr auf große Begeisterung“, freut sich Klaus Dieter Wülfrath, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Presse-Grosso und teilt diese Freude mit jenen, die den pädagogischen Anspruch „Kinder und Jugendliche dort abzuholen, wo sie stehen“ nicht als bloße Phrase verstehen.

Internet: Projekt "Zeitschriften in die Schulen" auf der Seite der Stiftung Lesen  

Autorin: Katja Haug


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