Bericht

Lese- und Sprachförderung mit digitalen Medien

22.09.2017

Ausgewählte Projektkonzepte mit Vorbildcharakter


„Digitale Medienbildung ist ein Thema mit viel Potential – besonders in der Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit“, heißt es im Vorwort der Broschüre „Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien“ des Deutschen Bibliotheksverbandes e.V. Im Rahmen des gleichnamigen Projekts wurden in den Jahren 2013 bis 2017 viele spannende außerschulische Projekte zur Lese- und Sprachförderung mit digitalen Medien von lokalen Bündnissen für Bildung initiiert, konzipiert und mit Erfolg durchgeführt. 13 ausgewählte Projektkonzepte für Veranstaltungen mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 18 Jahren werden in der Publikation vorgestellt und zur Nachnutzung und Weiterentwicklung empfohlen. Die Broschüre steht auf der Website des Projekts zum kostenlosen Download zur Verfügung.

13 Projekte mit Vorbildcharakter
Im Rahmen der Sommerferienaktion „Bücherhelden.mov“ bauten Kinder in der Stadtbibliothek Bremen eine Märchenhöhle, in der mittels iPad gedrehte Buchtrailer präsentiert wurden. Tablets, Beamer, Leinwand, Kameraausrüstung, Flip-Chart, Moderationskoffer und Internet kamen im Projekt „Lesen? – Krass!“ zum Einsatz. Jugendliche aus dem Kerpener Stadtteil Blatzheim schrieben nach dem Vorbild des Buches „California Dreaming“ von David Fermer eigene Texte und setzten diese in kurzen Filmsequenzen szenisch um. Mit Tablets, GPS-Geräten und der Actionbound-App begaben sich Schülerinnen und Schüler der Grund- und Mittelschule Oberhaid auf die Spuren von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Ihre Kreativität sowie ihre Sprach-, Erzähl-, Schreib- und Medienkompetenz konnten Bielefelder Kinder beim Drehen von Stopmotion-Filmen weiterentwickeln. Computerspiele für 12- bis 16-Jährige testete und bewertete die JungeGamingJury in der Stadtteilbibliothek Ost in Stuttgart und im sächsischen Neustadt entwickelten 15 Kinder mit professioneller Unterstützung das Theaterstück „Das Märchenkompott“ und führten es auf. Unter dem Motto „Sprache verbindet“ entstand in Neustrelitz im Rahmen eines interkulturellen Ferienworkshops das E-Book „Die lustige Klassenfahrt“. Fotostorys über „Heldinnen und Helden des Alltags“ entwickelten 6- bis 12-Jährige mithilfe von Tablets in Moers und in Marburg wurden Tablets für eine Entdeckungsreise in der eigenen Stadt genutzt. Das Netzwerk Lesekompetenz Homburg initiierte das Projekt „Willkommen in unserer Stadt“, an dem zehn deutsche und zehn syrische Kinder teilnahmen und gemeinsam eine Schnitzeljagd durch Homburg entwickelten. Im Rahmen des Projekts „Leseräume Oberstenfeld“ begaben sich Kinder und Jugendliche mit und ohne Fluchthintergrund auf eine Entdeckungstour durch die Gemeinde und eroberten besondere Leseorte, drehten gemeinsam mit einer medienpädagogischen Fachkraft kurze Filme über ihre Erlebnisse und stellten diese in einem literarischen Actionbound zusammen. „Wie kommt das W in den Baum“, fragten sich Potsdamer Kinder, suchten nach Buchstaben in ihrer Stadt und fotografierten ihre Funde. Anschließend wurden die Buchstabenbilder künstlerisch und literarisch verwandelt und in einer Ausstellung präsentiert. Inspiriert von einer Geschichte über das Leben einer Familie in den 50er Jahren erarbeiteten 8 Mädchen in der Stadtbücherei Gladbeck eine Fotogeschichte zum Thema „Gladbeck – gestern und heute“.
Nachfolgend veröffentlichen wir als Leseprobe die Beschreibung des Projekts „Sprache verbindet – Interkultureller Ferienworkshop“ (S.13 bis 15).

Sprache verbindet – Interkultureller Ferienworkshop
Ein Bericht der AWO Vielfalt Mecklenburgische Seenplatte gGmbH in Kooperation mit der Grundschule „Am Wall“ Friedland und dem Förderverein der Grundschule „Am Wall“ Friedland e.V. über die Entwicklung einer eigenen Geschichte und die Erstellung eines E-Books in einem Lese-Camp für 8- bis 12-Jährige.

Im Vorfeld der Durchführung gab es eine gemeinsame Vorbereitungsphase der Bündnispartner. Über den Förderverein der Grundschule „Am Wall“ Friedland wurden Mitglieder des Vereins und Eltern als mögliche ehrenamtliche Kräfte
angesprochen. Über die AWO Vielfalt und die Grundschule „Am Wall“ Friedland konnten weitere ehrenamtliche Kräfte gewonnen werden.

Durch die AWO Vielfalt wurde eine Künstlerin mit medienpädagogischer Ausrichtung für das Projekt interessiert und im Vorfeld die technischen Geräte beschafft. Durch die Projektleitung wurde mit Unterstützung der Grundschule „Am Wall“ Friedland das Projekt unter den Kindern in der Schule bekannt gemacht. Alle Kinder der 1. bis 3. Klassen erhielten ein Informationsschreiben und konnten sich bei Interesse anmelden. Insgesamt waren 12 Plätze zu vergeben. Aufgrund der hohen Anzahl an Rückmeldungen wurden die letztlich teilnehmenden Kinder ausgelost.

Im Rahmen eines Treffens der aktiv am Projekt mitwirkenden Erwachsenen wurden die Planung, die Aufteilung der einzelnen Aufgaben und Verantwortlichkeiten sowie die Rahmenbedingungen besprochen. Darüber hinaus wurde die Technik für den Einsatz vorbereitet und es erfolgte ein gemeinsames sich vertraut machen mit den iPads. Weiterhin wurden offene organisatorische Fragen geklärt.

Tag 1: Gemeinsame Anreise zur Jugendherberge Ueckermünde. Nach Begrüßung und gemeinsamer Kennenlernphase wurden mit den Kindern die Grundidee des Lese-Camps sowie die zeitlichen Abläufe besprochen. Darüber hinaus wurden Erwartungen der Kinder an das Projekt und eigene Erfahrungen mit Büchern thematisiert. Es erfolgte die Einführung in die iPads. Im Anschluss an eine Phase des selbständigen Ausprobierens der vorgestellten iPad-Funktionen gingen die Kinder in eine erste Arbeitsphase über. Sie erfanden erste Buchfiguren, malten diese auf und beschrieben sie den anderen Gruppenmitgliedern. Mit einem gemeinsamen Abendbrot und einem Spieleabend endete der erste Tag.

Tag 2: Zuerst erfolgte in der Großgruppe das Sortieren der von den Kindern erstellten Charaktere. Unter Anleitung der Künstlerin wurde ein grobes Storyboard erstellt und ein Beginn für die Geschichte überlegt. Danach fanden sich die Kinder in vier Dreiergruppen zusammen. Jede Kleingruppe wurde dabei von einem Erwachsenen betreut. In den Kleingruppen wurden weitere Ideen für das Buch gesammelt und erste Szenen dafür geschrieben. Dabei tippten die Kinder abwechselnd Texte auf dem iPad und diskutierten darüber. Kinder, die zunächst weniger am Schreiben beteiligt waren, malten in ihren Gruppen thematisch bezogen auf das Besprochene und Geschriebene.
Nach einer Mittagspause wurden gemeinsam die Ideen der Kinder aus den Kleingruppen gesammelt, erste Szenen wurden unter den Kleingruppen aufgeteilt. Sie wurden in der weiteren Kleingruppenarbeit getextet, gemalt und vertont.
Begleitend zum Text nahmen die Kinder Geräusche auf, um den Inhalt des Geschriebenen zu unterstreichen. Im Plenum wurde abgestimmt, wer als reale Person in dem Buch auftauchen möchte, wer lieber eine Phantasiegestalt ist und wie der Bösewicht des Buches heißen sollte. Die Kinder einigten sich auf den Namen Civil Käsefuß, der als Busfahrer im Buch auftauchen sollte. Da die Temperaturen am zweiten Projekttag weit über 30°C erreichten und die Kinder am frühen Nachmittag bereits erschöpft waren, fuhren alle gemeinsam ans Ueckermünder Haff zum Baden. In diesem Rahmen konnten sich die Kinder noch einmal besser kennenlernen. Nach dem Abendbrot fand ein gemeinsamer Filmabend statt.

Tag 3: Am dritten Tag wurden die Ideen und Ergebnisse des Vortags durch die Kleingruppen im Plenum vorgestellt. Das Storyboard wurde durch neue Ideen und Szenenvorschläge erweitert. Die Arbeit in den Kleingruppen hatte gezeigt, dass die Kinder die Funktionen im Bereich Foto und Ton der iPads nur wenig nutzten. Sie wurden darin bestärkt, mehr Geräusche und Bilder mit den iPads aufzunehmen, um der Geschichte einen mehrdimensionalen Charakter zu verleihen.
Nach dieser Phase im Plenum wurden weitere Kapitel des Storyboards auf die Kleingruppen aufgeteilt und es erfolgte bis zum Mittagessen eine entsprechende Arbeit. Die Zusammensetzung dieser Gruppen konnte dabei von Tag zu Tag, je nach Interesse an der zu schreibenden Szene, wechseln. Am Nachmittag standen Spaß und Aktivität im Vordergrund: Als Höhepunkte erfolgten ein Besuch des Kletterwaldes in Ueckermünde und ein gemeinsamer Grill- und Spieleabend.

Tag 4: Am letzten Tag trafen sich alle zur letzten gemeinsamen Arbeitsphase im Seminarraum. Die Arbeit erfolgte zunächst in Kleingruppen, da die letzten Szenen zu Ende geschrieben werden mussten. Danach wurden die Szenen in geordneter Reihenfolge im Plenum vorgestellt, sodass am Ende das komplette Buch von den Kindern vorgelesen wurde. In Rahmen dieser ersten Abschlusspräsentation wurden Unstimmigkeiten und holprige Stellen überarbeitet und angepasst. Des Weiteren stimmten die Kinder über den Titel des Buches ab. Die endgültige Entscheidung fiel auf den Titel „Die lustige Klassenfahrt“. Danach wurden mit den Kindern noch Fotos ausgewählt und besprochen, an welcher Stelle diese im Buch auftauchen sollten. Nach dem Mittagessen und vor der gemeinsamen Heimfahrt wurde das Buch abschließend noch einmal mit allen Bildern und Tönen gelesen und vorgestellt. Dabei wurden wiederum Beamer und iPad genutzt, um das Buch auf der Leinwand für alle sichtbar zu machen.
Nach Durchführung des Lese-Camps wurde das erstellte E-Book durch die Künstlerin einheitlich formatiert, layoutet und letzte inhaltliche Unstimmigkeiten wurden behoben. Der Vorschlag der Kinder, die vielen unterschiedlichen Ideen und Charaktere des Buches in einer Art Traumreise zusammenzuführen, hat dem Buch letztlich trotz der vielfältigen Einfälle und Einflüsse einen runden Charakter verliehen.

Am 06.10.2016 erfolgte mit allen am Projekt beteiligten Erwachsenen und Kindern ein Treffen in den Räumlichkeiten der Schule zur Vorbereitung der Buchpräsentation. Das Buch wurde in seiner Endfassung noch einmal gelesen und es wurde ein gemeinsamer Termin zur Präsentation in der Bibliothek festgelegt. Darüber hinaus wurden die entsprechenden Leseauszüge aus dem Buch an die Kinder zum Üben ausgeteilt – in Vorbereitung auf den großen Präsentationstag.

Passend am 18.11.2016, dem bundesweiten Vorlesetag, wurde das Buch „Die lustige Klassenfahrt“ öffentlich in der Stadtbibliothek Friedland präsentiert. Neben den Kindern waren auch Eltern und Lehrer/-innen anwesend. Insgesamt gab es an diesem Tag drei Präsentationsdurchläufe, jeweils mit einer Dauer von ca. 45 Minuten. Die jungen Autorinnen und Autoren begrüßten die Gäste und lasen auch selbst aus ihrem Buch vor. Ein Pressevertreter vom Nordkurier war ebenfalls anwesend. Der Beifall und die Begeisterung der Gäste waren groß. In den folgenden Tagen wurde das Buch in verschiedenen Klassen der Grundschule vorgestellt.

Format: Ferienaktion

Dauer: 1 Vorbereitungstreffen mit allen begleitenden Erwachsenen (ca. 4 h),
4 Tage Lese-Camp in einer Jugendherberge, 1 Nachbereitungstreffen mit allen Kindern und Erwachsenen (ca. 4 h), 1 Präsentationstag für das fertige Buch (ca. 6 h)

Gruppengröße: 12 Kinder

Personalaufwand: 1 hauptamtliche Fachkraft, externe Honorarkräfte (1 Medienpädagoge/-pädagogin), 3 Ehrenamtliche

Genutzte Technik: 4 Tablets, Beamer, mobile Leinwand

Was wird sonst benötigt: 1 Gruppenarbeitsraum mit Internetanschluss, Apps (iBook-Creater, MSQRD), Blöcke, Stifte, Flipchart, Anschlusskabel (HDMI, Adapter von I-PAD zu Beamer)

Vorbereitung: Informationsschreiben ausgeben, Anmeldungen der Kinder sammeln, ehrenamtliche Personen anwerben, Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeit organisieren, Fahrzeuge organisieren, Technik einkaufen, Software aufspielen, Apps besorgen, Programmpunkte planen

Tipps: Technisches Equipment wenigstens 1x vorab im Probedurchlauf prüfen (vor allen Dingen die Kompatibilität der einzelnen Geräte). Ersatzteilnehmer/-innen im Vorfeld auswählen, die ggf. auch kurzfristig nachrutschen können, wenn jemand z.B. krank wird. Alle Teilnehmenden vor Start des Lese-Camps noch einmal kontaktieren und die tatsächliche Teilnahme bestätigen lassen.

Konzept: AWO Vielfalt Mecklenburgische Seenplatte gGmbH in Kooperation mit der Grundschule „Am Wall“ Friedland und dem Förderverein der Grundschule „Am Wall“ Friedland e.V.
Kontakt: hausknecht.kjs@awo-neustrelitz.de

Stand: 10. März 2017


Über das Projekt „Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien“
„Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien“ war ein Projekt des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. (dbv) in Kooperation mit der Stiftung Digitale Chancen, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Programms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“. Von 2013 bis 2017 unterstützten die Projektpartner regionale „Bündnisse für Bildung“ bei der Umsetzung von altersgerechten Lesefördermaßnahmen mit digitalen Medien insbesondere für bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 18 Jahren.
Das BMBF-Programm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ wird ab 2018 fortgesetzt. Mit seinem Konzept „Total digital! Lesen und erzählen mit digitalen Medien“ wurde der dbv zur weiteren Förderung vorgeschlagen.

Kontakt:
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