Bericht

Auf dem Weg zur Facharbeit

25.11.2011

Erfahrungsaustausch zwischen Schule und Bibliothek


Am 8. September 2011 trafen sich in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek (GWLB) in Hannover etwa 80 Lehrerinnen und Lehrer sowie Bibliothekarinnen und Bibliothekare zu der gemeinsamen Tagung „Wege zur Facharbeit“. Eingeladen hatten die GWLB und die Landesbibliothek Oldenburg, federführend war die an der GWLB angesiedelte Akademie für Leseförderung der Stiftung Lesen. Ziel der Tagung war fünf Jahre nach Einführung des Seminarfaches an niedersächsischen Schulen mit gymnasialer Oberstufe der Erfahrungsaustausch von Lehrerinnen und Lehrern mit Bibliothekarinnen und Bibliothekaren vor allem beim Umgang mit den Herausforderungen der Facharbeit in der Praxis sowie die Diskussion von Perspektiven zur Weiterentwicklung des Seminarfachs.

... wenn jede Schule eine Schulbibliothek hätte
Der Vormittag, der vor allem für die Präsentation von Praxismodellen reserviert war, wurde von Ministerialrat Rolf Bade, Referatsleiter im Niedersächsischen Kultusministerium, eröffnet. Bade forderte in seinem Vortrag, das selbständige Erarbeiten der Facharbeit durch die Schülerinnen und Schüler noch stärker hervorzuheben. Er griff damit eine Aussage seines Vorredners Dr. Andreas Müller von der Akademie für Leseförderung auf, der davon abriet die Schülerinnen und Schüler zu sehr „an die Hand zu nehmen“. Bade vertrat weiter die Auffassung, dass das Seminarfach nicht wie in manchen Schulen praktiziert fest an ein Unterrichtsfach geknüpft werden solle. Eine Aussage, die später durch verschiedene Berichte aus der Praxis eindrucksvoll bestätigt wurde. Auf die Anmerkung eines Lehrers, dass das geforderte selbständige Erarbeiten der Facharbeit durch die Schülerinnen und Schüler mangels Raum in der Schule in der Regel unter wenig geeigneten Umständen zu Hause stattfinde, reagierte Bade mit einer bemerkenswerten Aussage: „Es wäre wünschenswert, wenn jede Schule eine Schulbibliothek hätte!“ Wenn auch – aus bibliothekarischer Sicht – recht vorsichtig formuliert, ist dies doch eine erfreuliche Ansicht.

Das können Studierende nicht
Was die Schülerinnen und Schüler im Seminarfach tatsächlich gelernt haben und was Hochschulen sich wünschten, stellte Professor Dr. Karl H. Schneider, Historiker und Leiter des Zentrums für Lehrerbildung an der Leibniz Universität Hannover, am Beispiel von Erstsemestern dar. Zunächst brauche man für das Erstellen einer Hausarbeit an der Hochschule eine konkrete Fragestellung. Schneider war sich sicher: „Das können Studierende in den ersten Semestern nicht.“ Eine wichtige Erkenntnis, die hoffentlich dazu führt, dass der oft vernachlässigte Aspekt der Informationskompetenz, einen Informationsbedarf erkennen und formulieren zu können, stärker als bisher in den Fokus genommen wird. Ausführlich widmete sich Schneider auch dem Komplex Recherchefähigkeiten: Er bescheinigte den Abiturienten/Erstsemestern schlechte Internet- und EDV-Kompetenz, kaum Kompetenzen im Umgang mit Informationen und große Probleme beim Finden von seriösen Informationen.

Doch ein ganz anderer, viel grundlegenderer Aspekt erstaunte: Es gebe einen hohen Anteil an Studierenden, die nicht fähig seien Texte zu lesen und zu verstehen, die keinen kritischen, bewussten Umgang mit Texten erlernt hätten – eigentlich eine Basiskompetenz für ein erfolgreiches Studium. Die Probleme beim Lesen wirkten sich darüber hinaus auch auf das Schreiben aus, es werde oft keine Fragestellung bearbeitet, sondern ein einfaches Schema à la Einleitung, Hauptteil, Schluss abgearbeitet.

Was folgt aus diesen Erkenntnissen? Schneider sprach sich für eine Ausweitung der Zusammenarbeit von Hochschulen und Schulen aus; die Computer- und Internetkompetenz der Lehrerinnen und Lehrer müsse gestärkt werden, schon beim Umgang mit Textverarbeitung, aber auch bei der Aufdeckung von Plagiaten. Ziel müsse es sein, dass Schülerinnen und Schüler lernen, sorgfältig zu lesen und zu schreiben. Im Anschluss entstand eine spannende Diskussion ausgehend von der Frage, ob die wegen der Verkürzung der Schulzeit immer jünger werdenden Abiturienten einerseits und die wegen der Verkürzung der Studiendauer immer jüngeren Studierenden anderseits überhaupt ausreichend kognitive Fähigkeiten besäßen, um die formulierten Anforderungen zu erfüllen. Auch die Frage der Aufgabenteilung zwischen Schule und Hochschule (Wer vermittelt was und auf welchem Niveau?) konnte in diesem Rahmen nicht abschließend geklärt werden.

Copy & Paste schon bei der Themenfindung entgegentreten
Ein weiterer Bericht aus der Praxis kam von Axel Reiche, Lehrer am Gymnasium Meckelfeld. Folgende Kriterien sollten laut Reiche für die Themenfindung des Seminarfaches beachtet werden:
  • Neugierde bzw. Schülerinteresse
  • Fächerübergriff
  • Lehrerexpertise
  • Kooperationen, Schulpartnerschaften und Klassen- bzw. Kursfahrten
Die in niedersächsischen Schulen tatsächlich verwendeten Kursthemen machte Reiche im Rahmen einer Internetrecherche ausfindig und gruppierte sie folgendermaßen:
  • Themen mit regionalem Bezug
  • Filme
  • historische Naturwissenschaft
  • fächerübergreifende Themen zu bestimmten Regionen, z.B. Armenien, Israel
  • besondere Anlässe
Schon bei der Themenfindung könne man erfolgreich dem Problem von Copy & Paste begegnen. Aus Anlass der geplanten Schließung des Altonaer Museums in Hamburg waren Schülerinnen und Schüler aufgefordert je ein Museum genauer zu erkunden und darzustellen; auch die geforderte Auseinandersetzung mit der öffentlichen Debatte um die Museumsschließung half, die Gefahr des reinen Kopierens von Inhalten für die Facharbeit zu minimieren, weil vorgefertigte Texte wie Wikipedia-Artikel einfach noch nicht existieren. Wichtig bei der Themenfindung sei es zum Einen die (wissenschaftliche) Neugier der Schülerinnen und Schüler zu wecken, was zum Großteil schon durch das Aktivieren des Vorwissens geschehen kann, und zum Anderen eine These oder Leitfrage deutlich herauszustellen, die Orientierung im Thema gibt. Reiche verwies in diesem Zusammenhang auf das Rechercheplakat 1, das helfe, Begriffe zu klären und das Thema zu strukturieren, das also gut geeignet sei, die gewünschten Anforderungen zu erfüllen. Im konkreten Beispiel führten die Schülerinnen und Schüler auch eine fiktive Haushaltsdebatte, in der die Frage geklärt werden sollte, welches Museum zukünftig wie viel Geld erhalten sollte. Auch dies ein gutes Beispiel, wie neu gefundenes Wissen im Sinne von Informationskompetenz sinnvoll und effektiv genutzt werden kann. Trotz allem konnte auch der Beitrag von Reiche die Frage, wie wissenschaftlich eine Facharbeit sein kann bzw. muss nicht klären.

Katharina Worm, Reiches Kollegin am Gymnasium Meckelfeld, stellte anschließend das Thema „Sport & Gesundheit“ als Beispiel für ein fächerübergreifendes Seminarfachthema dar. An dieser Schule gibt es übrigens feste Kurse im Rahmen eines Spiralcurriculums zu den drei Themenbereichen EDV/Textverarbeitung, Zitieren und Recherchieren. Für die Schülerinnen und Schüler sicher eine gute Vorbereitung auf das Seminarfach.

Eigene Wege gehen
Am Nachmittag wurden drei Workshops angeboten, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Gelegenheit boten, selbst aktiv zu werden. Im ersten Workshop, zum Thema „Seminarfach-Gesamtplanung“ und geleitet von Burkhard Wetekam, wurde zunächst eine Bestandsaufnahme von organisatorischen und inhaltlichen Konzepten verschiedener Schulen vorgenommen, um auf dieser Basis in die Diskussion einzusteigen. Folgende Leitfragen wurden dabei in Kleingruppen behandelt:
  • Gibt es eine ideale Folge von Inhalten?
  • Wo steht das Seminarfach zwischen Leistungskursen und Facharbeit?
  • Welche Rahmenbedingungen sind verbesserungsfähig?
  • Welche Chancen bietet das Seminarfach für die Schüler und die Zusammenarbeit mit außerschulischen Einrichtungen?
Ergebnis des Austausches war unter anderem, dass ein Gestaltungswille der Schulen vorhanden ist und dass Spielräume in diesem Bereich auf jeden Fall genutzt werden sollten. Auch die Themen Bewertung bzw. Gewichtung des Seminarfaches und der Facharbeit wurden diskutiert. Einig waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops, dass die Schulen grundsätzlich selbstbewusst genug seien, hier eigene Wege zu gehen.

Hand in Hand zu guten Rechercheergebnissen
Der zweite Workshop stand unter dem vielversprechenden Motto „Bibliotheken und Schulen als Partner bei der Facharbeit: Hand in Hand zu guten Rechercheergebnissen“ und wurde kooperativ von den Bibliothekarinnen Michaela Klinkow von der Landesbibliothek Oldenburg und Brigitte Kranz vom Bibliotheks- und Informationssystem (BIS) der Universität Oldenburg sowie Wübke Heinemeyer, Lehrerin am Oldenburg-Kolleg, geleitet. Zunächst stand die Vorstellung des Schu:Bi-Netzwerkes auf dem Programm. In ihm arbeiten Oldenburger Schulen und Bibliotheken als Bildungspartner zusammen. Das Schu:Bi-Konzept sieht aufeinander aufbauende Schulungsmodule von Klasse 1 bis 12 vor und will so systematisch und kooperativ die Lese- und Informationskompetenz von Schülerinnen und Schülern fördern.

Hilfreich für viele Lehrerinnen und Lehrer waren sicher die Informationen zu den Ressourcen einer wissenschaftlichen Bibliothek und die im Rahmen von Übungen im Internet erkundeten Rechercheinstrumente. In der abschließenden Diskussion konnte festgestellt werden, dass anders als in Oldenburg oftmals große Informationsdefizite auf beiden Seiten herrschen: Während sich die Lehrerin fragt, wie man eigentlich an einen Bibliotheksausweis kommt, ist dem Schulungsbibliothekar oft unklar, an welchem Punkt die Schülerinnen und Schüler eigentlich stehen, wenn sie in die Bibliothek kommen. Der im Workshop begonnene Dialog muss also in die Breite getragen und fortgesetzt werden.

Vertieft, selbständig, wissenschaftspropädeutisch
Dr. Marion Pausch von der Käthe-Kollwitz-Schule Hannover gestaltete den dritten Workshop zum „Wissenschaftlichen Schreiben und Präsentieren“. Ausgehend von drei Begriffen aus den offiziellen Bestimmungen 2, die beschreiben, was eine Facharbeit ausmacht, tauschten sich die Kleingruppen über den Begriff des „wissenschaftlichen Schreibens“ aus. Ziel war es, Mindeststandards zu definieren, die unter anderem als Bewertungskriterien herangezogen werden können. Unter „vertieft“ ist nach Meinung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu verstehen, dass der Text einer Facharbeit mehr als reine Informationswiedergabe leisten müsse, eine Auseinandersetzung mit dem gegebenen Thema an einem konkreten Beispiel sei dabei hilfreich. „Selbständig“ heiße, dass die Schülerinnen und Schüler in der Facharbeit einerseits zu eigenen Ergebnissen kommen sollten, andererseits heiße das aber auch, dass sie aus eigenem Antrieb die Beratung von Lehrerinnen und Lehrern (und der Bibliotheken) in Anspruch nehmen. Der dritte Begriff, „wissenschaftspropädeutisch“ lasse sich zunächst einmal durch die Formalia wissenschaftlichen Arbeitens definieren, also beispielsweise durch Zitierstandards, aber auch durch eine erste kritische (wissenschaftliche) Auseinandersetzung mit dem gewählten Thema. Schlüsselbegriff der Facharbeit ist also neben „Recherchieren“ vor allem „Schreiben“.

Für einen Bibliothekar war gerade die Teilnahme an diesem letzten Workshop sehr aufschlussreich, da ein Austausch über derartige Fragen zwischen den beiden Berufsgruppen in der Regel nicht stattfindet und die Vorstellungen naturgemäß zum Teil weit auseinander liegen.

Man sieht sich
Das Abschlussplenum der Tagung bot dann noch zwei hoffnungsvolle Ausblicke: Zum Einen wurde der von der Kommission Bibliothek und Schule im Deutschen Bibliotheksverband (dbv) initiierte Entwurf eines „Gemeinsamen Referenzrahmens Informationskompetenz“ vorgestellt. Dieser ermöglicht anhand eines Kompetenzrasters unter anderem eine Verständigung über die Bestandteile der Informationskompetenz in verschiedenen Niveaustufen sowie eine klare Aufgabenteilung zwischen Schulen und Bibliotheken bei der Vermittlung. Zum Anderen stellte Dr. Andreas Müller die Dokumentation der Tagungsergebnisse in Aussicht, die in eine Handreichung zu Seminarfach und Facharbeit münden soll. Die Tagungsteilnehmer begrüßten dieses Anliegen und brachten zum Ausdruck, dass eine Folgetagung zwecks Vertiefung und Weiterentwicklung der angerissenen Themen dringend notwendig sei.

Autor:
Dipl.-Inform.wirt (FH) Andreas Klingenberg
INFOKOS – Informationskompetenz für Schüler e. V.
Hochschule Ostwestfalen-Lippe Detmold
E-Mail: a.klingenberg@web.de

Anmerkungen:
1 Pausch, Marion ; Borstelmann, Arne ; Müller, Andreas: Selbständig lernen durch Recherche : Klasse 5/6 ; mit 13 Arbeitsblättern. Hannover : Transfer Medien ; Akademie für Leseförderung der Stiftung Lesen an der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek Hannover, 2011 (Cheopps; 1)

2 Ergänzende Bestimmungen zur Verordnung über die gymnasiale Oberstufe (EB-VO-GO) zuletzt geändert mit RdErl. vom 17.5.2010, Satz 10.10: „(…) Die Facharbeit gibt den Schülerinnen und Schülern exemplarisch Gelegenheit zur vertieften selbstständigen wissenschaftspropädeutischen Arbeit. (…)“
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