Bericht

Digitale Konkurrenz und Trivialliteratur

29.10.2010

Die Gefährdung des Lesens im 21. Jahrhundert




Bücher auf dem Ramschtisch
Bücher auf dem Ramschtisch
© Laura Paul

In ihrer Bachelorarbeit „Vom gefährlichen zum gefährdeten Lesen – Debatten um das Lesen im Vergleich“, eingereicht an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) im Januar 2010, setzt sich Laura Paul mit den Bedingungen und Ursachen der konträren Auffassungen des Lesebegriffes im 18. und 21. Jahrhundert auseinander. Sie betrachtet und vergleicht die literarische Sozialisation sowie die Ausbildung und Entwicklung des Leseverhaltens in beiden Epochen und geht auf die unterschiedlich geführten Debatten über das Lesen in beiden Zeiträumen ein. Im ersten Teil der Arbeit gibt die Autorin einen Überblick über die Lesesituation im 18. Jahrhundert, betrachtet die Voraussetzungen, die eine Ausbreitung des Leseverhaltens ermöglichten und unterstützten, sowie die Zusammensetzung des Lesepublikums und dessen Art und Weise der Rezeption. Die Diskussionen um die „Gefährlichkeit des Lesens“ werden im Kapitel 3 dargestellt.
Im zweiten Teil ihrer Arbeit untersucht Laura Paul, wie es dazu kam, dass das Lesen, das im 18. Jahrhundert noch als gefährlich galt, nun im 21. Jahrhundert als gefährdet gilt. Dazu werden gleichermaßen das Lesepublikum und die Bedeutung des Lesens betrachtet und Publikationen zum und über das Lesen im 21. Jahrhundert herangezogen. Als exemplarisches Beispiel für einen populären Roman des 21. Jahrhunderts wird die „Bis(s)“-Reihe von Stephenie Meyer hinsichtlich ihrer Wirkung auf junge Leserinnen und Leser vorgestellt.
Wir veröffentlichen das Kapitel 5 „Zur Gefährdung des Lesens“ und das Fazit der Arbeit.

Zur Gefährdung des Lesens
Eine weit verbreitete Ansicht besagt, dass heutzutage nicht mehr beziehungsweise deutlich weniger gelesen wird. Bröger liefert zu dieser sehr verallgemeinernden These einen lesenswerten Gegenentwurf. Er stellt explizit fest, dass er dieser Behauptung seiner Erfahrung nach nicht zustimmen kann. In diesem Sinne fragt er auch nach den sogenannten „goldenen Lesezeiten“: „Waren sie vor dem Krieg, die goldenen Lesezeiten? Als es kaum Literatur gab und häufig die Haltung 'Kinder sitzt nicht da und lest, sondern tut was.' Oder waren die goldenen Lesezeiten nach dem Krieg, also vor dem Beginn der Fernsehzeit? Wohl eher nicht, bei den Bibliotheken von damals, der Literatur, die es gab, und dem Geld, das dafür vorhanden war.“ (Bröger 1996: 27). Auch wenn man noch frühere Epochen betrachtet, finden sich keine Ansätze eines goldenen Lesezeitalters. Wie in den Ausführungen zum 18. Jahrhundert bereits deutlich wurde, waren ehemalige Zeiten durchaus vom Gegenteil geprägt. Hier sei nur noch einmal auf die Warnungen vor der Lesesucht und auch vor der Isolierung durch einsames Lesen hingewiesen, die entsprechende Leseverbote provozierten.

Wie man den vorhergehenden Ausführungen entnehmen kann, ist die Tätigkeit des Lesens an sich nicht unbedingt gefährdet. Auch im Medienzeitalter ist die Lesefähigkeit für die Nutzung der Neuen Medien – allen voran des Internets – unerlässlich. Betrachtet man die damit verbundenen Dienste wie Blogs, Online-Lexika usw. wird deutlich, dass es sich hierbei immer noch um Lese- und Schreibtätigkeiten handelt, wenn auch durch eine vollständig neue Umgebung und zum Teil neue Intentionen geprägt. Hausmann stellt dazu in seinen Ausführungen auf die heutige Zeit bezogen fest: „Es wird soviel geschrieben und gelesen wie noch nie zuvor.“ (Hausmann 2009: 38). Die Problemstellung liegt damit also nicht bei der Erhaltung einer vermeintlich aussterbenden Kulturtechnik, sondern vielmehr in dem unabweisbaren und extremen Wandel, den sie durchläuft. Auch die Angaben zu den jährlich erscheinenden Büchern lassen erkennen, dass das 21. Jahrhundert durch eine bisher nicht da gewesene Fülle an Lektüre geprägt ist. Dies belegen beispielsweise die jährlich 80 000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt (vgl. Güntner 2009: 11).

Auf den ersten Blick unterstützt dies also nicht die These des gefährdeten Lesens. Doch eine nähere Betrachtung lohnt, da sich daraus schon bald eine sehr viel deutlichere und differenziertere Darstellung der eigentlichen Bedrohung ergibt. Zudem ist die Tatsache eines großen Bücherangebotes nicht gleichbedeutend mit einem ebenso großen Lesepublikum. Und darüber hinaus sollte auch bedacht werden, dass ein Großteil des Bücherangebotes aus Ratgebern und im weitesten Sinne „leichter“ Unterhaltungsliteratur besteht.

Bedingt durch den Wandel der Lesemotive ergibt sich auch ein Wandel der verfügbaren Lektüre – das Angebot bestimmt auch hier die Nachfrage. Die veränderte Motivation zum Lesen zieht darüber hinaus Veränderungen in der Lesesozialisation und der Lesekompetenz nach sich. Schwer lesbare oder als kompliziert empfundene Literatur wird zugunsten leichteren Lesestoffs verdrängt, was sich letztendlich in einer schwindenden Diversifikation des Buchangebotes niederschlägt.

Ein weiterer Punkt, der das Leseverhalten negativ beeinflusst, ist, dass sich das Lesen zunehmend gegenüber anderen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung behaupten muss. Medien wie der Fernseher, das Telefon und das Internet finden sich bei Umfragen nach der Nutzungshäufigkeit noch vor der Lektüre von Büchern (vgl. Stiftung Lesen 2008). Durch die immer weiter voranschreitende Technologisierung und mittlerweile nahezu flächendeckende Etablierung technischer Medien entstehen dem Buch immer mehr Konkurrenzverhältnisse, gegen die es sich durchsetzen muss.

Schlussendlich kommt zu dem Wandel des Leseverhaltens auch die Gefährdung des dazu genutzten Mediums hinzu: des gedruckten Textes. Bis zum Medienzeitalter besaßen die Druckerzeugnisse den Alleinstellungsanspruch über das Wort und die Wissensvermittlung. Doch mit der Technologisierung tritt die Bedrohung in Form von Digitalisierung auf. Texte sind zunehmend online und am Bildschirm verfügbar und stellen somit die Monopolstellung des gedruckten Textes ernsthaft in Frage.

Auf diese abschließend genannten Punkte, die als gefährdend für das Lesen beziehungsweise das Medium Buch gesehen werden können, soll nun im Folgenden näher eingegangen werden.

Technologisierung und Digitalisierung
Im 21. Jahrhundert ist der Text nicht mehr zwangsläufig an Druckerzeugnisse gebunden. Es ist vielmehr so, dass auch mithilfe technischer Medien (PC, E-Books) gelesen wird und viele Informationen visuell zugänglich sind.* Diese Trennung von Text und Papier ist nicht nur eine technische Weiterentwicklung, sondern kann durchaus auch als Bedrohung für das Medium Buch angesehen werden.

Das Buch, das über Jahrhunderte das Lesemedium schlechthin war, ist bedroht. Die wohl größte Gefahr für das Buch geht dabei von der zunehmend stattfindenden Digitalisierung aus. Dies soll hier am Beispiel der E-Books näher beschrieben werden, kann aber durchaus auch auf die Bildung von digitalen Bibliotheken, Wikipedia, Google Books usw. übertragen werden

Die Tatsache, dass ein E-Book sehr viel leichter ist und sich daher für Reise und Transport eher anbietet als ein Stapel Bücher, ist offensichtlich. Speicherkapazitäten von „im Extremfall […] bis zu 1500 Büchern“ (Lemm 2009) sprechen hierbei für sich. Des Weiteren führt die zunehmende Digitalisierung dazu, dass gedruckte Texte nunmehr zu einem stets verfügbaren Gut werden. Sie sind jederzeit und für jedermann schnell zugänglich. Und dies geht zweifelsfrei konform mit dem mobilen, flexiblen und allseits erreichbaren Lebensverständnis unserer Tage. Auch die Tatsache, dass eine Digitalisierung von Blindenverbänden als erhebliche Erleichterung begrüßt wird (vgl. Hofmann 2009: 30), sollte hierbei beachtet werden. Nicht zuletzt bietet die Digitalisierung auch die Möglichkeit einer bis zu diesen Zeitpunkt nicht möglichen Vervielfältigung und Erhaltung von Texten. So bleibt zum Beispiel auch der Zugriff auf vergriffene Ausgaben und verwaiste Werke** gewährleistet.

Die Schwierigkeiten, die mit der Digitalisierung einhergehen, dürfen dabei allerdings nicht außer Acht gelassen werden. Zum einen stellt sich das Problem der Produkt-Piraterie und damit auch des Urheberrechts. Digitale Bereitstellung bedeutet auch immer, dass sich der Text mehr oder weniger problemlos kopieren und weiterverwenden lässt. Ein massives Problem ist daher die Tatsache, „dass sich der Text über Suchfunktionen erschließen und mittels copy und paste bequem für eigene Zwecke plündern lässt.“ (Güntner 2009: 10). Es geht also nicht mehr um das selbstständige Erarbeiten von und Auseinandersetzen mit den Texten, sondern um das möglichst zeitsparende Aufbereiten bereits festgehaltener Gedanken anhand von einzelnen Stichwörtern und Stellen, die dann übernommen werden. Eine Binsenweisheit, dass das wohl kaum zu einem ausreichenden und tiefen Textverständnis führen kann und darüber hinaus im Extremfall als geistiger Diebstahl gilt. Dennoch gestaltet sich eben diese Problematik andernorts als unschätzbarer Vorteil. Besonders in den wissenschaftlichen Bereichen, die von schnellem Wandel und neuen Erkenntnissen geprägt sind, wird die Möglichkeit der digitalen Veröffentlichung von Materialien begrüßt. „Hier ist die elektronische Volltextrecherche ein willkommenes Hilfsmittel. Außerdem verkürzt die Online-Publikation die Zeit, die es braucht, um neue Erkenntnisse in der Scientific Community zu verbreiten.“ (Güntner 2009: 13).

Digitale Konkurrenz für Druckerzeugnisse
Es bleibt also festzuhalten, dass die fachliche Lektüre starke Tendenzen zur digitalen Präsentation zeigt. Die vollständige, nachhaltige und insbesondere auch die mit Genuss rezipierte Lektüre wird demgegenüber als eine verbleibende Bastion des Buches gesehen. Vor allem Belletristik würde wohl kaum mittels eines Bildschirms rezipiert werden, so die Annahme, denn „Ein intensives Lesevergnügen entsteht nur dort, wo sich jemand über eine Buchseite beugt.“ (Güntner 2009: 13). Allerdings finden sich auch hier Gegenstimmen. „Die Annahme, das Lesen digitaler Formate sei nichts, was literarische Formen wie den Essay oder den Roman jemals erfassen könnte, war voreilig.“ (Güntner 2009: 14). Die technischen Geräte zeichnen sich indes durch eine stetig fortschreitende Weiterentwicklung aus. Das betrifft nicht nur den Ausbau von Funktionen, sondern zielt vielmehr auch auf die immer größere Anpassung an Komfort-Maßstäbe, die der Leser durch die Rezeption von gedruckten Texten und Büchern gewohnt ist. Diese Entwicklung ist mancher Ansicht nach mittlerweile soweit vorangeschritten, dass das Leseempfinden sich kaum mehr von einem Buch unterscheide (vgl. Güntner 2009: 14). Dennoch wäre es vor diesem Hintergrund vermessen das Ende der Ära gedruckter Texte zu beschwören. Es bleibt aber deutlich erkennbar, dass dem Druckerzeugnis eindeutige Konkurrenz durch die Digitalisierung entstanden ist.

Neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung
Die zweite Bedrohung, die hier angeführt werden soll, bezieht sich auf die zunehmenden Möglichkeiten, mit denen man seine Freizeit gestalten kann. Stellvertretend dafür, soll hier das Konkurrenzverhältnis zwischen Fernseher und Buch betrachtet werden. Das Fernsehen wird zum überwiegenden Teil mit negativen Eigenschaften und Einflüsse assoziiert. Neil Postman sieht durch das Fernsehen sogar die Phase der Adoleszenz ernsthaft bedroht und beschreibt in diesem Sinne „Das Verschwinden der Kindheit“ (vgl. Postman 1983: Titel) durch den Einfluss der elektronischen Medien. Der Fernseher, so wird deutlich, fordere den Einzelnen sehr viel weniger, da er alle relevanten Vorgänge vorgebe. Die Nutzung dieses Mediums verlange zudem keine vorherige Qualifizierung, so wie es beim Buch der Fall ist (vgl. Postman 1983: 100). Darüber hinaus unterscheiden sich das Fernsehen und das Buch in weiteren – folgend angeführten – Aspekten.

Zum einen ist die Schnelligkeit zu nennen, mit der eine Sendung, ein Film oder ähnliches abläuft. Ein Text kann im Gegensatz dazu in der persönlichen Geschwindigkeit gelesen werden: „Bücher – das bedeutet bedachtsames Denken. Elektronik bedeutet beschleunigtes Denken.“ (Postman 1983: 134). Des Weiteren ist die Abfolge der Bilder im Fernsehen festgelegt und einmalig. Der Ablauf des Geschehens ist also ebenso vorgegeben. In einem Text hingegen kann man jedoch vor und zurückspringen, um interessante oder unverständliche Stellen noch einmal zu rezipieren und dementsprechend auch besser zu erfassen. Auch die Art und Weise der visuellen Realisation des Geschehens bildet ein wichtiges Kriterium der Unterscheidung. Beim Lesen eines Textes muss man die eigene Vorstellungskraft bemühen, um die Handlung erlebbar und im Weiteren auch nachvollziehbar zu machen. Die bewegten Bilder in Film und Fernsehen präsentieren demgegenüber alle Handlungen schon in ihrer ganzen greifbaren Vollständigkeit. Postmans Feststellung „Das Fernsehen verlangt keine besonderen Fähigkeiten und entwickelt auch keine Fähigkeiten.“ (Postman 1983: 93) kann hierbei als resümierende Aussage zugunsten von Büchern angeführt werden.

Obwohl es auch Stimmen gibt, die dem Medium Fernsehen einen Bedeutungsschwund in der Gesellschaft bescheinigen: „schon heute gibt es die Prognose, dass das Fernsehen sich zum Nebenbei-Medium entwickeln werde, wie es bereits für das Radio der Fall ist.“ (Eggert/Garbe 2003: 157), ist andererseits auch nicht von der Hand zu weisen, dass „Das Fernsehen […] zum Familienmedium par excellence geworden [ist]“ (Eggert/Garbe 2003:112). Abhängig von der Mediennutzung des Einzelnen divergiert die Bedeutung einzelner Medien. Doch ist eine Entwicklung hin zur gleichzeitigen Nutzung der unterschiedlichsten Medien erkennbar.

Studien untermauern indes die Aussage, dass das Fernsehen bei Weitem nicht als das einzig vorherrschende Medium dieser Gesellschaft gelten kann. So wird in der Studie Bücherlesen in der Erlebnisgesellschaft dargelegt, dass sich der Leser gegenüber dem Fernsehzuschauer nicht nur durch „stärkeres Involviertsein“ und „stärkere[s] Engagement“ auszeichnet, sondern es wird auch darauf hingewiesen, dass den Befragten „Lesen […] als sinnvollere Freizeitbeschäftigung [erscheint] als fernzusehen, und Beruhigung nach dem Tagesstress finden die meisten eher in Büchern.“ (vgl. Stiftung Lesen 2005). Auch die befürchtete Verdrängung der Lektüre durch das Fernsehen ist nicht eingetreten. Zum einen sei ein „gewisser Sättigungsgrad in der Fernsehnutzung“ erreicht, zum anderen habe sich „die Faszination des Mediums bei der Generation, die mit dem Fernseher groß geworden ist, verloren.“ (vgl. Eggert/Garbe Fritz 2003: 54).

Statistiken*** zeigen zwar einerseits, dass ein sehr breites Freizeitangebot besteht, verdeutlichen aber auch die nicht unwesentliche Rolle, die das Lesen dabei einnimmt. Festzuhalten bleibt, dass die größte Konkurrenz für das Buch nicht allein in der Fernsehnutzung besteht. Vielmehr ist es die Vielfalt, die eine Entscheidung erschwert. Der größte Reiz geht hierbei in der Regel von den neuesten technischen Entwicklungen aus, die ausprobiert und begutachtet werden wollen. Bemerkenswert ist hierbei, dass sich das Buch dabei immer wieder behaupten konnte****.

Motivwandel: große Nachfrage nach Unterhaltungsliteratur
Trotz der großen Zahl an Veröffentlichungen auf dem Buchmarkt kann man durchaus von einer Gefährdung des Lesens sprechen, wenn man bedenkt, dass die massive Zahl an veröffentlichten Werken vor allem aus dem Bereich der Unterhaltungsliteratur stammt. Petrucci spricht sogar davon, dass „das Publikum völlig unterschiedslos mit Trivialliteratur […] überschüttet“ (Petrucci 1999: 515) werde, so dass der einzelne Leser kaum mehr in der Lage sei, die (Qualitäts-)Unterschiede und Charakteristika der Lektüre ausmachen und für sein Urteil zu Rate ziehen zu können. Und in der Tat werden Kunden oft von Ratgeberbüchern für jede Lebenslage, Kochbüchern, Geschenkeheftchen und dergleichen begrüßt, wenn sie Buchverkäufe oder (Bahnhofs-)Buchhandlungen besuchen. Krüger beschreibt dies folgendermaßen: „Der repräsentative Weinatlas steht neben Wie ich meinen Vorgarten pflege, Keine Angst vor der Schwiegermutter und Impotenz ist heilbar, dazu noch die gesammelten Werke von Guido Westerwelle, Gertrud Höhler und Olaf Henkel in abwaschbaren, ansprechenden Schmuckausgaben.“ (Krüger 2009: 4). Die massive Überproduktion von Titeln solcher Art macht deutlich, dass der Buchmarkt schon längst als ein gesättigter Markt gilt. Bedürfnisse müssen bei den Endabnehmern daher oftmals erst einmal kreiert werden – u.a. durch die Proklamation sogenannter Bestseller –, um sie daran anschließend befriedigen zu können. (vgl. dazu: Güntner 2009: 11). Eine gut sortierte Buchhandlung, deren Angebot auch aus weniger bekannten Autoren oder Nischenliteratur besteht, findet man dabei immer seltener. Denn in diesem Geschäftsbereich bestimmt in erster Linie die Nachfrage nach populärer Literatur das Angebot.

Es soll jedoch nicht Aufgabe dieser Arbeit sein, eine klare Trennlinie zwischen guter und schlechter Literatur zu ziehen und die Etablierung ersterer in der Gesellschaft zu fordern. Einerseits stellt diese Problematik für den einzelnen Betrachter ein viel zu subjektives Feld dar, andererseits bewegt sich der größte Teil der Literatur m.E. in der sogenannten Grauzone und würde sich einer eindeutigen Zuteilung demnach völlig entziehen. Festzuhalten ist jedoch, dass das Genre der Unterhaltungsliteratur sich großer Beliebtheit erfreut. Zurückzuführen ist dies unter anderem auf den bereits weiter oben angesprochenen Wandel des Leseverhaltens und der geänderten Lesemotive. Im gleichen Zug, in dem das Lesen zur Unterhaltung an Bedeutung gewinnt, verliert der Sektor der Wissensliteratur an Bedeutung.

Schnelle, preiswerte Informationsflut
Das marktwirtschaftliche Prinzip Angebot-Nachfrage wirkt auch hier. Eine große Nachfrage nach Unterhaltungsliteratur führt zu vermehrter Produktion in eben diesem Bereich. Ein weiterer Grund dürfte die Tatsache sein, dass Gebiete, die durch relativ schnell wandelbare Fakten geprägt sind und dementsprechend auch rasch veralten (z.B. Lexika und Fachliteratur), ihren Informationsstatus an die schneller und billiger aktualisierbaren technischen Medien abgeben mussten und daher kaum mehr verlegt werden. Die Vorteile eines virtuellen Lexikons liegen dabei auf der Hand. Im Gegensatz zu den mehrbändigen, statischen und recht teuren Enzyklopädien in Buchform können diese schnell, günstig und relativ unkompliziert auf dem aktuellen Stand gehalten werden. Auch die schnelleren und ebenfalls kostenlos zugänglichen Nachrichten-Portale sind eine ernstzunehmende Konkurrenz für die gedruckten Zeitungen. Dennoch tun sich auch hierbei Probleme auf. Die freie Kultur des Internets hat es auch mit sich gebracht, dass jeder veröffentlichen kann, was er will. Der lange Weg durch Redaktionen und Lektorate ist nun nicht mehr gegeben und garantiert somit auch nicht mehr den Zugriff auf verlässliches Wissens, der dem gedruckten Lexikon ohne Frage zukommt. Der Allgemeinverbraucher findet sich dementsprechend nur noch schwer ohne Hilfe in dieser Informationsflut zurecht.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass man kaum von einer pauschalen Gefährdung des Lesens sprechen kann. Das Lesen wird auf lange Zeit eine unerlässliche Kulturtechnik bleiben, um am sozialen Leben im ausreichenden Maße teilzunehmen – auch beziehungsweise gerade im Medienzeitalter. Dennoch bilden die zunehmende Digitalisierung, das immer größer werdende Freizeitangebot und nicht zuletzt der Genre und Motiv-Wandel nicht außer Acht zu lassende Bedrohungen für die Lektüre.

Die „Bis(s)“-Reihe von Stephenie Meyer - mehr als Fantasterei und Unterhaltung
Analog zum Leseverständnis im 18. Jahrhundert soll nun ein Beispiel zur Illustrierung der Lesedebatte hinzugezogen werden. Das hier betrachtete Werk umfasst vier Bände: die sogenannte „Bis(s)“-Reihe von Stephenie Meyer. Ein Vampirroman, dessen erster Teil 2005 auf Englisch erschien und ein Jahr später bereits auf Deutsch. Der Erfolg der Bücher – und mittlerweile auch der Verfilmungen – ist zu einem regelrechten Hype angewachsen und die Marketing-Maschine läuft. Neben den Büchern und den Filmen, finden sich unzählige Internetportale, Begleitbücher, Hörbücher, Werbeartikel mit den Konterfeis der Schauspieler und natürlich weltweit eine nicht schätzbare Menge von begeisterten Anhängern. Die Tatsache, dass diese Erzählung – ähnlich wie einige Jahre zuvor schon Harry Potter – wieder eine Lesewelle bei den vermeintlich leseabstinenten Jugendlichen ausgelöst hat, mag man ihr zugute halten. Doch ein recht häufig erscheinender Kritikpunkt bezieht sich darauf, dass Meyers Romane „keine richtigen Vampirgeschichten seien, sondern eher simpel verpackte Sonntagspredigten zum Thema voreheliche Abstinenz.“ (Tilmann 2009). Die Kritik um die versteckt vermittelten religiösen Aspekte, kommt hierbei von verschiedenen Seiten. Auch die
gesellschaftskritische Zeitschrift EMMA weist in einem ihrer Berichte auf die Gefahr von falsch vermittelten Rollenbildern hin (vgl. Gielas 2009: 58f.). Doch aller Kritik zum Trotz ist und bleibt der Erfolg der Romane ungebrochen und die überaus deutliche Ähnlichkeit zu der Lesesuchtdebatte im 18. Jahrhundert unbestreitbar. Aussagen wie „Bellas Lovestory mit Edward scheint den Nerv der heranwachsenden Generation getroffen zu haben.“ (Gielas 2009: 59) lassen eine offensichtliche Parallele zu den Wirkungen des Werthers erkennen. Auch dieser bildete eine Zäsur für die damalige junge Bevölkerung. So heißt es weiter, dass die Vampir-Geschichte für deren Anhänger „mehr als Fantasterei und Unterhaltung [ist]. Sie kann ihr Bewusstsein und Sehnen prägen.“ (Gielas 2009: 59).

Die größte Kritik an den Büchern Meyers bezieht sich auf den Vorwurf der Trivialität. Das die Reihe in diesem Sinne keine wirklich hohe literarische Leistung darstellt, scheint wohl außer Frage zu stehen. Doch darüber hinaus werden auch Teile der Handlung und insbesondere die Gestaltung und das Verhalten der Charaktere kritisiert. Der Fakt, dass die Verfasserin eine gläubige Mormonin ist, spiegelt sich demnach allzu deutlich in ihren Büchern wieder. Vor allem die folgenden Punkte: kein Sex vor der Ehe, die traditionelle Rollenverteilung bezogen auf Mann und Frau und natürlich die eine große Liebe mit fröhlichem Happy-End für die Protagonisten, geben dabei den größten Anlass zu Bedenken. Zu sehr, so die Befürchtung, würden die jugendlichen und damit beeinflussbaren Leser durch falsche Vorstellungen und Ideale geprägt – ein bereits bekannter und häufig auftretender Kritikpunkt in den Debatten des 18. Jahrhunderts. Zudem spiegelt sich in der Diskussion über diese Bücher auch die Kontroverse zwischen „guter“ und „schlechter“ Literatur wieder. Wie bereits weiter oben angeführt, ist die sogenannte Trivialliteratur ein sehr strittiges Genre. Die Sprache, die meist durch einfache Sätze und immer gleiche Wortwahl geprägt ist, die Oberflächlichkeit und Einfachheit mit der die Charaktere gestaltet wurden und nicht zuletzt die dadurch leicht vorhersehbare Handlung machen Titel aus dem Bereich der Liebe und Romantik für manch einen zu Literatur zweiter Klasse. Als eine immer wieder vorgeschlagene und auch durchgeführte Gegenmaßnahme findet sich auch hier, analog zum 18. Jahrhundert, die Forderung zur Bildung eines Lesekanons. Wende sieht diese Maßnahme in ihren Ausführungen jedoch sehr kritisch. Nicht zuletzt deshalb, weil es mittlerweile eine schier unübersichtliche Anzahl von Kanons gibt, die dabei auch noch so unterschiedliche Urheber
wie Marcel Reich-Ranicki, die Wochenzeitung DIE ZEIT oder gar die Fernsehzeitschrift Hör-Zu haben. Wende führt die bloße Existenz dieser einzelnen Kanons vor allem auf die Erzielung von Aufmerksamkeit und möglichst hohe Einnahmen zurück (vgl. Wende 2004: 13). Im gleichen Sinne sieht Petrucci in der heutigen Bildung von Kanons auch immer eine damit einhergehende Bildung bestimmter Einstellungen, deren Bedeutung darin liegt, sie „über den wirklichen oder möglichen Leser [zu] stülpen, den es unablässig zu lenken und zu informieren, ja zu formen gilt, damit er zum Benutzer einer Schriftkultur wird, die man sich vor allem leicht verkäuflich und folglich (oder besser deshalb) im wesentlichen homogen wünscht.“ (Petrucci 1999: 508). Auch hier wird wieder eine Parallele zu den bereits im 18. Jahrhundert auftretenden Intentionen zur Lenkung der Leser hin zu einem idealen Leser deutlich.

Fazit: Gefährlichkeit respektive Gefährdung des Lesens
Der Arbeit ging die Frage voraus, in wie weit und in welcher Form sich der Wandel vom gefährlichen Lesen zum gefährdeten Lesen abgespielt hat. Dazu wurde die literarische Sozialisation zu zwei Zeitpunkten – das 18. und das 21. Jahrhundert – verglichen. Wie bereits festgestellt, boten sich diese beiden Zeiträume für einen Vergleich sehr gut an. Beide Male befand beziehungsweise befindet sich das Lesen in einer außergewöhnlichen Situation.

Für das 18. Jahrhundert betrifft das vor allem das aufkommende Leseverständnis und die Etablierung des Lesens in immer mehr gesellschaftlichen Schichten. Die Gefährlichkeit des Lesens bezieht sich in diesem Zusammenhang in großem Maße auf die Bedrohung durch das Unbekannte. Die Gegenmaßnahmen äußerten sich daher oft in Ablehnung oder auch Verboten von Literatur, die allzu sehr von der bis dahin geltenden Norm abwich. Nichtsdestotrotz konnte sich die Lektüre immer weiter durchsetzen und von den Vorgaben der Autoritäten emanzipieren.

Das 21. Jahrhundert ist hingegen durch seine Schnell-Lebigkeit und technologisierte Umwelt geprägt. Das Lesen wird zwar immer noch als eine grundlegende Kulturtechnik gehandelt. Die Lektüre muss ihren Alleinstellungsanspruch für Bildung und Wissen aber bereits mit den Neuen Medien teilen. Insofern ist die Gefährdung des Lesens im 21. Jahrhundert konkreter fassbar, wenn man dabei bedenkt, dass es das Lesen aus Muße ist, welches bedroht ist. Die Fähigkeit lesen zu können, ist und bleibt hingegen unerlässlich.

Eine grundlegende Erkenntnis, die sich aus dieser Arbeit ziehen lässt, ist wohl die, dass sich nicht nur die Lektüre selbst, sondern auch ihr Rezipient ändert. Dass sich dabei nicht nur die Beliebtheit einzelner Genre und das Leseverhalten wandelt, sondern auch die Einstellung gegenüber dem Lesen, sollte durch die vorliegenden Ausführungen deutlich geworden sein.

Der Vergleich der beiden Zeiträume hat aber auch gezeigt, dass im 21. Jahrhundert ebenfalls Tendenzen bestehen, bestimmte Literatur als „gefährlich“ anzusehen. Wie am Beispiel der „Bis(s)“-Reihe von Stephenie Meyer deutlich wurde, bestehen auch heute Befürchtungen, dass bestimmte Literatur zu falschen oder verzerrten Wahrnehmungen führen könne, beziehungsweise nicht anspruchsvoll und förderlich genug sei. Diese Besorgnis nimmt dabei bei Weitem nicht das Ausmaß der Debatten im 18. Jahrhundert an, zeigt aber dennoch, dass sich „gefährliche“ Literatur bis heute findet.

Die Gegenüberstellung der beiden Zeiträume offenbart, dass die Debatten um das Lesen eine hohe Ähnlichkeit aufweisen. Selbst dann wenn sie so entgegengesetzte Ausgangspunkte haben, wie die hier diskutierten: die Gefährlichkeit respektive Gefährdung des Lesens. Die angeführten Romanbeispiele haben veranschaulicht, welchen Einfluss Bücher hatten und auch immer noch haben können. Die Frage nach guter Literatur – im Sinne von hoher und herausfordernder Lektüre – ist dabei wahrscheinlich so alt, wie das Gedruckte selbst. Auch wenn viele Bücher heute durchaus kontrovers diskutiert und in diesem Zuge kategorisiert werden (zum Beispiel Romanzen oder Kriminalliteratur als lediglich triviale Literatur), so besteht doch größtenteils die Ansicht, dass das Lesen heutzutage nicht mehr einen gefährdenden Einfluss auf Personen ausübt. Dem Lesen wird vielmehr ein unabweisbar grundlegender Stellenwert zugewiesen – selbst oder gerade zu Zeiten der Neuen Medien.

Dass dieser Stellenwert auch entsprechend anerkannt, gewürdigt und nicht zuletzt erhalten wird, liegt in erster Linie bei den Lesern selbst. Deren „Aufgabe“ beschränkt sich dabei nicht nur auf die bloße Rezeption der Lektüre. Vielmehr sind sie es, die als Lesepublikum und Zielpunkt die zukünftige Qualität und Bereitstellung der Literatur mitbestimmen.

Autorin: Laura Paul

Entnommen aus:
Laura Paul (2010): „Vom gefährlichen zum gefährdeten Lesen – Debatten um das Lesen im Vergleich“. Bachelorarbeit. Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Fakultät für Kulturwissenschaften. Studiengang Bachelor of Arts


Anmerkungen:
* Dazu zählen u.a. Nachrichtenformate im Fernsehen (Tagesschau statt Tageszeitung ), aber auch (Kino-)Verfilmungen von Romanvorlagen

** Als Buchwaisen bezeichnet man Werke, die vermutlich noch „urheberrechtlich geschützt [sind], aber längst vergriffen, vergessen und vom Rechteinhaber verlassen“ (Hofmann 2009: 25) wurden, weil der Autor beispielsweise nicht (mehr) bekannt ist oder der Verlag nicht länger existiert.

*** vgl. dazu die D.A.CH.-Studie von 2009 oder auch die Studie Lesen in Deutschland 2008, jeweils durchgeführt vom Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen.

**** Im Jahr 2008 wurde zum ersten Mal die Zahl von einer Million Druckerzeugnissen überschritten. Dieser Wert ergibt sich aus Neuerscheinungen sowie neu gedruckten, aber bereits publizierten, Werken. (vgl. Güntner 2009: 16).


Literatur:
Bröger, Achim (1996): „Die Kinder lesen nicht mehr!“. In: Engelmann, Reiner (Hrsg.): Alles so schön bunt hier! Texte über den Umgang mit den Medien. Würzburg: Arena: 24-33.

Eggert, Hartmut/Garbe, Christiane (2003): Literarische Sozialisation. 2., aktualisierte Auflage. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler.

Gielas, Anna (2009): „Die Twilight-Manie. Wovon Mädchen träumen“. In: EMMA 3: 58-59.

Güntner, Joachim (2009): „Der Buchmarkt im Strudel des Digitalen“. In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte. 42-43: 9-17.

Hausmann, Albrecht (2009): „Zukunft der Gutenberg-Galaxis“. In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte. 42-43: 32-39.

Hofmann, Jeanette (2009): „Zukunft der digitalen Bibliothek“. In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte. 42-43: 25-32.

Krüger, Michael (2009): „Von der Zukunft des Buches“. In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte. 42-43: 3-5.

Petrucci, Armando (1999): „Lesen um zu lesen: eine Zukunft für die Lektüre“. In: Chartier, Roger/Cavallo, Guglielmo (Hrsg.): Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm. Frankfurt/Main: Campus: 499-530.

Postman, Neil (1983): Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt a. M.: S. Fischer.

Wende, Waltraud Wara (2004): Kultur – Medien – Literatur. Literaturwissenschaft als
Medienkulturwissenschaft. Würzburg: Königshausen & Neumann.


Internetquellen:
Stiftung Lesen (Stand: 2005):
Bücherlesen in der Erlebnisgesellschaft

Stiftung Lesen (Stand: 2008):
Lesen in Deutschland 2008

Lemm, Karsten (Stand: 12.02.2009):
Amazon Kindle 2: iPod für Leseratten – Digital

Tilmann, Christina (Stand: 25.11.2009):
„New Moon“ im Kino: Der feine Vampir


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