Bericht

Theater im sozialen Brennpunkt

28.06.2010

Berliner Kinder spielen „Ede und Unku“


Ede und Unku bei der Probe
Ede und Unku bei der Probe
© Meike Engels
Das Leben im Weddinger Bezirk des krisengeschüttelten Berlins ist hart. Als Edes Vater seine Arbeit verliert, muss die Familie enger zusammenrücken. Ede versucht sich als Zeitungsjunge zu verdingen und lernt das Roma-Mädchen Unku kennen. Doch in wirtschaftlich schweren Zeiten hat Fremdenfeindlichkeit Konjunktur und so steht die Freundschaft der beiden unter keinem guten Stern.

Die Geschichte aus der Weimarer Republik könnte so oder so ähnlich auch heute spielen. Sie ist aber schon beinahe 80 Jahre alt. Armut, Arbeitslosigkeit und Fremdenfeindlichkeit sind nicht zuletzt im sozialen Brennpunkt Neukölln aktuelle Themen. Im Rahmen der Bildungskampagne „Kinder beflügeln“ des Evangelischen Johannesstifts bringen Kinder aus der fünften Jahrgangsstufe der Richard-Grundschule in Neukölln diese Probleme zeitgemäß auf die Bühne. Ihre Vorlage: das Buch „Ede und Unku“ von Alex Wedding aus dem Jahr 1931.

„Es ging uns nicht darum, die hundertste Theater-AG zu machen“, sagt Ronald Wozniak, Mitarbeiter der Kampagne und künstlerischer Leiter des Projekts. „Das ist nicht Winnie Puuh im Märchenwald. Unser Stück soll etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben.“ Darum wirken die Kids an der Umsetzung des Stückes mit. „Es wäre sinnlos historisierend die Dialoge eins zu eins umzusetzen“, fährt Wozniak fort. „Wir versuchen gemeinsam zeit- und kindgerechte Entsprechungen zu finden. Dabei fragen wir uns ständig: Wie würde man das heute sagen und was bedeutet das eigentlich, was die da sagen und tun?“

Ein Stück mit Wirklichkeitsbezug
Etliche der Kinder aus der Richardschule kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund. So gibt es durchaus Überschneidungen zwischen den gespielten Charakteren und denen, die sie darstellen. „Die Kinder sollen sich in den Rollen wiederfinden“, sagt Ronald Wozniak. „Das ist ja der große Vorteil des Theaters, dass man Dinge nachspielen und nacherleben kann. Das passiert im Schulunterricht nicht.“

Ganz ohne graue Theorie geht es jedoch nicht. „Mir ist wichtig, dass wir auch ein bisschen Geschichtsforschung betreiben“, sagt Gaby Fox, die pädagogische Fachkraft im Theater-Workshop. „Wir knüpfen an den Unterricht an und sprechen intensiv über die Themen des Stücks. Wir stellen uns Fragen wie: ‚Wer sind die Sinti und Roma und wo kommen die eigentlich her?’ So beleuchten wir den Umgang mit dem Fremden damals und heute.“

Die Nachwuchsschauspieler sollen ein Gefühl für die Zeit und die Geschichte erhalten. „Mir geht es darum zu zeigen, dass die Probleme die wir jetzt und hier haben, keine Erfindung von heute sind, sondern dass es das alles ähnlich schon einmal gegeben hat.“ Aus demselben Grund besuchen die Kinder Originalschauplätze der Geschichte, gehen in den Kostümfundus der Komischen Oper und schneidern ihre Kostüme selbst.

Die ersten Proben sind viel versprechend verlaufen. Ede und Unku, dargestellt vom polnischen Jungen Raffael und der Halbtürkin Nasmiye, haben sich bisher als textsicher und spielfreudig erwiesen. „Die Lust am Theaterspielen ist natürlich eine tolle Sache“, sagt Wozniak. „Es soll aber auch etwas transportiert werden. Wenn die Inhalte rüberkommen, kann ich über den einen oder anderen Texthänger hinweg sehen.“

Am 1. Juli 2010 um 17 Uhr laden die jungen Schauspieler zur öffentlichen Aufführung in der Neuköllner Richardschule ein. Außer für Schüler und Eltern stehen die Türen offen für alle, die sich das Ergebnis des spannenden Projekts ansehen möchten. Der Eintritt ist kostenfrei. „Wir werden das Ganze nutzen, um einen Elternabend ranzuhängen“, sagt Wozniak. „Hier in Neukölln ist es nämlich sonst gar nicht so einfach, die Eltern in die Schulen zu bekommen.“

Der Theater-Workshop „Ede und Unku“
Die Freundschaft zwischen dem deutschen Arbeitersohn Ede und dem Roma-Mädchen Unku steht unter keinem guten Stern. In dem von sozialer Not geprägten Berlin der Weimarer Republik begegnen sie überall Vorurteilen gegenüber dem „fahrenden Volk“. Doch die beiden halten zusammen, selbst als Edes Vater seinem Sohn den Umgang mit Unku verbietet.

Im Rahmen der Bildungskampagne „Kinder beflügeln“ des Evangelischen Johannesstifts bringen Kinder aus der fünften Jahrgangsstufe der Richard-Grundschule in Neukölln die Geschichte „Ede und Unku“ in einem Theater-Workshop auf die Bühne. Das Buch von Alex Wedding erweist sich auch nach bald acht Jahrzehnten als überraschend zeitlos. Seine Themen Armut und Fremdenfeindlichkeit sind nach wie vor aktuell, gerade im sozialen Brennpunkt Neukölln, der von einem hohen Migrationsanteil und von hoher Arbeitslosigkeit geprägt ist.

Von Mitte April bis Anfang Juli 2010 geht es für die Kinder auch darum, sich intensiv mit diesen Inhalten auseinanderzusetzen. Der Umgang mit dem Fremden damals wie heute wird kritisch hinterfragt. Bei der zeitgemäßen Umsetzung der Geschichte für das Theater bringen die Kinder, von denen selbst viele aus sozial schwierigen Verhältnissen kommen, ihre eigenen Erfahrungswelten ein. Die Sprache auf der Bühne soll die Sprache von heute sein.

Die Teilnehmer werden für die Erarbeitung des Theaterstücks Originalschauplätze der Geschichte aufsuchen, den Kostümfundus der Deutschen Oper besuchen und an der Gestaltung des Bühnenbilds mitwirken. Auch ihre Kostüme schneidern sie selbst.

Aufführung am 1. Juli 2010 um 17 Uhr
Schüler, Eltern und alle, die sich das Ergebnis des spannenden Projekts ansehen möchten, sind herzlich eingeladen, am 1. Juli in den Theaterraum der Richard-Grundschule, Richardplatz 14 in 12055 Berlin zu kommen. Der Eintritt ist frei.

Die Kampagne „Kinder beflügeln“
Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des Evangelischen Johannesstifts Berlin wurde die Bildungskampagne „Kinder beflügeln“ im Januar 2008 gestartet, um sozial benachteiligten Kindern aus Berlin und Brandenburg besondere Bildungserlebnisse zu ermöglichen. „Leseabenteuer“, „Lesen im Park“ und „KulturPiloten“ heißen die Teilprojekte für Kinder im Grundschulalter. Das christliche Menschenbild und der diakonische Auftrag gebieten es, dem Bildungsmangel und der damit einhergehenden sozialen Abwärtsspirale entgegenzuwirken. Die Initiatoren der Kampagne finden sich nicht ab mit „Bildungsverlierern“ in „Problemschulen“ in „Problemkiezen“.
„Kinder beflügeln“ arbeitet intensiv mit Grundschulen zusammen. Gemeinsam mit Lehrern und Schülern und – wo dies möglich ist - auch mit den Eltern werden die Projekte weiterentwickelt und umgesetzt. Ein wichtiger Kooperationspartner der Kampagne ist LesArt, das Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur.
Schirmherren der Hilfskampagne sind Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, Matthias Platzeck, Ministerpräsident von Brandenburg, die  Bildungsjournalistin Susanne Vieth-Entus und Dr. Wolfgang Huber, ehemaliger Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und ehemaliger Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Kontakt:
Detlev Cleinow / Claudia Lindner
Evangelisches Johannesstift
Janusz Korczak Haus
Schönwalder Allee 26
13587 Berlin
Tel.: (030) 33609 - 749
E-Mail: detlev.cleinow@evangelisches-johannesstift.de,
claudia.lindner@evangelisches-johannesstift.de


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