Bericht

Leseabenteuer bis zur Geisterstunde

31.05.2010

Eine Nacht voller Überraschungen und spannender Erlebnisse


Lesefreude wecken
Lesefreude wecken
© Michael Schmidt
Mit nächtlichen Leseabenteuern, Leseaktionen im Park und einer Lese-Theater-Kooperation möchte das Evangelische Johannesstift gemeinsam mit LesArt, dem Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur, „Kinder beflügeln“. Unter diesem Motto werden im Rahmen der gleichnamigen Kampagne besondere Bildungserlebnisse für sozial benachteiligte Grundschüler aus Berlin und Brandenburg organisiert, um ihren natürlichen Forscherdrang zu fördern und ihre Lernfreude zu wecken. Der folgende Erlebnisbericht von einer Lesenacht vermittelt einen Eindruck davon, wie Bücher mit allen Sinnen erfahrbar gemacht werden können.

Eine Lesenacht mit „Sophiechen und der Riese“
„Da kam etwas auf der Straße, drüben auf der anderen Seite, näher und näher. Etwas Schwarzes kam da immer näher ... Etwas Großes und Schwarzes ... Etwas sehr Großes, sehr Schwarzes und sehr Dünnes ...“ Die Fünftklässler der Weddinger Gottfried-Röhl-Grundschule halten den Atem an. Gerade eben haben einige noch damit angegeben, dass sie die ganze Nacht aufbleiben wollen. Jetzt halten sie sich vor lauter Gruseln über Roald Dahls „Sophiechen und der Riese“ die Hände vor die Augen. Dass GuRie, der Riese aus der Geschichte, jedoch gar nicht so furchterregend ist, werden sie erst später erfahren – in einer Nacht voller Überraschungen und spannender Erlebnisse.

Die Lesenacht ist eine Kooperation von „Kinder beflügeln“ und Lesart, dem Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur. Hier sind die Kinder nicht bloße Zuhörer, sondern werden auf vielfältige Art und Weise mit einbezogen. So ein Leseabenteuer lässt sich nicht mit knurrendem Magen bestehen. Deswegen beginnt es mit einem gemeinsamen Abendessen, das ganz auf die Geschichte abgestimmt ist. Heute unter anderem im Angebot, das Gemüse des Riesenlandes: Kotzgurken. Gut gestärkt tauchen die Kinder in die Geschichte ein, die damit beginnt, dass das Waisenkind Sophie zur Geisterstunde von GuRie ins Riesenland entführt wird. Als Sophie nachts aus dem Fenster des Schlafsaals des Waisenhauses guckt, hört GuRie ihr Herz pochen und greift sie sich.

Die Kinder rätseln. Wie ist es möglich, aus so weiter Entfernung ein Herz schlagen zu hören? Das liegt an GuRies großen Ohren, finden sie im Gespräch heraus. Kann man so leise Geräusche überhaupt hören? Die Kinder legen sich auf den Boden und streifen sich blickdichte Augenmasken über. Dann sollen sie ganz still sein. Doch so etwas wie Stille scheint es gar nicht zu geben. In einer Ecke raschelt es, Atemgeräusche sind zu hören – jemand hustet leise. Nach einer Weile tauschen sich alle über die ungewohnten Erfahrungen aus.

Sprechen wie der Blutschluckerriese
Die Lesenacht im Evangelischen Johannesstift ist viel mehr als eine Lesung. Sie eröffnet sozial benachteiligten Kindern einen spielerischen Zugang zum Lesen. Um herauszufinden, wie so ein Riese wohl läuft, gehen die Kinder mit großen Schritten durch den Raum. Und wie spricht ein „Blutschluckerriese“? Die Kinder sammeln Erfahrung mit ihrer Lese- und Fantasiewelt, nicht nur zuhörend, sondern spielerisch und mit eigenen Ideen. Sie stellen sich nacheinander auf ein Podest, nehmen „Riesenhaltung“ ein und tragen von kleinen Kärtchen mit tiefer Stimme „Riesenzitate“ vor.

Inzwischen ist klar: GuRie steht für „Guter Riese“. Er sammelt Träume in Gläsern, um sie nachts in die Schlafzimmer der Menschen zu pusten. Sophiechen ist gar nicht traurig darüber, dass sie nicht mehr im Waisenhaus ist. Das einzige, was sie wirklich stört, sind Blutschlucker, Hackepeter, Klumpenwürger und sechs weitere Riesen, die vor GuRies Höhle leben und sich nur allzu gerne von Menschenfleisch ernähren.

Am späten Abend klingelt das Telefon. Claudia Lindner, die Projektleiterin von „Kinder beflügeln“, ist beunruhigt. „Fehlt eines der Kinder?“, fragt sie in die Runde. Es wird durchgezählt – alle sind vollzählig. Sie berichtet, sie hätte gerade erfahren, dass jemand von draußen durchs Fenster hineingelugt hätte.
Vorsichtig schaut sie mit den Kindern nach, was draußen los ist. In der Dunkelheit, ganz nah bei der Tür, steht eine Kiste. Darin verpackt: GuRies Traumgläser und ein Zettel mit einem Hilferuf. GuRie schreibt, die anderen Riesen seien in seine Traumothek eingebrochen. Er bittet die Kinder darum, ihre schönsten Träume in die Gläser zu sprechen und sie den Menschen unter die Fenster zu stellen, damit sie gut träumen. Spät am Abend geht es also mit Taschenlampen hinaus, um GuRie aus der Patsche zu helfen.

Als die Kinder von ihrer Nachtwanderung zurückkehren, stehen zwei Gläser mit ganz besonderen Träumen direkt aus dem Riesenland bereit. Also schnell Zähne geputzt, Gläser geöffnet und rein in die Betten. Tatsächlich dauert es eine Weile, bis wirklich Nachtruhe einkehrt. Aus den Zimmern hört man noch eine Weile Flüstern und Gemurmel, das sich um GuRie, Sophiechen und das Riesenland dreht.

Die Bildungskampagne „Kinder beflügeln“
„Kinder beflügeln“ ist eine Klammer für eine Vielzahl von Projekten des Evangelischen Johannesstifts, in denen sozial benachteiligte Kinder aus Berlin und Brandenburg durch besondere Bildungserlebnisse gefördert werden. Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Evangelischen Johannesstifts wurde „Kinder beflügeln“ im Januar 2008 gestartet. Seitdem konnten mehr als 2.000 Kinder an 30 Schulen in sozialen Brennpunkten erreicht werden.

Die Teilprojekte der Bildungskampagne sind vielfältig: Einen Schwerpunkt bilden die Leseabenteuer, die Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern einen spielerischen Zugang zur Literatur eröffnen und den Spaß am Lesen fördern. „Lesen im Park“ schafft besondere Bildungserlebnisse im Grünen. Bei den „KulturPiloten“ erkunden Kinder Orte der sogenannten Hochkultur und während einer Lese-Theater-Kooperation im Rahmen der Neuköllner Lesewoche stellen Fünftklässler aus Neukölln gleich ein ganzes Theaterstück auf die Beine.

Dort, wo staatliche Mittel nicht ausreichen, um Kindern gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen und soziale Herkunft Chancen einschränkt, setzt die Hilfe an. „Kinder beflügeln“ will Chancengleichheit ermöglichen und die Lebens- und Lernsituation benachteiligter Kinder verbessern. Bildungspotenziale, die nicht frühzeitig gefördert werden, lassen sich im Jugend- und Erwachsenenalter schwer oder gar nicht erschließen. Darum wendet sich das Evangelische Johannesstift mit „Kinder beflügeln“ an Kinder im Grundschulalter.

Das christliche Menschenbild und der diakonische Auftrag gebieten „Kinder beflügeln“, dem Bildungsmangel und der damit einhergehenden sozialen Abwärtsspirale entgegenzuwirken. Die Kampagne findet sich nicht ab mit "Bildungsverlierern" in "Problemschulen" in "Problemkiezen".

„Kinder beflügeln“ arbeitet intensiv mit Grundschulen zusammen. Diese sind häufig die erste Kontaktstelle zu den von Armut betroffenen oder bedrohten Familien. Die Lehrerinnen und Lehrer haben täglichen Umgang mit Kindern und können am besten einschätzen, wo Hilfe notwendig ist. Gemeinsam mit den Lehrern, gemeinsam mit den Kindern aus der Zielgruppe und – wo dies möglich ist - gemeinsam mit ihren Eltern werden die Projekte von „Kinder beflügeln“ weiterentwickelt und umgesetzt.

Ein wichtiger Kooperationspartner von „Kinder beflügeln“ ist LesArt, das Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur. LesArt entwickelt Veranstaltungsmodelle zum Thema Literatur und koordiniert kinder- und jugendliterarische Aktivitäten in Berlin, Deutschland und über dessen Grenzen hinaus.

„Kinder beflügeln“ konnte prominente Unterstützer gewinnen. Schirmherren der Hilfskampagne sind Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, Matthias Platzeck, Ministerpräsident Brandenburg, Bildungsjournalistin Susanne Vieth-Entus und Dr. Wolfgang Huber, ehemaliger Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und ehemaliger Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Aktuelle Projekte der Bildungskampagne „Kinder beflügeln“

Lese-Nächte: Leseabenteuer bis zur Geisterstunde
Die Lesenächte sind eine Kooperation von „Kinder beflügeln“ mit dem Berliner Zentrum für Kinder und Jugendliteratur „LesArt“. Das Projekt erreicht Kinder, die keinen Zugang zu Literatur haben, denen nicht vorgelesen wird. Die Kinder, die in ihrer Freizeit sonst nur fernsehen und oder mit dem Computer oder der Playstation spielen, nehmen Literatur als mindestens ebenso interessantes und spannendes Medium wahr. Bücher werden mit allen Sinnen erfahrbar. Die Kinder werden in die Handlung einbezogen und sammeln Erfahrungen mit ihrer Lese- und Fantasiewelt, nicht nur zuhörend, sondern spielerisch und mit eigenen Ideen. Es kommen immer wieder neue Geschichten hinzu, die die Kinder während einer Lesenacht hören, lesen und miterleben. Jedes Buch eröffnet neue Möglichkeiten, die Kinder einzubeziehen, Die Leseabenteuer sind also nicht immer gleich, aber immer gleich spannend.
Die nächste Lese-Nacht findet vom 12. auf den 13. Juni 2010 im Jugend- und Gästehaus des Evangelischen Johannesstifts, Schönwalder Allee 26, 13587 Berlin, statt.

Lesen im Park: 9. bis 13. August 2010
In der letzten Sommerferienwoche verwandeln sich städtische Gärten und Spielplätze in Kulissen für Lesungen, literarische Spiele und bildkünstlerische Workshops. Kinder im Alter von fünf bis neun Jahren begeben sich auf eine Bilderbuch-Reise um die ganze Welt, erleben tierische Abenteuer und sind dem Geheimnis eines Pappkartons auf der Spur. Ein spielerischer und kreativer Umgang mit Buchstaben, Wörtern, Sätzen und Geschichten im Grünen wird zu einem ganz besonderen Bildungserlebnis.
Das Johannesstift bietet in diesem Jahr einen besonderen Termin zum Thema „Pferde“ an. Auf einem schönen Platz des parkähnlichen Geländes des Johannesstifts - mit Wald, Feld, Wiese und Pferdestall - wird sich alles um die vierbeinigen Freunde des Menschen drehen. Für leseunkundige und lesekundige Kinder zwischen fünfeinhalb und acht Jahren gibt es nachmittags eine Einstimmung, abends dann als Höhepunkt die Lesenacht, geplant im Stall der Reittherapie Ira.

Lese-Theater-Kooperation mit der Richard-Grundschule
Die Freundschaft zwischen dem Arbeitersohn Ede und dem Zigeunermädchen Unku steht unter keinem guten Stern. Im von sozialer Not geprägten Berlin der Weimarer Republik begegnen sie überall Vorurteilen gegenüber dem „fahrenden Volk“. Doch die beiden halten zusammen, selbst als Edes Vater seinem Sohn den Umgang mit Unku verbietet.
Ab Mitte April bis Anfang Juni 2010 werden Kinder aus der fünften Jahrgangsstufe der Richard-Grundschule in Neukölln die Geschichte „Ede und Unku“ in einem Theater-Workshop auf die Bühne bringen. Die Themen des Stücks, Armut, Arbeitslosigkeit und Fremdenfeindlichkeit sind nach wie vor aktuell, gerade im Berliner Bezirk Neukölln, der von einem hohen Migrantenanteil und von hoher Arbeitslosigkeit geprägt ist. Neben dem Schauspielern wird es für die Kinder auch darum gehen, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen.
Die jungen Teilnehmer werden für die Erarbeitung des Theaterstücks Originalschauplätze der Geschichte aufsuchen, den Kostümfundus der Deutschen Oper besuchen und an der Gestaltung des Bühnenbilds mitwirken. Höhepunkt des Workshops wird die Aufführung des Stücks kurz vor den Sommerferien, Anfang Juli, im Theaterraum der Richard-Grundschule sein.

Kontakt:
Detlev Cleinow / Claudia Lindner
Evangelisches Johannesstift
Janusz Korczak Haus
Schönwalder Allee 26
13587 Berlin
Tel.: (030) 33609 - 749
E-Mail: detlev.cleinow@evangelisches-johannesstift.de, claudia.lindner@evangelisches-johannesstift.de


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