Bericht

Sprachförderung durch Bildungspatenschaften

31.03.2010

„Aktion zusammen wachsen“ unterstützt ehrenamtliches Engagement


Broschüre „Bildungspatenschaften unterstützen“
Broschüre „Bildungspatenschaften unterstützen“
©„Aktion zusammen wachsen“
Sprache lernt man nur durch Sprechen. So einfach das klingt, so wichtig ist es. Denn immer wieder hören ehrenamtliche Patinnen und Paten, die sich mit einem Kind im Vor- oder Grundschulalter zum Vorlesen, Erzählen oder Spielen treffen, den gleichen Satz: „So lange wie du hat noch nie jemand mit mir geredet.“ Kindergärten und Schulen leisten täglich mit vielen pädagogischen Angeboten eine gezielte Sprachförderung.

Doch ganz individuell dem einzelnen Kind widmen können sich in der Regel nur Eltern, andere Familienmitglieder oder ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Aber selbst manchen Eltern fehlt es an der Zeit oder den notwendigen Kompetenzen, um ihren Kindern die deutsche Sprache näher zu bringen – weil sie einen Migrationshintergrund haben und Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, weil sie in sozial schwierigen Verhältnissen leben oder weil sie sich gerade in einer Problemsituation befinden.

„Die direkte Kommunikation mit Kindern kommt oft zu kurz“, erläutert Dr. Helena Stadler, Leiterin der Bürgerstiftung Berlin, die mehrere Patenschaftsprojekte betreut. Zwar ist die Zahl in den vergangenen Jahren gestiegen, doch besuchen Kinder aus Zuwandererfamilien im Schnitt seltener den Kindergarten.
Teilweise werden sie, gerade mit der Begründung unzureichender Deutschkenntnisse, zudem vom Schulbesuch zurückgestellt und damit später eingeschult1. Je später die Kinder eine Sprachförderung erhalten, desto schwerer werde das Deutschlernen, hat Prof. Dr. Rosemarie Tracy von der Forschungs- und Kontaktstelle Mehrsprachigkeit der Universität Mannheim beobachtet.

Jedes dritte Kind in Deutschland hat einen Migrationshintergrund
Damit alle Kinder, die in Deutschland leben, die gleichen Chancen erhalten, ist das Erlernen der deutschen Sprache bereits in den ersten Lebensjahren essenziell: Ungleiche Startbedingungen werden idealerweise bereits vor Schuleintritt aufgefangen. „Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen frühzeitig, differenziert und kontinuierlich gefördert werden“, heißt es im aktuellen Bildungsbericht der Bundesregierung2.

Denn die deutsche Sprache legt das Fundament für den späteren schulischen oder beruflichen Erfolg: Eine Sonderauswertung der PISA-Daten und der Bericht „Bildung in Deutschland“ aus dem Jahr 2006 belegen, dass die Bildungschancen vor allem von den Sprachkompetenzen im Deutschen abhängen. Mangelt es am Leseverständnis, beeinträchtigt dies den Wissenserwerb in allen anderen Fächern. Darüber hinaus ist die deutsche Sprache ein wesentlicher Faktor für die Integration: Sie ist die Basis für den Erwerb von sozialen Kontakten. Integration durch Sprache bedeutet jedoch nicht die Verdrängung der Muttersprache, sondern die Förderung der Fähigkeit zur Kommunikation in einer sich internationalisierenden Gesellschaft.

Wie wichtig die Verbesserung der Bildungschancen für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft, aber auch für die Wirtschaft ist, zeigen die aktuellen Zahlen: Fast jeder Fünfte in Deutschland hat eine Zuwanderungsgeschichte, bei Kindern unter sechs Jahren ist es jedes dritte. In einigen Großstädten wie Stuttgart liegt der Anteil dieser Kinder bereits bei etwa 60 Prozent.
Das Durchschnittsalter der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist deshalb deutlich niedriger als das der übrigen Bevölkerung (34,3 gegenüber 44,9 Jahre). Hinzu kommt: Personen mit Migrationshintergrund sind derzeit in Deutschland die einzig wachsende Bevölkerungsgruppe (2006: 18,4 Prozent, 2007: 18,7 Prozent). Die Bevölkerung insgesamt geht dagegen leicht zurück (2006: 82,4 Millionen, 2007: 82,3 Millionen3).

Daraus folgt: Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und dem damit verbundenen Fachkräftemangel ist die gezielte Förderung der Stärken, Fähigkeiten und Potenziale, die Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte mitbringen, enorm wichtig.

Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen
Doch obwohl die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland aufgewachsen ist, gelingt die frühzeitige soziale Integration in das Bildungswesen nur teilweise. Nach wie vor besteht in Deutschland ein starker Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Bildungsbeteiligung und Kompetenzerwerb4.

Zum Beispiel ist das Risiko, nicht versetzt zu werden, für Grundschülerinnen und -schüler mit Migrationshintergrund mehr als viermal höher als bei ihren deutschen Mitschülern5. Hürden sind besonders die Übergänge von der Familie in den Kindergarten beziehungsweise in die Grundschule, von der Grundschule in die allgemeinbildende Schule und von der allgemeinbildenden Schule in die berufliche Ausbildung. Auch bei vergleichbarer sozialer Herkunft und Lesekompetenz erhalten Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund nur halb so oft eine Empfehlung für das Gymnasium6.
Gerade in diesen Phasen, in denen die Weichen für die Zukunft gestellt werden, ist eine gezielte, individuelle Betreuung der Kinder und Jugendlichen, zum Beispiel durch ehrenamtliche Patinnen und Paten, von entscheidender Bedeutung.

Dies funktioniert allerdings nur, wenn die Beteiligten eng kooperieren – also Eltern, Kindergärten, Schulen, Ehrenamtliche, Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe und Migrantenorganisationen.
In den zahlreichen Bildungspatenschaftsprojekten, in denen sich bundesweit viele Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich engagieren, wird dies bereits erfolgreich praktiziert: Dazu gehören Projekte wie „Jugend trifft Erfahrung“ in Aachen, bei denen Kindern zwischen sechs und zehn Jahren eine individuelle Lernbegleitung geboten wird, das Pfälzer Lernpatenprojekt „Keiner darf verloren gehen“, das derzeit an 23 Grundschulen läuft, die Weinheimer „Kita- und Grundschulpaten“, das „Lesepaten-Projekt“ des Bürgernetzwerks Bildung in Berlin, die Hamburger „LeseZeit“, die „Wolfenbütteler Lesemäuse“ oder die Regensburger „Märchenkinder“, um nur einige Beispiele zu nennen.

Projekte wecken die Leselust der Kinder
Einige Patinnen und Paten treffen sich regelmäßig mit einem Kind, andere lesen kleinen Gruppen vor. Manche Patinnen und Paten sind selbst noch Jugendliche wie beim Projekt „JuKi – Jugend für Kinder“, andere sind Mütter oder im Großelternalter. Manchmal kommen die Tandems am Nachmittag zusammen, manchmal wird die Unterstützung der Patinnen und Paten vormittags in den Schul- oder Kindergartenalltag integriert. „Wir finden es sinnvoll, dass die Patinnen und Paten stärker in den Unterricht implementiert werden und nicht nur im Freizeitbereich agieren. Dies hebt den Stellenwert des Patenschaftsprojekts, und wir konkurrieren nicht mit den vielen Nachmittagsangeboten der Schulen“, sagt Dr. Stadler. Zudem könne man die öffentlichen Schulen stärken und gleichzeitig die Expertise der Lehrerinnen und Lehrer nutzen. In vielen Schulen gibt es bereits ehrenamtliche Koordinatorinnen oder Koordinatoren für Patenschaftsprojekte.

Während manche Projekte auf Sprachförderung fokussiert sind und die Leselust der Kinder wecken wollen, setzen andere Schwerpunkte bei den Elementen interkulturelle Erziehung und Elternarbeit. Mit dem Programm „KiFa (Kinder- und Familienbildung)“ beispielsweise, das in Ludwigsburg, Stuttgart und mehreren kleineren Orten läuft, sollen die Erziehungs- und Bildungskompetenzen der Mütter mit Migrationshintergrund gestärkt werden, erklärt Programmleiterin Angelika Pfeiffer. Dies wirke sich dann auf das ganze Familiensystem aus. Der Ansatz kommt aus England und nennt sich „Empowerment“. „Wichtig ist, dass die Eltern mit ihren Kindern ins Gespräch kommen und ihnen Lust aufs Sprechen machen“, erklärt Angelika Pfeiffer. Bei „KiFa“ kommen jeweils sechs bis acht Mütter wöchentlich zu einem Kurs in den Kindergarten ihrer Kinder. Die Kurse greifen Themen aus dem Alltag der Kinder auf und werden ebenfalls von Müttern mit Migrationshintergrund geleitet, die dadurch als Vorbilder und Multiplikatorinnen fungieren.

Neben der Sprachförderung steht die Stärkung der Eltern im Fokus
Weitere Beispiele sind das Projekt „frühstart – Deutsch und interkulturelle Erziehung im Kindergarten“ in Hessen, das Elternnetzwerk Nordrhein-Westfalen und das Stuttgarter Projekt „Einstein in der Kita“. Bei allen ist neben der ganzheitlichen Sprachförderung die Beratung der Eltern ein wesentlicher Aspekt. Auch beim Projekt „Integration Plus Lotsen“ der Türkischen Gemeinde in Deutschland beraten Lotsinnen und Lotsen besonders die Eltern der Schülerinnen und Schüler. „Die ehrenamtlichen Lotsinnen und Lotsen haben selbst einen Migrationshintergrund und fungieren als Bindeglied zwischen Eltern, Lehrenden, Schülerinnen und Schülern und Institutionen wie Behörden, Beratungsstellen oder Schulstationen“, sagt Projektkoordinatorin Didem Yüksel.

Susanne Huth, Projektleiterin bei der INBAS-Sozialforschung, hält Projekte, die bereits im frühkindlichen Alter mit der Einbeziehung der Eltern ansetzen, für besonders sinnvoll. Doch egal um welche Art von Patenschaftsprojekt es sich handele – durch die Patenschaft erführen die Kinder einen stabilisierenden und verlässlichen Faktor außerhalb ihres sonstigen Umfeldes, sagt Susanne Huth: „Sie werden in ihren persönlichen und sozialen Kompetenzen sowie emotional und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt. Eltern erfahren zudem eine Stärkung ihrer Erziehungsrolle, ihr Interesse an der Bildung ihrer Kinder wächst.“ Jeder Patentyp ist von Bedeutung, so Susanne Huth: „Ältere Patinnen und Paten können beispielsweise dann besonders wichtig sein, wenn die eigenen Großeltern im Ausland leben. Patinnen und Paten mit Migrationshintergrund dienen dagegen als Rollenvorbild, oft bildet sich ein besonderes Vertrauensverhältnis.“ Grundsätzlich sei jeder als Patin oder Pate geeignet, der Interesse mitbringe und in interkultureller Kompetenz geschult sei. Wichtig: Die Patinnen und Paten benötigen eine Fortbildung und müssen während der Patenschaft begleitet werden. „Das Bewusstsein, dass Patinnen und Paten etwas Wertvolles leisten, ist in den vergangenen Jahren gewachsen“, sagt Susanne Huth. Künftig werde sich dieser Gedanke hoffentlich noch stärker in der Gesellschaft verankern.

Und was sagen die Kinder selbst? Alegria: „Jetzt macht mir Lesen endlich richtig Spaß!“ Julius wünscht sich, „dass meine Lernpatin jeden Tag kommt“. Und ein fünfjähriges Kindergartenkind meint: „Zu Ostern habe ich mir ein Buch gewünscht und sogar eins bekommen!“

Über die „Aktion zusammen wachsen“
Mit der „Aktion zusammen wachsen – Bildungspatenschaften stärken, integration fördern“ stärkt die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer, die zahlreichen schon bestehenden Bildungspaten schaftsprojekte und gibt Impulse für weiteres Engagement. Hierfür werden die Projekte mit nachhaltigen Angeboten unterstützt und ein Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer organisiert. Bestehende Netzwerke für Bildungs- und Ausbildungspatenschaften werden gestärkt und neue angeregt.

Kontakt:
Saskia Fohlmeister
Bundesweite Servicestelle
„Aktion zusammen wachsen“
c/o Roland Berger Strategy Consultants
Alt-Moabit 101b
10559 Berlin
Tel.: (0221) 91 28 87 23
E-Mail: presse@aktion-zusammen-wachsen.de

Anmerkungen:
1 Zum Beispiel Schulstatistik Nordrhein-Westfalen, 1995-2004, aus: „Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse“, 2006, S. 151

2 Bericht „Bildung in Deutschland“, 2008, S. 14

3 Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2007

4 Bundeszentrale für politische Bildung: „Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien“, 2007

5 Zeitschrift für Pädagogik: „Sitzenbleiben, Geschlecht und Migration – Klassenwiederholungen im Spiegel der PISA-Daten“, 2004, Heft 3, S. 385

6 Bundeszentrale für politische Bildung: „Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien“, 2007


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